JV 125. Samstag, den 1. Juni.
filiier W 3eitng
1889
Erstes Blatt
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Deutsche- Reich.
Berlin. 31. Mai.
• Große» Aufsehen erregt, wie der.Germania' mehrere Berichte au» Westfalen melden, die Ent- lafsung de» Oberpräsidenten Herrn v. Hagemeister. Da» Aufsehen ist um so größer, al» Herr v. Hagemeister, wenn auch nicht jung so doch keineswegs der älteste Oberpräsident war und sich bisher körperlich rüstig und gesund befand. Ebenso fällt die sofortige Bewilligung des Abschiedsgesuche» auf und die schleunige Ernennung eine» Nachfolger« in der Perfon de» bisherigen Unter- staatssekretär» im Ministerium für Elsaß-Lothringen Herrn Studt, der heute bereits von dem Minister des Innern persönlich in sein Amt ein geführt wurde. Wenngleich das Abschiedsgesuch, wie üblich, mit „Gesundheit«! üSfichten" motivirt wird, wittert man doch andere Ursachen dahinter. Herr v. Hagemeister soll bereits seit dem Winter nicht mehr in dem früheren Maße persona grata gewesen sein. Bei manchen Leuten galt Herr v. H-gemeister als „zu connivent" gegen die kathol. Bevölkerung, und besonder» gegen katholische Behörden. E» lag eben nicht in der concilianten Natur de« Nachfolger« eine« Kühlwetter», die katholischen Westfalen, die doch sojusagen auch preuß'sche Unterthanen sind, vor dm Kopf zu stoßen. Allerding« konnte Herr von Hagemeister auch stramm nuftteltn. In auffälliger Weise geschah da« auf dem letzten Provinziallandtage. Btelleicht erklärt sich diese« Austreten durch die «enntniß gewiffer Urtheile über den höchsten Beamten der Provinz. Dazu kam dann der S t r i k e im westfälischen Kohlenrevier, wobei Hagemeister eine riesige liberale Macht gegen sich hatte. Zum Ueber fließen wurde da» Faß gebracht, al» der kommandirende Gmeral, Herr von A l b e d y l l, ein falsche» Telegramm, an dessen unwahren Meldungen Herr v. Hagemeister nicht die Schuld trägt, in bet .Norddeutschen' zu dementiren sich veranlaßt sah. Dem General mochte auch die Abkommandirung der Truppen in die Strikedezirke um so ungelegener kommen, al» Vorübungen derselben zu den großm Kaiser- manöoern geplant waren. In Münster herrscht
x ftanj non Wendt».
Novelle von Marga Brechten.
(28. Fortsetzung.)
War er nur erst wieder glücklich daheim, dann wollte sie jede Furcht vor seinen mißbilligenden Blicken überwinden und ihm Alle« bekennen, und dann mußte e« zwischen ihnen wieder ganz so «erben, rote früher! Aber niemals mehr wollte ste eine noch so kleine Schuld machen, dann konnte fie ihm stet« offen und vertrauend begegnen und brauchte ihre Zuflucht nicht zu allerlei Heimlich- leiten zu nehmen. Die» allein war ja doch an Allem Schuld gewesen, und wenn ste erst ihre Verpflichtungen gelöst haben würde, dann gedachte ste den Verkehr mit Heimdach allmählich zu lockern, wenn auch nur au» dem Grunde, weil er Franz nicht gefiel.
