J\£ 97 : Montag, den 29. April. 1889
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Die weißen Sklave« der Wiener Tramway.
R. 0. 6. Als vor vier Jahren der damalige Kooperator Rudolf Eichhorn von Floridsdorf ein Schristchen „Die weißen Sklaven der Tramway" schrieb, da ging ein Staunen durch ganz Oesterreich und weit über seine Grenzpfähle hinaus. Man hielt es für Unmöglich, daß die darin geschilderten traurigen sozialen Verhältnisse in der Haupt- und Residenzstadt unter den Augen der Behörden bei einer Gesellschaft bestehen könnten, die alljährlich infolge der koloffalen Frequenz hohe Dividenden verdient. Allein der junge Sociolog hatte wahr gesprochen; er hatte Gelegenheit gehabt, in die Verhältniffe genauen Einblick zu gewinnen und sein Priesterherz blutete bei dem Gedanken, daß Hunderte von Bediensteten infolge kargen und durch fortgesetzte Abzüge noch mehr verkürzten Lohnes, übermäßiger Anstrengung und spärlicher Ruhepausen ein menschenunwürdige» Dasein führen müffen. Deßhalb erließ er seine Schrift als einen Appell an da» große Publikum, der sozialen Frage das Augenmerk zuzuwenden und fich an einem handgreiflichen Beispiele-durch die Thatsache zu überzeugen, daß eine solche exi- stirt. Sein Werk gestaltete fich zu einer schweren Anklage gegen dar moderne kapitalistische Prinzip, das im Arbeiter nur eine Waare erblickt und durch die größtmöglichste Ausbeutung deffelben hohe Gewinne zu erzielen sucht. Die liberale Presse bäumte 'fich freilich auf gegen die unliebsamen Enthüllungen und fie hätte am liebsten nach der Polizei gerufen, um den Prieiier, dcfl.n fühlendes Herz ihn zum Anwälte armer Arbeiter gemacht hatte, für dieses Beginnen zu bestrafen. Wer in christlichen Kreisen hat die Schilderung Eichhorn'« ein mächtiges Echo wachgerufen und wurde das Interesse für die Rothwendigkeit einer sozialen Reform auf christlicher Bast» in weiten Schichten geweckt. Wie wahr Eichhorn gesprochen und wie zutreffend derselbe, gleichsam mit prophetischem Auge, die Zukunft geschildert hat, da» zeigten die traurigen Vorgänge, deren Schauplatz in den beiden Osterfeiertagen die Reichshauptstadt Wien war. Wir verurihstlen ganz entschieden die Pöbelausschreitungen, welche der partielle Strtke der Tramwaykutscher nach sich zog; wir finden e« begreiflich, daß Polizei und Militär mit unnachstchtlicher Strenge gegen die Exzedenten ein-
X fron; von Wrndra.
Novelle von Marga Brechten.
-------„ (Nachdruck untersagt.) 1. Kapitel.
In der Mansarde.
»Und wenn am schönsten die Rose blüht. Und wenn am hellsten der Stern erglüht, Wenn's H-rz am weichsten von Liebe spricht: O traue nicht!
Trau' nicht der Rose, fie welkt zur Nacht, Trau' nicht dem Stern, er schwindet sacht, Und nichts so schnell als Liebe bricht: O traue nicht l" Fr. Alfr. Muth.
E» war ein stürmischer Novemberabend. Der Schnee fiel in dichten Flocken, und die Luit wehte eifig kalt. Die sonst so belebten Straßen der volksreichen Stadt Frankfurt leerten fich heute auffallend schnell; nur hier und da eilte noch eine vermummte Gestalt Über da» schlüpfrige Pflaster oder rollte ein Wagen mit einem verspäteten Reisenden dem Bahnhofe zu. Die Lampen in den Echaufensttrn erloschen eine nach der anderen, und bald wurde die dicke Echneelust nur mehr von dem trüben Licht der wenigen Straßenlaternen erhellt.
schritt. E» mußte dem Gesetze Achtung verschafft werden und e» ist deßhalb sehr zu beklagen, daß von Seite einer krawallsüchtigen Menge der Strike zu wüsten Skandalen benützt wurde, weil damit der Sache der Bediensteten, die übrigens am Krawalle sich nicht bethMgten, kein Dienst erwiesen worden ist. Allein die indirekte Schuld an den traurigen Vorgängen ist in letzter Linie denn doch der Leitung der Tramway- Gesellschaft zuzuweisen, welche durch die schroffe Zurückweisung der ohnehin sehr bescheidenen Forderungen der armen vielgeplagten Kutscher den Strike provozirte.
