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j^s 122. Dienstag, den 28. Mai.

Mimr W Aiiimz

1889

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L „Der Sprung in's Dunkle."

Mit 20 Stimmen Mehrheit hat der Reick Stag in der namentlichen Schlußabstimmung der dritten Lesung das Jnvaltditäts- und Altersverficherungs- geßtz angenommen. 185 Abgeordnete stimmten mit Ja, 165 mit Nein, 6 haben sich der Abstim. mutig enthalten. Der Reichstag war demnach bei dieser wichtigen Entscheidung wesentlich bester be­setzt, als in der ganzen jüngsten Zeit. Gefehlt haben bei der Abstimmung rund 40 Abgeordnete. So ist denn j.tzt der „Sprung in's Dunkle" oder, wie ein konservativer Redner sich ausgedrückt hat, „in den hellerleuchteten Abgrund" vollzogen, und wir haben mit dem großen GesetzcSwerke als mit einer vollendeten Thatsache zu rechnen und uns auf dastelbe einzurichten. Die Mehrheit, welche schließlich mit AL und Krach zusammengebracht wurde, ist fürwahr keine bedeutende zu nennen für ein Sozialreformgesetz ton so weittragender Bedeutung, für ein Gesetz, besten Mängel und Unvollkommen- Helten, dessen VerbesterungSbedürfniß selbst von seinem eigentlichen Schöpfer, dem StaatSfekr-tär v. Bötticher, offen eingestanden wurden. Wenn man das j.tzige Abstimmung»verhältniß mit der erdrückenden Mehrheit vergleicht, mit welcher der Reichstag fchon nuhr als einmal die Anträge für die Arbeiterfchutzgefetzgebung angenommen hat, ohne daß die Regierung der Initiative dcs Reichs­tages irgendwie Folge gab, so kann man ganz eigenthümliche Gedanken nur schwer unterdrücken. Die Mehrheit, welche schließlich für das Gesetz zufammer.kam, war — da; wi-d Niemand zu be­streiten wagen — keine geschloffene, sondern eine mehr zufällige, denn au» allen Parteien haben sich Dissidenten vernehmen laffen und zwar am schärfsten au» derjenigen Partei, welche sonst an der Spitze der oouvernementalen marschirt. Der erzkonservative Graf Mirbach war die Seele dieser Opposition aus dem eigentlichen Regierungslager, und man muß es dem Grafen laffen, daß er sich durch nicht», auch nicht durch die recht eigentlich an seine Adreffe gerichtete Rede de» Reichskanzlers hat abschrecken laffen, feine Selbstständigkeit auch durch die That zu beweisen. Freiherr von Hammerstein, der Chefredakteur der ,Kreuz- zeiiung', richtete kurz vor der Schlußabstimmung noch einen empfindlichen Angriff gegen die Re­gierung, indem er darauf hinwics, daß in der

x jr««r eei Wende».

Novelle von Marga Brecht«n.

(25. Fortsetzung.)

Wenden schob die kaum angerührten Speisen zur ©etie, sah auf seine Uhr und durchmaß da» Zemmer mit großen Schritten. Die Alte räumte schweigend ab und kehrte zu ihrem Strickzeug in die Küche zurück.

Der einsame Mann setzte seinen Weg fort. Er blickte in den leeren Räumen umher und sah dann in da» leise praffelnde Kaminfeuer. Wie behaglich hätte das All.« sein können, wenn seine liebsten Hoffnungen erfüllt worden wärenI Er hatte ein Werd und erneu eigenen Herd und fühlte sich dennoch einsam! Und wenn er Vergleichungen anstellte, kam e» ihm vor, al» hätte er das eben verlaffene Haus mit feinem Kindersegen fast ver­tauschen mögen gegen diese elegante Oede. Was hals e» ihm, daß er einen unermüdlichen Berufs­eifer und eine glückliche Hand besaß? Wenn er Noch so viel errang, so reichte c« doch immer nur, Um den Ansprüchen eine» bescheidenen Wohlstände» zu genügen. Elma war ihm au» einem Leben voll Uederfluß und Ueppigkeit in ein bescheidene» Heim gefolgt, aber sie konnte Jene« nicht ver-

Botschaft vom 25. Januar die Reform der direkten Steuern in Preußen verheißen sei, und daß deß- halb da» gegenwärtige Gesetz in Preußen nicht eher in Kraft treten dürfe, bis dieses feierliche Versprechen erfüllt sei. Die Erwiderung des Staats­sekretär», daß an dieser Steuerreform beständig gearbeitet werde und daß sie in der nächsten preußischen Session zur Vorlage kommen, war nicht geeignet, die Bedenken de» konservativen Redners zu entkräften, um so weniger, wenn man sich die sensationellen Vorgänge ins Gedächtniß zurückruft, welche sich bei Schluß des preußischen Landtages an die Nichteinbringung der bestimmt erwarteten und versprochenen Steuerreform-Vorlage knüpftl n.

