j\£ 108. Samstag, den 11. Mai. 1889
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Erstes Blatt.
Deutsches Reich.
Berlin, 10. Mai.
• Die gestern unter Vorsitz der Fürsten Bismarck im Reichstagsgebäude stattgefundene Sitzung des preußischen Staatsministertums soll den Bergarbeiterstrike zum Gegenstände gehabt haben.
* Der Minister des Innern Herrfurth hat sich nach dem ©iritegebtet begeben und ist in Dortmund eingetroff n, wo derselbe Konferenzen mit den Verwaltungsvorständen hatte. — Die Gesammtzahl der Stickenden im rheinisch-westfälischen Kohlengebiet beträgt j-tzt siebzigtauseud Mann. Dazu kommen noch die infolge des Kohlenmangels erwerbslos gewordenen Arbeiter der Eisenindustrie. Polizei und Truppen haben Mühe, die Nichtstrikenden vor den Mißhandlungen ihrer Genoffen zu schützen. Die Furcht vor solchen Mißhandlungen vergrößert die Zahl der Strikenden.
• Die gestern verbreiteten Angaben über den hiesigen Maurerstrike sind übertrieben. Er feiern nur etwa 400 Gesellen.
* Der Schluß der Samoa-Konferenz wird gegen den 20. d. M. erwartet.
* Der Reichrkommiffar für Ostafrika, Hauptmann Wtß mann, hat den ersten Steg über den Führer der Aufständischen, Bushiri, davongc- tragen. Reuter'« Bureau meldet darüber: Hauptmann Wißmann griff am Mittwoch mit seiner Streitmacht Bushiri's Lager bei Bagamopo an, dar von 600 Mann vcrthetdigt wurde. Rach hartem Kampfe wurde das Lager völlig zerstört. Bushiri verlor 80 Tobte und 20 Gefangene; auf Seiten Wißmann's etwa 40 Schwarze getödtet, mehrere Offiziere und Mannschaften leicht verwundet. Bushiri entkam; wie verlautet, hätte derselbe das Lager vor dem Angriff verlassen. — Ein zweites Telegramm meldet über den stattgehabten Kampf: Hauptmann Wißmann hat gestern mit 700 Schwarzen, unterstützt von 200 Marine- Mannschaften, das befestigte Lager Bushiri'» gestürmt. Bushiri selbst ist entkommen, seine Truppe von 600 Mann ist gesprengt, 80 getödtet, 20 gefangen. Lieutenant z. S. Schelle („Schwalbe") und Matrose Fülle („Leipzig") find gefallen. Von der Wißmann'schen Truppe sind Feldwebel Peter
x Fn«r««» Wenden.
Novelle von Marga Brechten.
(11. Fortsetzung.)
Und der gequälte Mann schlich leise wieder hinaus und lehnte sich an die Brüstung der Balkons. Eine Fluth von bitteren Gedanken stürmte auf ihn ein: also darum hatte der Bankier ihn so bereitwillig als Schwiegersohn willkommen geheißen, darum so zur Beschleunigung der Hochzeit gedrängt; er wollte die Tochter im sichern Hafen wiffen, ehe die Katastrophe mözlicher Weise hereinbrach. Sollte auch Elma diesen Umsturz der Berhältniffe geahnt haben? Rein, dar war undenkbar, ihre sorglose Unbefangenheit in all' diesen Wochen war keine Maske gewesen. Gottlob, in ihrem gegenseitigen Verhältniffe trat keine Veränderung ein; er würde sie gleich heiß geliebt und degehrt haben, auch wenn er damals g mußt hätte, daß sie arm sei, so arm, wie er. Und nun stand Nichts mehr zwischen ihnen, der große Reichthum würde wohl in Rauch aufgehen, und er allein durfte für seine theure Gattin arbeiten und sorgen. »®ott im Himmel, erhalte mir Gesundheit und Kraft; gib, daß mein Muth nie erlahmen möchte, und sende uns Deinen Segen für die Tage voll Arbeit und Mühen!" So flehte Wenden au« tief
und 40 Schwarze tobt, Hauptmann Richelmann, Proviantmeister Jllich und Stabsarzt Schmelzkopf leicht verwundet.
