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102. Samstag, den 4. Mai. 1889

Fildicr K 3cihi«g.

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Erstes Blatt.

* Der Schluß des Landtages.

Der Muselmann tröstet sich dem Unbegreiflichen gegenüber mit dem beruhigenden Worte: „Allah weiß e« Keffer!" In der europäischen Staatsge- sellschast, und zumal in dem Lande der Denker, suchte man bisher nach Gründen und Ursachen, da man die Dinge, wenn man ste nicht verdam­men und belachen soll, wenigsten» begreifen will. Der preußische Landtag ist am Dienstag Abend geschloffen worden mit einer ganz einfachen, keiner­lei Erklärung de» parlamentarischen Räthselr bie­tenden Kabinctsordre, und al» dieselbe verlesen war, ertönte lautes Gelächter auf verschiedenen Seiten de» Hause». Da» Gelächter galt natürlich nicht der Botschaft. Und doch war die Lage so komisch, daß selbst steifleinene Mitglieder de» Her­renhauses sich eint» Lächeln« nicht erwehren konn­ten. Und die Erklärung dieser Heiterkeit? Herr von Scholz saß noch feierlich am Ministertische. War ist au» seinem Steuergesetz geworden? Was ist überhaupt im Ministerium vorgegangen? Und weshalb dieser eilige Schluß de» Landtage»? Der Finanzminister wird c» sicherlich demnächst durch seine Preßgehilsen verrathen; aber man wird denKopf dazu schütteln und mit dem Bekenner de» Koran» sprechen: „Allah weiß c» beffer!"

In ähnlicher Weise ist noch niemals der preu­ßische Landtag geschloffen worden, wie in dieser Session der siebzehnten Legislatur-Periode. Zwar äußerlich vollzog sich der ganze Hergang genau in den Überlieferten Formen. Aber gerade darin lag in diesem Falle die Uederraschung. Man hat noch niemals die Volksvertreter, wenn man allenfalls die Session schließen konnte, weil besonder» drül- gende Arbeiten nicht mehr zu erledigen waren, zu­sammengehalten, und ihnen nur Ferien gegönnt, um sie nach den Ferien sofort nach Hause zu schicken. Man hat auch noch niemals wichtige Ge­setzesvorlagen in der Thronrede ausführlich ange­kündigt, die Einbringung vom Ministertische wie­derholt in Aussicht gepellt, die königliche Ermäch­tigung zur Einbringung in der Preffe angezeigt, um — da» Gesitz zu unterdrücken, ehe e» noch da» Licht der ersten Lettern erblickt hatte. Für diese» Gesetz sollte die Session de« Landtag« ver­längert werden. Ueber diese« Gesetz sollte im

x Zn»! in Weidk».

Novelle von Marga Brechten.

(5. Fortsetzung.)

Sie hatte da« richtige, zündende Wort hinge- warfen; gerade da« dachten auch die anderen Damen. Vielleich sollte die Blüt)e in Fräulein Asta'» Hand den jungen Gemahl der Freundin vorstelleo, ihre schmalen, weißen Finger zerpflückten die unschuldigen B.ummenblätter und streuten ste verächtlich zu Boden, der lichtgrüne Atlarschuh fuhr leise darüber hin.

Da glitt ein leichter Schritt hinter ihr über da» Parket, und eine milde, volltönende Stimme sagte: „Wie de staden Sie sich, meine Damen? Ich hoffe, daß Sie sich gut unterhalten!"

Dre kleinen Goldlöffrl klirrten wider die gläser­nen Schalen, und die Köpfe wandten sich hastig dem Eingänge zu, in dem die Gestalt de» Haus­herrn erschienen war. E» war ein Mann von ungefähr 50 Jahren, deffen geistreiche» Gesicht noch immer anziehend genannt werden konnte. Mit einer anmuthtgen Verbeugung näherte er sich den Damen und lächelte verbindlich zu den vielen Komplimenten, welche man »hm über da» junge Paar und die reich« Festanordnungen machte.