Der Reichstag ist nach Erledigung dieser wichtigen Vorlage, wie erwartet, sofort geschlos­sen worden. In der Preffe verlautete vor eini­gen Tagen, die Annahme des Gesetzes und der Schluß des Reichstage« werde nicht ohne eine feierliche Kundgebung des Kaisers und der ver­bündeten Regierungen vorübergehen. Man sprach schon von einer bezüglichen kaiserlichen Botschaft, indessen hat sich diese Voraussage nicht erfüllt. Staatssekretär von Bötticher sprach dem Reich«, tage im Anschluffe an die den Reichstagsschluß verordnende Botschaft des Kaisers den Dank aus für die Ausdauer bei Berathung des von der Regierung in fünfjähriger Arbeit vorbereiteten Gefetzerwerkes. Auch bei dieser Gelegenheit ver­kannte der Vater» des Gesetze» die „noch un- behobenen Bedenken" gegen einzelne Bestim­mungen nicht, er- hofft aber, daß bei gutem Wil­len aller Betheiligten der angestrebte Erfolg trotz allen Schwierigkeiten dennoch erreicht werde. Schließ­lich übermittelte der Staatssekretär „im Aller­höchsten Auftrage de« Kaisers" dem Reichstage diffen warmen Dank und die volle Anerkennung der verbündeten Regier­ungen für feine treue und mühevolle Mitwirkung bei der Herstellung diese« vaterländischen Werkes. Wir wollen bei diesem Anlaß nicht auf die Jntc- riffelo^gkeit und den Mißmuth zurückgreifen, welche große Theile dc» Reichstage« durch die chronische Beschlußunfähigkeit an den Tag gelegt haben. Der kaiserliche Dank hat ja auch über diese bedauerliche Erscheinung höflich hinweggesehen. Al« wahre Freunde de« Räche» können wir nur hoffen und wünschen, daß die rosige Anschau-

geffen. Sie war festgewurzelt in den früheren Kreisen, verstand nicht, daß man sie dort nur duldete und nur die schöne Frau für den Abend­zirkel zu fesseln suchte. Und wie kalt, fast ur- freundlich war sie vorhin gewesen! O, er hätte wissen mögen, ob sie in dieser Stunde, da sie ihn allein zu Hause wußte, wirklich vergnügt sein konnte I

Ein Gedanke fuhr ihm durch den Kopf — noch war e« nicht zu spät, seine ärztliche Pflicht war eine genügende Entschuldigung und da» Souper erst für zehn Uhr angesagt. Er ging in das Schlafzimmer und vertauschte seine Kleivung mit dem Gestllschaftsanzuge. Als er da» Licht löschen wollte, fiel sein Blick auf eine Karte, welche auf dem Toilettentische lag. Auf der Rückseite stand mit großen Schriftzügen: „Hochverehrte gnädige Frau! Ihrem Wunsche gemäß werden wir die Ehre Haien, um 8 Uhr bei Ihnen vorzufahren. Bis dahin: Leben Sie wohl!" Darunter zeigte sich der in eigenthümlichkn Schnörkeln verschlungene Name de« Maler«; Er. Heimbach.

XIV.

Im Salon der Geheimräthin von S. fand Dr. v. Wenden eine kleine, aber auserlesene Gesellschaft. Die Ewpfangrabende in diesem Hause waren sehr

ung des Staatssekretärs von Bötticher deffen elf tiger und rastloser Thätigkeit für das Gefitz wir unumwunden unsere Anerkennung zollen, unsere eigenen schweren Bedenken und Befürchtungen Lügen strafen möge. Uns wird es stet« ange­nehmer fein, eines Jrrthums überführt zu werden, als durch ein verfehltes Gesetz von diesem Um­fange und dieser Einwirkung auf da» ganze soziale Leben die innere Wohlfahrt dcs Staates in Ge­fahr gebracht zu sehen. An dem guten Willen bei der Ausführung wirb es ganz gewiß auch den Gegnern des Gesetzes nicht fehlen. '

DevtscheV Neich.

