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JV 115. Montag, den 20. Mai. 1889

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Deutsches Reich.

Berlin, 18. Mai.

* Am 18. Mai 1888, heute vor einem Jahre, führte der damalige Kronprinz Wilhelm dem hoch­seligen Kaiser Friedrich in Charlottenburg die zweite Garde-Jnfanteriebrigade vor. Kaiser Friedrich war tief bewegt und gab seinen Gefüh­len durch die von ihm auf einen Zettel nieder­geschrieben Worte Ausdruck: „So sehe ich denn zum ersten Male die Truppen, die ich . jetzt die Meinen nenne." DerAuftrÜt machte in seiner stillen ernsten Feierlichkeit einen unend­lich ergreifenden Eindruck, »der sich nachempfinden aber nicht beschreiben läßt. In Erinnerung an jenen einzigen Moment hat sich, so berichtet die »Norddeutsche', der Kaiser heute nach Charlotten­burg begeben und auf eine monumentale Vase, die an der Stelle steht, wo der hochselige Kaiser Friedrich damals in seinem Wagen hielt, einen Kranz niedergelegt.

• Die Samoakonferenz hat sich gestern über die zukünftige Gestaltung der Regierung auf Samoa verständigt. Die letzte Sitzung der Kon­ferenz soll am Dienstag stattfinden.

* Der Reichstag setzte die dritte Berathung des Jnvaliditäts- und Altersverstcherungsgefetzes fort. Abg. Gebhardt (nl) trat den gegen die Vor­lage geäußerten Bedenken entgegen. Man müffe um des großen Zieles willen die groß m Schwierig­keiten entschlossen überwinden, welche die Erreich­ung deffelben knete. Abgg. Frhr. Langwsrth von Simmern (Welfe) und v. Staudy (konf.) plaidirten für Verwerfung des Gesetzes, während Freiherr v. Weüdt (Centrum) und v. Kardorff (Rp.) die Annahme deffelben befürworteten, ohne die gegen die Vorlage sprechenden Bedenken zu unterschätzen. Frhr. v. Wendt trat gleichzeitig für eine Beschränk­ung der Freizügigkeit, v. Kardorff für die Doppel­währung als Mittel zur Verbeffsrung der sozialen Lage ein. Staatssekretär v. Bötticher wies dem Abg. v. Staudy gegenüber darauf hin, daß die Landwirthschaft durch die von diesem geforderte Einheitsrente noch schwerer belastet würde als durch die Lohnklaffen. Reichskanzler Fürst Bismarck klagte über Zerrissenheit der konservativen Partei und Terrorismus der Freisinnigen. Nach seinen Erfahrungen werde das Gesetz gerade die Grund­besitzer entlasten, denn diese seien er, die heute die

x frans vou Wenden.

Novelle von Marga Brechten.

(IS. Fortsetzung.)

So kam es, daß sie immer trüber und schwer- müthiger wurde und mit einer fast krankhaften Sehnsucht eine Veränderung ihrer Lage herbei- wünschte. „Wenn nur ein Wechsel in diese stete Gleichförmigkeit eintreten möchte 1" seufzte sie fort, ob zum Guten oder Schlimmen, das bedachte sie damals nicht. Auch j tzt hatte sich dieses thörichte Verlangen ihrer Seele wieder bemächtigt; sie hob den Kopf und versuchte te.i dichten Nebel draußen zu durchdringen. Er war unmöglich, denn ein feiner Sprühregen rieselte hernieder. Im Zimmer war es inzwischen vollends dunkel geworden: da» Feuer im Kamin glimmte nur schwach. Elma sprang auf; um diese Zeit pflegte ihr Gatte von seinen Krankenbesuchen zurückzukehren, und ste hatte «och Nichts für ihn bereit.