Eichhorn hat in seinem Buche „Die weißen Sklaven der Tramway" die unerhörte Ausbeutung de» Personales dieser Verkehrs-Gesellschaft ausführlich geschildert und schon damals eine Reihe von Verbesserungen beantragt. Sie wurden nicht berücksichtigt; bis zum heutigen Tage haben die Bediensteten bei Sturm und Regen, Hitze und Kälte eine tägliche Fahrzeit von 16, ja 17 Stunden, bei einem Lohne von nominal 1 fl. 40 kr., der aber durch fortgesetzte ©trafen nur selten erreicht wird. Da» Lor eine» Tramwaykutschers ist ein sehr trauriger; er bietet in seiner Arbeitsüber- bürdung, kärglichen Enttohnung und der Entbehrung des Schlafe« ein Bild modernen Arbeitswucher»; fein Dienst ist ein sehr verantwortungsvoller und erfordert die größte Sicherheit und Gewissenhaftigkeit. Wiederholt wurde in der O^ffsnt- lichkeit auf die traurige Lage der Bediensteten hingewiesen, aber „Reitzes und Kompagnie", wie in Wien die eigentliche Leitung der verjudetm Tramway-Gefellfchaft genannt wird, hatten dafür kein Verständniß; sie fürchteten wohl, daß durch eine Verbesserung der materiellen Existenz der Bediensteten die Dividenden der Aktionäre um ein Viertelpercent fallen könnten und verhielten fich ablehnend. Am 9. April d. I. richtete Abg. Eichhorm an den Ministerpräfidenten Grafen Taaffe und an dm Handelsminister Marqais Bacquehem eine Interpellation, worin sehr detaillirt die traurigen Lohn- und Arbeitsverhältnisse, wie die vollständige Rechtslofigkeit der Bediensteten derTram- way-Gefellfchast dargethan wurden. Leider erfolgte weder eine Beantwortung der Interpellation, noch erfolgte ein Einschreiten der staatlichen Auffichts- organe bei der Gesellschaft zur Beseitigung der Menschmschinderei. Die Tramwaykutscher beschlossen nun noch einen letzten Schritt; sie wandten
Die Uhr aus der St. Katharinen-Kirche schlug neun. Da trat eine ältliche Frau aus einer Seitengasse hervor, spähte einen Augenblick umher und suchte dann unter dem vorspringenden Dache einer Thoreinfaflung für einige Augenblicke Schutz vor dem heftigen Schneegestöber. Sie stellte einen umfangreichen Korb, den fie bisher am Arme ge- tragen, zur Erde und schüttelte dann den Schnee von ihrer Jacke und dem gestrickten Kopftuche, indem fie vor fich hinmurmelte: „Wär'« nicht um der Loni willen, ich machte gewiß den Weg nicht in solch einem Wetter! Aber was kann'« helfen, wenn ich noch länger hier steh', wärmer wird'» doch nicht und Heller auch nicht. Also vorwärtst"
So fich selbst ermuthigmd, nahm dir Alte den Korb wieder auf und fetzte ihren Weg pustend und keuchend fort. Sie ging die Allerh-iligenstraße mtlang, blieb aber öfter» stehen und betrachtete aufmerksam die Häuser auf der rechtm Seite derselben. Jadeß wurde die Lust immer kälter, die Flocken wurden dichter und der Schnee knirschte unter ihren Füßen. Roch einige Schritte, und die Frau hatte fast da» Ende der Straße erreicht. Rathio» stand fie da und murmelte: „Er war ein Butter- und Käseladen im Vorderhause, aber
