1889
Montag, den 3. Juni.
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be- mit stch de» und
minder unangenehm mache. Seine Zeilen wurden immer sehnsüchtiger und sprachen häufiger die Bitte um ausführliche Nachrichten au» der Heimath au».
Aber dar war leicher gesagt, al» gethan. Im Anfang seiner Abreise hatte Elma noch eher Zeit zum Schreiben gefunden, al» aber, die Vorberei- tungen zum Feste begannen und die Tage kürzer wurden, kam e» nur mehr zu feltenen, kurzen Briefchen. War hätte fie auch au» ihrem jetzigen Leben berichten sollen? Die Namen de» Professor« und seiner Schwester nannte sie nie, einmal weil sie Wenden'« Abneigung gegen dieselben kannte, dann auch, weil sie jetzt weniger mit ihnen zu- sammentraf. Sie bedachte nicht, daß diese» gänzliche Schweigen über eine ihr so nahe stehende Familie bei der argwöhnischen Stimmung W.nden's ihm doppelt auffällig sein mußte. Lange hatte sie geschwankt, ob sie ihm die Uebernahme voaRcka'« Unterricht mittheilen sollte, stch dann aber ent» schloffen, er bi» zu seiner Heimkehr zu verschieben. Es wäre ihr drückend gewesen, hätte sie sich Franz vorstellen müffen, wie er mit zürnender Geverde, ihren Brief in der Hand, vielleicht mit Unwillen an sie dachte. Daheim ließ sich da» Alle» viel leichter jagen. Hier konnte sie dar sich verfinsternde Gesicht mit Zärtlichkeit küffen und mit warmem
mit den „Unterstützungen und Zuwendungen de» Staate» an Kuchen, Geistliche und Lchrer" zu- ämmcnzustellen! Und mit solchen Parallelen meinten die Herren der Auffaffung Windthorst'» tber den Reichszuschuß entgegentreten zu können, >er immer und immer wieder auf diesen Kernpunkt der Frage mit nachdrücklicher Warnung hin» vier. Mit welchen Motiven man sich auf Seiten der Freunde des Gesitzes über alle vorgebrachten Bedenken hinwegzufktzen suchte, trat noch am letzten Tage der Berathung hervor, an dem der konservative Rittergutsbesitzer und Abgeordnete von F l ü g g e zum wiederholten Male seine Abstimmung ür da» Gesetz mit dem ei: fachen Hinweise aus den „Wunsch Sr. Majestät de» Kaisers" motivirte. Ja, der genannte Herr, der seit 15 vollen Jahren dem Reichstag anzehört, verstirg sich in seinen Ausführungen, die von steter, hochgradiger Heiterkeit de» Hauses begleitet waren, sogar soweit, den Kaiser als „den prinzipalen und eisten Faktor der G.setzzebung" zu bezeichnen! Mit vollem Rechte und unter donnerndem Beifalle au» dem Haufe rügte eS der Abg. Rickert, daß gerade zur Unterstützung für diese» G.setz fortwährend die Person de» Kaisers von den Freunden der Vorlage in'« F ld geführt werde; über den Werth der Berufung auf die kaiserliche Botschaft vom Jahre 188t hatte er sich bereits früher zutreffend und nachdrucksam geäußert — wurde dieselbe ja bekanntlich gerade bei diesem Gesitz; gedeutet und c tirt, eben wie man ts zur Befürwortung der Vorlage für nölhig hielt. Dr. W.nvthorst und selbst einzelne konservative Stimmen betonten, daß die Ziele dieser
Vorlage und die von ihr vorgeschlagenen Wege absolut nicht die der kaiserlichen Botschaft von 1881 seien. Oder wolle man auch jene anders Ankündigung realisiren, die sich in jener Botschaft auf die Einführung des Tabakmonopol« beziehe?
Die hochwichtige Frage der Aufbringung der vielen Millionen, die für die Durchführung
Gesetzes absolut nothwendig find, wurde recht merkenrwerthsr Weise in der dritten Lesung keinem Wörtchen mehr berührt! „Da» wird finden!" Mit dieser wohlfeilen Finanzweisheit Rsichrschatzsekretär» beschwichtigte stch Alles für das Uebrige läßt man offenbar — den lieben Gott sorgen! Von Seiten derjenigen, die stch überhaupt noch privatim mit dem Gedanken be* fassen, wie wohl diese Millionen beschafft werden können, hält man die Lösung für die wahrschein-
x fti«! m Wenden.
