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Samstag, den 27. April.

1889

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Zweites Blatt.

S Ueber Schwiegermütter.*)

Emen dröhnenden Kanonenschuh hat Herr Wil­helm Jordan in der ,Allgem. Ztg.' abgeseuer gegen die Spatzen in Witzeleien übet die Schwie­germutter. Der brave Schwiegersohn glaubt „dem theuern Andenken seiner seligen Schwiegermutter einen zornigen Protest zu schulden gegen ein Ge­spülte von unsäglicher Erbärmlichkeit", und ver­sichert „j den künftigen Wiederkäuer solcher ebenso albernen al» frevelhaslen Späße seiner äußersten Geringschätzung". Mögen alle Drehorgeln, die ein Sieb von der „Schwiegermutter" auf der Walze haben, in der Nähe de» Jordan'schen Hause» auf die Rückzugslinie achten!

Herr Jordan ist Partei. Der Schreiber dieser Zeilen ist unparteiisch, da ihm da« Gesckick keine Schwiegermutter bescheert hat. Behandeln wir die Frage mit akademischer Ruhe und sagen zunächst: Dictinguendum est! Man muß unterscheiden zwischen der Schwiegermutter und derGroß- mutter. H rr Jordan wirft diese beiden Be- griffe durcheinander. Der von ihm gescholtene Witz hält sie instinktiv auseinander. An die Adreffe der Schwiegermutter richtet sich die bittere Satire, an die Adresse der Großmutter höchstens eine schalkhafte, zärtliche Neckerei. In den Pofl.n, in den Gaff nhauern, in den W-blättern, in den Fustnachtszügen, am WirthShauSlrsche und an allen sonstigen Brut- und Lagerstätten für W tz leien muß die Schwiegermutter her halten; abersitze mal in den beißenden Epigrammen statt „Schwieger­mama" versuchsweise „Großmama" — sofort wird sich an Stelle des grinsenden Beifall» ein yerzlich.r Protest erheben.

Da» Wo.t „Schwiegermutter" ist thatsächlich anrüchig geworden, weil man sich gewöhnt hat, dabei zunächst an die unangenehmen Ex m- plare dieser Gattung zu denken. Da» Wort „Groß­mutter" hat aber seinen edlen, tebun Geruch be­wahrt; man gebraucht e» fast nur von den zärt­lich - sorgsamen, opferwilligen Schwiegermüttern, welche nicht die Ty. armen de» Hause», sondern die Dienerinnen de» Nachwuchs.» fein wollen.

Dieser Sprachgebrauch hat auch eine gewisse innere Berechtigung: D.e SchwiegermuUer-Ptage gedeiht am üppigsten auf dem Boden kmderloser Ehen; die G.burt de» ersten Sp.ößling» ist in der Regel der Tod der Schwiegermutter-Hrrrschafl. Natürlich gilt da» nur für wohlmeinende Schwiegermütter, welche ehrlich da» Wohl der „Kinder" nach ihrer Art zu befördern suchte» und sich dabet vielleicht eine Z.itlang in den Mitteln v.rgreisin konnten; wirk.ich bösartige We.öer, welche in der Anstrflung oder Schürung häu»licher Korfl.kte ihren Genuß si eden, werden nie de» Ehrentitel» „Großmama" würdig werden, sondern nach wie vor versuchen, „Schwiegermutter" inf bedenklichen Sinne de» Worte» zu bleiben. Frei­lich wird ihnen da» nach Ankunft des Storche» nicht mehr so leicht und nicht mehr so oft gelin­gen, al» früher.

Nach dieser Theorie müß e die Schwiegermutter- Prage sich im Allgemeinen auf die Anfangezeit der Ehen beschränken. Wie stimmt nun zu dieser Be­sch Lukung d.e Erfahrung, daß so viel, so laut und so anhaltend über die Schwiegermutter geklagt wird? Legt die Ausdehnung der Klagen nicht den Verdacht nahe, daß doch ein sehr groß r, nknn nicht der größte Th.il der Ehemänner lange J chre hindurch unter der schwiegermütterlichen Tyrannei zu seufzen habe? Da ist zunächst zu beachten, daß schlechte, leichtsinnige, faule und verschwenderische

*) Nachdruck nicht gestattet.

