J\g 123. Mittwoch, den 29. Mai.
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1889
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Erstes Blatt.
AW7 Wege» des Festes Christi Himmelfahrt wird die nächste Nnmmer ds. Bl. erst am Freitag erscheine«.
Das Centrum und die römische Frage.
• Nur wenige Tage nach einander haben zwei Mitglieder der Centrumsfraktion im Reichstage gegenüber den mannigfachen Insinuationen der Gegner die unzerstörbare Einigkeit des Centrum» betont. Es waren die Abgg. Freiherr v. Wendt und Dr. Wirrdthorst, also ein Vertreter der dem Retchrinvalidengesetz günstigen Minderheit und ein Vertreter der großen Parteimehrheit in der genannten strittigen Frage. Freiherr v. Wendt schloß seine Ausführungen mit dem zutreffenden Hinweis, daß „von allen Seiten, von recht» und link», immer wieder dafür gesorgt werde, immer Vorschläge gemacht werden, die utt» wieder zusammenschweißen". Seitdem ist erst kaum eine Woche ver- ffoffen, und schon ist im Reichstage wieder ein Vorschlag aufgetaucht, der wie kein anderer geeignet war, da» Centrum „zusammenzuschweißen" wie ein Gebilde von Erz. Der König von Italien und, dm man im Hinblick auf die römische Frage mit Recht seinen bösen Dämon nennen darf, Ministerpräsident Crispi weilten in der Hauptstadt de» deutschen Reicher. Die italienische Depu- tirtenkammer und die italienischen Minister haben dem Kaiser und dem deutschen Volke einen feierlichen Dank votirt für den dem König Umberto bereiteten Empfang. Daß diese Kundgebung nur dazu bestimmt war, eine ähnliche feierliche Segen» kundgebung de» Reichstages zu provoziren, liegt klar auf der Hand. Die ganze Geschichte war, bevor Herr Crispi den italienischen Boden verließ, sehr absichtsvoll eingefädelt. Ja wir gehen wohl nicht zu weit, wenn wir behauptm, daß die Crisplaner den deutschen Reichstag zu einer Manifestation veranlaffen wollten, die man hinterher mit allen Mitein für die Devise „Roma intan- gibile* gegen den Papst und seine legitimen Ansprüche hätte verweichen können.
Unvorsichtig genug verrathm un» denn auch die Blätter der Kartellparteien, daß al« Danke«- bezeugung an die italiemsche Kammer eine „große Kundgebung" geplant gewesen sei. Indessen hatte man die Rechnung ohne da» Centrum gemacht, welche« al« die größte Partei de« Reichstage«, bei einer auf äußeren Glanz berechneten Kundgebung nicht fehlen durfte. E« ist schier unglaublich, wie die Vorstände der drei Kartellparteien und der sreisinntgen Partei auch nur einen Auqmblick darüber im Umklaren sein konnten, welche Haltung die C ntrumsfraktion und nicht minder die krrcherpolittsch auf gleichem Standpunkte stehendm Pol n und Elsäfler in diesem Falle einnehmen würden und mußtm. Da« Cm- trurn ließ in bündigster Weise erklären, daß e« an der geplanten Kundg düng keinen Autheil nehmen könne, und daß man, fall« die römische Frage und die Einheit Italien» irgendwie berührt würde, in der Debatte seinen Standpunkt mit Entschiedenheit wahren werde. Die Parteien, welche stch Herrn Crispi so gerne gefällig erwiesen und auch zu gleicher Zeit dem Papste einen kleinen „Mert'«" versetzt hätten, mußten nun auf ihr seine« Plänchm verzichten, und die ganze „Kundgebung" beschränkte sich aus eine Erklärung de« Präsidenten v. Levetzow, bereit Kürze nur von ihrer Mattigket übertroffen wurde. Der Präsident der CeMrum«fraktion, Freiherr von und zu Franckenstein, schloß sich Namen« der
Fraktion bett Dankerwortm von Levetzow'« an, aber „unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß dadurch der Stellung der Partei zur römischenFrage nach keiner Richtung hin präjudiztrt werden soll."
