Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

J\S 114. Samstag, den 18. Mai. 1889

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 60 Pfennig.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Erstes Blatt.

ö Der Antisklaverei - Kongreß zu Luzern.

Kardinal Lavigerie hat den Kreuzzug gegen die Sklaverei gepredigt und in Europa eine Hoch fluch der öffentlichen Meinung hervorgerufen, welche sich bis nach Amerika erstreckte. Er hält nunmehr die Stunde gekommen, sein Werk auf fester Grund­lage aufzubauen; er berief einen internationalen Kongreß nach Luzern, der die Mitglieder oder wenigstens die Vertreter der einzelnen bereits ge­gründeten Komits's vereinigen soll.

Die christlichen Mächte haben sich, wie bekannt, auf die Anregung Leo'« XIII. hin dahin geeinigt, sich ernstlich mit der Unterdrückung des Sklaven­handels zu beschäftigen. Wohl mag der gute Wille hierzu vorhanden sein, aber es ist zu befürchten, daß man sich in der Gegenwart wie in der Zu­kunft auf ungenügende Maßregeln beschränkt. Man kann die Küsten Afrika'» noch strenger beobachten; aber es ist für die Europäer sehr schwierig, die innere Polizei für den schwarzen Erdtheil zu machen. Schließlich braucht man immer Muselmänner, um die Befehle der europäischen Mächte in Ausfüh­rung zu bringen.

Es ist daher klug gehandelt, wenn man die offizielle Vermittlung durch Privatthätigkeit unter­stützt und stch bestrebt, auf die muselmännischen Beamten einen persönlichen Druck auszuüben. Ja dieser Absicht halber erleuchtete Primas von Afrika so viel als möglich seine ersten Anhänger aus den Kolonien der Levante und aus Tunis rekrutirt, Leute, welche in regen Wechselbeziehungen mit den muselmännischen Autoritäten standen und in der oben angedeuteten Weise auf sie einwirken konnten.

Es kann nicht verhehlt werben, daß in der Tbat bei den Türken die Sklaverei ein gewohnter Zu­stand geworden ist, gleichwie einst bei den Griechen und Römern. Sie werden schließlich aus Furcht vor der Strafe, mit der sie Europa bedroht, den Sclavenhandel verbieten müffen. Ihrer Urber­zeugung nach werden sie jedoch hiermit nur einer Vergewaltigung nachgegeben haben, sie erkennen in der Aufhebung der Sklaverei keineswegs die noth- wendige Schlußfolgerung des höheren Bilbungs- zustandes.

Man muß versuchen, diese ihre Anschauungs­weise zu ändern, um ihre Unterstützung zu dem großartigen Endzwecke zu erhalten. In dieser Rich­tung bemühen sich bereits mit großem Erfolge die Christen der Levante und Nordafrika'«.

Bis in die letzten Zeiten hatte stch leider ein großer Theil der europäischen Ansiedler an der afrikanischen Küste nur zu leicht in die türkischen Anschauungen über Sklaverei hineingelebt. Er war nicht selten in Tunis, Egypten, am Kapland einen Pflanzer oder Kaufmann zu finden, der die­selbe Sprache führte wie ein südamerikanischer Pflanzer vor 30 Jahren. Die Letzteren behaup­teten, die Kultivirung de« Lande« und der Handel könne nur mtt der Arbeitskraft der Schwarzen be­wältigt werden und di-se seien nicht geneigt, zu arbeiten, außer unter dem Zwange der Sklaverei.

Der Kardinal Lavigerie weist m’t Recht darauf hin, daß die Geschichte der Vereinigten Staaten Pordamerika's die Hinfälligkeit und Grundlosigkeit dieser Anschauungen bewiesen hat. Dieselben haben für den Reger in seinem Heimathlande ebenso wenig Geltung.

Die Lage der Umstände und ein riesiger Kampf der Geister mußten zusammenwirken, um in Ame­rika jene Begeisterung des öffentlichen Gewiffens in erzielen, welche die Ausrottung der Sklaverei erzwang.

An diese Begeisterung appellirt der Kongreß von Luzern und er setzt das Wort und die Puffe in Bewegung, um auf die öffentliche Meinung ein­zuwirken und den Sieg zu erringen über die Hin­dernisse, welche sich austhürmen. Bereits haben zahlreiche Versammlungen stattgefunden, zahlreiche Schriften belehren das Volk über die Endziele d.r Bewegung. Die Aktion muß fortgesetzt und ge­nährt werden. Der Feldzug der Puffe, so hat der Kardinal selbst sich geäußert, ist, wenn gut geführt, besser als eine bewaffnete Expedition.