Ehemänner natürlich niemal» mit einer tüchtigen Schwiegermutter in'» Ernvernehmen kommen kön­nen; ihre Frauen werden si: vielleicht zu einer stummen Dulderin machen können, aber die Mut­ter wird immer wieder einmal den Mund von dem üb-rfl.eß.n laff.n, wovon das Herz voll ist. In unser Kapitel von der Schwiegermutter gehören nur solche Konflttte, bei denen der Mann nicht der Schuldige, sondern das Opfer weiblichen E.fers ist. Wenn nun auch die unangenehmen Er­fahrungen mit der Schwiegermutter gewöhnlich biog ein Jährchen dauern, so glaube ich doch die Erklärung für die Gröge undH.ftigLit der Klagen darin finden zu können, daß die Eheleute gerade indem ersten Iahte ihre« neuen Stande« außer­ordentlich empfindlich sind, sodaß die Mei­nen häuslichen Reibereien leicht zu tragischen Kon- flikken aufgeaauscht werden.

Verliebte sind bekanntlich ein wenig verrückt; will man sich höflicher aurdtücken, so muß man sie wenigstens kindisch nennen. Die Allermeisten segeln mit Überschwänglichen Einbildungen in den Ehestand hinein. Während bet Brautschaft schweb­ten sie Übet ben Wolken; am Hochzeitstage glau­ben sie enbgiltig in ben siebenten Himmel versitzt zu werben. Nun kommt aber bis rauhe Wirklichkeit mit ihren E.nüchterungm. Mann unb Frau ler­nen sich erst nach bet Eheschließung richtig kennen unb miiff n sich nun ineinouber einleben. Im Bcaulstanb haben sie bas Möglichste gethan, um sich gegenseitig zu verziehen; sitzt müss n sie sich von N.uem erg eben. Die erfahrene Mutter durch­schaut ganz genau das Ungeschick unb bie F.hlet ihrer Kinder; sie kann dem Triebe, zu rathm una zu helfen, nicht widerstehen; das Töchterchen läßt sich in n.rvösem Schwächegefühl die hergebrachte Bevor­mundung durch die Mutter gefallen, aber der Mann bat gerade sitzt den Kopf voll von feinet neuen h.urherrlichen Würde, von dem Bchelspcnch „Der Mensch wird Vater unb Mutter verlass n rc." und da ihm die Krone siiner H rrschast noch nicht ganz sistfitzt auf dem Haupte, so ist et arg­wöhnisch und eifersüchtig wie alle schwachen Könige. Ee hat sich da« so schön auigemalt, daß er der alleinige und ausschließliche Besitz r be« „Engel»" fein werde, ben er al« „Bräutigam" angebetet ha.; nun sieht er, daß e« für ben „Engel" außer dem Mann auch noch anbere Leute aus der W.lt gibt. Ferner merkt er balo, daß der Engel auch recht menschliche Schwachheiten unb Fehler hat; er kann unmöglich annehmen, daß diese Mängel au» dem Herzen seine» Ideal« stammen, unb vermuthet daher, daß sie von der Verführung herrüh.en und die Verführerin ist natürlich die Schwiegermutter.

J r denj nigen G.sellschaftsschichten, wo die Schwiegermutt.r-Plage besonder» zu Hause ist, hat die Frau keine Lohnarbeit zu verrichten, son­dern blo» da» Hauswesen zu befolgen. In Folge reffen hat sie, so lange Line Kinder da sind, viel Muße zum Grillenfangen. Der Mann geht fernem Geschäfte nach, da» einsame Frauchen sucht „'’ln- ehnung." Kommt die Mutter diesem Triebe ent­gegen, so wird au» der zur Selbstständigkeit be­rufenen Hausfrau wieder eine abhängige Tochter, was der Natur der Dinge widerspricht und zu Uuzuträglichkeiten für alle Betheiligten führen muß.

