JV 95 Freitag, den 26. April. 1889
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K> Crispi und der „Nothpferrnig der Armen".
Der eigentliche Gebieter Italiens, Herr Crispi, hat wie es scheint, die Hoffnung aufgegeben, daß die mit Frankreich wegen Erneuerung des Handelsvertrages angeknüpften Unterhandlungen ein günstiges Ende liefern werden. Es ist ihm jede Aussicht genommen, daß ihm von dieser Seite die Hilfsmittel geliefert werden, das riesige Defizit zu begleichen und die für Heer und Flotte vom Parlamente bewilligten Gelder herbeizuschaffen. Um das Unheil voll zu machen, hat die Kammer mit zäher Beharrlichkeit alle Entwürfe für neue Steuern abgelehnt. Innerhalb weniger Monate haben darüber drei Finavzministcr ihr Portefeuille eingebüßt und die entlaffenen Exc.'llenzen Magliani, Grimaldt, Perasst sind die lebenden Zeugen für das finanzielle Mißgeschick ihres Herrn und Meisters. Aber Crispi ist niemals verlegen in der Auffindung neuer Rettungsmittel und er liebt hiebei da« Riesenhafte, das Gigantische. Das neueste Er- zeugniß seiner Phantasie ist eine ungeheuere Finanzoperation, welche die ganze Halbinsel in Verwirrung setzt, die Einziehung, oder wie es im Kauderwelsch der Crispt’schen Diplomatie genannt wird, die „Jnkameration" der Güter, welche Eigenthum der „frommen Werke" find. Die gesammte italienische Presse bespricht und prüft den Plan Crispi« in eingehender Wcrse. Im Vatikan ist man tief betrübt über diese neue Kränkung der Kirche. Allenthalben bilden sich Comitv'r zur Ocgamsirung de« Widerstande», zur Arrangirung von Protestversammlungen. An der Spitze dieser Comitv's steht der C-ntralaurschuß in Rom unter dem Präsidium de« Fürsten Buon- compagni.
„Fromme Werke" heißen in Italien die zahl-
A Eine Erinnerung aus der Straßburger Belagerungszeit.
(5. Fortsetzung.)
„SD, wie wahr ist e«, dasWort unsere« groben Dichter«: „Und der Schrecklichste der Schrecken, da« ist der Mensch in seinem Wahn! Jener Augenblick hat mich gelehrt, nie einen Menschen zu verdammen, der im ersten Zorn in einer gerechten Sache einen Schritt zu weck geht! In jcdem Menschen steckt ein Vulkan der tiefsten Leidenschaften, und oft genügt ein Funke, die Gluth in Helle Flammen anzufachen. Der liebe Gott hat jedem Menschen einen Hüter gegeben, diese« Feuer zu hüten, und da« ist de» Menschen eigener starker Wille; ater urtheilt nie zu hart und zu streng, wenn stch dieser Welle einmal zu schwach zeigt und die Gewalt der Leidenschaft sich Bahn bricht. Wir sind Alle staubgeborene Menschen mit Fehlern und Schwächen, und können nur beten, daß der Herr un» bewahren möge vor unserm eigenen Wahn, doch Er allein, Er hat zu richten. Und hätte der liebe Gott damals nicht gnädig meine Hand bewahrt, ich wäre zum Mörder geworden. — Ja, möge er «ns auch jetzt vor einem Kriege bewahren, denn nicht» entfielt mehr alle Leidenschaften
reichen und mannigfachen Stiftungen, welche seit ungezählten Zeiten gegründet wurden. Sie sind ausschließlich milden, wohlthätigen Zwecken gewidmet und ihre Verwaltung ruht vielfach in den Händen religiöser Orden. Zu den „frommen Werken" zählen: Krankenhäuser, Waisenhäuser, Zufluchtsstätten für das hllflose Alter, für Dürftige, Unterhaltung von privaten kirchlichen Gebäuden; nicht da» unbedeutendste Glied bilden darin die verschiedenen Bruderschaften. Sie beziehen fast alle ihre Einkünfte au» den Renten von Grundeigenthum. Nur einige wenige, darunter da» großartige Hospital San Svirito in Rom, werden durch eine rein finanzielle Verwaltung erhalten, welche die Aufgabe hat, die Kapitalien der Stiftung zinsentragend zu machen und zu vermehren. Mehrere Bruderschaften find sehr reich und eirflußvoll. Wir nennen zum Beispiel jene florentinische Bruderschaft zur Pflege der Kranken und zum Begräbniß der Tobten; König Humbert, sein Bruder, der Herzog von Aosta und die höchsten Persönlichkeiten Italien» schätzen e« sich zur Ehre, in ihrer Mitgliederliste eingetragen zu fein. Da» Gesammtvecmögen der über da» ganze Land Derbreiteten „frommen Werke" beträgt 1 Milliarde und 700 Millionen Sire.