* Der Reichstag setzte heute die zweite Be- rathung des Alters- und Jnvalidenverficherungs- gesetzes fort und nahm die Bestimmungen über die Entscheidung von Streitigkeiten und über die Kontrolvorschriften an. Bei der Abstimmung bezweifelte Abg. Virnich (Ctr.) die Beschlußfähigkeit des Hauses. Die Auszählung ergab indeß die Anwesenheit von 210 Mitgliedern, die Berathung konnte somit fortgesetzt werden. Angenommen wurden ferner die Vorschriften über die Vermögensverwaltung, sowie über die Zuständigkeit des Reichsversicherungsamts und der Landesverficher- ungSämter in der von der Kommission vorge- schlagenen Fassung mit der Abweichung, daß die Revision in Rentenfeststellungssachen dem Reichs- versicherungsamte an Stelle de« Lanvesverficher- ungSamt« übertragen wurde. Die Schutzvorschrif- ten sowie die auf die Reichs-Staatsbetriebe bezüglichen Vorschriften wurden auf Antrag der Kommission, die Bestimmungen auf Rentenspar- kaffen auf Antrag Stumm gestrichen. Weiterbe- rathung morgen.
* Gegen den Prediger Witte ist, wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, wegen seiner Broschüre gegen Stöcker eilt neues Dis- zipltnar-Verfahren eingeleitet worden. Herr Stöcker, der auch heute an der Reichstagssitzung theilnahm, macht keineswegs den Eindruck der Niedergeschlagenheit.
* Gegenüber der im Bundesrath eingebrachten Straf- und Preßnovelle, welche die Handhabe bieten soll, um die unabhängige Preffe mund- tobt zu machen, ist daran zu erinnern, wie hoch Fürst Bismarck noch vor zwei Jahren den Werth einer freien Preffe zu schätzen wußte. Er war in der Sitzung vom 22. Januar 1887. Der Abgeordnete Richter hatte bemerkt, daß absolutistische Einrichtungen die Ideale de« Kanzler» seien, dieser erwiderte: „Wir find weit entfernt davon, der absoluten Monarchie zuzustreben; ich halte dieselbe überhaupt für eine unmögliche Einrichtung; denn dann regiert entweder der Bureaukrat oder der Generaladjutant oder irgend Jemand, W das Geschäft nicht kennt. Ich halte es für unbedingt nothwendig, daß die Monarchie tempertet werde
gläubigem H.rzen und gelobte sich, keine Anstrengung zu scheuen, um Elma'« Loo« zu einem glücklichen zu machen. Ec schritt im Garten auf und nieder, bis sich der Sturm seiner Gefühle gelegt haben würde. Die Schatten de« Abends wurden länger, und es begann kühl zu werden, aber Wenden fühlte es nicht. Er sah auch nicht, wie droben die Balkonthüre aufging und feine junge Frau in ihrem weißen Gewände auf der Veranda erschien. Da rief es leise: „Franz, bist Du hier?"
„Ja, Geliebte, ich komme," gab er zur Antwort, aber seine Stimme klang so hohl und verändert, daß fie erstaunt aufblickte. Dann stand er vor ihr, bleich, müde und erschüttert, das Lächeln, zu dem er die blutlosen Lippen zwang, ließ die Spuren de» inneren Kampfes nur noch deutlicher hervortreten.
Elma sagte zärtlich: „Du bliebst so lange, da schlief ich zuletzt ein, erwachte aber eben, und als ich auf meinen Ruf keine Antwort erhielt, suchte ich Dich draußen.
