Einzelbild herunterladen
 

j\g 106. Donnerstag, den 9. Mai.

filhtr A 3tiliiug

1889

Dir .Fuldaer Zeitung- erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen Bierteljährlicher AbonnementSpre^ ohne Bnngerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen in Fulda und auswärts 1 Mark 60 Pfennig.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 1b Psg-, bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

• Die Centennarfeier der nord- amerikanischen Union.

am 30. April 1789 ging in der „Federal Hall" in der Stadt Nerv-York die feierliche Ein- sttznng der Regierung der Vereinigten Staaten unter der Versüssung, welche am 17. Sept. 1787 in der Konvention zu Philadelphia angenommen worden war, vor sich. George Washington leistete vor beiden Häusern de» Kongresse«, die dort versammelt waren, den Amireid al« der erste Präsident, und damit trat die Nation, zu welcher die Verfassung den Gmnd gelegt, förm­lich in« Dasein. Diese» hochbedeutsame Ereigniß wurde am 30. April, dem hundertsten Jahrestage der Geburt der Nation, in New-York und im ganzen übrigen Lande festlich begangen. Man hatte vor 13 Jahren die hundertjährige Gedenk­feier der Unabhängigkeits-Erklärung festlich begangen. Allein mit der Eiklärung, daß die Neu-England-Slaaten von England unabhängig seien und sich nicht länger vorn Mutterlands woll­ten aussaugen lassen, war die nordamerikanische Union nicht gegründet. Sehr bald schon nach der Unabhängigkeits-Erklärung zeigte e» sich, daß da» Land einer nationalen Verfasiung bedürfe, mit einem tüchtigen Exekuttv-Oberhaupte, wenn man eine vereinigte Körperschaft sein wollte, die Ord­nung und gute Regierung zu Hause und Schutz gegen da« Ausland sicherte. Am Ende de» Re­volutionskrieger herrschte ja nichts weniger al» Einigkeit und Friede zwischen den einzelnen Staa- ten. Die damalige Regierung war schwach und arm, die einzelnen Staaten eifersüchtig auf ihre Vorrechte, mißtrauisch gegen einander, nur der MUitärgeist stark ausgeprägt. So hatte es George Washington, der Abgott der Armee, welche die einzige starke Macht im Lande repräsentirte, da­mal» vollständig in seiner Hand, sich die Königs­krone aus'» Haupt zu setzen, wenn er wollte. Aber in diesem wichtigen Augenblicke entschloß er sich Nordamerika eine „Regierung de» Vol­ke» durch da» Volk und sür da» Volk" zu sichern." Durch diesen seinen Sieg über den eigenen Ehrgeiz, größer al» die Siege bei Trenton und York, machte er sich zum größten Manne btt Geschichte der Union. Und ein so große» Ereig­niß auch die Unabhängigkeits-Erklärung »ar, wurde es doch noch übertroffen durch diese Groß- that Washington» und die dadurch angebahnte

und ermöglichte Handlung der Volksvertreter, welche Nordamerika zu einer konstitutionellen Re­gierung und zu einem vereinigten Volke machte.

Zur Feier selbst hatte der jetzige Präsident Har­rison eine Botschaft erlassen und darin sür den 30. April neben den weltlichen Feierlichkeiten Gottesdienst und Gebete in den verschiedenen Kir­chen empfohlen. Viele Bischöfe hatten schon vor­her in Hirtenbriefen eine würdige kirchliche Feier bee Tages angeordnet. Ja allen Kirchen fanb Festgottesbienst statt; Prästbent Harrison nahm in Olb St. Paul im Betstühle Washington» Platz. Anläßlich der Feier wurden eine Reihe von Zere­monien aufgeführt, die, soweit wie möglich, eine genaue Wiederholung der Zeremonien bei der Inauguration Washington» bildete, indem Präsi­dent Harrison Washington» Stelle einnahm. Am bemerkeniwerthesten war die militärische Prozession, Mlche an Harrison vorüberzog, der sich auf der Tribüne am Madison Square befand. An der­selben nahmen etwa 15,000 Mann der National­garde der verschiedenen Staaten Theil. Abend» fand Festiffen, große« Konzert, glänzende Jllumi- Nation und Feuerwerk statt.