Staatsministerium ein Einverständniß hergestellt sein. Die Einbringung dieses Gesetzes ist von der Krone erlaubt, da» will sonst sagen, befohlen wor­den. Und diese» selbe so geheimnißvolle Gesktz ist verschwunden, wie in die vierte Dimension, und der Landtag wird kurzer Hand geschloffen. Man hatte wenigsten» auf eine Erklärung durch eine besondere Botschaft gerechnet. Denn schließlich han­delte er sich doch um ernste Angelegenheiten. Am 14. Januar hatte der Monarch persönlich vom Throne herab dem Landtage angekündigt:

„Anknüpfend an die schon in der LandtagSsesfion von 1883/84 versuchte Reform werden Ihnen ferner der Ent­wurf eines Einkommensteuergesetzes vorgelegt werden, welches dazu bestimmt ist, die bisherige Klaffen- und klassifi- zirte Einkommensteuer in eine einheitlich« Einkommensteuer umzugestalten, die den minder Begüterten bereits gewähr- ten Erleichterungen zu erwettern, die Mittel zu einer ge­rechten Veranlagung de» steuerpflichtigen Einkommens durch Einführung einer Deklarattonspflicht zu verstärken und fernere Reformen auf dem Gebiete der Mrelten Steuern vorzubereiten."

Der Träger der Krone sprach damals ganz bestimmt, und für diese Sprache trägt da» Staats­ministerium die Verantwortung. Wenn die Ver­heißung der Krone nicht erfüllt werden sollte, so war eine amtliche Erklärung über die eingetretenen Hindern fle sicherlich nicht vom Nebel. Aber man hat auch über die Zett der Volksvertreter in einer Weise verfügt, welche eine öffentliche Rechtferti­gung von amtticher Stelle mindestens rathsam machen sollte. Weßhalb wurde nicht bereit« vor Ostern der Landtag geschloffen? Und weßhalb wurde erst am Dienstag noch dem Abzeordneten- hause genaue Auskunft über den beabsichtigten Schluß der Session vorenthalten? Vielleicht hätte die Regierung ein Uebrige« thun und ihre Ab­sichten früher veröffentlichen können, ohne dem Inten ffr der Abgeordneten und de» Lande» und ihrer eigenen Stellung zu schaden. Der frühere Schluß hätte dem Lande überdie» erkleckliche Aus­gaben erspart. Endlich aber, weßhalb konnte der Präsident de» Herrenhauses in der öffentlichen Dienstag«-Sitzung bereit» den Schluß der Session ankündigen, während der Präsident de» Abgeord­netenhauses erklären mußte, schlechterdings nicht» mehr zu wiffen, al» in den gedruckten Vorlagen enthalten fei? Da« find Vorgänge, welche eine Erläuterung vom Ministerttfche dringend er­heischten.

Doch die Sesstou ist ohne Erklärung, ohne Er-

„Ich sagte eben, ein schönere« Paar ist seit Jahren nicht mehr in Frankfurt getraut worden," bemerkte Frau Kommerzieurath Rehwald.

„Wie glücklich wird die junge gnädige Frau nicht an der Seite eine« so edlen, kenutmßreichen Manne« werden! Herr v. Wenden wird gewiß noch ein zwetter Hofland," fügte Fräulein von Hornstein hinzu.

Ueber da« ferne Gesicht de« Bankier« huschte ein etwa« spöttische« Lächeln bei dieser gewagten Bemerkung. Dann entschuldigte er sich mit den vielfachen Pflichtm dc«Wirthe», verneigte sich tief und schritt dmch die Säle. Noch nie hatten die Gäste den Haurherru so heiter und lieben«würdig gesehen wie an diesem Abend.

IV.

Da« Souper war vorüber, die kostbare Alabaster- uhr in der Halle verkündete die erste Stunde uach Mitternacht. Während stch die junge Welt wieder den Vergnügungen de» Tanze» hingab, suchten die älteren Herren die Spielzimmer und die Damen den Wintergarten auf.

