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Freitag, den 10. Mai.

1889

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She ,Fuldaer Zeitung- rrschnnt täglich, Sonn» und Feiertage ausgenommen Vierteljährlicher AbounementSpreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld m't der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen^ in Fulda und auswärts 1 Mark 60 Pfennig.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 9. Mai.

* Der Kaiser hat heute der Unfallver- Hütungs-Ausstellung einen Besuch abgestat­tet. Am 24. Mai wird der Kaiser mit seinem Gaste, dem Könige von Italien, in Kiel ein- treffen. Letzterer wird, wie es scheint, mehrere Tage in Kiel verweilen. Der Kaiser wird im Juni längere Zett auf dem Kieler Schlöffe rest- diren. Von Kiel au» tritt der Kaiser auch die Reise nach England an.

• Der Strike der Berliner Maurer hat bereite begonnen, die Zahl der Ausständischen wird auf 1500 geschätzt. — Auch die Berliner Pferde­bahnbeamten find in die Lohnbewegung ein­getreten. Sie fordern: 1) Reduzirung der bisher 14—15stündigen Arbeitszeit dadurch, daß auf 2 Wagen 3 Kutscher kommen resp. lOstündigeArbetts- zett. 2) Monatlich 4 vollständig dienstfreie Tage. 3) Monatsgthalt im ersten Jahre 90 M., Zulage, jährlich steigend, monatlich 3 M. bis 105 Mark. Kilometergelder gleichmäßig für Alle monatlich 15 M. 4) Für Ueberstunden an Sonn- und Fest­tagen pro Stunde 30 Pf.

• Wegen des Artikel» zum Todestag Kaiser Wllhelm« ist doch noch eine Anklage wegen Majestätsbeleidigung gegen den Redakteur der .Volkszeitung' erhoben worden.

* Von angeblich authentischer italienischer Sette erhätt die ,Nat. Ztg.' im Hinblick auf die jüngsten Meldungen bezüglich eine» Heirathsprojekte» vetr. den Kronprinzen von Italien und die belgische Prinzessto» Clementine die „zuverlässige Mitthei- hing", daß ein solches Projekt in den bethelligten Kreisen überhaupt nicht bestanden habe. Der ..wohlunterrichtete Gewährsmann" schreibt iti dieser Hinsicht: „Wlr können in der bestimmtesten Weise versichern, daß der König und die Königin von Italien noch gar nicht daran gedacht haben, den jungen Kronprinzen zu verheirathen. Trotz seinem ungemein entwickelten Verstand «nd seinen fort- geschrittenen Studien bedarf der Prinz von Neapel noch manchfacher Leibesübungen, um seinen Körper zu stärken. Weder da» königliche Hau» noch die Regierung hak jemals den geringsten Schritt ge- than, um den Kronprinzen zu verheirathen. Die Meldung von seiner Verhettathung mit der belgi­schen Prinzessin ist eine reine Äfindung, gleich den frühem Mittheilungen betreffend die Ver­mählung desselben Prinzen mit Prinzessinnen ver-

x fnm; vn Wende».

Novelle von Marga Br echt en.

(10. Fortsetzung.)

Wie lange Wenden so dagestanden, wußte er selbst nicht. Der Schalter wurde Herabgelaffen, Schlüssel umgedreht und Thüren geschlossen. Die Beamten entfernten sich nach und nach; einzelne Vorübergehende sahen scheu nach ihm auf, schüt­telten die Köpfe und flüsterten sich Bemerkungen zu. Plötzlich legte sich eine schwere Hand auf die Schulter de» regungslos Dastehenden, und der dienstthuende Portier sagte in grobem Tone: „Ist schon spät, Herr, wollt Ihr nicht lieber draußen vor Euch hinstarren und träumen! —"

Der junge Mann erwachte au« seiner Betäu­bung, drückte die Briefe krampfhaft zusammen und stürzte auf die Straße hinaus. Ein Papier war ihm entfallen; er eilte zurück; aber der Portier kam ihm zuvor, reichte es wie abwehrend hinaus «nd verschloß dann hastig die Thür. Wenden sah noch, wie der Mann nach der Sttrn deutete; — und diese eine Bewegung brachte chn wieder zu stch selbst. Er schob den Hut tief in'» Gesicht und

schiedener Länder. Der Kronprinz von Italien if noch zu jung, um an feine Vermählung zu denken." Da« Dementi wttd in den katholischen Kreisen Belgien« und Italien« wenig Gläubige finden. Wenn übrigen« der Heirathsplan jetzt wirklich aufgegeben ist, so soll e« un« nicht darauf an­kommen, welche Gründe dafür bestimmend waren.