Mit der Centennarfeier de» nordamerikanischen Freistaates verbindet sich auch dar Jubiläum de» Bestandes der Hierarchie der kath. Kirche in der Union. Groß find die Fortschritte, welche die kath. Kirche in diesen hundert Jahren in Nord- amerika gemacht hat. Au« dem einen apostolischen Vikariate find seither über 70 Diözesen hervorge- gangen, tausende von Kirchen, Hunderte von Klöstern, Schulen und Kollegien errichtet worden; jetzt soll zur Krönung des Werkes auch noch die freie kathol. Universität in Washington ge­fügt werden, die Zahl der Priester und SeelsorgS- stationen hat sich bebeutenb gemehrt, die Katholiken sind bort zum vollen Bewußtsein ihrer Religion gelangt, sie sinb stolz auf ihre Kirche unb sie bringen f"r biese hohe Opfer. Dazu herrscht volle kirchliche Freiheit. Wie bis Union als Staatswesen alles nur ber eigenen Kraft zu verbanken hat, so auch bie katholische Kirche in Nordamerika. Sie genießt keinerlei Staatsunter- stützung, sie ist einzig unb allein auf bie freiwilligen Gaben ihrer ©liebet angewiesen, aus benen ber ganze Unterhalt bes Klerus unb ber Schulen, ber Bau von Kirchen unb Klöstern, bie Kosten bet Diözesanvetwaltung u. s. w. bestritten werben müffen. Groß sind freilich bie Opfer, bie ben

Gläubigen auferlegt werben, aber sie werben gerne getragen im Bewußtsein ber großen Erfolge unb ber Selbstständigkeit. Die Kirche in AmerSa ist dafür frei von jeder bureaukratischen Fessel, kein Kultusminister mischt sich ,n ihr inneres Leben und bevormundet den Klerus, will Glauben und Sitte regeln, die freie Kirchs erfüllt ihre Aufgabe im ffreisn Staate, jede Gewalt geht ihrs Wegs und belästigt nicht die andere. Da» Merkwürdigste aber ist, daß die katholische Kirche dort ganz frei ist unb bie Vereinigten Staaten trotzdem noch bestehen, ja sich eine» mächtigen geistigen und wirth- schaftlichen Aufschwünge» erfreuen. In der alten Welt aber stehen gar viele Staatsmänner und andere Leute, die sich für sehr weise halten, täglich mit dem Gedanken auf, sie müßten auch heute wieder den Staat gegen die „staat-gefährlichen Pläne" der kath. Kirchs schützen. Ganz unbegreif­lich aber ist c», daß die Union bie schlmmen Jesuiten frei lehren, Hochschulen errichten, Missionen abhalten unb sonst wirken läßt, ohne bereits all ba» Unhell zu spüren, da« nach ber Ansicht bet hochweisen „Kulturkämpfer" in ber alten Welt eine nothwendige Folge ber Anwesenheit bet Jesuiten ist! Während im alten Europa bie Monarchie die Kirche als gefährlich betrachtet unb in Fesseln legt, gewährt in ber neuen Wett bie größte unb mächtigste Republik bet Erbe ihr volle Freihett.

Deutsches Reich.

Berlin, -8. Mai.

• Wenn unsere Rückzüge in der Kolonial- Politik in tiefer Weise fortgesetzt werben, so wirb halb von unfern kolonialen Bestrebungen nur noch in historischem Sinne gesprochen werben können: verloren wäre ja babei, außer ben paar Millionen, nicht viel. Dagegen wären wir um werthvolle Erfahrungen reicher. Die Regierung hat bem Treiben der beutschen Kolonialsportsleute ruhig zugesehen, ja sogar eine wohlwollende Miene gezeigt. Die Expsdllion zur Befreiung Emin Pascha'» konnte ungestört ausgerüstet werben unb nach Afrika reisen. Jetzt kommt plötzlich von Sellen bei Regierung eine so schroffe Abweisung b.t Expedition, daß man sich verwundert umschaut und fragen muß: was ist denn eigentlich pasfirt? Die Antwort auf diese Fragen könnte eine seht tröstliche sein, wenn sie nicht so verschiedene

X jrmr m Wmks.

