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1889

Dienstag, dm 21. Mai.

M 116.

Leitung

FillLilkr

früheren parlamentarischen Frühschoppen, eine Musikkapelle aufgestellt war. - Der Beginn der Plenarsitzung rief gegen 1 Uhr einen großen Thell der Gäste in den Reichstag, nachdem sie vorher in liebenswürdigster Weise vom Fürsten vsrab-

werde.

• Der Verein für die bergbaulichen Jnteresien in Zwickau beschloß, auf die Forderung einer achtstündigen Schichtzeit einschließlich der Ein- und Ausfahrt nicht einzugehen, doch wollen die einzel* nen Werke mit ihren Belegschaften über eine an­derweitige Festsetzung der Schichtzeit in Verhand­lung treten. Ferner sind einzelne Werke bereit, eine ihren Verhältniffen entsprechende Erhöhung der festen Schichtlohnsätze eintreten zu lassen. Ueber- schichten sollen auf da» thunlichste Maß beschrankt bleiben. Seitens bet Behörden sind in Folge der Ausschreitungen, welche gegen fortarbeitende Berg­leute vorgekommen sind, öffentlich Verwarnungen erlaffen worden. — Der am Sonntag in Kat- kowitz abgehaltene G-wrrk»tag hat den strikenden Bergarbeitern Oberschlefiens eine Lohnerhöhung doiTiO—15°/0 zugebilligt, dagegen eine nur acht­stündige. Schichtdauer für Oberschlesien als un­möglich erklärt. ..

• Im Waldenburger Kohlenrevier ist die Arbeit vielfach wieder ausgenommen worden. Auch der schlesische Strike dürfte bald beendet sein.

* Münster, 20. Mai. Das Militär kehrt aus dem rheinisch-westsälischen Kohlenbezirk diese Woche in seine Garnisonen zurück.

* In der am Sonntag zu Bochum abge-

lischen Lehrschwestern. Schließlich fordert er die Bischöfe auf, in Einigkeit mit dem katholischen Volke an den Forderungen festzuhalten, deren Er­füllung die beste Stütze für Krone und Land sein

See herüber, sie kamen näher und näher, rasche Schritte folgten, und dann trat ein Mann von fremdartigem, interessantem Aussehen vor da» zu ebener Erde liegende Fenster. — Er schaute hinein — dann schrie er plötzlich aus: „Gisela I meine

Sein breiter Sti ohhut fiel zur Erde und seine starken Arme mrfingen die Mutter, welche sich mit einem freudigen Aufschrei wett über die Brüstung lehnend an die breite Brust de» Manne» schmiegte. , , .

E» war nur ein Augenblick gewesen, aber drüben am Ausgange de« Parke» stand mein Vater mit weit aufgeriffemn Augen und todtbleichem Gesichte, er starrte nach der Szene am Fenster, - dann wandte er sich um und stürzte in den Wald zurück. Die Mutter schickt nach ihm: bi« spät n die Nacht suchten die Knechte vergeben«. Ein starker Regen begann, da endlich fanden sie ihn erstarrt und durchnäßt auf einem umgestürzten Baumstamm fitzend. Zum Tode ermattet, kehrte er nach Hause zurück, wo ihn die Mutter mit ihrer alten treuen Liebe auf da« Sorgfältigste pflegte. — Wie im Traum hörte er die Nachricht, daß ihr längst verschollen geglaubter Bruder den Weg in die Heimath zurückgefunden habe und am

schiedet worden waren.

• Die Affaire Wohlgemuth nimmt doch einen anderen Ausgang, als die Offiziösen erwartet haben. Der Polizeiinspektor Wohlgemuth dürfte in Kurzem von seinem jetzigen Posten abberufen und nach einem anderen, minder exponirtm Lande,thell versetzt werden. Tie Art und Weise, wie er seine Korrespondenz mit Lutz geführt hat, soll selbst in R gterungskreisen Mißfallen erregt haken. Damit dürfte dann auch die „Aktion gegen die Schweiz, welche die .Nordd. Allg. Ztg. angekündigt hatte, im Sande verlaufen.

