j\g 96 Samstag, den 27. April.
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1889
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* Die Berufswahl unserer Söhne.
Alljährlich um Ostern tritt an eine grobe Zahl von Familien eine wichtige Frage zur Entscheidung heran. Es ist dies die Frage d-r Berufswahl für die Söhne, die Ostern die Schule verlassen. Fangen wir bei den höheren Schulen an, so rst das Ziel derselben längst ins Auge gefaßt, indem man sie für den Gelehrten-, Beamten- oder Offizierstand bestimmte; aber alle Jahre mehren sich die Klagen wegen Ueberfüllung aller Fächer, für welche höhere Studien erforderlich oder auch nur der Besuch einer Mittelschule (Sudalternbeamtenkarriere) verlangt wird, und der Vater, der vor 4-5 Jahren seinen Sohn zum Juristen bestimmte, ist heute besorgt, ob er es durchsetzen wird, den 'Sohn studircn zu lassen und dann roch 10—12 Jahre zu erhalten, da früher auf eine Anstellung nicht immer sicher zu rechnen ist. Mancher Vater, der seinem Sohne den Wunsch erfüllte und ihn Forstmann werden ließ, wird heute nach dem Erlaß des preußischen Ministers für Landwirthschaft ein Gruseln empsinden, daß er noch ca. 19 Jahre (wie es in dem Erlaß de» Mmtster« heißt) den Sohn erhalten soll, ehr derselbe eine Oderförsterei bekommt. Die Familien, in denen die vorstehend geschilderten Sorgen vorhanden sein sollten, wissen, daß sie große Opfer für die Söhne bringen müssen, bi« dieselben als Gelehrte, Beamten oder Offiziere ihr Auskommen finden, aber sie wsim auch, daß der Sohn zu den Staatsbürgern erster Klasse zählen w rd, daß er die Ehre haben wird, dem Staat, seinem Volk und Vaterland zu dienen. Die Klasse, welche Söhne mit der Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst von der Schule zurück erhält, hat schon mehr Qualen durch die Wahl de» Berufes, wenn der Vater ein Landwirth, Industrieller oder Kaufmann ist und den Sohn
zum Nachfolger in seinem Berufe bestimmt hat. Abgesehen von solchen rckrutiren sich heute vielfach die Kaufmannslehrlinge der Großhandlungen, Bankier» und Banken au» den jungen Leuten, die, wie man kurz sagt, „die Berechtigung haben." Ihnen wird jetzt auch mehr oder weniger die Sorgen um die Zukunft kommen, wenn sie lesen, wie große kaufmännische Vereine (j. B. Frankfurt a. M.) davor warnen, das Kaufmannrproletariat, die stellenlose Tommi», zu vermehren, da schon jetzt zahlreiche Kommt« froh find, eine Ausläuferstelle oder Portierstelle zu erlangen, und andere mit weniger Lohn al» ein Tagarbeiter erhält, noch in ihrem eigentlichen Fach thätig sein müssen, weil da» Angebot viel größer ist, al» die Nachfrage. An die Familien, die solche Söhne haben und an alle diejenigen, deren Söhne nur die Volksschule besuchen, richten wir daher die Mahnung, vorsichtig zu sein in der Berufswahl, damit fie nicht in dünkelhafter Abneigung vor dem Handwerk und der Handarbeit ihren Söhnen ein unglückliche» Loos bereiten. Da» Handwerk hat immer noch einen goldenen Boden, wenn e» auch auf einzelnen Gebieten durch die Macht de» Dampfe», durch die fabrikmäßige Herstellung der meisten Bedarfsartikel zmückgedrängt worden ist. Der Handwerksbetrieb ist die Vorbereitung zum Fadrikbetrieb. Eine große Zahl der Fabrikanten ist aus dem Handwerkerstand hervorgegangen und jeder ist seines Glückes Schmied. Lasset also Eure Söhne das Handwerk und die Handarbeit nicht verachten und veraltet sts selbst nicht. Schon beginnt man selbst in ländlichen bäuerlichen Kreisen die Handarbeit zu verachten, und wenn sich bisher solche Verächter vorzugsweise dem Militärstand widmen, um als ausgediente Unteroffiziere Civilanstellung im Staats- oder Gemeindrdienst zu erlangen, so ist dies im Interesse unserer Heeres noch günstig; aber wenn die Verachtung der Handarbeit sich weiter verbreiten sollte und auch der Bauernsohn nur ein Kaufmann oder ein llnlerbeamter werden möchte, dann wachsen mit der Ueberfüllung der Kaufmanns- oder Unterbeamtenstelle nur die Unzufriedenen, die nicht aus Ueberzeugung, sondern lediglich aus Unzufriedenheit den Umstürzlern sich zu- gesellen. Also Vorsicht und Bescheidenheit, Achtung vor der Hände Arbeit und Rücksichtnahme auf die körperlichen und geistigen Anlagen bei der bevor- stehrn Berufswahl und sie wird den Familien wie den Söhnen und unferm ganzen Va erlaub zum Segen gereichen!
