j\g 113. Frettag, den 17. Mai. io»v
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Drei Bergleute in Berlin.
Berlin, 15. Mai.
Gestern und heute richtete sich das Interesse der Hauptstadt auf drei Bergmannsmützen. Wo die Vertreter der Strikenden sich sehen ließm, erregten sie die respektvolle Aufmerksamkeit des Publikums. Besonder» heute, nachdem die Blätter den Bericht über die Audienz beim Kaiser gebracht haben, raunt beim Anblick der Mützen der Eine dem Andern zu: „Dar sind sie — die Abgeordneten von den Bergleuten!" In der Unfallverhütungs-Ausstellung, welche die drei Bergleute am heutigen Buß- tag.Nachmittag besuchen wollten, werden sie gewiß ganz besondere Beachtung finden.
Da» Berliner Publikum hatte, wie ja auch da» ganze deutsche Volk, von Anfang an Sympathie für die strikenden Arbeiter. Nicht bloß au» Btl- ligkeitsgefühl und sozialpolitischer Thellnahme, sondern auch au» Respekt vor der „Schneidigkeit" und dem „Korpsgeist" der Leute. Seitdem Fürst Bismarck den Konsul Knappe wegen seines ungezügelten Thatendranges so derb abgekanzelt und verleugnet hat, ist zwar der offizielle Routs der Schneidigkeit ein wenig gesunken, aber die Reichs- hauptstädtler haben zu viel preußisch-militärische Erziehung im Leibe, um nicht nach wie vor an allem „Strammen" und „Forschen" besonderes Behagen zu fühlen. Wenn nahezu 100,000 Arbeiter fest und entschlossen wie Ein Mann für ihre Inten flen eintreten, sich weder durch Drohungen noch durch Lockungen au» ihrer Ruhe bringen laflen und mit unerschütterlichem Opfermuthe für ihre Ziele bi» zum Aeußersten auszuhalten sich anschicken, dann erklärt der Berliner ste für „famose Kerls", und da» will im Munde dm» Haupt- und Weltstädtler» gegenüber „Leuten in der Provinz" schon viel besagen.
Da» Ansehen der Strikenden ist nun noch ganz außerordentlich gehoben durch die Audienz beim Kaiser. Berlin ist bekanntlich sehr stark von bürgerlichen und sozialistischen Demokraten durchsetzt; aber da» hiesige Volk hat doch durchgehends einen höfischen Zug in sdnem Charakter. Was im kaiserlichen Palais koursfähig ist, das hat in den Augen des Berliner» eine Art Heiligenschein. Die drei Bergleute find vom Kaiser empfangen worden; — da» sind ja bedeutende Personen. Durch diese Thatsache allein sind manche Zweifler,
x Franz van Wenden.
Novelle von Marga Brechten.
(16. Fortsetzung.)
Eine»Abend», t» war in den letzt-« Tagen de» September, saßen Beide an ihrem gemüthlichen Theetisch. Wenden'» gedrückte Stimmung war heute besonder» auffallend und auf ihre dringende Bitte gab er zögernd zur Antwort:
„Ich hätte Dir meine Sorge so gern verhehlt, aber nun geht c« nicht länger, und ich weiß, Du theilst sie gerne mit mir. Alles, was ich bisher einnahm, haben wir für die unbedingt nothwen- digen Ausgabe« verbraucht, und nun steht der erste Oktober vor der Thür und — da« Geld für da« erste Quartal der Methe fehlt."
„O Gott, wa« fangen wir da anl" seufzte Elma. „Doch wir bezahlen ja unsere Lebenrmittel am Anfang jede« Monate« und haben da« Geld sorgfältig zurückgelegt. Sollen wir e« diesmal lieber zur Mische nehmen?"