• Der Reichstag setzte die dritte Berathung de« Invalidität-- und Alterrverficherungsgesitzes fort. Abg. v. Helldorff (kons.) befürwortete die Vorlage, die mit zur Neberwindung der Ausläufer der ftanzöfischen Revolution beitragen werde. Abg. Bebel erklärte, die Sozialdemokraten stimmten gegen da« Gesetz, weil e« ihnen nicht weit genug gehe. Erregung der Unzufriedenheit sei kein Vorwurf, denn die ganze Entwickelung der Menschheit be­ruhe auf Unzufriedenheit. Abg. Dr.Miquell (nl.) trat dagegen für die Vorlage ein, welche den Ar- beitem eine Wohlthat verschaffe; völlig befriedigen könne man allerdings Niemand. Abg. Dr. Wmdt- WM “»ESS I Ää

~unb bekämen zu wenig. Nachdem nach Fürst Helot- Drachenberg (Reichrp.) für und Abg. Rickert (frs.) gegen das Gesetz gesprochen, wurde die Gc- ueraldebatte geschloffen. Morgen wird in die

Deutsches Reich.

Berlin, 20. Mai.

* Der Einladung zum Frühstück, welche der Reichrkanzler Fürst v. Birmarck zu heute Vor- mittag 11 Uhr hatte ergeben lasten, waren die Mitglieder des Bundesrathe« sowie die Reichs- tagsabgeordneten in großer Zahl gefolgt. Die preußischen Minister, unter ihnen Herr v. Scholz, waren sämmtlich, und zwar ebenso wie mehrere Bundesbe vollw ächtigte und Gesandte in Begleitung ihrer Damen erschienen. Fürst Bismarck sah frisch und wohl aus und hatte an der Tafel zur Rech- ten de« Präsidenten v. Levetzow, während an der linken Seite Abgeordneter Dr. Windthorst Platz genommen hatte. Gegenüber dem Fürsten saß Abgeordneter Dr.Hammacher, welcher über den Strike der Bergarbeiter und die Arbeiterver- hältniste Westfalens überhaupt berichtete und bei dieser Gelegenheit Veranlastunz nahm, dem H-rrn Reichskanzler für seine erfolgreichen Bemühungen zur Beilegung der Arbeitseinstellung seinen Dank zu sagen. Unter den Parlamentariern waren die Konservativen, die Reichrpartei und die National- liberalen besonder» stark vertreten, wie die Herren v. Kleist-Retzow, Hahn, v. Manteuffel, v. Frege, v. Friesen, v. Heydebrand, Graf Kleist-Schmenzin, ferner Freiherr v. Unruhe-Bomst, Dr. Leufchner, Baumbach-Altenburg, Gamp, v. Kardoiff, sowie die Abgg. v. Bennigsen, v. Marquardsen, Oechel- Häuser, Dr. Götz, Dr. Kruse, Fieser, Miquel, Dr. Tröndiin, Geibel. Vom Zentrum waren außer Windthorst, wie wir der .Germania' entnehmen, u. A. die Abgg. Mcoren, v. Heeremann, Fihr. v. Huene, Frhr. v. Wendt und Borowski anwesend. Zur Gesellschaft gehörten auch Graf Moltke, Kon- sul Weber und Prof, stör Siwenninger. Von den Freisinnigen war nur Abgeordneter Loren­zen erschienen, mit ihm der „Däne" Johann­sen. Die Unterhaltung war eine sehr animtrte, doch wurde kein eigentlich politische» Thema be­handelt. Der Fürst bewegte sich später, begleitet von zwei Doggen, zwanglos unter seinen Gästen. Es wurden nur kalte Speisen aufgetragen und dazu ein schwere«, wie un» berichtet wird, Hol- steiner Bier gereicht, später nach Belieben Wein ober Sekt genommen. Nach Aufhebung bet Tafel promenirte ein großer Thell ber Gäste bei einer Zigarre im Garten, wo d'ermal nicht, wie bei

x franz «an Wenden.

Novelle von Marga Brecht«».

(19. Fortsetzung.)

X.