fich in einer Eingabe an die Direktion mit der Bitte um Fixierung einer 12 stündigen Fahrzeit, eine» täglichen Lohne» per 1 fl. 80 kr. für da» Stand- und Reservepersonal, 1 fl. 40 kr. für sogenannte Aushelfer, um Einhändigung einer gedruckten Dienstordnung mit der Höhe der Strafen, um Belassung des alten Mantel» bei Auswechslung desselben, um Erlaß einer Erklärung, daß Beschädigung fremden Fuhrwerke» von den Tramwaykutschern nicht ersetzt zu werden braucht und die Zusage, daß Niemand wegen dieser Lohnbewegung entlassen werden solle. Diese gewiß bescheidenen Pettta» fanden aber keine Gnade vor den Augen der Direktion, beziehungsweise de» Herrn Reitze» und Compagnie. Ein großer Thell der Tramwaykutscher stellte deshalb am Ostersonntag die Arbeit ein und erlitt infolge dessen der Tram- wayoeckehr eine große Stockung, wie die Gesellschaft auch an den letzten Tagen einen Einnahmeausfall zu verzeichnen hat, der höher ist, al» wa» die Lohnaufbesserung betragen hätte. Leider reihten fich an diesen Stricke grobe Exccsse an, die durch Aufbietung militärischer Macht niedergeworfen wurden. Es floß am heurigen Osterfeste Blut in den Straßen Wien'« und wurde in viele Familien Jammer gebracht. Die Polizei hat, wie es ihre Pflicht war, ihre» Amtes gewaltet und die Exceffe unterdrückt; allein nun ist es Sache der staatlichen Organe, auch gegenüber der Gesellschaft ein ernste» Wort zu sprechen. [ Der Staat hat die Pflicht, für die Arbeiter dann einzutreten, wenn dieselben einer ungerechten Ausbeutung verfallen; es handelt fich hier um eine große Verkehrsgefell- schäft und um ein öffentliches Interesse, e» gilt Katastrophen ernsterer Natur vorzubeugen und deshalb erscheint es Pflicht jeder Regierung, mag fie fich nun liberal oder konservativ nennen, auch ihrerseits mit einer praktischen Sozialreform einzugreifen. Es ist eine traurige Erscheinung, wenn in unferem vielgepriesenen 19. Jahrhundert von „weißen Sklaven" gesprochen werden kann, denn mtt solchen traurigen Arbeiterverhältnissen und einer so rückfichtslosen Ausbeutung werden ja die Sozialdemokraten förmlich herangezüchtet. Noch trauriger, ja geradezu skandalös ist die Haltung der semitischen liberalen Presse, welche jetzt die Konsequenzen eine» unchristlichen Kapitalismus und seiner himmelschreienden Sünden den — „Vereinigten Christen" auf« Kerbholz schreiben will. Wer Wind säet, wird Sturm ernten I
nun haben fie schon überall die Läden zu, und auch die Hausnummer hab' ich ganz vergessen. Ich will doch noch einmal zurückgehen:"
Nach wenigen Minuten schien fie das gesuchte Hau« gefunden zu habe.?. Sie bog in eine enge, stockfinstere Nebengasse, watete durch den hier fußhoch liegenden Schnee und tastete nach der Thür de« Hinterhauses. Machte schon da« Aeußere de» verfallenen Gebäude« bei Tage einen umheimlichen Eindruck, so flößte da» Innere dem fremden Besucher wahrhaft Grauen ein; namentlich aber zur Nachtzeit.
Der gtoüe, halbdunkle Hausflur diente einem Trödler zur Niederlage für seine Maaren, welche in der buntesten Zusammenstellung an den Wänden hingen, standen oder den Boden bedeckten. Da waren alte Rüstungen, zerbrochene Helme und Waffen, Oelbilder mit den gräßlichsten Darstellungen, Theile einer zersetzten Theatergarderobe, zerbrochene Statuen, Hackmesser, Seile und verrostete Küchengeräthe. Eine schadhafte Laterne hing von der Decke herab und beleuchtete da« Durcheinander eben genug, um die Schatten noch länger und gespenstiger an den Wänden emporwachsen zu lassen. ®ine feuchte, moderige Lust herrschte in dem wider-