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j\® 102 Samstag, den 4. Mai. 1889

Filldikr W Zeitnng.

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Zweites Blatt.

' + Ein Blick traf die Umgebung des „Hirtsrain".

Der projektirte Straßenbau im Südostrn unserer Stadt locket jetzt zahlreiche Einwohner auf den Hirtsrain, weil Alle mit Inten ffs das Terrain einmal in Augenschein nehmen wollen. Früher war dieses immer eine sehr wenig begangene Gegend, die ganz weltverloren hinter der alten zerfallen­den Stadtmauer lag, aber seit Abtragung der städtischen Brauhäuser — deren Erinnerung nun noch im Namen der neuen Straße festgehalten wird — ist Vielen erst ein neuer und angenehmer Spazierweg hier erschlossen worden. Werfen wir darum heute einmal einen flüchtigen Blick auf seine Umgebung.

Auf dem Plctz am „Kaiserskumps", wie der alte Brunnen hür bekanntlich hieß, stand im 15. und 16. Jahrhundert ein Spital: Hospitale ad St. Leonardum“ genannt. In Schneider'- „Buchonia" lesen wir darüber Folgender:

„1453 ist dar St. Lconhardi-Spital angefan­gen worden. Diese» Spital ist längst nicht mehr, an diflen Stelle befinden sich die Brauhäuser beim Kaiserkumpfe. Von demselben stammen noch die jetzigen Gotteshäuser in der Meisterrgaffe und für seinen Platz wurde al» Entschädigung der große Gar­ten de» gegenwärtigen hl. Geist-Hospitale» gegeben."

Ueber die letztere Anstalt, die mit der Rückseite den Hirtrrain begrenzt, finden wir Folgende»:

„Da» gegenwärtige neue Spital zum heil. Geiste wurde im Jahre 1732 durch den Fürsten Adolph von Dalberg errichtet. Er baute für die Besitzer der Häuser dortiger Gegend auf der entgegengesetzten Seite, dicht am Kohlhäuser Thore, zwei Häuser, welche diese bezogen und jetzt (im jJahre 1829) die Löher meister N- nzel und Schwarz bewohnen, ließ ihre Häuser nieder­reißen, wegen der naflen Lage einen Rost fertigen und fitzte auf denfelbkn da» schöne in Steinen aufgkführte, sehr geräumige, die Löhersgosie zierende j tzige Gebäude."

Am 20. d. M. werden e» gerade hundert und sechzig Jahre, seitdem der Grundstein zu diesem Gebäude gelegt wordcn ist, und genau drei Jahre später, am 20. Mai 1730, konnten bereit» männ­liche und weibliche Pfleglinge darin Ausnahme finden, wenn auch die vollständige Fertigstelluug erst später erfolgte. 1737 wurde die Kirche zu Ehren der dritten Person der allerherligsttn Drei­faltigkeit durch den damaligen Weihbischof und späteren Landesfürsten Amand von Bufeck feierlich st eingeweiht.

Den Pulverthurm, in dem Placidus von Droste seinen Schatz verwahrt, finden wir zwar nicht mehr; rin Ueberbleibsel alter Zeiten aber ist roch erhalten in dem sog. „Bierthurm", der früher hinter der Ohm versteckt lag, jetzt aber von der Brauhausstraße au« ziemlich frei dem Blick sich zeigt. Mit seiner mekr- würdigen Physiognomie mag er wohl manchen Freund von Slterthümern fesseln. In ihm soll, der Ueberlieferung nach, der gefürchtete Raubritter Hermann von Ebersberg in festem Gewahrsam ge­legen haben, bevor ihn der Abt Bertho von Leipolz auf dem hiesigen Marktplatz durch Gerlach Küchen­meister enthaupten ließ — ein Justizakt, der be- kanntlich die meuchlerische Ermordung de« ener­gischen Abte«, während er in seiner St. Jakobs­kapelle die hl. Messe celebrirte, am 15. April 1271, zur Folge hatte. — Die Güter der Ebers­berger wurden eingezogen und dem St. Katha­rinenspital zugewiesen, „da« Hu« der guten Lute an der laugen Brucken gelegen", genannt.

