101 Frettag, den 3. Mai.
Jfulbetr W 3eitimg.
1889
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DerrtfcheS Reich.
Berlin. 2. Mai.
• Einen Ueberschuß von 75 Millionen weist der preußische Staatshaushalt für diese« Jahr nach bett amtlichen Mittheilungen im .Reichs» anzeiger' auf. Danach haben nämlich die Staatsbahnen im verflossenen Etatsjahre eine Mehreinnahme von 67 Millionen Mark gebracht. Nach Abzug der Mehrausgaben de« Etatrjahre« von 7 MÜlionen Mark ergibt stch ein Einnahme-Ueber- schuß von 90 Millionen Mark. Da nach Mitthei- lung de« Ftnanzminister« die übrigen Zweige der Staatsverwaltung eine Mehreinnahme von 6 Millionen Mark, die Einnahme au« den Reichrsteuem aber für Preußen ein Mehr von 9 Mill. Mark ergeben, so schließt der preußische Erat mit einem Ueberschuß von 75 Millionen Mark ab. Der Abgeordnete Richter, der in der Schlußsitzung der Abgeordnetenhause« dieses erfreuliche Zifferwerk vorsührte, war doch zugleich in der Lage, hieran sehr bittere Wahrheiten zu Ungunsten der Verwaltung zu knüpfen. Er meinte, es gehöre gewissermaßen Talent dazu, wenn ein Finanzminister mit so hohen Ueberschüfl-n nicht einmal einen ordentlichen Steuererlaß zu Stande bringe, geschweige denn einen Schritt zu einer organischen Finanzges.tzgebung unternehme. 75 Mill. Ueberschuß und doch keine Steuer-Erleichterung, keine Steuer-Reform, keine wesentliche Reform auf irgend einem anderen Gebiete I Schärfer al« durch diese Thalsache kann die Unfruchtbarkeit der unter so ungünstige« Anzoichon 8« g-gang-«.« Session nicht illustrirt werden.
* In verflossener Woche hätten wir fast einen deutsch-schweizerischen Konflikt durch die Affaire Wohlgemuth bekommen, über welche dar ,Schw. Bl.' kurz und übersichtlich schreibt: Wohlgemuth ist Kriminalinspektor in Mülhausen (Elsaß.) Vorige Woche wurde derselbe, al« er in Rheinselden (Schweiz) ankam, von der schweizerischen Polizei verhaftet und auf Nummer Sicher gebracht. Wohlgemuth hatte in der Person eine« gew.ff-n Schneider« Lutz in Basel (eines Deutschen) einen Polizeispion gedungen, von dem angenom- men wird, daß er auch al« agent provocateur auf Schweizer Gebiet thätig fein sollte. Agent pr jvocateur (zu Deutsch: herausfordernder Agent) nennt man die Gehilfen der geheimen Polizei,
welche sich in da» Vertrauen politisch verdächtiger Personen einschleichen, sie zur Offenbarung ihrer Gefinnung und zum Begehen strafbarer Handlungen aufreizen. So ein agent provocateur ist also ein ganz verwerfliche«, gemeingesährltche« Subjekt. Sollte Wohlgemuth wirklich einen solchen Agenten in Lutz angestellt haben zur Heber» wachung und Aufreizung der deutschen Sozialdemokraten in der Schweiz? Don schweizerischer Seite wird die Angelegenheit also dargestellt: „Auf die wiederholten Zumuthungen, die schon im Februar diese» Jahre» dem Schneidermeister Lutz seitens des damaligen Polizeikommiffär« Wohlgemuth gemacht wurden, verlangte ersterer, daß ihm eine fixe Besoldung für seine Dienste zuerkannt werde. Wirklich wurde ihm eine solche im Betrage von 200 Frank« im Monat zugestanden und nebenbei noch eine Extragratification in Aussicht gestellt mit der Aufmunterung, „lustig drauf los zu wühlen". Lutz erhielt auch in der Thal 280 Mark zugeschickt und e» wurde nun zur Entgegennahme und Besprechung der Berichte des Lutz zwischen diesem und seinem Auftraggeber auf den Ostersonntag ein Rendez-vouS im Bahnhofrestaurant zu Rheinfelden vereinbart. Dort erfolgte die Verhaftung der Beiden." Schweizer Blätter melden sogar, daß auf Grund der durch den Schneider Lutz vorgelegten Briefe dem Beschuldigten noch gravirendere Sachen zur Last gelegt würden al« nur da« Anwerben von Polizeispionen. Inzwischen ist Wohlgemuth au» der Schweiz vom Bunde«- rath ausgewiesen worden, wa« beweist, daß man ifcn hnrt MniTMa fi ihef, Trntilvm , mfiHht.'n mir Wohlgemuth solcher Thaten nicht fähig hatten, bevor nicht die Sache offiziell aufgeklärt wird. Die offiziöse .Nordd. Allg. Ztg.' kündigt das bereit» on, indem sie schreibt: „Er wird sich jetzt darum handeln, für da» gegen den deutschen Beamten eingeschlagene, mit bett völkerrechtlichen Gewöhn- heilen unb nachbarlichen Beziehungen unter befreundeten Mächten in Widerspruch stehende Vet- fahren amtliche Aufklärung und je nach deren Ergebniß Genugthuung zu erlangen." Wir können also noch ganz leicht in einen Konflikt mit der Schweiz gerathen.