„Nein, wir würden dann von vornherein den uns so nothwendige« Kredit verliere«. Du weißt, meine Liebe, wir müsse« pünktlich sein, denn Jeder kennt unsere Lage und erwartet mit Spannung, ob wir unfern Verpflichtungen nachkommen."
die bisher den Arbeitern keinen Erfolg zutrauten, plötzlich zu eifrigen Propheten des sichern Triumphes der Arbeiter geworden. Daß der Kaiser den Strikenden auch recht energisch in's Gewiffen geredet hat, sich und seiner Regierung eine unparteiische Stellung wahrt und auch die Vertreter der Gegenseite empfangen wird — da« Alle« fällt für das Urtheil der großen Menge weniger in'« Gewicht. Die Zalaffung zur Audienz gilt ihr als feierliches Anerkenntniß der Arbeiterschaft als „kriegführender Macht". Wenn die Vertreter der Gruben-Vcrwaltungen auch Audienz erhalten, so findet man da« bei den sozialen Beziehungen dieser Herren nicht weiter bemerkenswerth, um so weniger, al« sie hinter der Arbliterdeputation „nachgehinkt" kommen.
Die Herren vom „bergbaulichen Verein" hätten ihre „Erklärung" vom vorigen Sonnabend gewiß etwas anders stilifirt, wenn sie die Urtheils der unparteiischen Volksflimme über diese Leistung vorher gehört hätten. Man wartete hier gespannt darauf, ob ein Theil der Arbeiter „auf diesen Zopf anbeißen" würde. Al« nun die Nachricht kam, daß die sonderbare „Erklärung" mit einer weiteren Ausdehnung des Arbcitsausstandes beantwortet sei, da war man höchlich zufrieden.
Volkesstimme ist nicht immer Gottesstimme. Aber in solchen Angelegenheiten, welche dem natürlichen Gefühl der Menge und ihrem gesunden Menschenverstände vollständig zugänglich sind, muß man wohl auf die Strömung der wirklichen öffentlichen Meinung achten.
Auch für die Unglücksfälle, welche durch das Vorgehen de« Militärs in Bochum rc. herbe ize- führt wurden, hat der Berliner ein richtiges Ver- ständniß. Ec weiß von den Erfahrungen auf den Straßen her, daß eine Handvoll dummer Jungen einen tollen Krawall in Gang bringen können, aber ebenso weiß er au« eigener Erfahrung, daß e« außerordentlich schlimm ist, wenn die „bewaffnete Macht" nervö« wird. Wir find hier gewöhnt, daß die Menschenansammlungen von berittenen Schutzleuten in Zucht gehalten werden. Daher hörte man vielfach Verwunderung äußern, daß im Strikegebiet so stark mit Infanterie vorgegangen wurde. Berittene Gensdarmen oder Kavalleristen brauchen nicht gleich zu „Salven" zu greifen, wie die Infanterie; sie reiten die Krakehler leicht auseinander und können imNoth-
Sie erröthete heiß bei dieser Bemerkung und fragte: „Bringt denn Deine Proxis nicht mehr ein, e« scheinen doch so oft reiche Leute unter den Kommenden zu sein?"
Der Doktor lächelte bitter. „Reich allerdings, aber da» hindert gerade diese L ute nicht, ihren Arzt mit der Berichtigung seiner Forderung lange, oft Jahre lang warten zu laffen. Feine Wagen, rauschende Roben und artige Worte, aber — fetten baare» Geld. Auch ist die Zahl der Kunden keine so große. Die Konkurrenz ist groß und ich gehöre noch nicht zu den Modeärzten. Zavem ist da» Ansehen unsere» Hause» kein blendende», umsoweniger können wir eine noch billigere und einfachere Wohnung nehmen, dann wäre keine Hoffnung auf eine einträgliche Praxi» mehr. Dem äußern Scheine müssen leider immer Opfer gebracht werden."
Tief ausseufzend stützte Elma den Kopf in die Hand. Zum ersten Male war der Mangel mit seiner verzehrenden Sorge an sie herangetreten. Sie dachte daran, wie viele Menschen wohl auch in einer äußerlich wohlhabenden Lage leben möchten, denen e» in Wirklichkeit am Nothwendigsten gebricht.
„Soll ich an Tante Ellen schreiben?" fragte sie.
fall den Säbel mit vernünftiger Auswahl flach oder schneidend gebrauchen.
Kurz: Berlin hat Respekt vor den Bergleuten und wünscht einen Ausgleich nach Recht und Billiakeit._________________________________________________
Deutsches MeLey
Berlin, 16. Mai.
• Der Kaiser hat heute die Vertreter der west- sälischen Grubenbesitzer, die Herren Hantel, von Felsen und Gradier empfangen und denselben geaenüber sehr entschieden betont, daß cs ihre Pflicht sei, zur Wiederherstellung de« Friedens nach Kräften beantragen.