Novelle von Marga Brechten.
(29. Fortsetzung.)
Elma verschloß die verhängnißvollen Blättchen mit einem herzlichen Dankgebete und dann theilte fie das noch übrige Geld in drei Theile ein. Den einen bestimmte fie zu Weihnachtsgeschenken für ihren lieben Mann und die treue Tr uda, der andere sollte zu einer besondern Ueberraschung dienen, und mit dem dritten wollte fie einigen Armen eine kleine Bescheerung bereiten. Man war jetzt am Ende des Monats November; fie mußte stch darum mit ihren Gaben, welche meisten» au» niedlichen Stickereien für da» Studirzimmer be» Doktor» bestanden, sehr beeilen. Besondere Frsdde machte ihr die Ausführung eine» kleinen Aquarellbilder, dar in den Dtckel einer zierlich gearbeiteten Schatulle eingefügt werden sollte. Einmal hatte ste ihren Mann gebeten, au» dem Gedächtnisse eine kleine Skizze de» alten Stammfitze» seiner Familie zu entwerfen, dann führte sie selbst die unbestimmten Umriflr genauer aus, di» Alle« mit seiner Beschreibung übereinstimmte. Da» Blatt war von ihm bei Seite gelegt und seine Wegnahme nicht bemerkt worden. Nun war Elma im Stande, ein
Nachklänge zur Jnvaliditäts und Altersversorgung.
(Bon einem Reichstagsabgeordneten.)
I.
—nn— Endlich hat er ausgetobt der lange und zu Zeiten selbst erbitterte Kampf um das Invalidität»- und AllersverforgungSgesitz, der den Reichstag feit Wochen, ja seit Monaten in Äthern gehalten! Lange schwankte die Entscheidung im harten Strauß; noch in der allerletzten Stunde erhofften sich die Gegner der Vorlage eine Ver- stäikung au» den Reihen derer, welche für eine förderalistisch-territoriale Gestaltung de» Gesetze» geart eitet hatten, nachdem einer ihrer allerwich- ttgsten diesbezüglichen Anträge von der überwiegenden Mehrheit des Hause» schnöde abgewiesen wor- den war. Der Zuzug blieb leider aus und so ging die Schlacht verloren; wacker und ehrenvoll halten stch die Gegner di» zur letzten Stunde geschlagen. Die Mehrheit, die sich schließlich für da» Gesetz fand — nur 20 Stimm.n! — kann angesichts der großen Zahl der Votanten — rund 360! — al» eine verschwindende bezeichnet werden. E» ist eine wohl bemerkenswerthe Thatsache, daß das Kartell allein nicht stark genug gewesen wäre, das „große nationale Werk", die „Krönung der Sozialreform" zu Stande zu bringen, für die sich ohnehin nicht einmal eine absolute Mehrheit des Gesammtreichstages zu begeistern vermochte. Es fehlten hiezu 11 Stimmen. Wir wollen für heute den Gedanken, die stch an folche Thatfachen knüpfen, nicht weiter na >-geben-. die Zukunft wird entscheiden, ob der 21. Mai mit seiner Entscheid- ung unter die Reihe der glücklichen Tage zu stellen fein wird. .
Wir möchten hier nur noch an einige interef- fante Momente au» dem letzten Stadium dieser großen Debatten erinnern, die in Folge des Tumulte« und der Ueberstürzung, mit denen die Verhandlungen in den letzten Tagen augenscheinlich geführt worden sind, weniger Beachtung ge- funden haben, al« sie e« verdienten.
