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1889

Jeitmiz

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* Ueber die Alters- uttb Jnvaliden- Berficherung

spricht sich Dr. Jörg im jüngsten Hefte der Historisch- politischen Blätter im Sinne der großen Mehr- beit der Centrum s - Fraktion aus. Der Artikel führt aus, daß man sich für diese Vor­lage auf die kaiserliche Botschaft vom Jahre 1881 nicht berufen könne. Von besonderem Jnteresie ist die Stelle über die hauptsächlich von bayerischen Mitgliedern gebildete Minderheit der Centrums. Anknüpfend an eine Bemerkung der Münchener Allg. Ztg.: es sei ein „seltenes Schauspiel" ge­wesen, die angesehensten Häupter des Centrums an der Seite der Kartellherrn gegen „die eigent­lichen Sozialpolitiker der katholischen Volkspartei" kämpfen zu sehen, schreibt der Verfafler: „Unter den 13 Dissidenten befanden sich nur zwei Bürger­liche, die Uebrigen waren adelige Großgrundbesitzer, und zwar fast ausschließlich aus Bayern. Man forschte nach den tiefem Gründen, und auf der Linken war man schnell fertig: sie wollten ebm ihre Arbeiter im Forst- und landwirthschaftlichen Betriebe „aus der Schüsiel de« Reichszuschusies mitesien lasten". Aber an der Spitze standen die vornehmsten Mitglieder des bayerischen Hochadels, deren Noblefle offenkundig ist; lag ein persönliche« Motiv zu Grande, so mußte e« ein ganz andere« und konnte nur ein partikulartstisch-poli- tische» sein. In der That war da« Gerücht vorausgegangen, die Mittelstaaten hätten als Be­dingung ihrer Zustimmung zum Gesetz verlangt, daß nicht eine Reichsanstalt, sondern Landesanstalten geschaffen würden, und es habe die Besorgniß be­standen, wenn da» Gesetz gegen den Widerstand de« gesammten Centrum», also der großen Mehr­heit der bayerischen Mitglieder zu Stande komme, so würde die Reichsanstalt nicht aufzuhalten sein. Al» im Reichstag die Sache zur Sprache kam, erzählte ein Mitglied der Linken: „in der Kom­mission sei einmal scherzhaft geäußert worden, da» Gesetz sei kein deutsches, sondern ein bayerisches Gesetz." Der Minister widersprach zwar ent­schieden, daß ein „Schacher" im Bundesrath statt­gefunden habe aber er ließ doch merken, daß man in Berlin ungem darauf verzichtet habe, „die große soziale Reform", um mit der .Köln. Ztg.' zu reden, „zu einer nationalen Klammer zu machen, welche neben vielen anderen al» eine der stärksten da«

x ftati; m Wenden.

Novelle von Marga »rechten.

(15. Fortsetzung.)

Wenden führte sie zum Sopha hinter den fest­lich gedeckten Tisch, auf befielt blüthenweißem Damastgedecke ihr eigene« stlbeme« Kaffeeservice gar einladmd stand. Und dann erzählte er, wie die Gläubiger ihre« Vater«, gerührt von der hoch­herzigen Verzichtleistung auf den größeren Theil ihrer Ausstattung, ihm die Einrichtung ihre« Ztm- mer« aus dem Vaterhause zugesandt mit der Bitte an die Tochter, dieselbe nicht zurückzuweisen. Wäh­rend ihrer Reise habe Gelharb den Vogel und die Blumen gepflegt und gestern mit seinem Abschieds- billet gesandt.

SM weinend lehnte Elma da« müde Haupt an die Brust de« Gatten und fragte: „So ist denn dort — Mer vorüber?"

„Wes, mein Liebling, und was da« Beste ist, Me sprechen mit der größten Achtung von Dir und Deinem lieben Vater, der ja nur durch fremde Schuld in'« Unglück gerathen war." —

„O, so gibt e« doch noch gute Menschen," lächelte sie unter Thräneu, „und ich war damals fo verzweifelt." —