Richtig, draußen erklangen schon Schritte, ste hätte, wie er den feuchten Urberrock im Vorplatze ablegte, und sah ihn nun von der dar Licht tra­genden Truda gefolgt eintreten. Al» feine hohe Gestalt in d-m Thürrahmen erschien, da kam e» Hnia vor, al» trüge sein Gesicht da» Gepräge

Invaliden erhalten. Er habe nur da» Wort ge­nommen, um den Gegnern da» Argument zu nehmen, al» hätte er durch fein Schweigen Gleich­giltigkeit dokumentirt. Dr. Bamberger (frf.) pole- mistrte gegen die Ausführungen des Reichskanzler«. Der dem Gesetze zu Grunde liegende Gedanke einer sozialen Monarchie sei ein falscher. Weiter- berathung Montag. — Da» heutige Eingreifen de» Reichskanzler» in die Debatte Über die Invalidität»- und Altersversicherung beweist wie kaum ein früherer Fall, daß Fürst Bismarck eine ruhige Behandlung nicht gut verträgt und nicht sprechen kann, ohne Ausfälle gegen feine politischen Gegner zu machen. Wenn je die Berathung eines Gesetzes ruhig und sachlich und ohne die Hervor­kehrung partei-politischer Gegensätze geführt worden ist, so war dies der Fall in der nun schon Monate andauernden Berathung dieses Gesetzes. Erst heute ist in dem Augenblicke, wo Fürst Bismarck auf­trat, ein feindseliger Ton in die Debatte ge­tragen worden, und Männer, die seit Wochen mit Ernst und Würde, mit einem Eifer, der selbst den Gegnern Achtung abgewann, die Berathung des Gesetzes gefördett haben, mußten au» dem Munde des Reichrkanzler» die schwersten Angriffe Über sich ergehen lassen. Alle Patteien sind von diesem Auftreten des Reichskanzlers peinlich berührt. Kein Wort des Widerspruchs ertönte, als Bam­berger dies vor dem ganzen Haufe tonftatirte und erstaunt — um kein härteres Wort zu gebrauchen — fragt man sich, wozu die Scene nothwendig gewesen ist. Die Majorität für das Gesetz gilt für gesichert. Um das kleine Häuflein der diffi­denten Konservativen zu gewinnen, hätte der Reichs­kanzler zu so bedauerlichen Mitteln nicht zu grei­fen brauchen. Wir find gespannt, sagt die ,Frkf. Ztg.', wer von den heute wieder zu Reichsfeinden gestempelten Parteien am Montag den Frühschoppen des Reichskanzler» beehren wird, der feinen poli­tischen Gegnern unmotivirt die Verachtung persön­licher Feindschaft entgegenträgt.

• Dem Reichstage ist der Gesetzentwurf betr. Abänderung des § 4 de» Reichsstrafgesetz- buch» zugegangen. — Der Entwurf will die Neuerung einführen, daß ein Deutscher oder ein Ausländer, welcher im Auslande gegen einen Deutschen eine nach den Gesetzen des deutschen Reiches als Verbrechen oder Vergehen strafbare Handlung begeht, ferner ein Deutscher, welcher

eines unverstandenen Kummer; vielleicht war es auch nur da» noch im Zimmer herrschende Halb­dunkel, welches dasselbe bleicher erscheinen ließ, al» sonst. Sie stand noch immer am Karnin, und er hatte sie nicht gleich bemerkt, aber jener Ausdruck stillen Leidens rührte sie tief und machte sie ihren selbstsüchtigen Gram vergessen. Herzlicher als feit langer Zeit begrüßte Elma den Mann, an welchem sie im Grunde ihrer Seele mit der alten Innig­keit hing. Er blickte überrascht auf sie nieder, während ein Zug freudiger Erleichterung über fein Gesicht glitt.

Truda brachte ein Packet, da» der Postbote so­eben in der Küche für die Herrschaft abgegeben, und ordnete bann den Tesch. Er enthielt eine Sendung neu erschienenerBücher inenglischerSprache, welche Tante Ellen von London aus schickte, und war von einem lieben Briese begleitet. Sie thellte ihrer Nichte darin mit, daß ein vorübergehende» Unwohlsein ihr Schreiben verzögert, sie hoffe jedoch im künftigen Sommer eine Reise zu ihnen nach Deuschland unternehmen zu können.

Diese Nachricht erfreute Elma ungemein. Sie faltete die kleinen Hände und dachte mit dem Ge­fühle tiefer Beschämung an die kleinmüthige Ver­zagtheit. Da hatte ja der liebe Gott schon eine

im Auslande eine landesverrätherische Handlung gegen da» deutsche Reich ober einen Bundesstaat begangen hat, verfolgt werden kann.