So war e« zunächst sehr bezeichnend für den wahrhaft chaotischen Zustand, indem sich die ganze Materie be« Gesetzentwurfes selbst nach den eingehendsten und detaillirtesten Berathungen der zw.iten Lesung noch immer befand, daß auch für die dritte Lesung neuerdings eine Unzahl neuer Vorschläge von allen Seiten dem Hause vorgelegt
wurden, darunter solche, welche die allerwichtigstrn Bestimmungen de« Gesetzes völlig umzugestalten geeignet waren, so die Einheitsrente, Lohnklaffen u. s. betttff-nd. Es war eine wahre H.tze, mit per man in den letzten Tagen über alle diese Hindern sie hinweggaloppirte, Alle« niederrennend, was nicht von der festgeschloffenen Phalanx des Kartells und ihrer wenigen BundeSgenoffm vom Centrum dargeboten wurde. Ja mehr als einmal tonnte man Zweifel über das wirkliche R.fultat rer Abstimmungen äußern hören. Die armen Berichterstatter der Preffe, wie konnten sie in diefem Tumulte zurecht kommen! Manch' heftige Episode spielte sich da zwischen sonst guten Freunden derselben Partei ab; wir erinnern nur an die erregte Scene zwischen Herrn v. Karborff und Lohren (Reichrpartei). Einen „ungewöhnlich heftigen Cyklon" nannte der freisinnige Abg-ordnete Meyer diese« scharfe Recontre unter großer Heiterkeit de» Hause». Lohren hatte freilich eine sträfliche Selbstständigkeit in seiner Auffaffung über die „Wohl» thaten" diese» Gesitz:« gezeigt und überdies die unverzeihliche Unvorsichtigkeit gehabt, den Vorhang etwa» höher zu lüften und die Rechnung aufzu- machen über dis koloffalen Kosten, mit denen sich dar deutsche Volk die Wohlthaten der neuen Sozial- resorm künftighin zu sichern haben wird: 60 Mill. Mk. für dis Unfallversicherung, 80—90 Millionen für die Krankenversicherung, 100 Millionen für die Wittwcn- und Waifenversorgung der Arbeiter (int Beharrungszustande) und ebensoviel für die Jnvalidenversorgung — da» werde die jährliche Ausgabe des Reiche« fein, also rund 400 Mill, oder die Verzinsung von 12 Milliarden! Im Be- harrungszustande, so berechnete der gleiche Abgeordnete, werde beispielsw.ise ein Meister, der sein Dienstmädchen, einen Lehrling und zwei Gesellen zu versichern habe, jährlich mehr al» 76 Mk. zu zahlen haben — nicht eingerechnet die nicht unbeträchtliche Mehrleistung an Steuern, die durch den „Reichszuschuß" eintreten werde, lieber solch' grausame Zahlen hilft freilich keine Schwärmerei für die „Krönung der Sozialreform" u. A. hinweg. Ueber den „R e i ch «z u s ch u ß" wurden auch von den Freunden der Gesetze« noch allerlei höchst merkwürdige Auffaffungen zum Besten gegeben. War er früher selbst von einem Bennigsen mit den Staats- leistungen für Straßen- und Flußbauten in Ver- gleich genommen worden, so hatte Fürst von Hatz- feldt-Trachenderg gar den seltsamen Einfall, ihn
genaue» Bild anzufertigen, und unter ihren geschickten Händen entstand bald da» alte, graue, von Epheu und Schlingrosen umzogene Gebäude de» Wendenhofe» mit dem Parks und dem dahin- terliegenden dunklen Fichtenwalde. Recht» davon lag der klare, blaue See, auf dem sich ein einzelner Kahn schaukelte. Da» Ganz; war mit künstlerischer Feinheit und lebhafter Farbenfrische wic- bergegeben und wurde zum Schutze mit einem fein- geschliffenen Glase bedeckt. Im Innern de» Kästchen» lag nur ein kleines Päckchen, welches die zurückgelegte Summe enthielt und die Aufschrift zeigte: „Kleiner Anfang zum Rückkauf de« Wendenhofe«!" — u
So vergingen die Immer kürzer werdenden Wintertage. Mitten in Elma'» eifrige ThättgKit fielen die Briefe ihre« Gatten wi? warme, belebende Sonnenstrahlen. Er schrieb oft, und e» waren meist lange, interessante und immer sehr herzliche Briefe. Der Prozeß scheine sich günstig zu gestalten, theilt Wenden in d-m letzten mit; die Advokaten erwarteten bett besten Erfolg, und er selbst hoffe da» Christfest bei seiner geliebten Keinen grau feiern zu können. — Besonder« angenehm set ihm die Aufmerksamkeit be« braven Gelhard, welche ihm den Aufenthalt in der fremden, großen Stadt