Reich umschlingen würde". Wenn nun die Herren au« Bayern wirklich glaubten, durch ihre Theil« nähme diese Gefahr beschwören zu können, so wer- ren sie ihren Jrrthum bald genug etn- sehen. Er ist von der Linken richtig gesagt worden: „Die Reichsanstalt ist die Konsequenz de« Reichszuschusses." Der Sieg dieser Logik ist nur eine Frage der nächsten Zeit, das Opfer wird umsonst gebracht sein. Wir theilen durchaus die Auffassung. Am Schluffe seines Ar­tikels sagt Dr. Jörg: „Liebet die Brüder I" Mit diesem Aufruf hat der Minister die Annahme eines Gesetzes empfohlen, welches die Abwälzung der Pflicht von Schuldigen auf die Unschuldigen regeln soll. E« liegt im Geiste de« großen „Real-Poli­tiker»", daß ihm Geld, Geld und wieder Geld al« da«Universal-Heilmittel für alle öffent­lichen Schäden erscheint: für die seiner auswärtigen Politik, indem ihm kein Ueberbieten der militäri­schen Rüstung zu maßlos vorkommt; für das Uebel der sozialen Bewegung, indem er sie mit Geld, wie die stürmischen Meereswogen mit Oelaufguß beschwichtigen will. Nie und nirgends ist bis jetzt eine solche Sozialpolitik erdacht worden; dazu ge­hörte der gereisteste Typus der preußischen Staats­idee und ihr Produkt war naturgemäß die bureau- kratische Schablone. Es blutete einem wahrhaft das Herz bei dem Gedanken, was ein freierer, ideal angelegter Geist mit solchen Mitteln hätte erzielen können. Im Reichstage sind von Anfang bis zu Ende die Zeichen der Verblüffung und rath- losen Verzagtheit auch an den Willigsten wahr­nehmbar gewesen. Im Publikum ist ohnehin schon alle politische Empfindung derart erlahmt und das Interesse an den öffentlichen Angelegen­heiten unter dem Drucke eine« allmächtigen Wil­len« erstorben, daß vielleicht 90 pCt. aller Gebildeten im Unklaren find, um wa« er sich Han- beit, selbst in Kreisen Derjenigen, welche zunächst zum Handkuß kommen würben. Da« allgemeine Entsetzen würbe erst ausbrechen, wenn ihnen die Lawine auf den Kopf fällt."

Deutsches Reich.

Berlin, 15. Mai.

• Wie schon kurz erwähnt, wurde gestern Nach­mittag 3 Uhr 10 Min. die Deputation der Delegirten der Knappenvereine au« dem Ruhr-

Er küßte ihre feuchten Augen und nahm dann ein elegant gebundene« Hau«haltung«buch von der Platte de« Schreibtische«, auf dessen erster Seite von seiner Hand die Worte standen:

Alles ist an Ihm gelegen, Menschen richten wenig aus, Kommt von Gott Dir Hilst und Segen, Dann ist wohlbestellt Dein Haus.

„O, da« find tröstliche Worte," sagte die junge Frau; „fie sollen unser Wahlspruch für'« ganze Leben sein."

Da klopfte e« leise an die Thür und in ihrem sonntägigen Putz; trat Tmda herein, einen frisch gebackenen und dick mit Zucker bestreuten Kuchen in der Hand tragend. Sie hatte den Rand der Schüssel zierlich mit Banquet - Röschen ausgelegt, und ihr treuherzige« Gestcht glänzte vor Freude über die Genesung der geliebten Frau.

So wurde dieser Tag trotz Tod, Armuth und Krankheit für fie zu einem stillen, kleinen Feste, und Ama von Wenden begriff, al« sie sich von Liebe umgeben sah, daß man auch ohne Reichthum fich recht glücklich fühlen könne.

Von dieser Stunde an fühlte fie sich heimisch, und mit der vollständigen Wiederkehr ihrer Kräfte genas auch ihr Geist von seinen kleinen Schwäch m. Sie kämpfte den Schmerz über den Verlust ihre«

Kohlenrevier, nämlich die Bergleute Schröder, Bunte und Siegel, im Fahnensaale des königlichen Schlosse« vom Kaiser empfangen. Nachdem zu­nächst Bergmann Schröder al« Sprecher der Deputation dem Kaiser seinen Dank für die Ge­währung der Audienz ausgesprochen, die Grüße der Knappenvereine überbracht und da« Wohl­wollen dr« Kaiser» für die Wünsche der Arbeiter erbeten hatte, erklärte derselbe auf die Frage de» Kaiser», was sür Forderungen von den Arbeitern erhoben würden: „Wir fordern nur das, was wir von unseren Vätern ererbt haben, nämlich eine achtstündige Schicht. Auf die Lohnerhöhung legen wir nicht denselben Werth. Die Arbeitgeber müssen aber mit uns in Unterhandlungen treten; wir sind nicht starrköpfig. Spräche Ew. Majestät nur ein Wort, so würde e» sich gleich ändern und manche Thräne würde getrocknet werden!" Hierauf erwiderte der Kaiser ungefähr Folgende»:

