JV 135
Samstag, den 1. Juni.
1889
Jiiliinrr W 3rifm.
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Zweites Blatt.
W Ium.
Der Mai hat mir einen Strich durch die Rech- nung gemacht. Was soll ich vom Juni sagen, wenn der Mai gegen alle» Herkommen das Juni- Wetter vorweg genommen hat? Keine gestrengen Herren, glühender Sonnenschein, mächtige Gewitter, riefige Schüsse der Saaten — das war doch sonst nicht so im „schnupfenreichen Wonnemonat" I Die bekannten „ältesten Leute" erinnern fich kaum, einen solchen Mai erlebt zu haben. Bi« zum litten Drittel de» April (Charfreitag) herrschte der Winter, und nun steht schon der Roggen in Blüthe! Wenn nur kein Rückschlag kommt! sagen die vergnügten Spaziergänger. Und viele Landleute seufzen: Wenn nur etwa» mehr Regen käme — nicht bloß die starken Gewittergüsse, sondern zeit- weitig ein andauernder Landregen!
Dem Juni st.hen von Rechtswegen 3*/g bi» 4 Grad Wärme mehr zu al« dem Mai: Hoffentlich macht er dieses Jahr keinen Gebrauch von dem Rechte der Wärmesteigerung, denn sonst find wir zu Pfingsten braun und zu Peter und Paul schwarz gebraten! Etwa« Hoffnung erweckte der Umstand, daß der Juni bisher durchschnittlich gegen 40 Prozent mehr Niederschläge gebracht hat, al« seine Amtsvorgänger. Wenn er da« Wasser in angemeffener Vertheilung bringt, so wird e« hochwillkommen sein. Die beiren Pfingsttage am 9. und 10. und da« Frohnleichnamsftst am 20. können ja vor Regengüssen verschont bleiben; zu Frohnletchnam bitten wir uns nur Morgen« in aller Frühe einen kleinen Regen au«, der die Prozession vor Staub schützt.
Um Laub- und Blumenschmuck zur Zierde de« Prozessionsweges wird man diese« Jahr wohl nicht in Verlegenheit gerathen. Schon in der vorletzten Maiwoche habe ich blühende Rosen im freien Lande beobachtet; wenn keine unberechenbare Störung eintritt, so muß im Juni sich eine tropische Blü- thenpracht entfalten. Sonst habe ich mit vollem Recht den Juni al« den schönsten Monat de« Jahre« besungen; es wird ihm nicht leicht werden, diese« Jahr die erste Stell« zu behaupten; aber warten wir e« ab, ob nicht am Ende der ganze
Sommer de« hundertjährigen Revolutionsjahre« sich zu einer Prachtausgabe gestaltet. Da wir außer den vorerwähnten hohen Festtagen der Pfingsten und de« hl. Frohnletchnam« zum Schluß de« Mondes noch den Peter- und Paulstag mit unmittelbar folgenden Sonntag Haben, so ist auch denjenigen, welche an den Werktagen an'« Hau» gebannt sind, reichlich Gelegenheit geboten, die Schönheit der sommerlichen Natur zu genießen, selbstgeflochtene Kränze und — Mückenstiche heim- zubringen.
Die Astronomen sagen, der Sommer fange erst am 21. Juni um 7 Uhr Vormittag« an. Dann tritt die Sonne in da« Zeichen der Krebse«, und gemäß dem Namen diese« Sternbildes tritt ste von da ab den Rückweg an. Vom 21. Juni ab werden die Tage wieder kürzer. Mit Schluß de« Monat« haben wir schon die Hälfte de« Jahre» 1889 hinter um.
Zu Anfang Juni de» vorigen Johre» fiedelte der kranke Kaiser Friedrich von Charloltenburg nach Potsdam über. Am 15. Juni ist der erste Jahrestag seine» Todes, den alle braven Deutschen in wehmüthigem Gedenken feiern werden. Kaiser Wilhelm II. hat nun schon das erste Jahr seiner Regierung beendet. „Flüchtig verrinnen die Jahre."