Novelle von Marga «rechten.

(9. Fortsetzung.)

„Allerdings ein seltsamer Traum," entgegnete Franz von Wenden; „aber wenn Du bedenkst, baß wir die letzten Tage fast ausschließlich auf der Äsenbahn zubrachten, erscheint es sehr natür­lich, daß sich der Geist im Schlaft dahin verirrte. Die Anstrengung de» Reisen» hat gewiß auch viel dazu beigetragen. Nun mußt Du Dir heute un­bedingt Ruhe gönnen. Wit haben ji noch so schöne Tage vor un« ; sei jetzt nur wieder Heller, meins Elma."

Der Thee wurde auf der Veranda eingenommen und die junge Frau hatte bald ihre frühere Mun- terkett wiedergewonnen. Sie saßen so glücklich zu­sammen, machten Pläne und sprachen von der Zu­kunft, die so goldig vor ihnm lag. Der laus Wendwtnd trug ganze Ströme von Blumenduft au» dem Garten zu ihnen empor und bewegte spielend die Blättetranken der Veranda. Dann und wann drangen auch jubelnde Kindststimmen und fröhliche« Lachen herauf; denn viele der an- wssenden Fremden spazitten in bet breiten, sich

am Ufer hinziehenden Allee. Das Meer lag still unb ruhig unb feine Silberwellen glitzerten in bet Abendsonne.

„Morgen wollen auch wir uns unter diese fröh­liche Menge mischen and die schöne Stadt mit ihren Ptomenadm und Anlagen nähet in Augen­schein nehmen. Deine Tolletten werden sich auch freuen, wenn sie da« Tageslicht wieder erblicken, bie großen Koffer stehen ja fast noch unberührt ba," meinte ber Doktor in scherzendem Tone.

„Franz," sagte seine junge Frau ertöthend, „siehst Du mich gerne geschmückt?"

„Dich, ja; denn bei Deinem seinen Geschmack und Tafte habe ich nie einen auffallenden oder überladenen Ausputz zu fürchten. Und damll Du e« nur weißt: ich bin sehr stolz auf meine schöne, Heine Frau und möchte, daß mich Alle um ihren Besitz beneideten."

„In ber Vorliebe für einen schönen Anzug er- innerst Du mich an Papa: e« war ein Glück, baß ich nur wenig Eitelkeit besaß, sonst würbe seine lieben«roütbige Schwäche wohl recht au»genutzt worden sein. Beim Einpacken ließ et mir noch einen s-st verschlossenen Karton überbtngen und dabei sagen, ich solle nicht böft sein, wenn mit

das Darinliegende später nicht gefiele; aber seiner Meinung nach gehöre auch die« zu der Ausstattung einer seinen Dame. Nun ruht der Kasten aus dem Boden des Koffers, unb —"

„Harrst bet Erlösungsstunbs," vollenbete bet Doktor lächelnd. „Wird fis ihm bald schlagen?"

„Ich denke; doch ber Zusatz von bet seinen Dame gefiel mit nicht; benn ich will ja nichtt Anbeter sein, al« eine schlichte Doktor»frau." Unb bie strahlenden Augen mit bem glücklichen Aus­druck sahen so holdselig zu ihm auf, daß es ihm schien, al» habe er sie nie so schön, so kmdltch vergnügt gesehen wie an diesem Abend.

Er bog die schweren Zweige de» überhängenden Blattgewinder auseinander, so daß ee bie Gestalt an seiner Seite wie mit einem Blüthenregen über­schüttete, unb sah zu, wie sie bie Blumenblätter mit den kleinen, Mißen Händen ausfing. Noch nach vielen, vielen Jahren erinnerte et sich diese« schönen Silbe«, de» liebenimürbigen Gesichte« mit ben lachenden Augen.

„Ein», zMi, biet, vier" — zählte sie bie Staub- säben eine» abgefallenen Blüchenkelchs«, „unb vier Wochen find e» getabe her, baß wir unsere schöne Reise angetreten haben, aber ebenso lang ist t*