Die Regierung von Neu-Italien ist seit Jahren ohne Unterlaß mit der Beraubung der Kirche beschäftigt. Sie nimmt langsam aber stetig. Zuerst wurde dar Eigenthum der Diözesen, der Pfarreien, dann da» der Orden „inkamerirt". Um den koloffalen Güterschacher bewältigen zu können, hat mau in Italien eine eigene großartige Verwaltungsbehörde geschaffen, betitelt „Administratton de« Kirchengute»". Diese Verwaltung verkauft bewegliche» und unbewegliche» Gut de« Säkular- und Ordenrkleru« und zahlt au» dem Erträgniffe den Bischöfen, Pfarrern, ja selbst den Mitgliedern der ausgeplünderten religiösen Orden Gehalte. Einige Zeit lang schreckte die Regierung zurück, ihre stets bedüiftige Hand nach dem direkten unmittelbarem Eigenlhume de» Papste» zu strecken. Im Jahre 1884, al» ste wieder in besonderer Geldklemme steckte, da that sie einen kühnen Griff nach den Gütern der Propaganda und „intamerirte" dieselben mit einem einzigen Schlage für die „Administration de» Kirchengute»". Vergeben» führte die Propaganda langwierige Pro- zeffe, die ste bi» in die zweite Instanz trieb.
de« Menschen, nicht« macht ihn grausamer, stumpft ihn mehr ab gegen alle edlen Gefühle, nicht« macht ihn dem wilden, unbändigen Thiere ähnlicher, al» bet Krieg. Und grausamer, wilder, rachedürstiger al» jede» Thier in seiner ftsftllosen Freiheit ist der Mensch, wenn ihn sein guter Stern verlassen hat, grausamer und zügelloser ist der Mensch in seinem Wahn.
Jener Doktor war gewiß in seinem Rechte, aber der Schmerz und der Zorn hatten mich überwältigt, und ich kämpfte auch nicht mehr dagegen an. — Ich stützte mich auf ihn, ich fchlug ihn nieder, ich packte ihn am Halse und würgte ihn. Wir lagen Beide auf der Erde und rangen mit einander in ungleichmäßigem Kampfe. Ich hatte Alle« um mich her oergtffen, ich dachte nicht mehr an meine Frau, an mein Kind, meine Sinne verwirrten sich, aber ich hatte noch einen Willen, ihn zu tüdten. Da wurde die Thür hastig aufgeriffen, und in der nächsten Minute fühlte ich mich über- wälligt und gebunden. Ich hörte noch eine Stimme: „Mein Gott, ein Raubmord-Versuch am Hellen Tage) Al» ob e« nicht genug zu stehlen gäbe an herrenlosem Gute, braucht man da noch nach einem Menschenleben zu trachten!" Dann verlor ich da» Bewußtsein.