Weithin von der Höhe blickt da» Land­krankenh au», ein stattlicher Viereckbau mit Rebenhäusern. Früher war an dieser Stelle das Kapuzinerkloster, welches Amand v. Buseck im Jahr 1743 gegründet und dar, wie Dr. G. I. Malkmur erzählt, da er zugleich al« geistliche« Korrektionrhau» diente, witzig „die Bußeck" ge­nannt wurde.

In dem Fuldaischen Kalender auf das Jahr 1789 findet sich unter einem alphabetischen Ver­zeichnisse alter und neuer Erfindungen folgende Notiz:

„Zauberlatern scheint Athanasius Kircher, ein Jesuit, Bürqersohn zu Stadt Geis im Fuldischen, um's Jahr 1665 erfunden zu haben. — Man hat von feinem Geiste in seinen gelehrten Werken mehrere Erfindungen, besonder» in der Mechanik. Die Stubenthür, die auf beiden Seiten aufgeht, und die er zu Git» angegeben, ist noch in der Kapuzinerbtbliothek zu Fuld."

Im Jahre 1806 wurde von dem Prinzen von Oranien da« Kloster aufgehoben und dar gegen­wärtige Landkrankeuhau« unter dem Namen „Wil- Helmr-Hospital" errichtet.

Nicht weit davon befindet fich ein anderer Ge- bäudekomplcx, die große Filztuchfabrik, der inso­fern historische Erinnerungen wach rüst, als er die Stelle der alten Krätzmühle einnimmt.

Letztere wurde im 16. Jahrhundert erbaut von dem berühmt gewordenen Georg Witzel, oder Witzelius, einem im Jahre 1501 zu Vacha ge­borenen Gelehrten, der, nachdem er in Wittenberg mit Luther, Melanchthon und Karlstadt fich be­freundet hatte, anfangs sehr eifrig für den Um­sturz de« alten Glaubens wirkte, später aber wieder zur Mutterkirche zurückkehrte, da er, wie er selbst sagte, fich immer tief.r und tiefer in die neue Lehre versenkt und immer weniger fie be­währt gefunden habe. Ungern habe er den brei­ten Weg verlassen, aber das Lesen der Kirchen­väter habe ihn zur alten Kirche zurückgeführt.

Anderswo sagt er zu den Verkündern des neuen Glaubens: „Es hat mich auf euere Seite gezogen jener große Beifall der Welt, es hat mich be­sonders dazu verlockt die Beistimmung der Ge­lehrten, es hat mich angetriebe» die Neuheit der Sache, ..............

. ... am meisten hat mich eingeladen die sichere Hoffnung, daß aller Christliche reiner werde." (S. Gegenbaur, Geschichte der relig. Beweg, im Hochstist Fulda während des 16. Jahrh.)

Im Jahr 1554 verkaufte er sein Haus, die Krätzmühle, welche« auch einmal Melanchthon al« Gast beherbergt, und im Schmalkaldischen Kriege von hessischen und sächsischen Söldnern, während Wtzeliu»' Abwesenheit, arg geplündert worden war, und fiedelte nach Mainz über, wo er im Jahr 1573 nach einem sehr bewegten Leben ge­storben ist.

Ein alter Bildstock zu Ehren der hl. Dreifal­tigkeit findet fich auf dem Hirtsrain, am Wege neben der brei'ästigen Linde. Dr. Jzn. Schwarz knüpft eine rührende vaterländische Sage daran, wonach ein Fuldaer Metzger an dieser Stelle sein einzige» Söhnlein erfroren im Schnee am Weih­nachtsabend aufgefunden haben soll. Der Ursprung dieser in den .Buchenblättern' mitgetheilten Sage dürfte jedoch vielleicht in der Phantasie de» ver­lebten heimathliebenden Lokalpoeten zu suchen sein. Doch ist da» Denkmal, der alten Inschrift nach, allerdings von einem Fuldaer Metzger, Namen« Jos. Ad. Ruppel, Anno 1722, errichtet worden.

Ein noch älterer kleiner Bildstock mit der Dar­stellung de« gekreuzigten Gottmenschen findet sich am westlichen Erde, gegenüber dem „Walker«gra- Ben", wo der schmale Pfad nach dem Hittttain be­ginnt. Derselbe trägt die Juschrfft: Ela« Reid.