Deutsche- Reich»
Berlin, 26. April.
• Den Rücktritt Stöcker» glaubt die,Rat. Ztg? mit Sicherheit auf die Anregung de« Reifet« zurückführen zu können. Damit fei einem Verhältniß ein Ende gemacht worden, welcher man in allen Parteien und Auffassungen al« etwa« Ungehöriges und Verletzende» empfunden habe: der Verbindung der Stellung eine» Hofprediger» mit der eines Agitators. Die Erklärung der Herrn Stöcker nahestehenden Organe, daß er sich den Wiedereintritt in die politische Bewegung Vorbehalten habe, läßt jedoch, wie etn hiesiger Korrespondent der ,ssöl. Vztg.' und anderer Centrumsblätter hervorhebt, deutlich genug erkennen, daß nicht der Kaiser, fonbern eine tiefer stehende, aber mächtige Persönlichkeit da» Einschreiten gegen Stöcker veranlaßt hat. Dazu paßt auch die Bemerkung der .Krzztg.', daß die christlichen und konservativen Kreise im Hinblick auf die augenblickliche politische Lage keinen Grund zur Unzu- friedenheit über den einstweiligen Rückzug Stöcker'» von der politischen Agitation hätten, weil man e» längst für erforderlich gehalten habe, der Mittel- partei da» Feld zu überlassen, damit fie ihre Leistungsfähigkeit unbehindert entfalten könne. Im Uebrigen bestreitet die .Krzztg.', daß Stöcker Leiter der konservativen Bewegung in Berlin gewesen fei. Tatsächlich stand er aber lange im Vorder- gründ derselben. Die Richtigkeit der Meldung, daß Stöcker seine Entlassung als Hosprediger eingereicht, dann aber davon Abstand genommen habe, läßt die .Krzztg.' dahingestellt fein. Weiter kündigt fie an, daß die christlich-sozialen Getreuen Stöcker in wenigen Tagen beweisen würden, daß ihm der alte Jubel nach wie vor au» unerschütterlichen Herzen entgegenschalle.
• Die amerikanischen Delegirten zur Samoa- konserenz werden voraussichtlich heute Abend in Berlin eintreffen.
• Der Feldwebel Hauck vom 1. Gardc-Regi- ment z. F. ist j-tzt durch ein zweites kriegsgerichtliche» U-theil freigesprochen worden. Der Kaiser hatte das Urtheil de» ersten Kriegsgerichts, dem zufolge Hauck zu einem Jahr drei Monaten Festungshaft und Degradation verurtheilt war, nicht bestätigt und die Einsetzung eines neuen Kriegsgerichts angeordnet, das dieser Tage in Potsdam zusammentrat und Hauck, mangels überzeugender Beweise, freisprach. Hauck wurde sofort
Aw wrißeu Sonntag.