Wenn ein Storch erschienen ist, fiebert sich die Sachlage vach mehreren R ichtungen hin. Dir Zit der Träumerei lub Tändelei ist vorüber; die unge Mutter fühlt, daß sie eine L^st neuer Pfl.ch- Un, aber auch eine neue Würde erhalten hat; au» dem „Töchterchen unb dem Täubchen" ist ein vollenbeL« Wttb geworden, sie fühlt sich ber Mut­er in höherem Muß: gleichberechtigt, unb bie »tiben Eyeteute fühlen ihre Vereinigung so ver­vollkommnet unb gekräftigt, daß ihnen die kleinen

Gefühls» unb Rechtsabmeffungen, um welche sie sich bisher fo lebhaft bekümmert haben, gleichgiltig werben. Die Schwiegermutter hat al» Helferin in schweren Tagen unb als freiwillige Kinder­pflegerin eine neue Daseinsberechtigung erhalten. Sie kann im H rufe weilen unb mit walten, ohne daß ber Mann auf ben Gedanken kommt, es werde gegen feine Herrschaft unb seinen Frieden eine V.rschwörung angezettelt. Au« der Schwieger­mutter, die er mit süßsaurer Höflichkeit als noch- wendiges Uebel behandelt, wird eine Großmama, die von allen Seiten ein herzliches Willkommen findet unb bloß bas eine Bedenken erweckt, ob ste bie Enkel nicht zu sehr verhätschele.

Soweit meine Beobachtungen reichen, glaube ich ben jungen Ehemännern, welche über allzu viel Schwiegerbemutterung klagen, bie trostreiche Aus­sicht eröffnen zu können, baß es mit ber Z it bes­ser wirb — vorausgesetzt, baß Frau unb Schwieger­mutter nicht böswillig ober von krankhafter Ge­rn üthrstimmuvg sind.

Herr Jordan geht in seinem E.fer so weit, zu behaupten, daß die heimgesuchten Schwiegersöhne ihre Plage mit unbesonnener Wahl verdient hätten, und al« waschlappige Schwächlinge zu verdienen fortführen. A-er kann man bei der Art, wie unsere modernen Egen eing fäoelt werden, wirklich dem Mann ohne Weitere« zur Schulo anrechnen, wenn er sich in dem Charakter feiner Erwählten unb deren Mutter getäuscht hat? Unb wenn ber Vorwurf ber waschlappigen Schwächlichkeit dahin zielt, daß der Munn ben schwiegermütterlichen Einfluß durch eine Gewaltkur beseitigen soll, so ist da« doch ein bedenklrcher Rath. Die jungen F auen, welche au» dem Stande der „höheren Töchter" hervorgegangen find, find oft in der ersten Zeit ihre» neuen Stande» in einer Nerven- unb Gemüthsverfaffung, welche eine schonende, vorsichtige Behandlung erheischt. Die Schwieger­mutter au» dem Hause zu treiben, ist nicht schwer, aber wird sie nicht um so tiefer im H.rzen sich ein- nist-n und ohne Vorwissen be« Manne« ihre Wirk- samke.l weiter üben? Der Mann, welcher auf ber Gewaltspolittk seinen häuslichen Thron begrünben will, wirb nicht zum ruhigen Besitz unb Genuß seiner Herrlichkeit kommen; er muß durch seine Tüchtigkeit und Pflichttreue sich bie gewünschte Achtung und Liebe erringen. Insofern kann eine energisch; Schwiegermutter ein heilsame« Erzieh­ungsmittel für den Mann sein; er muß sich vor Ausschreitungen hüten, um nicht ihrer berechtigten Censur zu veifallen unb muß seine Tyatkra,t ge­hörig anspannen, um seiner Frau minoesten« eben­so sehr zu impouiren, al« die thalkiäftige Mutter.

Im U.origen glaube ich trotz ber Floth der Witz leien über die „Schwiegermama", daß es mehr gute, als schlechte Schwiegermütter gibt. Da« Theater, die Witzblätter, die Carneval«gesell- schaflen re. brauchen nun einmal eine Reihe von komischen Figur»; sie verspotten fort und fort die Panto,selhelden, die eitlen ober koketten Weiber, die Klatschbasen, die heirathslustigen alten Jung­fern u. s. w. Man darf au» dem groß n Lärm nicht ohne Weitere» schließen, daß die Verspotteten die Mehrheit ihrer Zunft bildeten ; von den guten und braven Elementen kann ber Witz nicht leben. Also nehmen wir an, baß die bösen Schwieger­mütter die auffäüige Ausnahme, bie guten Groß­mütter bie st.lle R g l bihen.

FÜR TAUBE.

Eine Peson, welche durch ein e nfaches Mittel von 23jähriger Taubheit und Ohrengeräuschen geheilt wurde, ist bereit, eine Beschreibung desselben in deutscher Sprache allen Ansuchern gratis zu übersenden. Adr.; J. H. NICHOLSON, Wien IX., Kolingasse 4.