jhg 93. Mittwoch, den 24. April.
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diese Posten ist, dem Memorial diplomatique' zufolge eine anderweite Besetzung inAusstcht genommen.
Ausland.
* In Wien striken seit dem ersten Osterfeier- tag die Pferdebahnkutscher. An Exzessen hat es natürlich während der Zeit nicht gefehlt. Ja der Nacht von Sonntag zu Montag kam cs in der Vorstadt Favoriten zu Ausschreitungen. Die Sicherheitswache wurde mit Steinen beworfen, einige Polizeimannschaften wurden verwundet. Schließlich mußte eine herbeigerufene Abtheilung Kavallerie den Platz säubern. Der Strike der Kutscher hat seit dem Ostermontag an Ausdehnung zugenommen, der Verkehr ist nur thetlweise bis zur Stadt aufrecht erhalten. Bei den Exzessen find etwa hundert Verhaftungen vorgenommen worden. Das Aus- Hilfspersonal hat, angeblich wegen Bedrohung durch die Strikenden, ebenfalls die Arbeit verweigert.
* Boulanger begibt sich am Mittwoch nach London. Es handelt fich aber nur um einen Ausflug: Mitte Mai kehrt der General nach der belgischen Hauptstadt zurück, wo bis dahin seine Wohnung glänzend eingerichtet wird.
» Der französische Deputirte und Bürgermeister von Ntmes, Numa Gilly, hatte seiner Zeit einen Sturm der Entrüstung mit der Behauptung hervorgerufen,daßin der Budgetkommisfion Schwindler und Betrüger säßen. Er wurde veranlaßt, seine Behauptung zu begründen und schließlich erschien dann auch eine Broschüre von ihm „Mes_ dossiers“ (Meine Akten), worin er eine ganze Reihe hervorragender Politiker, Beamten u. f, w. unsauberer Handlungen bezichtigte. Später leugnete er die Autorschaft dieses Sammelwerkes von Skandalgeschichten ab, mit welchem Erfolge, das beweist feine jetzt erfolgte Verurtheilung. Der Asstsengerichtshof der .Gironde' verurtheilte Numa Gilly zu 6Mo«atenGefängmß und zu 1000 Frs. Geldbuße, ebenso wurden sein Verleger und seine Gehilfen zu Freiheitsstrafen und Geldbußen ver- urtheilt. Auch wurden sämmtliche Angeklagte solidarisch zur Gewährung einer Entschädigung von 8000 Franks an R-tnal und zu einer solchen von 4000 Franks an Vilette verurtheilt.
* Rom, 22. April. Der Pspst empfing heute Mittag die Kardinäle und Prälaten, um deren Glückwünsche anläßlich des Osterfestes entgegenzunehmen. Nach der Ansprache des Kardinals
Monaco da Valetta unterhielt fich der Papst in der Bibliothek längere Zeit mit den Kardinälen und besprach die zwischen dem Episkopat und dm Katholiken bestehende Einigkeit, welche wettere Fortschritte mache. Der Papst rotes hierbei auf die durch die Katholiken-Kongreffe in Spanien und Oesterreich in dieser Beziehung hervorgetretenen Symptome hin. Zu beklagen sei, daß die polttischen Spaltungen der französtschm Katholiken eine energische Aktion verhinderten. Dem Kardinal Baus« gegenüber bedauerte der Papst die Verzögerung der Ertheilung des italienischen Exequatur, indem er dieses Exequatur als eine odtofe Form von Knechtschaft bezeichnete.
* Der junge König von Serbien hat in Begleitung der Regenten Ristic und Protic und der Minister Gruic und Tausavov'c während des Osterfestes die Stadt Schabatz besucht. Der Empfang, welchen die Bevölkerung ihrem jungen König bereitete, war ein enthustastischer. Der Deputation der Stadt antwortete der König selbst, er sei glücklich aus der Heimstätte seines Großvaters so schöne Erinnerungm mitnehmen zu können. Exkönig Milan, der augenblicklich in Jerusalem weilt erhielt ein Telegramm seines Sohnes, welches den glänzmden Empfang in Schabatz meldete.