„Lasset sie zu mir kommen, die Kleinen!" „Christen, o wehret sie ja doch nicht ab!" „Will mich so gerne mit ihnen vereinen" „Und sie beschützen bis über das Grab!"
Des Erlösers mildem Worte
Folgt die fromme Kinderschaar, Wallet durch des Tempels Pforte Bis zum festlichen Altar.
Welch ein Zug mit lichten Kerzen, Blumensträußen» Kränzen, schön, Heil'ge Sehnsucht tief im Herzen! Mahnt das nicht an Himmelshöh'n? „Kommet ihr all, die mit Mühsal beladen!" „Euch ist geöffnet mein liebendes Herz!" „Ich bin der Weg und die Quelle der Gnaden," „Führe die Meinigen himmelwärts."
Und sie schwören heil'ge Treue Ihm, der fie so liebreich zieht! Glauben. Hoffnung, Liebesreue Schallt aus ihrem frommen Lied. Mit gesenkten Blicken schreiten Sehnend sie zum hehren Mahl. Andachtsglühend sie begleiten Himmelssürsten ohne Zahl.
„Wer da genießet vom Brode des Leben«," „Der da bleibt in mir, und ich bin sein Hort." „Bittet beharrlich! ihr thut's nicht vergebens," „Sucht, und ihr werdet mich finden sofort!"
Heil euch, hochbeglückte Gäste!
Heil'gen Tempeln seid ihr gleich. Tragt am schönsten eurer Feste In euch selbst das Himmelreich. Möge nie sein Glanz erbleichen. Wenn der Sturm deS Lebens tobt! Mögt ihr nie vom Wege weichen, Den ihr heut' dem Herrn gelobt!
„Selig, wer ausharrt mit Eifer im Guten!" „Ihm wird die Palme des Sieges zu Theil!" „Selig, die da für Gerechtigkeit bluten!" „Allen Beharrlichen ewiges Heil!"
A Eine Erinnerung aus der Straßburger Belagerungszeit.
(Schluß.)
Als ich zum ersten Male wieder zu einem lichten Augenblick erwachte, lag ich in einem großen Saale mit vielen anderen Kranken zusammen. Ich konnte mich zuerst nicht zurecht finden, und e« dauerte eine ganz; Weile, bi» mir nach und nach jeder Punkt, jede S unte mit qualm Iler Gewißheit in’« Gedächtniß kam, und meine Gedanken blieben an einer Frage haften: „Was war au« Marie geworden?" War der Tod mitleidsvoller gewesen mit ihr als mit mir, ober lebte fie noch?
Dann mußte, konnte fie nirgends anders sein als ^er. — Nicht weit von mir stand eine barmherzige Schwester, ich rief fie an, ich erschrak vor dem Ton meiner eigenen Stimme. Sie kam zu mir freundlich und mild und fcug nach meinem Begehr.
„Ich bin hier im Hospital, nicht wahr, Schwester, und wie lange ist es her?" frug ich sie.
„Schon seit 14 Tagen," nickte fie freundltch, „Sie waren sehr krank, aber jetzt geht’» besser. Aber sprechen dürfen Sie noch nicht, Sie müssen ganz still liegen."
„Ich will ja ganz strll fein, Schwester, aber tine einzige Frage beantworten Sie mir noch, ich bitte Sie darum, und eher kann ich nicht ruhig fein. Ist eine Frau Namen» Marie B. nicht hier oder hier gewesen? Sie war wohl sehr krank und muß in der gleichen Zeit mit mir hierher gekommen sein."
Die Schwester sann nach. „Ich weiß e« nicht," sagte fie bann, „aber ich w'll Nachfragen unb Ihnen Bescheid bringen, aber nun seien Sie auch ganz still."
Sie entfernte sich, mir viel zu langsam. Ich folgte ihr mit ben Augen, wie fie bald an die»,