1889
Dienstag, den 14. Mai.
J\8 110.
Leitung
Wenn wir nach kurzer Abwesenheit zum eisten Male wieder einen Ort betreten, an dem sonst ein herzlicher Händedruck, ein fröhliche» „Willkommen" unserer harrte, und nun w-sien, daß da» einst so gastlich e, hellte Fenster bunta, und «st ein einsamer Grabhügel Mit draußen all unsere Liebe umschließt, dann ergreift uti« da» ©tfäM unnennbarer Verlassenheit. Eine solche trostlose Gebe empfand auch Elma non Wenden, al» ste mit ihrem Gatte« den von Menschen wimmelnden Perron ihrer Vaterstadt betrat. Die mit dem Abendzuge Angekammenen bildete» mit den Abfahrendm ei« bunte» Gewirrs. Alle» schob und
tage» wie der Katholikentage überhaupt sei nur die Macht, Andere zu unterdrücken. So geht also der „katholische" Graf Fred Frankenberg mit den Forderungen de» heiligen Stuhle» um, so behandelt er einen Katholikentag, dem der heilige Vater den apostolischen Segen gesandt, den der Papst aufgemuntert hat, für die Freiheit de» apo- Äolischen Stuhle« einzutreten. Direkt aber nennt er den Nuntius Galimberti und den österreichischen Episkopat und bezeichnet deren Anwesenheit auf dem Katholikentag al» eine internationale Gefahr; ste entfache den Haß der Italiener, den nichts mehr erbittere, als die Angriffe gegen Roma intangibile. Höhnisch spricht Graf Fred Fcauken» berg von „Katholikentagen" und dem „katholischen Volk" und setzt beide in Anführungszeichen. Da haben wir'» also, Graf Fred Frunkenbcrg hält nicht einmal den Episkopat und das Oberhaupt der Kirche, die auf dem österreichischen Katholikentage so eminent vertreten waren, für kompetent in katholischen Dingen, sobald e» dem Hrn. Grafen gegen den Strich geht. Daß sich Graf Fred Frankenberg wieder so gibt, erregt unser großes Interesse; es ist auch interessant und belehrend für wette Kreise de» öffentlichen Leben».
# Staatskatholiken.
I« der ,Post' greift Graf Fred Franken- berg den österreichischen Katholikentag auf da« Heftigste an, namentlich wegen seiner Stellung zur römischen Frage. Es hat kein weitere» Interesse, die einzelnen Punkte de» Artikel« zu referiren und zu widerlegen, uns intcresstrt blo« die P ers on und die mit derselben verknüpften Umstände. Graf Frankenberg ist katholisch: er vertritt aber das Interesse de» Staates gegen die Kirche in Artikeln der .Post' wie in seiner Haltung im Herrenhause. Ec ist vollendeter Staats- katholik, er will aber trotzdem al» katholische Autorität gelten und hat stch namentlich bei den Verhandlungen über die letzten kirchevpolitischen Novellen sehr in den Vordergrund gestellt. Met einem ganzen Stabe von Staatskatholiken umschwärmte er den Herr« Fürstbischof Dr. Kopp und damaligen Delegaten und jetzigen Nuntius Galimberti, um die beiden KirchenfÜrsten für die Wünsche der Staatskatholiken zu gewinnen. Es wer damals ein merkwürdiges Treiben in Berlin, die Staatrkatholiken, voran Graf Fredberg, suchten ihre besten Seiten hervorzukehren, um durch ihren Einfluß zur Nachgiebigkeit in der neuen kirchenpolitischen Gestaltung zu bewegen. Graf Fred Frankenberg war ein Lobredner des hl. Stuhles und de» Nuntius Galimberti. wie nicht minder des Herrn Fürstbischofs Dr. Kopp geworden und wiegte stch in den rosigsten Hoffnungen. Niemand ist dadurch getäuscht worden, denn dagegen war von anderer Seite Vorsorge getroffen worden. Blos Graf Fred Frankenberg hatte stch in eine falsche Auffassung über die Größe seines Einflusses, mit dem er den hl. Stuhl auch zur Stellungnahme gegen