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1889

Mittwoch, den 22. Mai.

N H7

Leitung

FiiILikr

ein

♦ König Umberto von Italien

wellt seit heute (Dienstag) Morgen in den Mauern der Reichshauptstadt. Außer der von der Stadt besorgten Dekoration haben auch die Häuser der sogenannten via triumphalis geflaggt und sonstigen Schmuck angelegt. Gegen 9 Uhr zog da» zum Empfange de» König» kommandirte Militär nach dem Pariser und Arkanischen Platz. Die Studiren- den der königlichen Hochschulen fuhren in vollem Wich» nach den Linden, um ihre Aufstellung zu nehmen. Eine Ehrenkompagnie der Gardefüfiliere mit Regimentrmusik hatte auf dem Anhalter Bahn­hof Ausstellung genommen. Eine große Anzahl von Truppen war auf dem Pariser Platz postirt. Dieselben ordneten sich zu einem die ganze Straße Unter den Linden hinziehcnden Spalier. Gegen 10 Uhr Vormittags vernahm man Hurrah- und Hochrufe; der Kaiser, Prinz Heinrich mit Gefolge fuhren zur Abholung ihre» Gastes nach dem An­halter Bahnhof. Wenige Minuten nach lO1^ Uhr fuhr der königliche Hofzug in die Bahnhofshalle ein. Der Kaiser schritt dem König Umberto ent­gegen, umarmte und küßte ihn. Dasselbe that der Kaiser bei Begrüßung des italienischen Kronprinzen. Nach kurzem Aufenthalt in dem festlich geschmückten Königszimmer des Bahnhofes wurden die Wagen bestiegen. In dem ersten hatte der Kaiser mit dem Könige von Italien Platz genommen. Im zweiten saß Prinz Heinrich neben dem Kronprinzen von Italien. In den folgenden Wagen saß die Generalität und das gesammte Gefolge des Königs von Italien. Das Publikum empfing die Wagen mit Hoch­rufen, während die aufgestellten Militärkapellen den llalienifchen Königsmarfch spielten. Dem Zuge voran sprengten eine Anzahl Schutzleute. Diesen folgten eine halbe Ercadron des Garde-Kürasster- Regimentr. Die andere halbe Eskadron desselben Regiment» ritt hinter den königlichen Wagen. Sobald die Spitze de» Zuges das Brandenburger Thor erreicht hatte, begann die Leib-Batterie des ersten Garde-Feldartillerie-Regiments, welche im Lustgarten aufgefahren war, 101 Salutschüsse ab­zufeuern. Das spalierbildende Militär präsentirte, und rief drei Mal bataillonsweise Hurrah, während die Musik eines jeden Truppentheil« den italieni- schen Königsmarsch spielte. Auf der Rampe de» königlichen Schlosses war eine Kompagnie des zweiten Garde-Regiments z. F. mit Fahne und Regimentrmusik als Ehrenwache aufgestellt. Die­selbe hatte bei der Einfahrt in das Portal II die

und Volkes selbst. Alles, was in Italien revo­lutionär ist und an dem Königsthrone rüttelt, kann sich auf die Vergewaltigung des Papstes durch das Königthum berufen. Rur eine die tau­sendjährigen Rechte der heiligen Stuhles achtende Versöhnung kann den italienischen Revolutio­nären die Waffe au» den Händen winden. Auch erkennen es die erleuchtetsten Politiker und besten Patrioten Italiens selbst an, daß die ungelöste römische Frage der Krebsschaden ist, an dem Ita­lien zu Grunde gehen muß. Auch da« eigene In­teresse ruft dem König Umberto die Mahnung zu: „redde quod debes“.

ihr die Zeit der Wartens verkürzte. Ost aber hielt sie im Lesen inne und ließ ihre Gedankrn zurück­schweifen zu der E.zählung ihre« Manne« und zu ihren eigenen Bekümmernissen, die ihr jetzt um so viel unwesentlicher erschienen, al» am Nachmittage. Wie wenig braucht es doch, um einem nieder­gedrückten Gemüthe neuen Muth einzuflößrn! Oft thut's ein herzliche» Wort oder ein an sich unbe­deutendes Ereigniß, welche wie ein warmer Sonnen­blick in die Alltäglichkeit unsere« Lebens hinein­fallen und die erschlafften Lebensgeister erfrischen. — So ging es Elma; sie fühlte sich leichter und dachte, ihr heiße« Verlangen nach einer Verän­derung müsse wohl erhört und diese schon einge­treten sein, und dennoch stand ihr der Wechsel erst bevor.

