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j\g 108 Samstag, den 11. Mai. 188 V

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Zweites Blatt.

Lohnkämpfe.

Revolutionrfeste drüben, Lohnkämpfe hüben. Der „wunderscköne Mona: Mai" überrascht uns mit einer Arbeitseinstellung, die in solcher Schnellig­keit und Größe wohl kaum Jemand erwartet hatte. Wenn eine kleine Schaar von Arbeitern streikt, so kann man allenfalls btn Glauben zu er­wecken suchen, daß e» sich um Eigensinn oder Uebermuth handele; aber wenn über 40,000 Menschen zusammen die Arbeit niederlegen, dann ist da» keine künstliche Machenschaft, sondern ein Natureretgniß, welche» sich nur dadurch erklärt, daß etwa» faul ist im Zustande der Arbeitsbedin­gungen. Verzögerte Reformen führen zu Krankheiten im staatlichen oder gesellschaft­lichen Körper. Wenn da« Köntgthum und die herr­schenden Stände in Frankreich im vorigen Jahr­hundert dem Bürgerthum die nöthtgste Rechts­sicherheit und eine billige Theilnahme an den Staatsgeschäften rechtzeitig eingeräumt hätten, dann hätte sich das politische Fieber ohne Schaden ver­logen ; al« sie aber die Krankheitssymptome miß­achteten, da stieg das Fieber zum Delirium, e» kam zu einer Revolution von wahnfinniger Schrecklichkeit.

Die Arbeitseinstellung an fich ist glücklicher Weise ein gesetzmäßiges Mittel zur Erzwingung von Reformen der Arbeitsbedingungen. Sie ist „passiver Widerstand", in gewissem Sinne vergleichbar mit unserer Haltung gegenüber den maigesetzlichen Forderungen. Die Katholiken haben E» folge erzielt mit ihrem pasfiven Widerstände, und zwar verdanken fie die Erfolge besonders dem Umstande, daß sie ihre Sache nicht durch schlechte Mittel kompromittirten, sondern sich durchaus von Gewaltthätigkeiten, Aufruhr u. dgl. fern hielten. Hoffentlich bleiben auch die Arbeiter innerhalb der Schranken, welche das Gesetz und die zehn Gebote ihnen ziehen. Denn nur dadurch können sie fich die Sympathien der öffentlichen Meinung und auch vieler Regterungrorgane erhalten, welche ihres Eindruck« auf die w .der strebenden Arbeit­geber nicht entbehren werden.

Man behauptet vielfach, der Strike fei verfrüht ausgebrochen, es bestehe noch keine richtige Orga­nisation unter den Arbeitern, wie ja auch die Riederlcgung der Arbeit nicht überall mit einem Schlage erfolgt sei, es fehle an Geldvorrath, so daß die Arbeiter es nicht lange aushalten könnten. Wenn das richtig sein sollte, so müßten die Arbeit­geber darin gerade den Beweis sehen, daß (8 fich um eine ungekünstelte, urwüchsige Bewegung handelt, die man nicht mit einer Gewaltkur niederschlagen, sondern zu einer gründlichen Heil­ung dringen muß. Was würde es den Arbeit­gebern helfen, wenn fie durch ihre augenblickliche Uebermacht die Hungernden zwingen sollten, die Arbeit wieder aufzunehmen? Sobald die Arbeiter­schaft fich wieder kampffähig fühlt, würde die Geschichte von Neuem lorgehen. Die Forderungen, welche berechtigt und erfüllbar sind, müffen befriedigt werden; da» ist da» unabwelSliche Ge­bot der einfachsten Klugheit.

Die Arbeitseinstellung fällt in die Periode eines wirthschaftltchkn Aufschwung», der sogar schon zu bedenklichen GründungSblüthen geführt hat. Diese« Zusammentr, ffen ist natürlich. In Zetten de» Niedergange», bet sinkender Nachfrage und weichen­den Preisen, denken vernünftige Arbeiter nicht an Lohnsteigerung uns Befferung der Arbeitsordnung. Aber wenn fie sehen, daß der Gewinn der Unter- mhmer steigt, so regt fich bei ihnen auch da» be­greifliche Verlangen, einen gewiffen Antheil an dem rhöhten Ertrage ihrer Thätigkeit zu haben. Aller- e

ding» kann man gegenüber diesem natürlichen Streben da« „eherne Gesetz" anführen, wonach der Lohn de« Arbeiter» sich dauernd nicht über die Höhe d.» nothwendigen Lebensbedarfc» erhebt. Aber der Begriff de» „Bedarfes" ist schwankend. In Zetten eine» allgemeinen wirthschastltchen Auf­schwunges erhöhen sich die Bedürfnisse, in Zetten des Niederganges schränken sie sich ein. Der Arbeiter fordert soviel, als er kriegen zu können glaubt, und wenn 40,000 Mann ohne Wettere« darin einig find, daß sie mehr haben müssen und mehr kriegen können, dann muß wohl etwa» dahinter stecken.