Der Kongreß von Luzern wird die verschiedenen Fragen prüfen; aber bereits jetzt ist es entschieden, daß er schneller und mit glänzenderem Erfolge sein Ziel erreichen wird, wenn er stch der Tager- presse bedient, als wenn er ein eigenes Organ gründet. Man kann über die Frage in den ver­schiedensten Formen schreiben, da» bewies der phänomenale Erfolg von „Onkel Toms Hütte" aus der Feder der Mistreß Beecher-Stowe oder de» fränzösischen Seitenstückes „Marie" von Beau­mont. Dadurch, daß die Tagesjournale ein- oder zweimal wöchentlich über das Unternehmen berichten, wird die O^ffentlichkeit mit dem großartigen Werk- viel besser bekannt al» durch eine Sp-zialzeitung, welche wegen Mangel an Abwechslung'eintönig würde. Volksthümliche Versammlungen sind ebenfalls ein sehr wichtiges Mittel der Agitation, sie treiben die Bewegung vorwärts. So find alle Aussichten vorhanden, daß das ersehnte Ziel erreicht wird Dank dem Eise-? des Kardinals Lavigerie, des edlen Förderer» des von Leo XIII. begründeten Werkes der Sklavenbefreiung.

Ueber die Einzelnheiten de« Kongresses vernimmt der .Moniteur de Rome' Folgendes: Der Große Rath von Luzern hat ein Schreiben an Kardinal Lavigerie gerichtet, worin er in freudiger Beweg­ung herzlichen Dankes feine Bereitwilligkeit aur- drückt, den Kongreß, welchen der erlauchte Prima« von Afrika vom Papste ermuntert einruft, in den Mauern Luzerns aufzunehmen. Der Große Rath stellt dem Kongresse seinen eigenen Sitzungssaal im Regierungsgebäude zur Verfügung.

Der hochwürdigste Herrr Bischof Mermillod von Genf und Lausanne hat bereits die Einladung des Kardinals Lavigerie beantwortet und feine Bereitwilligkeit ausgedrückt, in der St. Johannes- kirche bei der feierlichen Crremonie des „Veni Creatur Spiritus“ am 3. August die E.öffnungS- Ansprache zu halten.

Mehrere berühmte Redner der verschiedenen Länder Europa» wurden eingeladen, in den öffent­lichen Versammlungen zu sprechen. Die Reden werden in drei Sprachen, französisch, italie­nisch und deutsch gehatten. Luzern liegt am Berührungspunkte der Sprachgrenzen dieser drei Zungen.

Im Gegensätze zur Meldung mehrerer Blätter ist e« al« unrichtig zu bezeichnen, daß der Papst einen Vertreter zur Leitung des Kongresses ernannt habe. Wie der Kardinal Lavigerie in seinem Einladungsschreiben ausdrücklich erklärte, wird der Kongreß in seiner ersten Sitzung stch selbst einen Präsidenten wählen.

Derrtfches Reich.

Berlin, 17. Mai.

• Ueber da-Centrum und die gegenwär­tige Lage bringt der Moniteur de Rome' einen Leitartikel, dessen Schluß-Ausführungen wir für mittheilenswerth halten. Rach einer längeren Dar- egung über di« Stellung der Parteien zum Al- terverficherungsgefetz schreibt das vattka- nische Blatt:

„Liberale Zeitungm haben behauptet, daß die zufäl­lige Trennung des Centrums in dieser Frage ein bedeu­tungsvolles Ereigniß sei. Das ist falsch. Weitherzig in ihren Anschauungen und klug in der Taktik hat die katho­lische Partei niemals ein Geheimniß daraus gemacht, daß in ihrem Schoße verschiedene Meinungen über wirthschast- liche Fragen bestehen. Diese Verschiedenheit in der Hal­tung hat sich schon mehr als einmal gezeigt, sie wiederholt sich jetzt, aber die kleine Minorität von Dissidenten nimmt von Tag zu Tag eher ab als zu. Inmitten solcher kleiner innerer Stürme stärkt und vermehrt stch die Disziplin, anstatt sich zu lockern. Diese Art des Verhaltens hat den Ruhm und die Stärke des CentrumS begründet. That- kräftig, klug und disziplinirt mit 'einer geradezu wunder­baren Kunst, selbstlos bis zur Aufopferung der theuersten Neigungen unter di« Interessen der Wähler und der Kirche, entschlossen, niemals auf sein vorwiegendes Programm zu verzichten, wird das. Centrum seine bewunderungswürdige Einheit in guten Tagen wie in den Trübsalen des Kampfes und der Verfolgung aufrechterhalten. Diese Disziplin und diese Harmonie werden noch wachsen mit der Erkenntniß der immer wichtigeren Rolle, welche die Partei auf der politischen Bühne zu spielen bestimmt ist."