Berlin, 27. Mai.

• Ein Veteran der katholischen Preffe Spanien», Herr LeonCarbonero y Sol, hat an die katho­lische Presse Deutschland» da» folgende herzliche Schreiben gerichtet:

„Zu dm entschiedensten und begeistertsten Kundgebun­gen derTheilnahme und der Sympathie, welche dem ersten spanischen Katholiken-Kongreß von seinen Brüdern in der ganzen Welt zugegangen, gehört jene der kathol. Preffe Deutschlands, deren Vertreter — der einzige Ausländer, deffen Stimme in jener erlauchten Versammlung ertönte — mit einmütigem Beifall und warmen Freudenbezeu­gungen begrüßt wurde. Die überaus werthvolle Gabe, welche durch ihn dem spanischen Katholiken«Kongreß im Namen der katholischen deutschen Preffe überreicht wurde, ist desgleichen vom Kongreß in Hochachtung und Liebe entgegengenommen worden als Sinnbild der Einigkeit und Herzens-Uebereinstimmung, die unter allen treuen, wo immer auf dem Erdenrund zerstreuten Söhnen der (Kirche herrscht — ein Bund, der von heute ab noch inniger sich gestalten wird zwischen den Katholiken Spaniens und dm deutschen Katholikm, welche stets durch ihre standhafte, thatkräftige und geschickte Vertheidigung der katholischen Sache sich ausgezeichnet haben und gegenwärtig noch aus­zeichnen, und deren Kämpfe und Mühen durch einen so ruhmvollen Triumph gekrönt worden sind. Der erste Re­dakteur der.Cruz', religiöse Rundschau Spaniens, und Vertreter der katholischen spanischen Presse, entbietet sei­nen deutschen Brüdem in Begeisterung, Liebe und Dank­barkeit herzlichen Gruß und übersendet ihnen als schwaches Zeichen seiner Hochachtung und Zuneigung einige Exem­plare seiner Werke mit der Bitte, dieselben entgegenneh- men zu wollen — indeß er zu Gott fleht, es möge immer enget und enget sich knüpfen das Band bet Einheit und des gemeinschaftlichen Wirkens zwischen den Katholiken Deutschlands, Spaniens und aller der Völker, welche- Dank der Barmherzigkeit Gottes, durch das Band des Glaubms und der Liebe mit dem Statthalter Christi, dem sichtbaren Oberhaupt« der Kirche, vereint sind. Madrid, 11. Mai 1889. Leon Carbonero y Sol, Direktor de la Cruz."______________

beliebt, denn man unterhalt fich dort in zwang­los heiterer Weise. Auch heute hatten fich die Anwesenden in verschiedene Gruppen zusammen gefunden; die Damen saßen scherzend und plaudernd um kleine runde Tische, welche von hohen und dichten Pflanzen umstellt, gar anziehende, lauschige Plätzchen bildeten. Einzelne Herrn standen mit ihren Theelaffen in der Hand etwa» stdifer umher, während andere durch die glänzend erleuchtete Zemmerreihe piomenirtcn oder an besonderen Spiel­tischen Plotz genommen hatten.

Der spät angekommene Gast wurde von der liebenswürdigtn Wittwe auf das Herzlichste begrüßt. Sie war eine geistreiche, noch immer schöne Dame, welche den Umgang mit klugen, feingebildeten Männern liebte, aber auch für deren Frauen ein angenehmes, geselliger Hau» zu machen verstand. Für die erste Viertelstunde nahm fie den jungen Arzt vollständig in Beschlag und schalt ihn ht der artigsten Weise aus, daß er mit feiner schönen, eleeanten Frau so lange dem Kreise fern geblieben fei? Dann nannte fie eine beträchtliche Anzahl ihrer Bekannten mit tzochklingenden Namen, denen sie die reizende Frau v. Wenden unbedingt vorstellen wolle, entwarf Pläne zu Abendunterhaltungen und allerlei Wintervergnügen, an welchen Theil