Ein froher Gedenktag ist der 18. Juni, an welchem vor 74 Jahren bei Waterloo die Macht Napoleons I. endgiltig gebrochen wurde. Aber sonst herrschen die traurigen Erinnerungen vor. Vor 11 Jahren wurde am 2. Juni da« Nobiling'sche Attentat nach Kaiser Wilhelm I. verübt. Vor 3 Jahren fand am 13. Juni die entsetzliche Katastrophe am Starnberger See statt; e« war den Pfingsttag; im Jahre 1886 fielen bekanntlich Ostern und die andern beweglichen Feste auf den spätesten Termin, noch vier Tage später al« diese« Jahr. Am 19. Juni 1864. 1867 wurde Kaiser Maximilian von Mexiko erschossen. Gehen wir noch ein Jahr zurück, so treffen wir den B-ginn de» Kriege» zwischen Preußen, Oesterreich und den beiderseitigen verbündeten Staaten. Am 14. Juni 1866 ging der alte deutsche Bund in Stücke, am 27. Juni waren die Schlachten bei Langensalza und Nachod.
Die Katholiken Deutschland» müssen vor Allem auch de» 5. Juni eingedenk sein. An diesem Tage
starb im Jahr 755 der hl. Bonifatiu» den Martyrertod. Sein Fest erinnert um an die Pflicht, daß zur Erhaltung de« Glaubm« im deutschen Vaterlande Jeder nach Kräften beizutragen hat, und der Verein, welcher feinen Namen trägt, zeigt uns den Weg zur Erfüllung dieser Pflicht. -
Schließen wir mit dem Wunsch, daß der Juni die guten Eigenschaften seines schönen Vorgänger» erbe und entwickle und der schlechten sich entschlage. Möge die Natur nicht streiken und die Menschen sich nicht mehr zum Strik veranlaßt sehen!
Vermischtes.
§ Der höchste Schornstein Berlin'» und wohl auch Preußens wird zur Zeit in der Spandauerstraße errichtet. Dortselbst befinden stch die neuen städtischen Elektrizitätswerke, deren Schornstein eine Höhe von 110 Meter (340 Fuß) erhalten wird. Der riesige Rauchleiter hat am Fuße einen Durchmesser von sechs Metern und wird an der Krone noch drei Meter messen. Der Schornstein soll den Rathhausthurm, welcher etwas über 95 Meter hat, noch um 15 Meter überragen.
[ituf dem Kasernenhof.j Einjähriger Meyer, Sie sind ein Esel! Ich muß es Ihnen durch die Blume sagen, sonst verstehen Sie'S nicht.
[Die Namengebung.j Nachbar: „Sie wollen da» neugeborene Töchterchen „Klarinette" nennen. Sie sind wohl Musiker?" — Vater: „Nein, aber die Mutter heißt Klara, die Tante heißt Nette und da wollte ich da» Kind nach den Beiden nennen."
[Ein neues Jnstrument.j Ungar (in eine Musik- instrumenten-Handlung tretend): „Bitte gefälligst, geben Sie mir ein Trübsal!" — Kommis: „Ein was?" — Ungar: „Main Fraind hat mir gesagt, daß blost er Trübsal, und da möcht' ich den Instrument halt auch gern erlernen."
[Modernes Forstwesen.) Moderner Forstmann: „Gott sei Dank, der Urlaub ist genehmigt, jetzt seh' ich doch auch den — Wald wieder!"'
Selegnphischrr Schiff,bericht der ,Ae> Star gilt* Antwerpen.
Der Postdampfer „Switzerland" der ,Red Star Line" in Antwerpen ist laut Telegramm am 29. Mat wohlbehalten in New-Jork angekommen.
Der Postdampfer „Pennland" der ,Red Star Linie' in Antwerpen ist laut Telegramm am 29. Mai wohlbehalten in New-Jork angekommen.
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achtet, anstatt dieser altbewährte« Medizi«, irgend ein von einem Laten (Nichtapolheker) unter der Bezeichnung „Schwei- zerpillen" hergestellte« werthlose« Präparat erhält, für da» der Käufer dann sein Geld zum Fenster hinaMwirft und fich noch dazu an seiner Gesundheit schaden kann. — Halte mau daher daran f.st, stet» nur
Apotheker Richard. Brandt's Schweizerpillen in den Apotheken zu verlangen und weise alle anderen al»