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j\g 99 Mittwoch, den 1. Mai.

Illiter K 3rifii|.

1889

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gemeinschaftlichen Schwurgerichten zu Gera und Meiningen angenommen. Letzterer war vorher vom Abgeordnetenhause angenommen worden, welche» außerdem eine lange Reihe von Petitionen erledigt hatte. Die Abgg. Rickert und Richter hatten sich im Verlaufe der Debatte über die Rücksichtslosigkeit beschwert, welche darin liege, daß der Landtag, da die Mitglieder eben au» den Ferien zmückgekehrt seien, plötzlich geschlossen werde. Wenn die neue Steuervorlage nicht veröffentlicht werde so geschehe ee, weil man davon eine ungün­stige Wirkung bei den Wahlen erwarte. Am Schluß beider Sitzungen wurde den Präsidenten für ihre die Arbeit fördernde unparteiische Ge­schäftsführung einrnüthiger Dank zu Theil. Unter Hochrufen auf den Kaiser und König schloffen die Etnzelsttzungen ebenso wie die gemeinschaftliche Schlußsitzung.

* Der Abg. Windtyorst sollte, wie vor eini­gen Tagen au» Luzern gemeldet wurde, für de« dortigen Antisklaverei-Kongreß „angekündigt" sein. Der Schluß der Reichstags-Session ist noch gar nicht abzusehen, und während der Dauer derselben würde c» Herrn Windthorst unmöglich sein, sich von Berlin zu entfernen.

• E!ne schwimmende Ausstellung für deutsche Industrie wird demnächst in» Leben treten, ein schwimmende» Exportmusterlager. Ein Versuch dieser Art wurde vor einigen Jahren durch den Verein für Handelsgeozraphie unternommen, blieb aber bei Beginn der Ausführung dadurch stecken, daß der Ausstellungsdampfer an der nordafrikani­schen Küste strandete. Der jetzt angestrebte Versuch soll auf größerer Bast» unternommen werden, und zwar sind von den zu beschaffenden Mk. 3 Mill. Kapital für den Bau eines Dampfer» 3'/z Mill, bestimmt, für Ausrüstung rc. I Mill., al, Betriebs- kapital die restliche halbe M'll. Das Schiff soll Dimensionen erhalten, die über alle bisherigen hinaurgehen, die ganze Anlage ist in großem Style gedacht. Der Gedanke, durch eine derartige Muster- aurstellung für die deutsche Industrie im Auslande wirksame Propaganda zu machen, verdient volle Sympathie, und unter den Comitämitgliedern, die den Prospekt unterzeichneten, figurtren Namen, die in den deutschen Jndustriekreisen guten Klang haben.

* Der deutsche Dampfer „Olympia" ist in

Deutsche- Reich.

Berlin, 30. April.

• Der Kaiser hat heute die Ausstellung für Unfallverhütung mit folgender An­sprache eröffnet:

Es gereicht Mir zur besonderen Befriedigung, diese Ausstellung zu eröffnen. Mit Freuden begrüße Ich auch diesen Beweis der Bestrebungen, dem gewerblichen Arbei. ter gegen die in neuerer Zeit gesteigerten Gefahren seines Berufes erhöhte Sicherheit zu gewähren, die wirthschaft- liche Lage der arbeitenden Bevölkerung durch organische Maßnahmen zu heben und dem Gedanken thatkriiftiger Nächstenliebe auch in unseren öffentlich-rechtlichen Einrich­tungen Ausdruck zu geben. Die Mit- und Nachwelt wird es Meinem in Gott ruhenden Herrn Großvater nie ver- geffen, daß es Sein Verdienst war, die Bedeutung dieser Bestrebungen für das Gemeinwesen zum allgemeinen Be­wußtsein gebracht zu haben. Mit voller Ueberzeugung von der Rothwendigkeit ihrer Lösung bin Ich an die sozia­len Aufgaben herangetreten, deren Erledigung noch vor uns liegt. Ich rechne dabei auf die verständnißvolle und freudige Mitarbeit aller Kreise der Bevölkerung, insbeson­dere der Arbeiter, um deren Wohlfahrt es sich bei diesen Aufgaben handelt, und der Arbeitgeber, welche im eigenen Jntereffe bereit sind, die daraus für sie erwachsenden Opfer zu bringen. Auch die Ausstellung für Unfallver­hütung und Arbeiterschutz ist eine Frucht dieser Bestre­bungen. Sie beweist, wie weit bisher die Vorschriften der Gesetze im praktischen Leben Gestalt gewonnen haben. Die Mühe und Arbeit, die erforderlich war, um das Werk zu Stande zu bringen, wird — Ich hoffe es zu Gott — nicht ohne reichen Segen bleiben. Allen, die dabei mit­gewirkt haben, spreche Ich Meinen Dank und Meine An­erkennung aus. Möge die Ausstellung dazu beitragen, allen betheiligten Kreisen das zur Anschauung zu bringen, was geschehen kann, um den Arbeiter zu schützen und seine Interessen zu fördern. Ich erkläre die allgemeine Ausstellung für Unfallverhütung für eröffnet.