Unbemerkt von feinen Gästen hatte stch der Hausherr in sein Prioatkadinet zurückgezogen; diese» lag in dem jetzt nur mäßig beleuchtet« linken Flügel de« Hause«, welcher die Geschäft»-

läuterung geschloffen worben, und der Kommentar bleibt daher jedem Bürger überlaffen. Gedanken find zollfrei, auch wenn fie für die Regierung nicht schmeichelhaft find. Die Sesfion hat einige Aehnlichke'.t mit der schönen Melusine, oben Weib, unten Fifchschwanz; die 55 Sitzungen de« Abge­ordnetenhauses, die 14 Sitzungen des Herrenhauses feit dem 14. Januar find ziemlich normal ver­laufen, wenngleich die seltsame Haltung de» Herrenhauses bei der Berathung de» Staatshau»- haltes und der Fehlgana de» Herrn pon Stephan gegen feinen Amtsgenoffen von den Eisenbahnen unliebsames Aufsehen erregen mußten. Aber int Uebrigen hielten sich die Verhandlungen doch in den gewohnten Geleisen; denn daß Herr von Goßler eine veränderte Behandlung der Patronate wünschte, die Krondotation erhöht, der Wildschaden- ersatz int Schooße der Kommission begraben und die Ausdehnung der veränderten Verwaltungs- gefttze auf Pofen und Schleswig-Holstein beschloffeu oder beantragt wurde, gab der Session so wenig ein besonderes Gepräze wie die Erörterung Über die unrichtige Anwendung de» Sozialistengesetze» durch den Berliner Polizeipräsidenten. Weder Thun noch Lasten de« Landtage» konnte den vorzeittgen Schluß erklären.

Allenfall« hatte e« auch dem Abgeordneterchause so wenig an Arbeit gefehlt, wie dem nach Arbeit nicht allzu lüsternen Herrenhause, welche« erst auf den 7. Mai eine Sitzung anberaumt hatte. Da» Verzeichniß der unerledigten Vorlagen de» Abge­ordnetenhauses weist vier Regierungsvorlagen, elf Anträge und neun Kommisstonsberichte auf, unter ihnen recht wichtige Gegenstände, wie der Entwurf über die Unterhaltung der nicht schiffbaren Flüffe in Schlesien, das Wildschadengesetz, den Antrag über den Privathandel mit Lotterieloosen, den Entwurf über die Bestrafung der Schulversäum- niffe. Wenn sonst keine besonderen Gründe zu dem schnellen Schluffe der Session Vorlagen, so hätte der Landtag noch Wochen hindurch Beschäftigung gehabt. Aber — bann hätte man unbedingt den Steuergesetzentwurf verlangt, und, so seltsam es klingen mag, e» scheint einmal, als habe Herr von Scholz die Ermächtigung zur Einbringung dieses Entwurfes nur erlangt unter der vom Staatsministerium gestellten Bedingung, von dieser Ermächtigung keinen Gebrauch zu machen. Ob der Kanzler mit dem Entwürfe unzufrieden ist? Ob

räume enthält. Zu dieser Zeit herrschte hier die größte Stille, keine Diener eilten durch die langen, öden Korridore, und die Musik klang nur ge­dämpft herüber.

Da» Kabinet de» Bankier war einfach, aber mit gediegenem Geschmack ausgestattet. Die schweren dunklen Vorhänge und die tiefbraunen Tapeten mit eingepreßten Goldaraberken verliehen dem Ge­mach einen eigenthümlich ernsten Anstrich. Ein dicker persischer Teppich machte jeden Schrllt un­hörbar, und obgleich e» draußen nicht kalt war, so strahlte dennoch hier der wohlgefüllte irische Ofen eine starke Hitze au«. Die rothe Glut hinter der Gla«wölbung warf ihren Schein auf die hohen, kahlen Wände, welche nur ein einzige» Bild schmückte: da» lebensgroß; Porträt der verstorbenen Gattin de» Besitzer«, ein meisterhaft ausgeführte« Gemälde.

Da» rosig angchauchte Kolorit der Haut war leben«matm wiedergegeben, die großen, blaue» Augen in dem Oval de» Gesichte» schienen sich bewegen zu wollen, und der kleine Veilchenstrauß in den Spitzen de« schwarzen Sammtkleide« mahnte « ftisch gepflückte, duftige Waldesblüthen. Frau Elisabeth Brunn mußte sehr schön gewesen sein.

In dem einsam« Gemach war e« Halbdunkel;