Der lebhafte Beifall, mit dem diese Worte im Centrum begleitet wurden, fand seinen lauten Wiederhall in den Herzm von Millionen deutscher Katholiken. Und so wurde denn die im Jnterefle Neuitalien» geplante Kundgebung programm- widrig zu einer ebenso feierlichen al» bedeutungr- vollen Kundgebung der deutschen Centrumspartei zu Gunsten der weltlichen Herrschaft de» Papste« und gegen da« „Roma intangibile“. Die Polen und Elsäfsr verließen vor der Ecklämng de» Reichrtagspräfi- benten den Saal und protestirten hierdurch in ihrer Art gegen jede Mißdeutung de« Danke« an die ttalienische Kammer und Regierung.
Im Vatikan machte die Haltung de« Centrum« dm günstigsten Eindruck. Die von den Gegnern de» Papstthum« provozirte Verwahrung reiht sich ihrer Bedeutung nach den großartigen Protesten der jüngsten Katholikentage in Wien, Madrid und Oporto an. Da»Centrum hat eine von ihm un- gesuchte Gelegenheit gefunden, an feierlicher Stätte und in feierlicher Form vor versammelter Volksvertretung sein Votum in der römischen Frage niederzulegen und zugleich eben vor Thorschluß des Reichstag» einen eklatanten Beweis für die unverbrüchliche Einigkeit und feste Ge- fchlofsenhelt der Partei, sowie dafür zu liefern, daß es in den deutschen Parlamenten noch immer wichtige Fragen genug gibt und für unabsehbare Zeiten geben wird, welche eine Überzeugungstreue, kräftige und zielbewußte Wahrung de» katholischen Standpunkte« gebieterisch fordern. Da» Centtum darf daher den unvorhergesehenen Zwischenfall mit Recht begrüßen al» eine erfreuliche Gelegenheit, nach allen Seiten hin über die innere Parteilage gründliche Klarheit zu schaffen. Diejenigen, welche schon gehofft hatten, nach dem bekannten Kompliment de» Reichskanzler» sei ein großer Theil de» „konservativen" Centrum» für gewisse Zwecke eher zu haben, find gründlich ge- täuscht worden. Al« Fürst Bismarck jenen vielbesprochenen Ausspruch that, haben wir sofort zur Vorficht gemahnt. Mr laffm e« dahingestellt, ob auch auf diesen Fall unser damaliger Warnung«- ruf „Dahinter steckt etwa«" Anwendung finden darf. Da« aber dürfen wir mit gutem Gewissen sagen: Wenn jemals, so hat fich am Donnerstag die CeMrumipartet im Reichstage de« Lobes des Fürsten Bismarck würdig gezeigt. Denn e« gibt kaum etwa» Konservativere« aus der vergänglichen Welt, al« da« legitime Recht eine« Fürsten, und wer für diese Legitimität und diete« Recht auch dann eintritt, wenn Re durch einen widerrechtlichen Gewaltakt mit Füß-n getreten find, der ist „konservativ" im edel- sten Sinne de« Worte«!
Deutsche- tttetd).
Berlin, 28. Mai.
• Nachdem der Reichstag ohne vorherige Erledigung: de« Sozialistengesttze«, de« Ersätze« für die bei Samoa untergegangenen Kriegrsch ff-, der Abänderung de« § 4 der Slraspro.eßordnung geschloffen worden rjt, hält man nunmehr oBgemein die Einberufung biff Iven zu einer Herbstsession für wahrscheinlich. Der Reichstag wird, wie man osfiziö« versichert, frühzeitig im Herbst berufen werden und bi« zum Februar tagen, wo sein Mandat erlischt. Hauptgegmstände der nächsten Session würdm der Erat uub bet Ersatz
für da» Sozialistengesetz bilden, letztere Vorlage besonder« wegen der tattischen Erwägung, daß man nicht vorhersehen kann, wie der nächste Reichstag ausfieht. Die Neuwahlen würden unter diesen Voraussetzungen nicht vor dem nächsten Februar erfolgen.