Richt lange nachher kehrte der Doktor von seinem täten Ausgange zurück. Es war ihm lieb, seine

Als er gegangen, rückte die junge Frau Tischchen an das Kamin und schnitt die Blätter eine« neuen Bande« auf, dessen fesselnder Inhalt

x fron; non Wenden.

Novelle von Marga Brechten. (20. Fortsetzung.)

Honneurs zu machen, während die Musik auch dort den llalienifchen Königsmarfch intonirte. Rach wenigen Minuten war der Zug an'« Schloß ge­langt, wo die Kaiserin, von den Prinzessinnen und ihren Damen umgeben, ihre Gäste erwartete.

König Umberto erwidert al» erster von den ausländischen Herrschern den vorjährigen Besuch Kaiser Wilhelm«. Der italienische Monarch kommt al» Verbündeter de» deutschen Kaisers nach Deutsch- land. Als verbündetem Herrscher zollen wir ihm, sagt die .Germania', den Respekt, auf den jeder Gast des Kaisers Anspruch hat. Aber König Umberto ist zugleich der Sohn und Erbe jenes Rö Galantuomo, welcher die Stadt der Päpste durch die Bresche an der Porta Pia an sich riß, dem heiligen Vater seinen letzten territorialen Be- fitz raubte und den Papst, ohne die nöthigen Ga- rantten für seine Unabhängigkeit, auf den Vatikan beschränkte. Viktor Emanuels Sohn hat auch nicht nur durch feinen Regierungsantritt, sondern auch durch mehr al» eine persönliche öffentliche Er­klärung bekundet, daß er nicht daran denkt, da« dem Papste zugefügte Unrecht zu fühnen. Gleich seinem Vater hat König Umberto mehr al» ein- mal die Worte wiederholt: „Ci stiamo e ci resteremo“. (In Rom sind und bleiben wir.) Rom, die Stadt der Päpste, hat er al» „intangibile“, al» ewige» Erbtbeil der Revolution erklärt. — Diese doppelte Eigenschaft König Umberto» ruft im katholischen Deutschland auch sehr gemischte Gefühle bei dem Besuche hervor. Die Bundesge- nossenschaft Italien» ist etwas Zufälliges und kann etwa» Vorübergehendes sein; für immer aber hat Umberto, zumal seit er von dem Erzrevolutionär Crirpi berathm wird, dem Papste Rom vorzu­enthalten sich verpflichtet. Diese Stellung Umber­tos zu dem heiligen Vater muß daher für die Haltung der Katholiken Deutschlands gegen ihn entscheidend sein. Ein treues Kind schmeichelt nicht dem Bedränger seines Vater». Legen sich au» anderen Gründen Rücksichten nahe, so thnt er am Besten, sich zurück zu halten. Da» geziemt auch den Katholiken Deutschland». Eine andere Haltung kann man von ihnen nicht erwarten. Sym­pathien kann Italien von den deutschen Katholiken erst an jenem Tage sich verspreche«, wo er da» begangene Unrecht am hl. Stuhl sühnt. In dieser Beziehung find sämmtliche deutsche Katholiken, vielleicht mit ein­ziger Ausnahme der Handvoll Staatskatholiken, einig. Diese Sühne liegt aber auch nicht nur im Jnter- ksse der Kirche, sondern de» italienischen König»

Gattin noch aufzufinden, und er beeilte sich, ihr eine angenehme Nachricht mitzutheilen.

„Hast Du eine Dame Namens Dora Erdmann gekannt?" fragte er.

„Gewiß," bestätigte diese. „Ich war in Karls­ruhe mit zwei jungen Mädchen J-nny und Dora Erdmann zusammen in Penfion."