5 Gedanken über die Luftschifffahrt.
(Nachdruck untersagt.)
L Optimistische.*)
Neulich fand fich in der .Franks. Ztg.' ein Be- richt aus Nordamerika, wonach es keinem Zweifel mehr zu unterliegen schien, daß es dortselost gelungen, das Problem des lenkbaren Luftschiffes zu lösen. Der Artikel ließ hinfichtlich der Deutlichkeit des Bildes, den er von dem Fahrzeug gab, viel zu wünschen übrig, nur das Erne war klar und verständlich, daß der Apparat eine Verbindung von Luftballon und Flugmaschine sei, getrieben durch Elektrizität. Ich zwerfelte nicht an der Zu- verläsfigkeit des Berichtes; die Elektrizität thut ja heutzutage Wunder, weshalb sollte fie die Lösung
*) Die »Gedanken über die Luftschifffahrt" (L Optimistische, II. Pessimistis re) dürften gerade im gegenwärtigen Augenblicke besonderes Interesse beanspruchen, nachdem in Berlin in Gegenwart militärischer Autoritäten eine gelungene Vorführung eines neuerfunde. nen Fallschirmes stattgefunden hat.
Deutsches Reich.
Berlin, 23. April.
* Tas Herrenhaus hält nächsten Montag, den 29. April, seine erste Sitzung nach Ostern ab. Am Tage darauf nimmt auch das Abgeordnetenhaus feine Sitzungen auf.
• Der Bundesrath nimmt feine Thätigkeit in der nächsten Wocke wieder auf. Demselben ist ein Antrag Preußens, betreffend Abänderung des $ 4 des Strafgesetzbuchs (betreff, die im Auslande begangenen Verbrechen und Vergehen) nebst Begründung, zur Beschlußfassung zugegangen.
• Hofprediger Stöcker soll nach der ,Freis. Ztg.' die Verpflichtung übernommen haben, nicht mehr in politischen Versammlungen in Berlin aufzutreten.
* Eine bekannte politische Persönlichkeit, der Geheime OberregierungSrath Wagen er, ist am Ostersonntag nach längerem schweren Leiden in Friedenau bei Berlin verstorben.
• Der rumänische Thronfolger, Prinz Ferdinand von Hohenzollern, ist zum Besuch des deutschen Kaiserhofes hier eingetroffen.
* Zwischen dem deutschen Reichskommiffar für Ostaftika Hauptmann Wißmann und dem Rebellenführer Buschiri finden Unterhandlungen statt. Wißmann hat fich stark verschanzt für den Fall, daß der schlaue Araber die Unterhandlungen benutzen sollte, fich zu verstärken. Nach Londoner Berichten soll der Sultan von Sansibar seinerseits heimlich bemüht sein, den Europäern zu Lande und auf der Flotte durch Verhinderung der Vieheinsuhr von der Küste Schwierigkeiten zu machen.
* Der Präses der Ober-Militär-Examinations« Kommission, General der Infanterie des Baues ist unter Anweisung seines Wohnfitzes in Wiesbaden zu den Offizieren von der Armee versetzt und an seiner Stelle Oberst v. Scheel, bisher Kommandeur des hannoverschen Füsilier-Regiments Nr. 73, zum Präses der Kommtsfion ernannt.
* Kaiserlicher Verordnung zufolge tritt das Kranken- und Unfallversicherungsgesetz für land- und forstwirthschaftliche Arbeiter mit dem 1. Mai d. I. für Hamburg und Elsaß- Lothringen in Kraft.
• Das Grvßherzogthum Luxemburg hat bis jetzt nur diplomatische Vertretungen in Berlin und Paris und einen Konsul in Wien. Für
△ Eine Erinnerung aus der Straßburger Belagerungszeit.
(3. Fortsetzung.)