„Jeder Unterthan hat, wenn er einen Wunsch oder eine Bitte vorbringt, selbstverständlich das Ohr seines Kaisers. Das habe ich dadurch gezeigt, daß ich eurer Deputation gestattet habe, hierherzukommen, damit diese ihre Wünsche persönlich vortragen kann. Ihr habt euch aber ins Unrecht gesetzt, denn die Bewegung ist eine un­ungesetzliche, schon deßhalb, weil Ihr die vierzehn­tägige Kündigungsfrist nicht eingehalten habt, nach deren Ablauf ihr gesetzlich berechtigt gewesen sein würdet, die Arbeit einzustellen. Infolge besten seid ihr kontrakt­brüchig geworden. Es ist selbverständlich, daß dieser Kon- traktbruch die geschädigten Arbeitgeber reizte. Ferner sind diejenigen Arbeiter, welche nicht strikm wollten, mit Ge­walt oder durch Drohungen verhindert worden, die Arbeit fortzusetzen. Sodann haben sich einzelne Arbeiter an obrig­keitlichen Organen und ftemdem Eigenthum vergriffen, sog« der zu deren Sicherhett herbeigerufenen militärischen Macht in einzelnen Fällen thätlichen Widerstand entgegen- gesetzt. Endlich wollt ihr, daß die Arbeit erst dann gleich­mäßig wieder ausgenommen werde, wenn auf allen Gruben eure sämmtlichen Forderungen erfüllt sind. Was die For­derungen selbst betrifft, so werde ich dieselben durch meine Regierung genau prüfen und euch das Ergebniß der Unter­suchung durch die dazu bestimmten Behörden zugehen lasten. Sollten aber Ausschreitungen gegen die öffentliche Ord­nung und Ruhe vorkommen, sollte sich ein Zusammenhang der Bewegung mit den sozi aldemokratis chen Kreisen Herausstellen, so würde ich nicht im Stande sein, eure Wünsche mit meinem königlichen Wohlwollen zu erwägen, denn für mich ist jeder Sozialdemokrat gleichbedeutend mtt einem Reichs- und Vaterlandsfeind. Merke ich daher, daß sich sozialdemokratische Tendenzen in die Bewegung mischen und zu ungesetzlichem Widerstande anreizen, so würde ich mit unnach sich tlicher Srenge einschreiten und die volle Gewalt, die mir zusteht — und dieselbe ist eine große — zur Anwendung bringen. Fahret nur nach Hause, überlegt, was ich gesagt, sucht auf eure Kameraden

Vater» nieber, versuchte ben Glanz des Elternhau­ses zu vergessen uttb erfaßte ihre jetzigen Pflichten mit Klarheit unb genügsamem Sinn. Alle guten Lehren, welche bie einfache, häusliche Tante, bie ihre K nbheit unb erste Jugend getestet, ihr jemals eingeprägt hatte, wurden in bas Gdbächtniß zu­rückgerufen, uttb schon bet nächste Morgen fand bie kleine Hausfrau in voller Thätigkeit, nicht im Schlafrock und Morgenhaube, fonbern in einem schlichten Kleide mit georbnetem Haar. Unb bie» war für ihre jetzigen Verhältnisse eine strenge Roth- wenbigkest, benn Truda war eben „Mädchen für Alle«". Nach Verrichtung bet groben Arbeiten mußte sie bie Ausgänge besorgen, unb so blieb bet jungen Frau Doktor nicht« Übrig, al« einen großen Theil ber häuslichen Beschäftigungen auf bie eigenen Schultern zu nehmen. Aber bie« war heilsam für sie; benn bie vielen kleinen Sorgen de« Haushalte« halfen ihr über bie trüben Ge­danken hinweg, unb wie oft wollten biefe in ber ersten Zeit ihr frische«, freudige» Schaffen lähmen! Der junge Arzt hatte seine Sprechstunden in bie Morgenztit verlegt unb e» so eingerichtet, baß ber neben bem Wohnzimmer liegenbe Empfangssalon al» Wartezimmer sür seine Patienten biente, bie früher meisten» ben höheren Ständen unb ber