. • Heber die Verhandlungen der Samoa- konferenz wird Gehümniß bewahrt. Wohl hatten englische Berichterstatter über die erste Sitz- ung her Konferenz ffehr eingehende Mittheilungen
x freu! m Weide«.
Novelle von Marga Lrechten.
(4. Fortsetzung.)
„Du erinnerst Dich wohl noch der plötzlichen, heftigen Elkrankung de» Bankiers, die so viel Aussehen machte? Nun wohl, Wend.n, der, beiläufig gesagt, ein verteufelt geschickter Kerl sein soll, wurde gerufen und behandelte unfern geehrten Gastgeber mit dem besten E.folg."
„Ohne Zweifel, sonst ständen wir nicht hier, schaltete sein Freund lakonisch ein.
Der Anwalt fuhr gemüthlich fort: Am Krankenbette de« Vater» hatte bet Doktor dir beste Gelegenheit, die Tochter kennen zu lernen und stch allen Ernste» in sie zu verlieben. Fräulein Elma trat ihm nämlich mit der ungekünsteltsten Einfach- h«t entgegen. Sie wachte während de» größten Thelle» der Nächte, bereitete die von Franz Der- ordneten Suppen, Kraftbrühen und, was weiß ich, mit höchst eigenen Händen, kurz, zeigte fich dem Doktor in jeder Hinstcht al» da» gerade Gegenth.il unserer Eaton-Damen. Sie war da« Ideal, nach welchem er gesucht: fein, liebenswürdig und den- noch häuslich erzogen, schön nnb — sehr, sehr reich, was Wunder, wenn er ba schnell Feuer fiug l
„Weiter," bat der Maler.
„Nun, das Hebrige kann fich boch vber vernünftige Mensch dazu denken. Wenden würde vielleicht nicht gewagt haben, schon jetzt um die Hand der reichen Erbin anzuhalten. Aber der reiche Bankier hatte während der Tage der Wie- dergenesung längst das heiße Erröthen seiner Toch- ter bemerkt, wenn der Hausarzt eintrat oder besten Name genannt wurde. Er bat daher unsern Freund, ihm den Betrag seiner Schuld zu nennen, unb legte e» ihm sehr nahe, daß er Alle» fordern dürfe, wa» er, Brunn nämlich, ihm zu geben tat Stande sei. Wenden verstand den Wink und bat um Fräulein Elma'» Hand. Er erhielt dar Ja- wort ohne j-.de Einwendung, unb so machte der Bankier zwei Wesen glücklich, deren innige Liede sonst gewiß jahrelang hoffnungslos geblieben wäre. Wahrlich, ein Mann von seltener Hneigennützigk-tt.
„Klingt saft zu uneigennützig, um nicht irgend einen geheimen Beweggrund dahinter vermuthen zu lasten," bemerkte Bolltag.