* Die Veröffentlichung de» Protokolle« in der Angelegenheit Wohlgemuth hat jedenfalls nicht die Wirkung gehabt, welche die Regierung sich davon versprochen hat; kein einzige« Blatt läßt sich die mehr al« harmlose Deutung gefallen, welche der Polizeiinspektor Wohlgemuth seiner Aufforde­rung zur „lustigen Wühlerei" zu geben beliebt. Selbst diejenigen Blätter verurthellen da« Verfahren Wohlgemuth«, welche da« Vorgehen der Schweizer Behörden gegen ihn immer noch für unangemessen erklären.

* Der Reichstag lehnte heute zwei Urlaubs- gesuche al» nicht genügend motivirt ab, verwies den Rechenschaftsbericht der Reichsschuldenkommis­sion an die Rechnungskommission und setzte dann die zwette Berathung de« Alters- und Jnvalidi- tätsgesitzes bei den Bestimmungen über die Be­rechnung der Beiträge und Renten fort. Abgg. Henning (Rp.) und Graf Stolberg (kons.) befür­worteten die Kommisfionsbeschlüffe. Abg. Schmidt- Elberfeld (frf.) führte au«, daß die Rentenberech­nung jeder statistischen Grundlage entbehre, eine Ausführung, welcher Bundeskommissar Geh. Rath v. Woedtke entgegentrat. Nachdem Abg. Lohren (Rp.) seinen Antrag für die 2. Lesung zurückge- zogen, wurden die §§ 18b und 18c in der Kom­missionsfassung angenommen, ebenso $ 84. Zu den Bestimmungen über die Entscheidung von Streitigkeiten zwischen den Versicherungsanstalten und den Arbeitern und Arbettgebern beantragte Abg. Hahn (kons.) daß die Reviston beim Reichr- versicheruugsamt binnen vier Wochen eingebracht werden muß. Bei der Abstimmung ergab sich Beichlußunfähigkett. Wetterberathung morgen.

* In dem Entmündigungsverfahren gegen Geffcken ist der Antrag, welchen der Sohn Geffcken'«, stuck, hist Heinrich Geffcken, ohne Ge­nehmigung feiner Mutter gestellt hat, nach dem .Berliner Tageblatt' abgewiesen, indem in dem 59 Seiten umfassenden Erkenntniß auf Grund der sachverständigen Urihelle der Irrenärzte das frühere Nervenleiden und eine jetzt noch vorhandene Nerven­schwäche al» bedeutungslos bezeichnet wurde in Bezug auf die Entschließungen Geffcken's.

eilte fort aus der Nähe der Menschen, dem Strande zu.

Die Alleen lagen jetzt einsam da, und Niemand begegnete ihm. Die Schatten der Bäume ficken lang auf den sandigen Weg, der Wind war stär- ker geworden und die Mondsichel warf ihren bleichen Schein auf die dumpf brausende See. —

Wenden ließ stch auf eine im Dunkel stehende Bank nieder und barg sein Antlitz in den Händen. — Da» also war der erste Abend in Nizza! Leben und Tod, Reichthum und Armuth hatten ein grause» Wechselspiel getrieben, und das Schicksal eine kalle Hand auf sein und der Gattin junge» Glück gelegt Wie glücklich war sie gewesen, und nun raubte ihr der Tod den geliebten Vater, und er durste ihr kaum Zeit zur Fassung und iillen Trauer gönnen; fie mußten stch Beide auf- rassen und mtt dem Leben kämpfen, denn fie waren ja wahrscheinlich arm geworden, bettelarm in einer einzigen Stunde! Er lachte grell auf. — O, daß ich glauben konnte, der Reichthum feste sich an meine Fährte! Doch was thut's, wenn nur Elma diesem harten Schlag nicht erliegt, und ich Thor, ich wähnte diese frohen Kmd«-