Vorher hatte Direktor Röficke dem Kaiser als Protektor der Ausstellung in einer Ansprache die Bitte vorgettagen, die Ausstellung für eröffnet zu erklären. In dieser Ansprache wurde der Zweck der Ausstellung wie folgt bezeichnet: Das, was Se. Kaiser!. und König!. Hoheit Kronprinz Frie- brich Wilhelm, weiland Kaiser Friedrich III., am 13. Mai 1883 an dieser Stelle bei Eröffnung der ersten deutschen Hygiene-Ausstellung als den Zweck derselben bezeichnete: „Rolh zu lindern und Wohlfahrt zu begründen", darf auch als Zweck der deutschen allgemeinen Ausstellung für Unfall­verhütung gelten. — Den Dank für die der Aus­stellung bewiesene Förderung sprach der Präsident der Reichsverficherungs-Amte«, Bödiker, dem Kaiser

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aus. Seine Ansprache schloß mit einem Hoch auf den erhabenen Protektor der Ausstellung. Mit dem Kaiser wohnte deffe« erlauchte Gemahlin, sowie eine glänzende Festversammlung, darunter die Mi» nister, zahlreiche Mitglieder de« Bundesrathe«, Feldmarschall Graf Moltke, Generalstabr-Chef Graf Waldersee, die Präsidenten de» Reichstage» und des Herrenhauses u. f. w. der Eröffnungsfeier bei. Die Ausstellung selbst trägt bereit« den Charakter de« Fertigen. Von morgen ab wird dieselbe dem Publikum geöffnet sein.

* Neber die gestrige erste Sitzung der Samoa- konferenz liegen jetzt nähere Mittheilungen vor. Danach hob Graf Bismarck in feiner Eröffnungs­rede hervor, daß Deutschland keinerlei geheime selbstsüchtige Pläne habe und weder Samoa annefr titen noch seine Besitzungen in der Südsee erweitern wolle. Dagegen habe Deutschland die Pflicht, die Rechte der deutschen Nntherthanen, die auf Samoa große Handelsintert sftn erworben haben, energisch zu schützen. AehnliHe Erklärungen gaben die Ver­treter Snglanb« und Amerika« ab. Lttzterer gab der Hoffnung seiner Regierung Ausdruck, daß die Samoafrage auf der Grundlage der Unabhängig­keit der Samoainseln gelöst werde. Gleichzeitig fragte er, ob zwischen Deutschland und England ein geheimer Vertrag Über die Tonga- und Samoa­inseln bestehe, was Graf Bismarck sowohl wie der englische Botschafter Sir Malet als jeder Begrün­dung entbehrend bezeichnete«. Die Konferenz wird übrigens ebenso wie die Kongokonferenz in Sub- comilö» arbeiten. — Staatssekretär Graf Bis­marck Hot die fämmtlichen Delegirten Mr Samoa­konferenz für Freitag Nachmittag zum Diner ge­laden.

* Der preußische Landtag ist heute ge­schloffen worden und zwar in einer gemeinschaft­lichen Abendfitzung beider Häuser, in welcher der Vizepräsident de» Staatsministerium» von Bötticher die den Schluß der Session aussprechende König!. Botschaft verlas. Nachmittags hatten beide Häuser Sitzungen abgehalten. Da» Herrenhaus hatte da» Gesetz betr. die Fürsorge für die Relikten der evangelischen Geistlichen, da« Gesetz wegen lieber» tragung von Polizeibefugniffen in den Berliner Vororten auf den Polizeipräsidenten von Berlin, sowie den Nachtragsvertrag zwischen Preußen und den Thüringschen Staaten tetr. Errichtung von

Die Maikönigin.