* In Betreff eine« „nationaler. Bußtages" er­hält der .Hannov. Courier' folgende sonderbare Zuschrift au» Berlin:

„Daß es immer noch nicht gelungen ist, wenigstens für alle preußischen Provinzen, am liebsten aber für olle Staaten des Deutschen Reiches, einen gemeinsamen Buß- und Bet-Tag einzuführen, ist ein Stück Parti- cularismus, das wirklich nicht der Conservirung werth ist. Wir verstehen wirklich nicht, was man gegen die Festsetz­ung eines einheitlichen Bußtage» mit Grund gelterü» machen kann. Religiöse Bedenklichkeiten können es doch nicht sein, wenn man sonst nur an der überkommenen Sitte, einen Tag im Jahre der Einkehr in sich selbst, der Buße und dem Gebet zu wtbmen, festhält, noch viel' weniger aber die Rücksicht auf anderweitige öffentliche Interessen, die mit den jetzt bestehenden Einrichtungen irgend verbunden wären. Wir wüßten kaum einen Tag, der besser zu einem nationalen Bußtag sich eignete, wie der 9. März, der Todestag des ersten deutschen Kaisers nach der Wiedererstehung des Reiches, der Tag, an welchem die zu fröhlichem Leben wieder erwachte Ger­mania b-8 erste bittere Leiden traf unb sie in banger Sorge um bie Zukunft ihr Haupt trauernd verhüllte. Ein solcher nationaler Bußtag müßte aber auch von allen Konfessionen angenommen werden. Jetzt erleben wir in den alten Provinzen Preußens das einigermaßen be­schämende Schauspiel, daß unsere katholischen Mitbürger zwar auch einen Feiertag heute haben, aber nicht jenen staatlich verordneten, der ernsten Einkehr und Buße ge­widmeten, sondernden Gedächtnißtag irgend eines Heiligen, den die bischöfliche Diözesanbehörde aus Entgegenkommen gegen den Staat auf diesen Tag verlegt hat. Bei einem nationalen Bußtage würden die konfessionellen Unter­schiede, so weit dies thunlich, schwinden, würden alle Bürger des Staates der ernsten Bedeutung deffelben sich bewußt werden müffen."

Schon die Erinnerung an bas Verhalten, welches die katholische Kirche gegenüber dem bisherigen Buß- und Bet-Tag beobachtet hat, könnte den ,Hannov. Courrier' von der Aussichtslosig­keit seines Planes Überzeugen. Die katholische Kirche Preußen« hat bekanntlich auch den tobten Kaiser durch Trauerfeiern geehrt, aber? ihr Fest- Kalender kann nur durch Erwägungen kirchlicher Natur bestimmt werden, und ein „nationale.! Bußtag" ist nun ein Mal für die katholische (allgemeine) Kirche ihrem Wesen nach unzulässig.

* Der Bundesrath hat gestern den Gesetz­entwurf, bekiff. Abänderung de» $ 4 de« Straf» gesitzbuche« (Bestrafung im Auslande begangener Vergehen und Verbrechen) angenommen.

* Der Reichstag ist heute in die dritte Beralhung de« Alters- und Invalidität« versicher- ungsgefitz s eingetreten. Abg. Frhr. v. Manteuffel (konf.) verkannte nicht das Gewicht der hervvrge» lretenen Bedenken, betonte aber, daß dieselben an­gesichts de» großen Ziele», da« angestrebt werde, zurücktreten müßten. Abg. Singer (Soz.) ft ritt dem Gesetz den Charakter einer Sozialreform ab; mit demselben solle dem Volk« nur Sand in die Augen gestreut werden. Die Sozialdemokraten würden aber dafür sorgen, daß dem Volke die wahre Bedeutung dieser Sozialresorm klar werde. Abg. Holtz äußerte sich gleichfalls ablehnend zu