1668. Ehre den frommen Fuldaer Bürgern, die aus irgend einem Anlaß diese Zeichen ihrer Got» terverehrung auftichteten und damit andachtsvoll die Gegend schmückten!

So sehen wir da» für den Stadttheil der Zu­kunft bestimmte Gebiet von mannigfaltigen Er­innerungen der Vergangenheit umgeben. Gewiß dürste seine Lage manchen Freund einer schönen Ausficht zum Anbau verlocken. Hat man hier doch wirklich einen hübschen Ausblick, besonders auf unseren lieben Frauenberg, der fich überaus anmuthig über die Stadt erhebt, in der Mitte zwischen Dom- und Pfarrkirche, deren stattliche Thürme hüben und drüben hier so symmetrisch flankiren wie die Säulen einer Ehrenpforte, die offen steht für einen königlichen Gast.

Malerisch lehnt fich an den Frauenberg der jetzt im jungen Grün feiner Bäume und Sträucher schimmernde Kalvarienberg, und dann reihen fich weiter gen Abend andere Höhen an, — die meist waldgrkrönten Vorhügel der Vogelsgebirges: Schulzmberg, Haimberg u. s. w. Wirkungsvoll umziehen fie das Stadtblld in einem blauen Rahmen, der nur im Süden von den hochragenden Fabrikschlöten etwa» beeinträchtigt wird. Ueber dem bunten Dächergewirr aber ragen in reizvoller Mannigfaltigkeit die Thürme unserer kirchenreichen Stadt gen Himmel. Wir kennen einen Punkt auf dem Hirtsrain — es ist der eben bezeichnete, wo man den Frauenberg genau in bet Mitte zwischen Dom und Pfarrkirche hat — von dem au» man fie sammt und sonder« zählen kann — von ben hohen Thürmen bet Kathedrale an, die ihre welschen Hauben kühn über die mächtige Kuppel strecken bi« zu dem spitzen Dachreiter de« kleinen versteckten Severikirchlein».

Und nicht nur die Thürme Fulda'« erblickt man hier, auch die jener ehemaligen Nebenklöster der Benediktinerstistung, spätere Propsteien, welche man bezeichnend die Vorburgen unserer geistlichen Feste genannt hat, bieten fich dar. Harmonisch fügen fie sich dem Ganzen ein, und wenn man vom Petersberg und Andreasberg (Neaenberg), die sich von Morgen gen Abend und von Abend gen Morgen in wechselseitiger Treue grüßen, auch sonst nicht« sieht, so ragen doch ihre Thurmspitzen über die rothen Dächer der Statt, wie wenn fie au« dieser herausgkwachfin wären. Etwa« ferner, nach Süden steigt der Johannisberg au» dem frischgrünen Wtesenthal jensett» de» Flusse« auf, und wendet man der Stadt den Rücken, so präsentirt sich, über der Mauer und den Bäumen de» Landkrankenhausgartens, auch der Florenberg mit seiner alten Kirche, vor den großartigen Ge­birgshintergrund der Rhön geschoben.

Fürwahr, wir kennen keine andere Anficht unserer alten geistlichen Stadt, welche so sehr wie diese des frommen Abtes Richard (1018—1039) finnige Motte bestätigt und in'« Gedächtniß ruft: „Salvator in medio, Virgo respicit Virgmem Apoßtolus Fratrem — der Erlöser inmitten, (die dem göttlichen Erlöser geweihte Stiftskirche) die Jungfrau sieht auf den jungfräulichen Jünger (Frauenberg und Johannisberg), der Apostel grüßt den Bruderl" (Petersberg und Andrearberg.) I. Gr.

* Ueber das Umsormiren von Land und Leuten

schtteb einst Karl Braun in seinen „Bildern au» der deutschen Kletnfiaater-i" in dem Aufsatz „Hessen- Darmstadt au« der Vogelperspektive" Folgende»: „Hier ist alle», wa» im Staatsdienste ist ober damit zusamme:chängt, von Kopf ti» zu Fuß uniformirt, so daß ein kundige« Auge einem Jeden