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Mittwoch, den 15. Mai.

1889

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Das Land „wo die Citronenblühen"

scheint allmählich andere Früchte zeitigen zu wollen, denn Pomeranzen und Goldorangen: die schwarzen Todesfrüchte des finanziellen Ruins. Damals als der piemontefischs Siegeswagen noch in seiner — „Remise" stand und noch nicht in verderblichem Laufe den „Stiefel" durchrollt hatte, damals betrug die Schuldenlast aller Staaten Italiens 500 Millionen Franken: heute braucht Italien 600 Mill-, nur um seine Schulden zu verzinsen. Aber an diesen berghohen Schulden trägt man wohl fleißig ab? Weit gefehlt! Viel­mehr trägt und führt man „karrenwetse" immer neue Schulden hinzu und der Berg wächst und wächst, bis er eine« Tages zusammenstürzt und in donnerndem Falle jene begräbt, die ihn auf­geführt. Aber noch mehr. Die meisten dieser Schuldtitel befinden fich in französischen Händen, so daß demnach alljährlich ein wahrer Geldstrom nach der franz. Republik fich ergießt. Dennoch stößt Italien dieses Frankreich, in dessen Händen fich das finanzielle Geschick de» Nachbar­staates befindet, vas eine um da» andere mal vor den Kopf und entrollt von ferne die blutige Fahne de» Krieges. Jedenfalls gibt fich Italien der Hoffnung hin, die Tripelallianz werde ihm eines guten Tages seinen Schuldenberg in die Luft sprengen. Ja, wenn die Hoffnung nicht wär'!

Aber sicher erfreuen sich die einzelnen Bürger eine« blühenden Wohlstandes? Man höre und staune: Die Hppothekurfchuldm des klassischen Lande» betragen 14 Milliarden Franken; da» eine Jahr 1887 brachte einen Zuwachs von 643 Mill. Ferner erreicht die Grundsteuer nirgend« in ganz Europa solche Höhe wie in Italien; und von fünf Millionen Grundbesitzern zählen 4 Millionen zu den Kleinbesitzern. Die nölhtgsten Nahrungs­mittel haben sich in Folge drückender Zölle Über­mäßig vertheuert: der Zucker doppelt, der Kaffee dreifach, das Petroleun vierfach, der Spiritus fünffach und j tzt will man noch für da» Salz, diese» selbst dem Aermsten unentbehrliche Gewürz, da» Sündengeld von 22 Pfennig pro Pfund ver­langen! Und wie steht e» mit Handel und Ge­werbe? Dir Fallimente stiegen 1888 von 720 im Jahre 1883 auf 2200! 1859 schrieb Alban Stolz: „Dem sardinischen Volke und Kriegsheer geht es ungefähr wie einem Kalb, das wider-

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Novelle von Marga »rechten.

(14. Fortsetzung.)

„O es wird gewiß Alle» recht hübsch und ge- «üthlich werden, Herr Doktor," sagte da» brave Weib. „Die Möbel werden wohl bald hier sein, und dann will ich frisch an'« Aufstellen und Ein» richtm gehen, damit unsere liebe, gnädige Frau ein behagliches Nestchen bekommt."

„Wie es auch gehen mag, nur laß uns hier bleiben und nicht mehr in'« Hotel zurückkehren", bat Elma leise den Gatten. Sie war an diesem Morgen nur zu sehr geneigt zu vertrauen, und Andere für fich handeln zu laffen. Eine seltsame Gleichgiltigkeit hatte fich ihrer bemächtigt; fie ver­mochte nicht klar zu denken, und die Rede« der meiden schienen ihr au« weiter Ferne zu kommen. Wenden nöthigte sie, eine Erfrischung in einem nahen Spetsehause zu nehmen, und al« sie von °a zurückkehrten, boten die Zimmer ein andere» Bild.