das Centrum zu veranlassen hoffte, hineingetäuscht. Das Erwachen mag ihm schwere Stunden bereitet haben, denn allmählig kehrte er in bitterem Tone wieder seine wahren kirchlichen und kirchen- politischen Tendenzen hervor, und heute ist er bereis wieder soweit, daß er die vom österreichischen Katholikentag verlangte Wiederherstellung der weltlichen Macht dc» Papstthum« auf« Schärfste bekämpft. Ec will nicht« davon wissen, daß der heilige Stühl unter schmachvoller Unfreiheit leibe. Freiheit im Sinne diese« österreichischen Katholiken-
hat die entgegenkommende Erklärung de« berbgau- ichen Verein», welche am Sonntag in allen Zechen de» Strikgebiet» angeschlagen war, bisher keine Wirkung gehabt, vielmehr haben mit verschiedenen Ausnahmen auch die Belegschaften der Zechen de« Essener Revier« heute (Montag) die Arbeit niedergelegt. Die Zahl der Sttikenden beläuft sich jetzt auf 90 000 mit einer Tagesförderung von 93,000 Tonnen. In Berlin waren heute allerlei Gerüchte über neue blutige Zusammenstöße verbreitet. Der Kaiser hatte deshalb telegraphisch anfragen lassen, die Antwort lautete befriedigt. Gestern hat stch auch der Ministerrath in einer beim Reichskanzler stattgefundenen Sitzung mit der Streikangelegenheit beschäftigt. Heute Vormittag ist eine Deputa ion der streikenden Grubenarbeiter in Berlin eingetroffen.
* Au» dem Berliner Pferdebahnkutscher- Streike scheint nicht viel zu werden. Die große Berliner Pserdebahngesellschast hat am Sonntag eine Anzahl Kutscher, von denen ste wußte, daß sie die Führer der im Werden begriffenen Streikbewegung waren, entlassen. Da» hat zur Folge gehabt, daß am Montag eine Anzahl weiterer Kutscher, die sich mit ihren entlassenen Kollegen solidarisch fühlten, den Dienst einstellten. Der Abgang auf den einzelnen Depot« war indeß so gering, daß durch Einstellung von Ersatzmann- schäften jede Störung de« Dienste» vermieden werben konnte. ,, ,
• Der Reichstag beschloß heute bie Genehmigung zur strafrechtlichen Verfolgung ber Urheber eine» Flugblatts« wegen Beleidigung be» Reichstag«, sowie die Ermächtigung zur strafrechtlichen Verfolgung be« Abg. Grillenberger (Soz.) während der Dauer ber Session nicht zu ertheilen. Der Gesetzentwurf, betr. die Geschäftssprache ber gerichtlichen Behörden in Elsaß-Lothringen wurde in 3. Lesung angenommen. Bei Berathung der Etatsrechnung für 1884/85 sprach sich Abg. Böckel gegen bie Verlängerung be» Reichsbank-Privileg» aus. Die Frage wegen gewisser auf Grund Allerhöchster Ordre gemachten Militärausgaben, die schon feit einer Reihe von Jahren kontrovers ist, wurde an die Kommission zu anderweiter Berichterstattung zurückverwiesen. Eme längere Debatte veranlaßte die Prüfung der Wahl bei Abg. Henne»
O, könnten wir manche trübe Stunbe vorher burchleben, wir würben unsere gütigen Worte, unser Dankeslächeln oft an passenderer Stelle an- bringen! — „ , ,
Der Morgen kam und mtt ihm fo mancher traurige Weg. Eine noch ziemlich stütze Stunde fand die beiden Gatten am Grabe de« unglücklichen Bankier*. Dort baten sie um Segen für ihr künftiges H-im, und dort gelobten sie stch auch, alle« Kommende mit Muth und Zuversicht zu ttagen. — ,
Der spätere Gang durch die mit ber ganzen Güte urb Zärtlichkeit eines Vater» ausgestattete« Räume riß bie kaum geschlossene Wunde noch einmal auf. Beim Anblicke der dort herrschenden Eleganz, ber vielen herrliche« Slawen, Gemälde und sonstigen Kunstgegenstände fühlten sie ihre drückende Lage um so peinlicher.