Mit Recht bezeichnet man e« als eine Schande für unser 19. Jahrhundert, daß wir zur Schlich­tung von Streitigkeiten zwischen den Völkern noch kein anderes Mittel erfunden haben, al» dasjenige, welche« die rohen Ui väter anwandten und die Wilden in Inner-Afrika auch anwenden: den Krieg. Noch schlimmer ist e», daß wir zum Aus- trag von Lohnstreitungen noch keinen andern Weg eröffnet haben, al« den der Arbeitseinstellung, welcher auf eine rohe Messung der beiderseitigen Fähigkeit zum Aushalten hinausläuft. Es gibt ke ne Schiedsgerichte, ja nicht einmal berufene Vermittler. Wenn ein Landrath sich Mühe gibt, beschwichtigend und vermittelnd einzuwirken, so folgt er dem guten Triebe seines eigenen Herzens; „amtlich" haben er und seine Genossen im Staats­dienste nicht» weiter zu thun, als die öffentliche Ordnung und Sicherheit aufrecht zu erhalten. Wir schwärmen auch gar nicht für größere Befugnisse de« Landrath« oder der Polizei; aber wohl müßte eine korporative Organisation mit den nöth'- gen schiedsrichterlichen ober wenigstens vermitteln­den Befugnissen vorhanden fein.

Da erhebt fich vielleicht der Einwand: „Ja, wenn die Arbeiterschaft eine regelrechte Organisa­tion hätte, dann würde es noch mehr und viel schlimmere Streik» geben!" Da» ist ein Jrrthum. Man kann nicht sagen, daß die militärische Organisation der Staaten die Kriegsgefahr ver­mehrt hat; man kennt die Macht de» Gegners and die Gefahr des Angriff» und verttägt fich in Folge dessen möglichst lange. Zum Ausbruch eines großen Streik kommt e« eigentlich bloß deshalb, weil die Arbeitgeber die Größe und die Kraft des ihnen gegenüberstehenden Willen» vorher nicht kennen. Hätten z. B. die jetzt streikenden Bergleute eine ge­hörige Organisation gehabt und ihre Vertretung hätte den Arbeitgebern klar gemacht, daß ste ent­weder diese oder jene Zugeständnisse machen oder fich auf eine allgemeine Arbeitseinstellung von 40—50,000 Personen gefaßt zu halten hätten — so wären die Verhandlungen, welche j tzt erst nach Ausbruch des Streikes in Gang gekommen find, tti aller Ruhe eingeleitet und zu Ende ge­führt worden, ohne daß ein Unternehmer ober ein Arbeiter Schaben gelitten hätte. Es bleibt frellich immer benkbar, daß solche Verhandlungen der beiderseitigen Häupter der Organisation schettern, falls nicht ein schiedsrichterlicher Spruch in die Wagschale geworfen wird. Aber die Wahr­scheinlichkeit der Ausbruch» dm» Lohnkampfes bi» zur Erschöpfung ist doch unzweifelhaft erheblich geringer, wenn die eine Seite die Entschlossen­heit und Einigkeit der andern Seite schon vor der thatsächlichen Probe genau kennt.