Möbel und Geräthe standen und lagen umher. " Truda war in voller Anordnung begriffen, Ad thellte den Arbeitsleuten ihre Befehle in einem Jone und einer Weise mit, welche stark an die Ma erinnerte«. Der Doktor mußte noch ein«

strebend vom Metzger am Seil vorwärts zur Schlachtbank gezogen wird; da» Geschäft de» Metzgerhunde» aber, welcher hitzig mit Bellen, Beißen und Umherspringen da« arme Thier noch antreibt, da» besorgt der Minister Cavour." Ließe fich da» nicht, mutatis mutandis auch für die heutige Lage anwenden?

CriSpi sprach jüngst von einem „soffio nazionale“ (nationaler Hauch) der die Halbinsel durchwehe von Lago Maggiore di« zur Meerenge von Messina. Allerdings zieht durch ganz Italien ein Hauch, aber es ist der rauhe Nordostwind der Unzufrieden­hei t. Daher die rasende Zunahme der Auswander­ung. die von den 26,000 Köpfen des Jahres 1876 anno 1888 auf 250,000 stieg, daher die Aufstände der Arbeiter in Ferrara, in Faenza, in Sicilien, in Sardinien, daher endlich die jüngsten bedenklichen Unruhen in Rom. Vor 30 Jahren hatte Massimo d'Azeglio ausgerufen: Hier in Italien weiß man nicht, was es heißt, Hungers sterben! Inzwischen scheint man aber diese Kunst auch gelernt zu haben. Ja möchte doch wirklich einmal ein wahrer „soffio nazionale“ entstehen, der zum „uragano nazionale“ fich steigert und alsdann eine Regierung wegbläst, die schon so viel Unheil über das blühende Apentnnenland gebracht hat und noch bringen will.

Deutsches Reich.

Berlin, 14. Mai.

* Die heute eiugegang-nen Meldungen aus dem rheinisch-westfälischen Kohlenrevier lauten be­ruhigender. In dem Dortmunder und in dem Essener Revier mehrt fich bereits die Zahl der Zechen, auf denen die Belegschaften unter dem Eindruck der von den einzelnen Zechenverwaltungen sofort angeordneten Lohnerhöhung entweder ganz oder theilweise die Arbeit wieder ausgenommen haben. In dem Mühlheimer Revier wird fast ausnahmslos gearbeitet. Der Eschweiler Berg­werksverein bewilligte den Bergleuten au« steten Stücken Erhöhung ihrer Bezüge. Man hofft, daß die Audienz der Abordnung der Bergarbeiter beim Kaiser einen wohlthätigen Einfluß auf die augen­blickliche Situation machen werde. — Da« Gene­ralkommando de« 7. Armeekorps erklärte die von Wolffs Bureau gestern verbreitete Dortmunder Nachricht über drohende Ansammlung von Arbei-

nothwendtgen Ausgang in die Stadt machen, so blieb Elma allein zuruck. Eine fieberhafte Unruhe war j?tzt an die Stelle der vorigen Apathie ge­treten, fie wollte überall mit Hand anlegen und vergeben» bat die treue Dienerin und verficherte zuletzt, daß ihr Eingreifen nur hinderlich sei.

„Stille," sagte die junge Frau in fast flüstern­dem Tone und legte den Finger an die Stirne. — „Wie war e» doch gleich! Ich erinnere mich nur dunkel." —

Sie waren in dem eben fertig eingerichteten Schlastimmer angekommen und Truda kniete nieder, um eine der Papierschnitzel aufzulesen. E» war ihr so unheimlich zu Muthe, al» fie in die verstörten Augen sich, die wie im Traume die dunkelgrauen Tapeten anstarrten.