Franz," flüsterte Elma, wie erschauernd beim Anblick der reichen Vergoldung, welche sie überall kalt anleuchtete, „ich könnte diese eitle Pracht jetzt nicht mehr ertragen. Ihr Glanz würde mich an bte finsteren Blicke Derer erinnern, welche dem Andenken meines theuew Vater» Groll nach- tragen."
„Und an da» höhnische Lächeln falscher Freunde", fügte dieser hinzu. „Darum gib Alle» hin, wa» nicht unbedingt nothwendig ist, und laß unsere
Deutsche- Reich.
Berlin, 13. Mai.
• Der Telegraph meldet heute aus Dortmund, daß die Arbeiterbewegung im Zunehmen begriffen ist. Drohende Ansammlungen von Arbeitermassen find vor den Zechen, um den Betrieb der Wasserhaltungsmaschinen zu stören und die Gruben zum Ersaufen zu bringen. Banden, mehrere hundert Mann stark, ziehen umher, um bie noch arbeitbereiten Bergleute zum Striken zu zwingen. Die Belegschaft ber Zeche „Marge- reihe", Kreis Wörbe, hat die Arbeit wieder auf- benommen und will die Arbeit fortfitzen, wenn fie auf dem Wege von und nachher Zeche vor Gewaltthättgkeit Strikender geschützt wird, wa« aber j.tzt nicht zu erreichen ist. Unter derselben Voraursitzung würden auch auf einigen anderen Zechen die Arbeiten wieder ausgenommen werden. Die Wasserwerke an der Ruhr, welche den ganzen Jndustriebezirk versorgen, find bedroht. Leider drängte fich; Verwandte und Freunde begrüßten einander, aber kein Gruß schallte den Beiden entgegen, welche ihr neue, Leben mit so schwerem Herzen begannen. Wenden führte seine schmerzlich bewegte Frau zärtlich durch da» Gedränge nach dem nahegelegenen Hodl Westendhalle, dort wollten ste bleiben, bi« die eigene Wohnung zu ihrem Empfange bereit sei. , m ,
Roch an demselben Abend stattete Anwalt Roth- hau« von seinen getrrffenen Maßregeln Bericht ab. Er hatte ein ihm passend erscheinende» Logi» in der Ostendstraße gefunden und bat, dasselbe am andern Morgen zu bestchtigen. Dann könne man zur Auswahl der Möbel und zu deren Ueber- sührung schreiten. In kaltem Geschäftstone brachte er die« Alle« vor, während ber junge Arzt ihm banfenb bie Hand drückte und Elma in ber Ecke be« Sopha'« ihm thellnahmslo« zuhörte. Die Hefe Trauerkleibung machte bie Bläffe ihre« Gestchtc» noch erschreckender, und bie großen Augen schauten ben Sprechenden fast geistesabwesend an. Sie hatte nur ben einen Gedanken: Ihr Vater war tobt, die Billa geschlossen, und wo waren nun all die reiche« Bekannte« mit ihrer hohlen, eigen« nötigen Freundschaft 1 Niemand kümmerte stch an diesem Abend um ihr und de» Gatten Loo» al» dieser unscheinbare Mann, den fie früher mtt so vieler Herablassung behandelt hatte! —
x ft«! «1 Wkidki. Novelle von Marga »rechten.
(13. Fortsetzung.)
4. Kapitel.
Daheim.
68 ist ein nebeltrüber, Ein Tag voll Dämmerschein, Ich ging am Haus vorrüber, Doch lehrt' ich nimmer ein. Nm Hause, wo nun dunkelt Dein Fenster alter Zier, Das sonst von Licht gefunkelt, — Und dunkel tst'S in mir.
Fran, Alfred Ruth.
SS?’gt. 15 Wn, b» M.lt.