„Meine Erinnerungen reichen ungefähr bi« in mein vierte« Jahr zurück. Wir bewohnten bamal« noch unseren alten Stammsitz in einer ber schönsten Gegenben Westfalen«. E» war bk« ein burgartige« Gedäube, welche» sich burch mehrere Geschlechter der Familie vererbt hatte und nach ihr den Namen „Wendenhos" führte. Seine Lage wat eine äußerst romantische ; an der einen Seite von einem klaren Parke umgeben, an den sich ein dichter Fichtenwald schloß. Nach rückwält« lagen die Wirthschastrgelänbe.

Mein- Batet, eine echte Hünengestalt, war mild und freundlich, aber eigentlich ein sehr ernster Mann, vor dem ich immer einige Scheu empfand. Er hieß auch Erwin Franz, aber die Mutter nannte ihn immer nur mit dem ersten Namen." —

„Es ist die» auch ein sehr schöner Name, und dennoch willst Du chn nicht von mir hören", unterbrach in die junge Frau.

Eine leichte Falte entstand zwischen fe tten Braunen: „Nenne mich nie so, Geliebte, nie!

strikenden Belegschaften der Zechen d.» Oberberg, amtsbezirk» Dortmund wurde nach langer Beraty- ung beschlossen, daß die Arbeit im gejammten Bezirk am Dienstag wieder aufzunehmen sei. Da­gegen sprachen nur einige Redner au« dem G el f en« kirchener Revier. — Der Ausstand der Gruben­arbeiter im Wurmrevier zieht sich dagegen wegen der großen D fferenz zwischen den Forde« rungen ber Strikenben unb ben Zugeständnissen ber Vereinigungsgesellschast in bie Länge. Der Regierungspräsident und der Landrath sind be­müht, eine Einigung herbeizuführen. Bei der Grube „Bcccart" ist dir Gendarmerie ver- stärkt worden, da zwischen deutschen und hollän­dischen Bergleuten Reibungen vorgekommen waren.

* München, 20. Mai. In einem der verstör- denen Königin-Mutter Marie gewidmeten Nach-

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Spezialberathung eingetreten.

♦ Wie die .Köln. Vlkrztg.' erfährt, erließ der Papst untern 29. April ein Memorandum an die bayerischen Bischöfe, worin er den höflichen Ton der Lutzschen Antwort anerkennt, ober be­dauert, daß die meisten und allerwichtigsten Forde- rungen der Bischöfe abgelehnt werden unb daß die Antwort de» Kultusminister» vielfach den Lehren der katholischen Kirche widerstreite. Der Papst hält sest an dem Konkordat, welche« durch da« Religionsedikt gebrochen sei, und bedauert bie Auf­rechterhaltung der Orden«au«weisung, sowie bie Nichtausbehnung ber Vergünstigung auf bie kathc- sprach ber Doktor und fuhr sich mit ber Hand über die Stirne, al« wollte er dort einen unan­genehmen Gedanken verscheuchen. Dann fuhr er fort:

„Die Mutter war eine schöne, stattliche Dame. Ich sehe sie noch klar vor mir, wie sie in der tiefen Fensternische saß, an welcher sich außen eire Fülle von blauen Syringen empor wand. Sie saß meisten« dort, mit ihrem kostbaren kleinen Spinnrad, da» so behaglich surrte, während ihr Blick zuweilen über den See hinaus flog.

Soviel mir bekannt, lebten meine Eltern sehr glücklich mit einander, der Vater liebte die Mutter mit leidenschaftlicher Hingebung, aber er war viel älter al« st-. Später erfuhr ich, daß unbegrenzte Eifersucht ein Hauptzug seine» Charakter» war: schon au» diesem Grunde mußte die Abgeschieden­heit unsere» Landsitze» eine Wohlthat für ihn sein.

Ich mochte ungefähr zehn Jahre zählen, da trat da« Ereigniß ein, von dem ich vorhin sprach. E» war ein kühler Herbstabend wie heute. Der Vater hatte nach verschiedenen Arbeiten im Park ft ben wollen und war den ganzen Nachmittag fern geblieben. Die Mutter saß «m offenen Fenster und erzählte mir eine« ihrer lieben Märchen. Da drangen auf einmal leise Ruderschläge vom