C» * aria, Maienkönigin!

MVl Dich will der Mai begrüßen, segne seinen Anbeginn, Und uns zu Deinen Füßen.

Maria, Dir befehlen wir, was grünt und blüht auf Erden,

<D laß es eine ksimmelszier In Gottes Garten werden.

Behüte uns mit treuem Fleiß, V Königin der Frauen I

Die Rerzensblüthen lilienweiß Auf grünen Maiesauen.

vor allen find's der Blümlein drei. Die laß kein Sturm entlauben:

Die kfoffnung grün und sorgenfrei, Die Liebe und den Glauben.

V laß die Blumen nm und um In allen Kerzen sprossen. Und mache sie zum Heiligthum, Drinn sich der Mai erschlossen.

Vie Seelen kalt und glaubensarm,

Die mit verzweiffung ringen.

Die stummen mach« liebeswarm, Damit sie freudig fingen.

Damit fie gleich der Nachtigall Im Liede sich erschwingen, Und mit der Freude hellstem Schall Dir Maienlieder fingen. ®n«0 ®anes.

x Ml Weist».

Novelle von Marga Brecht«n.

(2. Fortsetzung.)

„Davon verstehe ich Nicht«," sagte die Alte ge­dankenvoll. „Ich hatte immer ein warme« Herz für meine Verwandten und für die Armen und Kranken; aber bie Siebe zu einem fremden Manne, von bet sie heutzutage so viel Wesen« in Büchern unb Schriften machen, die hat mein Herz nie ge­kannt. Wenn da« Jugend ist, dann bin ich nie jung gewesen."

„Ach, Muhme," erwiderte Soni, „Ihr habt dennoch da« beste Herz von der Welt. Wa« wäre denn au« uns geworden, wenn Ihr nicht gekom­men und Euch erbarmt hättet? Aber seid nicht böse, wenn mein Herz noch an Erwin hängt. Rur noch ein einziges Mal möchte ich ihn Wiedersehen, ich habe ihn ja so innig lieb gehabt!"

„Aber er liebte nicht Dich," wehrte die Muhme, „wie hätte er sonst so plötzlich fortbleiben können?"

„Vielleicht ist er krank geworden," sagte die junge Frau. „Aber seht, länger auf ihn warten konnte ich nicht. Vor vier Tagen gab ich die letz­ten Pfennige für ein halbes Brod au«; das theilte ich ein und weichte dem Kleinen jeden Tag ein Stücklein in Wasser auf, e« schützte doch vor dem

Verhungern. Arbeit wollte mir Niemand geben, und betteln konnte ich nicht. Am liebsten wäre ich gestorben." „ .

Die Alte bekreuzte sich und sagte ernst: „Kind, wa« für sündhafte Gedanken! Du weißt doch, daß Gott nie mehr Leid schickt, al« wir Menschen tragen können. Wenn'« auch manchmal scheint, al« ginge es über unsere Kraft, dann hat'« auch schon ein End', und ee kommt Hilfe. Siehe, da« war heute bei Dir ber Fall. Und nun hör' mei­nen Plan. Im verflossenen Herbst hab' ich wieder so viel von der Gicht zu leiden gehabt, und da fiel mir in den langen, schlaflosen Nächten ein, wir könnten zusammenziehen. Dann würde ich den Haushalt besorgen und Deinen kleinen Joseph hüten, Du aber könntest auswärts nähen gehen oder auch feine Wäsche, Spitzen ober dergleichen autbeffern unb plätten. Das bringt immer ein hübsche» Stück Gelb ein."

Soni sagte Nicht», doch ihre freubig glänzenden Augen waren auch eine Antwort. Die Muhme fuhr fort: „Au« dem Plan wurde die That. Gestern hab' ich mein liebe« Dorf verlassen und bin in zwei kleine Stübchen in bet S......

Vorstadt gezogen, für Deine Sachen ist gerade noch Platz. Wenn Dir'« nun nicht bange davor ist, mit einer alten Frau zusammen zu leben, so wol-