• Das Protokoll, welches zwischen der Abordnung der westfälischen Grubenarbeiter und dem Abg. Schmidt (Elberfeid) und Dr. Baum- bach (Berlin), sowie dem Abg. Dc. Hammacher am MittwoL aufgenommen worden ist, lautet:
Geschehen Berlin, den 15. Mai 1889. Nachdem an dem gestrigen Tage die von Sr. Maj. dem Kaiser empfangene Deputation der Bergleute aus den Steinkohlengruben im Oberbergamtsbezirk Dortmund, bestehend aus den Bergleuten Schröder, Bunte und Siegel, mit den unterzeichneten Reichstags - Abgeordneten über den gegenwärtigen Strike Rücksprache genommen hatten, wurde auf Wunsch der Bergleute der Herr Reichstags - Abgeordnete Dr. Hammacher ersucht, an einer diesbezüglichen Besprechung theilzunehmen. Herr Dr. Hammacher kam dies m Wunsche nach. Die Verhältnisse wurden in der eingehendsten Weise erörtert. Die Bergleute brachten ihre Beschwerden und Wünsche ausführlich zur Sprache. Nachdem nun heute die Angelegenheit nochmals erörtert worden war, formulirten die Bergleute, nämlich erstens Friedrich Bunte aus Dortmund, Zeche Westphalia, zweitens Ludwig Schröder aus Dortmund, Zeche Kaiferstuhl, drittens August Siegel aus Dorstfeld, Zeche Zollern, ihre Wünsche gegenüber dem Reichstags-Abgeordneten Dr. Hammacher, dem Vorsitzenden des Vereins für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund, schließlich dahin:
8 1. Die Verwaltungen der Steinkohlengruben im Oberbergamtsbezirk Dortmund sollen sich verpflichten, ihre Bergleute künftighin über die normale achtstündige Schicht hinaus nicht arbeüen zu laffen. § 2. Ueberfchichten können ausnahmsweise dann stattfinden, wenn zur Sicherheit des Bergwerks oder zur Sicherung von Bergleuten dringliche und unaufschiebbare Arbeit geboten ist. § 3. Soll in Fällen außerordentlicher Geschäftshäufung in Ueber- schichten gearbeitet werden, so kann dies nur auf Grund einer vorgängigen Verständigung geschehen zwischen der Grubenverwaltung einerseits und einem Ausschuß von Vertrauensmännern der betreffenden Belegschaft anderseits. § 4. Dieser Ausschuß wird alljährlich von der Belegschaft in freier Wahl selbstständig gewählt, und zwar von den- jenigen Bergleuten der Belegschaft, welche das 25. Lebensjahr vollendet haben. 8 5. In bie achtstündige Normal-
„Nein Geliebte; auf keinen Fall. Wir müssen uns selbst zu helfen suchen." Eine solche augenblickliche Verlegenheit kann noch oft kommen!"
„Und meinen Schmuck und das Kaffeeserv c. ?"
„Auch das geht nicht," entschied, der Doktor, „nie im Leben dürfen wir unsere Lage an die große Glocke hängen. Jeder Juwelier würde darauf aufmerksam werden. Wir müssen etwas Anderes ausdenken, im Nothfalle muß ich mich, so schwer e« mir auch wird, an Rothhau« oder Bölling wenden.
„Nein, da» darf nicht sein," sprach sie mit f-ster Stimme und sann eine Welle nach. „Ich habe schon seit vielen Tagen vergeben» nach einem Gegenstände gesucht; wenn wir ihn hätten, wäre un» vielleicht zum Theil geholfen?"
„Was ist es?" fragte ihr Gatts gespannt. —
„Ein kleine« silbernes Ei, in dem ich meine Pathengeschenke verwahrte. Manche« blinkende Goldstück, welche» mir Papa gab, warf ich da hinein, und vor unserer Reise gab ich e« ihm zum Aufbewahren, bi» wir wiederkämcn. Er legte e» in seinen Sekretär. In all' der Verwirrung, die dann folgte, mag t» verloren gegangen ooer von einer fremden Hand entwendet worden sein. Und dennoch kann ich mich de» Gedanken« nicht er»