„So höre", begann ihr Mann. „Professor Heimbach, bei mich zu seinem erkrankten Söhnchen rufen ließ, war mit dem jüngeren Fräulein Erd­mann verheirathet. Seit deren Tode führt ihm die ältere der beiden Schwestern die Haushaltung. Diese, eine sehr lebhafte Dame, begrüßte mich fast wie einen Bekannten, und kaum hatte ich nach meinem kleinen Kranken gesehen und meine Anord­nungen getroffen, al« sie mir mit großer Zungen­fertigkeit erzählte und hinzufügte, sie fei eine Ju­gendfreundin von Dir und hoffe Dir in den nächsten Tagen einen Besuch machen zu können. Ihr Schwager habe vor etwa einer Woche dem Rufe an da« St. Institut Folge geleistet und sie freue sich unendlich, Dich wieder zu sehen. Da« war so ungefähr der Jnhatt des wellläusigen Berichtes."

Elma lachte. „Ja, sie war immer ein munteres, beständig plaudernde« Dämchen, die kleine Dora,

Lettisches Reich.

Berlin, 21. Mai.

* Die Annahme des Altersverfichernngs- Gesetzes gilt nach dem letzten Eingreifen des Reichskanzlers für so sicher, daß heute über den § 1 auch nicht einmal namentlich abgestimmt wurde. Die Majorität wird größer sein, als man früher erwartet; der Schluß der Reichstagsseffion dürste in spätesten« acht Tage erfolaen. Am Donnerstag soll der bereits erwähnte Nachtrags» etat eingehen.

• Die für heute anberaumte Sitzung der Samoa-Konferenz ist au« äußeren Gründen auf morgen verschoben worden.

» Gestern Abend haben 7000 Maurer be­schlossen, von heute ab die Arbeit einzustellen.

* Der Reichstag erklärte die Wahl des Abg. Hennederg mit 138 gegen 132 Stimmen für gül­tig und begann dann die Spezialberathung der dritten Lesung des Javaliditäts- und Ältersver- ficherungsgesetze«. § 1 wurde in einer etwas ver­änderten Fassung, aber unter Ablehnung eines Antrags Witte aus Streichung der VerstcherungS- pflicht der HandlungSgehülsen und -Lehrlinge aus dem Gesetz, angenommen. Zu § 3 sand ein An­trag Buhl Annahme, wonach auch diejenigen von der VersicherungSpflcht ausgeschlossen sein sollen, welche wegen körperlicher oder geistiger Gebrechen nicht noch ein Drittel der ortsüblichen Tagelohns verdienen. Ein gu § 4 vorliegendes Amendement Bohtz: auch für Arbeiter solcher Betriebsunter, nehmen, welche einer Berufsgenossenschast ange­hören, besondere Kassen zuzulassen, wurde abge­lehnt, desgl. ein Antrag auf Zulassung der Jn- nungskaffen zur Alters- und Jnvalidttätsverficher- ung. Zu § 5 wird ein Amendement Franckenstein aber klug und herzensgut. Ich freue mich wirk­lich auf ihr kommen. Wie gefiel Dir denn der Hausherr?" , ' _

Für meinen Gefchrnack besser als die Dame , sagte Wenden. „Der Professor scheint ein stilln, aber sehr feiner, geistreicher Mann zu fein. Er drückte feinen Wunfch, daß unsere Familien in näheren Verkehr mit einander treten möchten, in einer so liebenswürdigen Weise aus, daß ich dre Hoffnung aussprach, ihn Di: bald vorstellen zu können. Und ich kann Dir gar nicht sagen, wie innig mich die Aussicht auf diesen Umgang um Deinetwillen freut", fügte er bet, indem errhr zärtlich über ihr blonde» Haar strich. „Diese Leute sind hier fremd und werden sich freuen, sich an eine ihnen halb bekannte Familie anfchließen zu können. Beide scheinen zwei einfache, vernünf­tige Naturen zu fein, in deren Verkehr wir die Befchränkthell unfere» Haushalt» kaum empfinden werden."

„Da« glaube ich auch", erwiderte die junge Frau, während ihr holde» Gesicht vor freudiger Erregung belebt wurde. „Ich danke Dir, Franz, daß Du mir zu liebe freundlich und zuvorkommend gegen die Briden wast, und auch dafür, daß Du

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