Müssiggang ist schwer zu ertragen. Wenn Tau­sende von Leuten, die stark mit jungen, heiß- blüthigen Elementen versetzt find, Tage lang nicht» zu thun haben und dabei fich in einer gewissen Aufregung und Erbitterung befinden, so ist die Gefahr von Aüsschre.tungen sehr groß. Polizei und Soldaten find da» landesübliche Heilmittel dagegen. Aber diese Medizin bringt auch Gefah­

ren mit fich. Es sammelt fich irgendwo ein Haufen Menschen, der vorläufig nicht« Arge« im Schilde führt. Die Polizei fürchtet aber, daß au« dem „Auflauf" etwa« Schlimme« werden könnte. Nun kommt die Aufforderung zum „Auseinandergehen"; die roeiter nach hinten stehenden Reihen hören viel­leicht die Aufforderung gar nicht oder beachten fie zunächst nicht; die vorn Stehenden zög rn, weil fie den Weg zum Rückzüge nicht frei finden ober auch weil fie fich nicht« Böse» bewußt find. Wenn nun bie Polizei ober die Truppen nicht mit ge­höriger Kaltblütigkeit vorgehen, so ist im Hand- umdrehen ein folgenschwerer Zusammenstoß fettig, obschon ein wirklicher böftr Wille nirgend» vor­handen war. Auch zur Vermeidung solcher Ge­fahren würde da» „Zusarnmenfafftn der realen Kräfte de« christlichen Volksleben«" gute Dienste leisten. Wäre der Arbeiter stand organifirt, so würden die erwählten Führer Alle« daran setzen, Exzfle zu verhindern, und ihr Einfluß würde bi« auf ganz außerordentliche Unglücksfälle die An­wendung der „blanken Wofft" unnöthig machen. Die „Bürgerwehr" steht nicht überall im guten Andenken. Aber sollte man nicht doch mal ernst­lich prüfen, ob in Ortschaften, die unter den Fol­gen der Arbeitseinstellung leiden, die Heran­ziehung von verständigen und geachte­ten Bürgern zur Aufrechterhaltung der Ord­nung nicht angebracht wäre? Ich glaube, man sollte den Leuten keine Waffen und auch keinen amtlichen Charakter geben, sondern sie bloß al« Vertrauensmänner der Bevölkerung wirken lassen. Wo drei oder vier entschlossene Männer vereint auftreten, haben sie gegenöoer krakehllustigen Ele­menten schon eine respektable Macht. Die Füh­rung von Waffen würde ihnen mehr schaden al» nützen, da durch dieselben der moralische Ein­fluß gefährdet und zur Messung der physischen Kräfte angereizt würde. Fall» sie auf eine bös­willige Uebermacht stießen, die fich nicht be­ruhigen lassen wollte, so müßten fie fich zurück- ziehen; aber dabei wäre ja noch nicht» verloren. Nach dieser Probe würde ein energischer Ein- gr-ff einer starken Polizei- oder Truppenmacht am Platze sein. Das Gefährlichste bei solchen Be­wegungen sind die kleinen, zufälligen Zu­sammenstöße von einzelnen Organen der Staats­gewalt und einer aufgeregten Menge; diese un­beabsichtigten Konflikte, welche ost eine verheerende Lawine in’» Rollen bringen, würden durch kluge Zurückhaltung der Beamten und Vorschiebung von volksthümlichen Ordnern hoffentlich vermindert werden können.

Ein solcher Vorschlag zu einer freien Volks­polizei wird bei der jetzigen bureaukratisch-mili- tärischen Zeitströmung wohl wenig Anklang finden. Er spitzt fich ja vielmehr Alle» auf Uniform und Schneidigkeit zu. Aber das soll un« nicht hindern, alle braven Bürger aufzufaröern, überall freiwil­lig nach Kräften mitzuarbetten zur Abwehr von Gefahren für das gemeine Wohl, mögen letztere von den Elementen (F uer, Wasser rc.) oder von menschlichen Verirrungen drohen.

Vermischtes.

* Der Pariser.TimeS'.Berichterstatter erzählt über die Art und Weise, wie die französisch« Regierung sich de» Generals Boulanger entledigt habe, folgendes Geschicht- chen. Man wollte ihn nicht verhaften, weil man öffent­liche Demonstrationen besorgte, und doch wurde die Ge­fahr immer größer, so lange der General in Paris blieb. Es galt also, ihn auS dem Lande zu bringen. Der Mi­nister bei Innern, Constans, führte den Streich aus. Er ließ einen Polizeibeamten kommen, den er im Verdacht hatte, daß er ein Spion Boulangers sei, und sagte ihm: „Sie müffen mir einen wichtigen Dienst leisten. Ich brauche 6 handfeste Burschen, die vor nichts zurückschrecken. Ich will mich nämlich des Generals Boulanger bemäch­tigen, auch ohne die gesetzliche Genehmigung dazu erhalten