Wenden sprach nicht; er fürchtete, feine Aufteg- ung zu verrathen, und hielt nur ihre Hand fest in der feinen. Da legte fie ihre kleine Hände auf seine Schultern, zog ihn in die Mitte de» Zimmers, so daß der rosige Schimmmer der Lampe voll auf sein Gesicht fiel, und sagte: „Du siehst
durch die Freiheit der Presse, durch Ldie Rothwendigkett und Unentbehrlichkeit der Zustimmung zu jeder gesetzlichen Aenderung des gesitz- lieben status qno ante, das heißt also, daß die gesetzgebende Gewalt getheilt werde, und daß Vertreter des Volke« und eine freie Preffe im Stande seien, ohne Furcht und ohne Rücksicht den König und seine Regierung auf jeden irrthümlichen Weg, den er einfchlägt, aufmerksam zu machen." — Wir wollen abwarten, ob man auf offtzöser Seite diese Worte de« Reichskanzlers heute als „verjährt" zu bezeichnen den Muth hat.
* Der .Reichsanzeiger' publizirt amtlich das neue Genossenschafts-Gesetz.
* Ans Konstantinopel ist heute eine außerordentliche Gesandtschaft des Sultan« nach Berlin abgegangen, um im Auftrage de« Sultans dem Kaiser den Jmtiazorden und der Kaiserin den Chofakatorden zu Überbringen. Die Gesandtschaft besteht au« Ali Rizami Pascha und dem Sekretär de« Sultan« Kiazim Bey nebst zwei MUitärpersonen von hohem Range.
* In einigen Blättern ist von einer in Aussicht stehenden Erhebung des Staatssekretärs von Bötticher in den Grafenfiand die Rede.
Ausland.
* Wien, 10. Mai. Das Befinden Ihrer Maj. der Kaiserin Elisabeth hat sich durch die Cur in Wiesbaden wesentlich gebessert. — Kronprinzessin Stepanie begibt sich am 16. d. au« Schloß Miramar nach Laxenburg zu längerem Aufenthalte. — Nächsten Sonntag den 12. d. M. findet die feierliche Einweihung der neuen zur Erinnerung an die Befreiung Wien« von der Türkengefahr erbauten St. Josephskirche an der Türkenschanze zu Weinhau» durch Se. Eminenz Kardinal Ganglbauer statt. P. Klinkowström, 8. J., hält die Festpredigt, Pfarrer Dr. Deckert wird die erste hl. Messe in der neuen Kirche lesen. Da» Denkmal zur Erinnerung an die Türkenbefreiung, da« in der Stephanskirche errichtet werden soll, ist im Entwürfe fertig und wird in Marmor ansgesührt. — Die herrliche Rede des Fürsten Alois Liechtenstein in der Schlußversammlung des Katholikentages hat die Börse arg verschnupft; der Ausschuß dcr Wiener Börsenkammer hat in einer sehr groben Resolution gegen diese Rede
so sonderbar au», so verstört, — um unserer Siebe willen, sag' mir, ist etwa» vorgefallen?"
Ec schwieg noch immer.
„O, Du warst auf der Post, was für Nachrichten bringst Du heim?"
„Morgen, liebe« Herz, laß uns für heute ruhen," bat der Doktor.
„Nein, Franz, ich laste Dich nicht; meinst Du, ich könnte schlafen mit dieser Unruhe in meiner Seele? Sprich, ich kann Alles hören, ich habe ja Dich, Geliebter, und bin stark. Ist es etwas mit Papa?"
Ihre Stimme brach. Da gab er nach; er zog sie nieder auf das Sopha und erzählte ihr Alle« — langsam und schonend.
Die Nacht war schon weit vorgerückt, aber das Licht erlosch nicht. Noch lange, lange vermischte sich mit dem Getöse des Windes die leise, tröstende Stimme de« Mannes, der fein schluchzendes junges Weib zu beruhigen suchte.
VI.
Die nächsten Tage vergingen sehr trübe. Elma hatte ihre Kraft überschätzt. Der erste herbe Schmerz, den sie in ihrem jungen Leben empfand, beugte sie so tief darnieder, daß ihre geistigen und körperlichen Kräfte vollständig erlahmten. Sie lag weinend und schluchzend auf ihrem Ruhebett