Am letzten Gesellschasts-Abend war e» ihr vor- gekommen, al» ob ihr Mann den armen Profeffor mit einem Blick ganz unerklärlichen Hoffe» gestreift habe, und wenn fie nachdachte, so erinnerte ste sich genau, daß fie niemals unzufriedener mit den eigenen befcheidenen Verhältnissen gewesen war, al» wenn sie von einem Besuche bei der Freundin zurückkehrte, und die oft wenig zartfühlende Dora
die Ansicht vor, daß der Rücktritt unter den obwaltenden Umständen kein ganz freiwilliger war und Herr v Hagemeister schon mehrere Tage vorher von der Nothwendigkeit seines Rücktrittes überzeugt war. Herr v. Hagemeister galt al» ein sehr fähiger und sehr schmiegsamer Beamter; wegen feine» Reichthum» war er andererseits unabhängiger als andere. Von seiner früheren Stellung al» Regierungspräsident in Düsseldorf her ging ihm in kirchenpolitischer Bezichurg der Ruf eine» gewissen Entgegenkommen» gegen die Katholiken voran«; insbesondere wurde in dem genannten Regierungsbezirk rascher al« anderswo dir Klerus ziemlich allgemein mit der Lokalschulaufsicht wieder betraut. In Münster hat H-rr v. Hagemeister wenig angestoßen, wa» schon dadurch nicht schwierig war, daß er der Nachfolger Kühlwetters war, ohne daß er jedoch den Ruf der Katholikenfreundlichkeit verdiente, in welchem er manchem erscheinen mochte. Dankbar, wie die Westfalen auch gegen bloß gerechte Behandlung find, plant man in Münster besondere Sympathiebezeugungen für den Entlassenen. Dafür spricht auch die Erklärung de» ,Wests. Merk.': „Die Nachricht wird in allen Bevölkerungskreisen der Provinz, nicht am Wenigsten auch in der Provinzialhauptstadt, mit dem größten Bedauern ausgenommen werden."
• Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht die Ernennung de« Unterstaatssekretär« im Ministerium für Elsaß-Lothringen, Studt, zum Oberpräfidenten der Provinz Westfalen.
• Ueber die bisherigen Ergebnisse der Samoa- Konferenz scheinen englische Blätter koch nicht wohl unterrichtet gewesen zu sein, al« sie meldeten, daß sich noch neuerding» erhebliche Schwierigkeiten herausgestellt hätten, in Folge deren die Verhandlungen zu scheitern drohten. Uebereinstimmend wird jetzt mitgethellt, daß am Mittwoch feie letzte Sitzung der Konferenz stattgefunden hat. E» wird hinzugefügt, da» Abkommen werde in etwa 10 Tagen veröffentlicht werden. Die» erscheint indeß zweifelhaft, wenn man berücksichtigt, daß erst die Zustimmung der betheiligten Regierungen einzu- holen ist. Ueber den Inhalt de» Abkommen» mcl- den hiesige Korrespondenten, e« solle der frühere Zustand unter König Malietoa wiederhergestellt werden, der durch die Eingeborenen geleiteten Verwaltung solle ein Deutscher und ein amerikan s her
ihr von einer ganzen Reihe kostspieliger Einkäufe und den häufigen, reichen Geschenken, die sie von dem dankbaren Schwager erhalten, erzählt hatte. Und dennoch war e» ihr im Anfänge fast wunderbar vorgekommen, wie da« traurige Ereigniß und die Abreise de« Gatten ihr die Wege selbst ge- ebneti
In dem Gallerienkabinet der Gcheimräthin hatte fie dem Professor damals ihre Zusage gegeben und Rika'« Stunden festgesetzt. Seitdem kam die Kleine täglich. Die übernommene Pflicht wurde Elma nicht zur Last, denn ihre Schülerin lernte leicht und gern und hatte in den wenigen Wochen in den beiden Sprachen mehr Fortschritte gemacht, al» andere Mädchen nach monatelangem Unterricht. Allmählich milderte sich sogar ihr rauher, etwa« knabenhafter Charakter, im täglichen Verkehr mit der feingebildeten, sanften Frau von Wenden verschwand eine Härte nach der andern, und manche abstoßende Gewohnheiten machten einem weichem, kindlichen Wesen Platz. N!emand erkannte die» mit größerer Freude und Dankbarkeit als der Profeffor selbst, aber er achtete Elma'« jetziges zurückhaltende« Benehmen zu sehr, um ihr durch häufige Besuche während der Abwesenheit de« Doktors und durch persönliche Anerkennung
Rathgeber beigegeben werden, während ein Ver tretet Englands al» unparteiischer fungiren solle. Deutschland solle eine Entschädigung erhalten und endlich sollen drei Kohlenstationen errichtet werden.