„Ja, nun hab' ich'«," fuhr Elma fort, „e« war auch grün; dort standen auch die zwei kleinen Betten mit den Atlaskiffen, und an diese Wand hatte ich den Waschtisch gestellt. Dort muß er wieder hin, nicht so — und ich zog fie jeden Abend an«, weißt Du noch, Tante Ellen hatte fie mir an einem Weihnachtsabend geschenkt," — dann plötzlich abbrechend, summte sie ein alte» Kinderlieb. Darauf ging e« an ein Ordnen unb Betasten der Gegenstände, bi» Alle« so war, wie

termassen u. s. w. al» Eifindung. D:e Haltung der Arbeiter sei nicht verändert. Jede Wieder­aufnahme der Arbeiter werde militärisch beschützt. — Der Kaiser hat heute die Deputation der strikenden Gruben - Arbeiter empfangen. Der Kaiser hat die Unterstützung der Regierung für berechtigte Forderungen, soweit möglich, zuge­sagt, den Kontraktbruch aber gemißbilligt und hin« sichtlich der vorgekommenen Ausschreitungen eine strenge Untersuchung angekündigt.

* Die Gehülfen der großen Berliner Brau­ereien, verlangen eine Verkürzung der Arbetts- zeit und wollen andernfalls striken. Auch au» Dortmund wird der Ausbruch eines Brauer« strikes gemeldet.

* Seitens der großen Berliner Pferdebahn« g e s e l l s ch a f t find den Kutschern entgegenkommende Erklärungen abgegeben worden. Die Streikenden find indeß definitiv entlassen worden, well fie gestern, auch nach Abgabe dieser Erklärungen, den Dienst verweigerten.

• Der Reichstag berieth heute zunächst Zoll­angelegenheiten. Petitionen um Zollherabsetzung für gebogene Reifenstäbe, gebogene Korbweiden und eichene Faßbodentheile wurden der Regierung zur Berücksichtigung, eine Petition um Aufhebung de« Zolle« für Fuselöl zur Erwägung überwiesen und Petitionen, betreff, die Zölle mit Flur- und Wand­fliesen, Stabholz und Glimmenwaarm wurden durch Uebergang zur Tagesordnung erledigt. Ein Antrag des Abg. Dr. Broemel auf Aufnahme einer Bestimmung in da« Zollgefetz, welche die Veröffentlichung von Abänderungen des amtlichen Waarenverzeichnisse« betrifft, wurde an eine 14er Kommission verwiesen. Em Antrag v. Benda auf Errichtung eine» Reichstarifamte« wurde angenom­men; ebenso nach längerer Debatte der Antrag Stöcker, betreff, die Einschränkung de« Branntwein­handel« in den deutschen Kolonien. Donnerstag: Anträge, Petitionen.

* Der kommandirende General de« 1. Armee­korps, General von Kleist, wurde unter Belaffung seiner Stellung als Chef des Infanterieregiment» „Graf Dönhoff" zur Disposition gestellt.

• Der Anzeiger für die katholische Geistlichkeit Deutschland» vom 1. Mai d. I. enthält über den „Prtestermangel in der Diözese Trier" folgende Zusammenstellung:

in der kleinen Stube au» ihren Spieltagen, in welche Kummer und Abspannung ihren Geist ver­setzt hatten. Aber immerfort tönte jene eintönige Melodie von ihren Sippen.

Ein Unglück kommt selten allein. Wie alt und vielgebraucht ist dieser Spruch und dennoch, wie oft bewahrheitet er sich! Al» Franz von Wenden nach Hause kam, sagte ihm sein erfahrener Blick, daß ein neue» Leid über ihn gekommen, und die geliebte Gattin von einem heftigen Rervensteber

Tage und Wochen waren settdem vergangen. Der Sommer neigte fich seinem Ende entgegen, aber noch immer war m warm und sonnig.

Die Schlafzimmerchen in der kleinen Wohnung der Ostendstraße standen heute zum ersten Male, feit langer Zeit, wett offen. Ein leiser Lusthauch spielte mtt den lang herabhängenden weißen Vor­hängen, und ein süßer Duft von Spättosen strömt« in da« Gemach.

Boll und warm fielen die Sonnenstrahlen hin­ein, al« wollten sie ein liebe», dem Leben wieder­geschenkte« Wesen begrüßen. Neckisch umtanzten sie die am Fenster ruhenoe Gestalt, deren ganze Erscheinung die Spuren eine» langen, schmerzlichen