„Es ist wahrhaftig schade, daß Du nicht Untersuchungsrichter geworden bist; mit Deinem Argwohn hättest Du gewiß alle möglichen V.r dacht» - gründe in bett verborgensten Tiefen aufgespürt, brummte Rothhaus ärgerlich.
gemacht, bie auch in deutschen Blättern Aufnahme gefunden hatien. Danach sollten auf eine Anfrage de» amerikanischen Delegirten Kaflon Graf Bismarck und der englische Botschafter Malet sehr entschieden die Existenz eine« geheimen deutsch-englischen Vertrag« über die Samoa« und die Tongainseln in Abrede gestellt haben. Jetzt erhält da« ,B. T.' eine Berichtigung de« Au«wärtigrn Amte«, wonach der angegebene Inhalt der Berathung von Anfang bi« Ende unwahr sei. Die dementirten Angaben rühren, wie gisagt, von englischen Korrespondenten her. Andererseits verlautet, daß bereite in der ersten Sitzung der Konferenz Mittheilung von der Freilaflung des früheren Samoakönigs Malietoa gemacht worden fei. Malietoa hat Deutschland gegenüber abbitte geleistet, worauf er fteigegeben wurde. Seine Wiedereinsetzung ist wahrscheinlich.
* Die Subkommisston der Samoa-Konferenz hält täglich längere Sitzungen. Tag und Stur de der nächsten Plenarsitzung steht noch nicht fest. Der ,Post' zufolge wird die Dauer der Konferenz fich vielleicht auf drei Wochen erstrecken.
* An Zöllen und gemeinschaftlichen Verbrauchssteuern sowie anderen Einnahmen sind im Reich für die Zeit vom 1. April 1888 bi« zum Schluß de« Monat« März 1889, einschließlich der kreditieren Beträge, zur Abschreibung gelangt: Zölle 311338401 Mk. (+ 41649391 Mk), Tabaksteuer 10761170 Mk. (— 45094 Mk ), Verbrauchsabqabe von Zucker 22623004 Mk. (+ 22623004 Mk.), Salzsteuer 41631210 Mk.
Mk) Verbrauchsabgabe von Branntwein unb Zuschlag zu derselben 110126649 M. (4-68727525 Mk.), Nachsteuer von Branntwein 45867 Mk. (— 26113960 Mk.), Braustemr 22710896 M. (4- 1044606 Mk.), Hebergangsabgabe von Bier 2815332 Mark (+ 322225 Mark); Summe 505087655 Mk. (4- 64907024 Mk.). — Spiel- kartenstempel 1256713 Mk. (+ 45216 M.), Wechselstempelsteuer 6888720 Mk. (+ 154749 Mk.), Stempelsteuer für a) Werthpapiere 7921406 Mk. (4- 3121260 Mk.), b) Kauf, und sonstige AnsLaffungsgeschäfte 12466640 Mk. (+5067660 Mk.) c) Loose zu Privatlotterien 540405 Mk. (4-102870 Mk.), Staatslotterien 6505589 Mk. (— 15311 Mk.).
„Bin einstweilen noch ganz zufrieden," sagte der Maler trocken. Meine treuen Lebensgefährten, Pinsel und Palette, nähren mich redlich. Doch nun komm, wir dürfen hier nicht länger Eckensteher spielen. Ich glaube, der Tanz beginnt so- eben. Unb bie beiden Freunde mischten fich in das fröhliche Treiben. '
Der Ball rauschte weiter; bie Paare drehten fich in immer schnellerem Takle, indeß bie langen Schleppen der Damen stch wie riesige, schillernde Pfauenlächer aus dem Parket entrollten. Die deckenhohen Pfeilerspiegel warfen da« Funkeln dec Diamanten und die ganze zauderhaste Farbenpracht in vervielfachtem Glanze zurück. Musik und Slnrr- men schwirrten durcheinander, und die druckenoe Schwüle de» Saales nahm immer mehr zu. — Em zwischen dem Ballsaal und dem Wintergarten liegende» Gemach war zu einer reizenden Blumen- halle umgeschaff.n worden. Hohe Palmen und andere ausländische Gewächse bebeckien die Wände und ließen zwischen ihren breiten Blättern halb verborgene Marmorstatrun hervorschimmern, deren blendende Weiße mit dem saftigen Grün des Hin- tergtundes und den herrlichen Blumenbolden in seltsamem Gegensätze stand. Kleine, mit goldschil- lernber Seide bezogene Divan« waren tat «reis