Jung-Jialien heimste au» dem Geschäfte 14 Mill, ein. Die Propaganda empfing al» Ersatz für die genommenen Güter die typographisch schön aus- gestatteten Exemplare unkündbarer italienischer Rente, beten Kurs bekanntlich Dank der jämmerlichen Mißwirthschast der Regierung ein erbärmlicher isi. E» wurde ihr von diesem höchst fragwürdigen Papiere ein Betrag ausgestellt, der dem Wortlaute nach der bei dem Verkaufe erzielten Summe entsprach.
Sowett war die Kühnheit der Regierung bereits unter Depreti« gegangen, aber die Idee, die „frommen Werke" zu „inkameriren" und auf ihre Kosten dem Staate ein Zwangs-Anlehen von 1700 Millionen Lire zu verschaffen, das war dem Genie und der kühnen Entschlossenheit Herrn Crispi’s vorbehalten. Dre italienische Regierung Hal bisher bei diesem eigenartigen Geschäfte eine gewiffe stets gleichartige Prox.s innegehalten, die aber keine guten finanziellen Ergebnisse lieferte. Als bei der großen französischen Revolution die Nationalversammlung die Güter des Klerus verkaufte da gab sie auch statt das Geld papierene Werthzeichen heraus und glaubte hierdurch werde ihr eine all- mählige Verwerthung der Ungeheuern Fonds ermöglicht werden. Die Geschichte hat uns da« Schicksal dieser Assignaten überliefert, man zahlte für ein kleine« Brödchen tausend Franken der lächerlichen Zettel. — Da« italienische System sieht viel ernster und klüger au«, taugt aber für den Staat nicht mehr al« die französische Zettel- wirthschast vor hundert Jahren. Die Beschlagnahme so riesiger Güterkomplexe Übt sofort eine höchst ungünstige volkswirthschaftliche Wirkung. Ist der Markt mit Angeboten überhäuft, so sinken die Preise rapid. Dieser Lehrsatz de« Handel«, der einem Kausmannslehrling, der erst wenige Wochen seinem Berufe angehört, klar und geläufig ist, wird von der italienischen Regierung unbeachtet gelaffen. In dem Augenblicke, da die „inkamerirten" Güter auf den Markt gelangen, finken sie wett unter ihren wirklichen Preis. Die Entwerthung beschränkt sich nicht allein auf ihren Verkauf, sondern da« gesammte Grundeigenthum de« Lande« nimmt daran theil, wird in unliebsame Mitleidenschaft gezogen. Die Liquidation der Güter der Propaganda konnte nur unter den allerungünstigsten Umständen vollzogen werden. Die brü»ke Umwälzung und Veränderung der Kap'ckallagerung muß
Al« ich wieder zu mir kam, war e« stockfinster um mich her ; ich wußte nicht, wo ich war. Aber die Bande an meinen Händen und Füßen, die mich brannten und schmerzten, tiefen mir plötzlich all' die Schreckensstunden de« letzten Tage« in’« Gedächtniß zurück. Mein Hirn brannte und Fieberschauer durchfröstelteu mich. Mit unsäglichem Weh gedachteich meiner Frau und meine»Kinde«. Wa» mochte au» ihnen geworden fein? Ich suchte mich zu orientiren, wo ich war, aber e« war rabenschwarze Nacht um mich her; ich rief; Niemand antwortete mir, und jede Bewegung verursachte mir SS merzen. Dem Süßem Geräusche nach mußte e» wohl ein Keller s. in, wenn e» nicht da» Sesängniß war. Daß ich in jner Nacht nicht auch wahnsinnig geworden bin, da» erscheint mir heute noch wie ein Wunder. — Unerhört qualvolle Stunden vergingen, endlich graute der Morgen, und ich sah in dem bleichen Dämmerlichte, daß ich in einem Keller zwischem altem Gerümpel lag. Nach einer Weile drehte sich ein SchlÜffel in der Thür, und in dem Zwielicht stand ein Mann vor mir, ich kannte ihn nicht. Ich bat, ich flehte, er möge mich losmachen, ich sei kein Dieb, kein Mörder, sondern ein namenlo» elender Mensch, von Gott und den Menschen verlaffen.