* Unter Vorsitz des Kaiser« hat gestern ein Kronrath stattgefunden, an dem der Reichskanzler und sämmtliche Minister theilnahmen. Es wird angenommen, daß die Lage in den Strike» bezirken den Gegenstand der Berathung bildete.
* Der Kaiser ist heute auf der Königl. Dampf- Dacht „Alexandra" zu ständigem Aufenthalt nach Schloß Ftiedrichskron übergesiedelt. Die Kaiserin und die kaiserlichen Prinzen hatten fich bereit« am Vormittag mittelst Sonderzug dorthin begeben. — Die Großherzogin von Sachsen- Weimar trifft morgen Abend zum Besuch in Potsdam ein.
• Die gestrige Sitzung der Samoakonferenz währte drei Stunden. Es sind noch weitere Sitzungen nothwenbig. Es scheint, daß stch Schwierigkeiten ergeben haben.
• In einer heutigen Versammlung der strikendm Berliner Maurergesellen wurde mitgetheilt, daß ungefähr 6000 P-rsonm Berlin verlassen hätten und 12000 noch in Berlin wären, von dmen etwa 1000 arbeiteten.
* Generalfeldmarschall Graf Moltke hat stch zum Sommeraufenthalt nach Ceeisau begeben.
• DieStrtkebewegung in den rheinisch-westfälischen Kohlenrevieren b« findet stch wieder im Rückgänge. Mit Ausnahme de« Dortmunder Revier«, wo auch auf der Zinkhütte der Stoll- berger Gesellschaft gestrikt wirb, hat der überwiegende Theil der Belegschaften der übrigen Reviere die Arbeit wieder ausgenommen.
* Der Vorstand de« bergbaulichen Verein« zu Essen beschloß in einer gestern abgehaltenen Sitzung, den Verwaltungen der Zechen zu empfehlm, auch für die Strckenden den Termin zur Wiederaufnahme der Arbeit bi« zum 31. d«. Mt». zu verlängem, mit der Verwarnung, daß diejmlgen, welche die Arbeit bi« dahin nicht aufgmommen haben sollen, al« der Belegschaft nicht mehr angehörig angesehen werdm würden.
• Saarbrücken, 28. Mai. DleArbett auf den vier fiskalischen Gruden ist noch nicht allgemein aufgenommen worden. @» arbeiten wohl einige Hundert mehr, namentlich auf „Kreuzgräbig" und „H-initz", aber die Lage ist sonst kritischer. Die Zahl der Strikenden beträgt rund 10,000. Außerdem ist therlweise ein Stt'ke auf der bisher unbeteiligten Grube „Bon der H. t)bl" ausgebrochen. Die Kohlennoth wird größer; Stumm und andere Werke befchiänkten ihren Betrieb.
* Bochum 27. Mai. Hute fand Haussuchung aus der R daktion der ,Westfälischen Volkszeitung' statt. D r Ch-f-Redakuur Dr.Fu»angel wurde polizeilich srstirt. Anscheinend glaubte man dort dm Mittelpunkt der Ausstands-Bewegung zu finden. Die Haussuchung blieb ohne Ec- gedniß.
* Der Verein für Rübenzuckerindustrie im deutschen Reiche hält gegenwärtig in Leipzig eine Generalversammlung ab. Die Versammlung schloß stch bezüglich der Londoner Konvention der von dem Ausschuß eingenommenen Stellung an und ging demg-mäß über die Angelegenheit zur Tagesordnung Üver.
* München, 26. Mai. Da« Herz der Königin- Mutter wird nach Altöttmg gebracht und dort neben dem König Ludwig II. in der Gnaoenkapelle beigesetzt. Dtk tl.-be führung findet in feierliche W-is- statt. — Arn Freitag hat die Htbertragun* des Baue» de« neuen Oberammergaue9