* Wozu find die Regierungspräsidenten in Preußen da? Der beschränkte Untertanen# verstand denkt: zur bestmöglichen Vermattung de» Regierungsbezirks. Anr von Herrn Ober-Regie- rungsrath Gedike in Potsdam erfahren wir, daß die Hauptaufgabe eines guten Regierungspräsidenten auf dem Wahlgebiete liegt Herr Gedike hielt dem scheidenden RegierungSp:äfidenten von Neese zu Potsdam die panegyrische Abschiedsrede „im Namen der Regierung" und rühmt als erstes Verdienst, daß Herr v. Neese es durch „mühevolle, jahrelange, persönliche Arbeit" dahin gebracht habe, daß der ganze Bezirk, der bei seinem Amtsantritt durch oppositionelle Abgeordnete vertreten gewesen, jetzt regierungstreu wähle, mtt Ausnahme eine» einzigen „abgelebten" Reichstagswahlkreise». „Und da» Alle« nur mit den Mitteln der Uebcrzcugung."

• Der Kaiser hat dem Schriftgießereibefitzer Grimm zu Frankfurt a. M. und dem Ritter- guttbefitzer Freiherm von S ch o r l e m e r auf Oven- Hagen die Anlegung de« Kreuze« Pro Ecclesia et Pontifice; dem Frhrn. v. Land«berg-Velen zu Münster die Erlaubniß zur Anlegung de« bel­gischen Leopolds-Orden« und dem Kammerjunker Frhrn. v. Solemacher-Antweiler zu Wachen­dorf die Erlaubniß zur Anlegung de» Kreuze« zwetter Klasse de« belgischen Bürger-Ehrenzeichen« gegeben.

• Sech« Preßprozesse auf ein Mal hat der .Stettiner Bolksb.,' dessen Redakteur zum 9. Mai vor die Strastammer in Stargard vor­geladen ist, um sich 1. wegen Beleidigung des Amtsgericht« zu Stettin; 2. des Sohnes des Oberpräfidenten Grafen Behr v. Negendank; 3. de» Sohnes des Polizei-Präsidenten v. Müffing in Stettin; 4. des Frhrn. v. Rheinbaben; 5. de« Rittergutspächters Maaß und 6. wegen Aufteizung zu Gewaltthäligkeitm zu verantworten.

* Au« Hamburg, 8. Mai, wttd der ,Köl. Vztg.' berichtet: Heute habe ich von einem Strike der — Todtengräber zu berichten, gewiß etwas Seltenes, »m 4. d. M. haben nämlich 63 Arbetter auf dem unter staatlicher Leitung stehen­den Centtal-Friedhofe in Ohlsdorf die Thätigkeit eingestellt. Dieselben hatten um eine kleine Erhöhung ihres allerdings geringen Lohnes gebeten und, da ihnen dieselbe verweigert wurde, rechtzeitig ge- kündigt.

* München, 9. Mai. Nuntius Agliardi, der gestern Nachmittag hier anlangte, wurde laut der ,Frkf. Ztg.' vom Minister Crailsheim em»

äugen vor allem Leid schützen zu können? Doch Er, der e» Über fie schickt, wird es tragen helfen."

Die feuchte vom Meer aufsteigende Luft ließ Wenden'« Körper erschauern; er raffte stch auf und schritt langsam dem Hotel zu, so langsam, als wolle er die kurze Entfernung zu Stunden ausdehnen. Nie war ihm ein Gang so schwer geworden, denn er mußte ja Elma die Trauer­nachricht mitthellen; nur heute nicht, diese einzige Nacht sollte fie noch von dem geliebten Vater als von einem Lebenden träumen und sich noch reich und glücklich wähnen.

Da war das Gartenpförtchen erreicht; er tastete an dem verschlungenen Eisengitter, bis seine bebende Hand der Schloß gesunden hatte. Mtt unhörbaren Schritten stieg er die Verandatreppe hinaus und iand bald vor der Glasthüre des Schlafgemaches. Leise trat er ein, nur einen Blick wollte er auf hr liebliche« Gesichtchen werflu, dem die Thränen de» Kummer« bisher so fern geblieben waren.

Eine Nachtlampe in einer Rosa-Glaskugel hing von der D.cke de« Zimmer« herab und beleuchtete die schlummernde Gestatt der jungen Frau, die auf einer Chaise longue ruhte. Sie mochte wohz