Mit flüchtigen Schritten eilte ich MN heim. Es war mittlerweile dunkel geworden, und der Wind pfiff stärker als zuvor. Mich hatte eine seltsame Angst ergriffen, und im Laufschritt stürmte ich fort; zuwetten stöhnte es durch die Lust wie der grelle Mißton einer zerborstenen Glocke, die Windstöße heulten mit den Kngeln um die Wette. So, schien es mir, hatte ich fie noch nie gehört.
»Das ganze Viertel am Steinwall brennt! Sie zünden die Stadt an allen Ecken an!* schrie mir ein Vorübergehender zu. „Die Autöte brennt! Feuer in der Aulötel" heulten wieder Andere, dazwischen kreischten fliehende Weiber, und Alles übertönend krachte es da und dort, und die Flammen fingen an die Stadt zu erhellen. 6s war eine schreckliche Nacht.
Ich ging nicht mehr, ich rannte; ich achtete nicht mehr der Gefahr; athemlos eilte ich heim. Gott sei Dank, unsere Straße war dunkel, dort wenigstens brannte es nicht; ich stürmte ins Haus, in die Stube. Die Fenster warm mit Matratzen zugestellt, in der einen Ecke lag mein kleiner Sohu
schlafend in seinem Bettchen, in der andern kauerte ängstlich mein Töchterchen, aber meine Frau war nicht zu sehen.
„Wie froh bin ich, daß Du da bist," rief die Kleine, fich au mich klammernd, „ich fürchte mich so allein. Es war eine Frau da, die sagte, die ganze Stadt brenne drüben am Wasser, Du seiest auch da, fie habe Dich gesehen, und dann ist Mama hingelaufen, Dich zu suchen!"
Von Neuem packte mich die Angst, ich beruhigte das Kmd soviel als möglich und stürmte wieder fort, meine Frau zu suchen. Es begegneten mir nur wenige Menschen, die ich fragen konnte, Niemand wußte etwas von ihr, hatte sie gesehen oder wollte sie gesehen haben. Keiner wollte fich aufhatten auf freier Straße, denn auf keinem Fleckchen war man seines Lebens sicher, und Mancher ging da gesund zum Hause hinaus, um nie wieder heimzukehren.
Ich kam bis zum Staden; lichterloh brannte es da drüben und erhellte das Wasser und d>e Bretterhütten, die tief unten am Wasser entlang im Schutze der hohen Manern gebaut waren, und unter deren Dach fich die Menschen geflüchtet, die Alles drüben verloren hatten. Mnthlos und von der schrecklichsten Angst gepeinigt, wandte ich mich
um, da hörte ich meinen Namen rufen, und meine Marie sprang eilig über die Straße auf mich zu. Ich nahm mir nicht die Zeit, ihr einen Vorwurf zu machen, ich zog sie an meine Sette, und uns dicht an die Häuserreihe haltend, eilten wir in deren Schutz, jeden offenen Platz vermeidend, so rasch wie möglich heim. Mehr wie eine Kugel sauste an uns vorbei, und mehr wie einmal jtretften uns knapp die Fetzen einer geplatzten Bombe. Hätte uns nur eine erreicht, es wäre besser gewesen für uns Beide, aber unversehrt erreichten wir unsere Straße.
Es konnte höchstens eine halbe Stunde gewesen fein, daß ich sie verlassen, das Unglück mußte wohl gleich nach meinem Fortgehen geschehen fein. Als wir in unsere Straße einbogen, leuchtete uns ein unruhiger, flackernder Schein entgegen. Einen Augenblick stutzten wir Beide, bann stieß meine Frau einen wilden Schrei aus und riß sich von mir los. Ich sehe fie noch, wie fte vor mir herjagte, der Wind hatte ihr das Tuch vom Kopfe gerissen und die langen Flechten gelöst und zauste an ihnen und den Röcken, daß sie wlld um sie herum schlugen; ich vermochte ihr kaum zu folgen.
Wo es eigentlich brannte, konnte ich zuerst nicht unterscheiden; denn unser Haus lag etwas zurück,