* Eine Petition größerer Zeitungen, welche für ihre Telegramme und telephonischen Nachrichten den Schutz des Urheberrechts gegen Nachdruck verlangten, ist laut der ,Frkf. Ztg.' heute von der Petittonskommission de« Reichstage« einstimmig al« ungeeignet zur Erörterung im Plenum erklärt worden.

* Au« dem Strikerevier, 17. Mai. Am heutigen Nachmittage haben die nach Berlin gesandten Ar beiter-Delegirten zu den Arbeitern gesprochen und Bericht erstattet, und zwar Schröder und Bunte in Dortmund, Siegel in Dorstfeld. In den Versammlungen waren zusammen 7000 Menschen anwesend, sie nahmen einstimmig die in Berlin vereinbarten bekannten Bedingungen an. Einstimmig beschloß man ferner, die Arbeit sofort aufzunehmen, wenn die morgen hier stattfindende Versammlung de« Verein« für die bergbaulichen Interessen die aufgestellten Bedingungen genehmigen werde. Sollte aber ein Punkt abgelehnt werden, (man befürchtet da« bezügliche« bes auf den Zechen zu bildenden Arbeiterausschusses (§ 4), den Herr Bergassessor Ärabier bekämpft) so soll es dem einzelnen Arbeiter überlassen werden, ob er die Arbeit aufnehmen will ober nicht. Das Beste bürste es unbebingt fein, wenn die Versammlung ben sämmtlichen Punkten, bie ja in Gemeinschaft mit dem erfahrenen Vorsitzenden bes Verein» Herrn Dr. Harnmacher vereinbart sinb, zustimmte. Der Friede wäre bann mit einem Schlage her­gestellt. Allerbings scheint bie Stimmung unter einem erheblichen Theile ber Sinkenden dahin zu gehen, die Arbeit auch aufzunehmen, fall« jener Paragraph abgelehnt werden sollte; sind doch schon auf einer großen Anzahl Zechen Bergleute angefahren; auf Königsborn und Courl z. B. heute die ganze Belegschaft, auf Rhein-Elbe 178, auf Alma 120, Erin 100, Margaretha 81, Dorst­feld u. f. w.

* Breslau, 18. Mai. Nach der .Schlef Ztg.' fand in Waldenburg heute Nachmittag eine Ver­sammlung der Vertreter aller Gruben statt. Wie man aus Beuchen meldet, brach dort in den Gruben „Deutschland", „Mathilde" und in „Königs­grube" ein allgemeiner, in der „Kleophasgrube" ein partieller Strike aus. Im Strikegebiet sind

Veränderung angezeigt; wie ftoh und heiter würde es in ihrem kleinen Kreise werden, wenn die liebe Tante bei ihnen wellte! Auch Wenden freute sich, durfte er ja nun hoffen, feine geliebte Frau eine Zeitlang zufriedener und glücklicher zu finden, al« bisher. Wie manchmal hatte er ihre trübe Stim­mung beklagt, ohne derselben jedoch abhelfen zu können, denn wa« ihr fehlte, das vermißte ja auch et 1

An diesem Abend nahmen Beide ihr einfache» Abendbrod unter heiteren Gesprächen ein, und al» Elma später wieder zu ihrer Arbeit griff, da öet- hefte sich ihr Mann nicht wie gewöhnlich in feine Zeitungen, sondern sah aufmerksam zu, wie die fleißigen Finger Sttch auf Stich aneinander reih­ten. Er befühlte den rauhen, aber wurmen Stoff und sagte gedankenvoll:

„Wie gut wird da« dem kleinen Mädchen thun, und dazu hat die Armenbüchse wirklich die Mittel geliefert?" Elma nickte lächelnd. „Ich kaufte ste vor einem Vietteljahr, aber sie füllte sich allmäh­lich mit kleiner Münze, bi» ich sie gestern zerschlug und für den Inhalt die» Kleidungsstück anfchaffte. Ach wie wenig kann ich nun thun gegen früher!"

„Aber die» Wenige hat gewiß mehr Werth al« jene reichen Gaben, die kein Opfer für Dich waren,