* Ueber das „Verlust-Konto in politischen Prozessen" in der letzten Z it macht die .Berliner Zeitung' folgende Zusammenstellung: Ge- heimrath @( ff cf en veröffentlicht Kaiser Friedrich'- Tagebuch — Landerverräther — 99 Tage Untersuchungshaft — Anklage fällt durch Beschluß des Reichsgerichts in’8 Messer. — Kieler Zeitung druckt Kaiser Friedrich'« Tagebuch ab — Strafantrag wegen Nachdruck« — Strafantrag wird al» unbegründet zurückgezogen. Freis. Ztg. — dasselbe Verbrechen — Strafantrag — Beschuldigte bestreitet Klage-Legitimation — Ausgang: siehe Kieler Zig. — Volks-Ztg. auf Grund de» Sozialisten-Gesetzes verboten — Neichrkomrnission hebt das Verbot auf. D ss-lbe S att wegen Maje- stäts-Beleidigung angeklagt — Strafantrag drei Jahre Gefängniß — freigesprochen.
* Die im Gelsenkirchener und Dortmunder Revier noch ausständigen Bergarbeiter sind heute wieder angefahren. Der Strike kann in der Hauptsache als beendet betrachtet werden. — Auch der Ausstand der schlesischen Bergleute ist beigelegt. Daß derselbe in Oberschlefien nicht die Dimensionen angenommen, wie man befürchtet hatte, ist, wie die .Schlef. Volksztg.' hervorhebt, zum nicht geringen Theil dem großen Einfluß zu danken, den gottlob dis kath olifche Geistlichkeit auf das Volk aurübt. Man werde hoffentlich daran» die Lehre ziehen, wie gedankenlos und verkehrt c« war, als im Kulturkämpfe die Gruben- und Hütten-Beamten sich nicht genug abm ühen konnten, den Einfluß des Klerus auf das Volk zu brechen. Zugleich gibt da» Blatt der züver- sichtlichen Erwartung Ausdruck, daß die Zeiten nicht mehr wiederkehren würden, wo durch Ge- wissenrdruck, wie bei Wahlen, der ohnedies fo schwere Beruf des Berg- und Hütten-Arbeiters zu einer unerträglichen Last gemacht wurde. Eine menschlichere Behandlung der Leute von Seiten der Beamtenschaft fei, darüber sind die Blätter aller Parteien einig, ekiie» der nothwendigsten Erfordernisse eines gedeihlichen Zufammenwirken».
* In dem vielbesprochenen Rheinbrohler Glockenprozeß hat dec zweite Senat des Oberlandesgerichts zu Frankfurt einen neuen ihrer Güte lästig zu fallen. So kam er, daß man sich jetzt seltener sah, als früher; der gegenseitige Zweck war erreicht, und Fräulein Erdmann hatte schon jetzt alle Hände voll zu thun für dar bevorstehende Weihnachtsfest.
Auch Elwa's Zeit war kurz bemessen und so vermißte ste die Freundin nicht. Der Morgen wurde fast ganz von Rika's Unterrichts-Stunden in Anspruch genommen. Das kleine Mädchen schloß sich mit jener schwärmerischen Anhänglichkeit an die junge Frau an, welche Kindern ihre» Alter» ost eigen ist. Sie erzählte ihr die unbedeutendsten Vorfälle au» ihrem Schulleben in ihrer drolligen, bizarren Weise, so daß sie Elma oft Über die trübste Stimmung hinweghalfj und diese sich, wie verjüngt und erfrischt fühlte. Auch dis mit so großer Scheu erwartete Entgegennahme de» ersten Honorar» der Stunden wirkte für ihr seine« Zartgefühl nicht verletzend. Nachdem Reka sechs Wochen gekommen war, überbrachte sie eine« Morgen» ein prachtvolle» Veilchenbouquet, da« unter seinen duftigen Blüthen ein Röllchen neugeprägter Goldstücke enthielt.
Al» Elma später allein war, betrachtete fie den kleinen selbst erworbenen Schatz mit den seltsamsten Gefühlen. Wie viel bange Sorge hing doch otf