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<H Samstag, den 20. April.

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für seine Frau und den Heinen Knaben, von dem I er immer sagte, daß er einmal etwas Rechtes werden müsse. Ein studirter Herr, vielleicht gar ein hochwürdiger Herr Pfarrer, nicht so ein arm­seliger Schneider, wie sein Vater. Der arme Mann! Er hustete gar so viel und der Faden seines Athmes riß früher ab, als der Seidcnfaden, mit dem er den schwarzen Rock nähte, den der Knabe zur ersten heiligen Kommunion tragen sollte. Der Sohn trug dann den Rock zum Begräbniß des Vaters.

Mit dem Studiren war's nichts, aber em wohlhabender Verwandter aus der Stadt kam zur Beerdigung hinaus und nahm den Jungen au« Mitleid zu sich. Er wollte ihn etwas Tüchtiges lernen lassen. — _ ,

Die alte Frau war in tiefe» Nachdenken ver­sunken. Vor ihrem Auge zogen die Bilder der Vergangenheit vorüber. Anfang» waren sie über­strahlt von einem rosigen Schimmer, dann wurden sie immer düsterer, trüber. .

Seine Lehrzeit verbrachte Willy zur Zufrreden- heit seine« L-hrherrn und seine« Wohlthäter«, er war ja ein frischer, aufgeweckter Junge, mit Ver- stand und Mutterwitz begabt und von Hau« an Zucht, Sitte und Frömmigkeit gewöhnt. Da« Bild, welche» drüben an der Wand hing, hatte er von seinem ersten ersparten Taschengeld in der Stadt anfertige« lassen und der Mutter geschickt. Al» er dann freigesprochen und Gesell geworden war schickte er der Mutter von Zeit zu Zeit auch Heine Geldbeträge. Die Mutter hat sie nie an­gerührt, sondern sie in der alten Truhe neben ihren Ersparnissen aufgehoben. So lange sie noch arbeiten könnte, wollte sie nicht» von dem Gelbe verwenden. Aber allmählig wurden die Geldsend- ungen selten, auch die Briefe, dann hörten sie I ganz auf. Willy schrieb, er wolle in die Haupt- I stadt des Landes, dort sich ausbilden, damit er bald sein eigene» Geschäft begründen könne. Und die alternde Mutter glaubte, hoffte und betete für da» Glück und da« Wohl ihre« Kinder.

Da an einem Sonntag Nachmittag wor's, ließ der Herr Pfarrer sie rufen. Er hatte den Willy getauft, die Leiche ihrer seligen Manne« eingeseg- net und dem Knaben die erste heilige Kommunion gespendet. Liebevoll empsing der greise Priester die alte Frau, und langsam, schonend theilte er j ihr da« Unglück mit, da« sie betroffen. Ihr Sohn ist in der Hauptstadt in schlechte Gesellschaft ge- rathen; bei einer Arbeiter-Revolte ist er al« einer der Rädelsführer verhaftet und dann zu einer schweren Gesängnißstrafe verurtheilt worden. Von allem dem hatte die alte Frau wenig oder nichts begriffen, nur das Eine wußte, verstand fie, ihr Sohn saß im Gefängniß! Und dieses Eine war für die arme Mutter fchrecklich, daß sie zusammen- brach und bewußtlos niedersank.

Wochenlang lag fie krank in dem kleinen Stüb­chen, der Herr Pfarrer hatte für Pflege gesorgt, und als fie allmählig genas, wollte fie ihren ver- lorenen Sohn aufsuchen im Gefängniß. Er kostete dem Herrn Pfarrer viele Mühe, der alten Frau die weste, beschwerliche Reise nach der Hauptstadt auszureden, aber schließlich fügte sie sich.

Ein Jahr nach dem andern verging. Selten, alle Vierteljahre kam ein Brief ihr« Sohnes au« dem Gefängniß, und al» da» Ende feiner Straf­zeit herannahte, bat er die Mutter um etwas Reisegeld, er wolle sich beffern und sein Gluck jensett» de» Ozean» versuchen.

I Da nahm die alte Frau da» Gelv, was er ihr einst geschickt und einen Theil ihrer Erspar- niffe und trug e« zu dem Herrn Pfarrer, batmt er Alle» dem Sohne übersende. „Ich werde nicht I Noch lüden", sagte fie, al» der Herr Pfarrer

ihr Vorstellungen machte, daß fie alt werde und vielleicht bald nicht mehr werde arbeiten können.

Zwei Briefe hatte sie dann noch von ihrem Sohne empfangen. In einem dankte er ihr sur das Geld und zeigte seine Abreise an, in dem anderen schrieb er, daß er zmieits des Meeres angekommen sei und nun ein anderes Leben be­ginnen wolle. — , t

Zehn lange Jahre find seitdem verflossen. Die Leute im Dorf haben die Frau lange scheel an- gesehen, die Mutter de« „Verbrecher» , der dem ganzen Dorfe zur Unehre gereichte und im Kerker saß. Die alte Frau ließ da» ruhlg über sich er- gehen, sie hoffte und glaubte, daß der liebe Gott, der diese Prüfung über fie verhängt, auch da» Herz ihres Sohne» zum Guten lenken werde. Gar manche Spöttereien mußte fie ertragen, al» man hörte, der Schneider-Willy sei weit weggezogen über da« Meer. Die „Amerikanerin" hatte sie ein übermüthiger, junger Bursche getauft, der in der Stadt seine Militärpflicht abgelegt und die Nachücht mitgebracht hatte.

Immer einsamer wurde er um die Greist«. Die meisten ihrer früheren Bekannten hatten sich von ihr zurückgezogen. Viele ruhten unter dem grünen Rasen de« Friedhose«. Im vorigen Jahre ist ihr einziger bester Freund, der sie stet» tröstete, der alte Herr Pfarrer, heimgegangen, auch er ruht dort drüben aus dem Friedhof dicht an der alten Kirche. — . ,

Jahre, lange Jahre find vorübergegangen, seit die alte Frau nicht« mehr von ihrem verlorenen Sohn gehört! Große Thränen rollen langsam | über ihre gelben welken Wangen hinab. Wird fie jemals ihr Kind wiedersehen? Sollen die alten müden Augen sich schließen, bevor sie noch einmal da« Antlitz de« Sohne» geschaut?

Die alte Frau greift wieder nach dem Gebet­buch, e» blieb in der langen Reihe von Jahren ihr Trost in trüben einsamen Stunden, und wenn auch die Buchstaben verschwimmen durch tue Waffertropfen in den Augen, da» Gebet flößt ihr doch wieder Ruhe und Hoffnung ein.

Ja, Hoffnung! Bis an den Grabesrand hoffen wir und da» brechende Auge wendet sich noch voll Hoffnung dem Jenseits zu.

Vom alten, bemoosten Dorskrrchthurm herüber tönt festliches Glockengeläuts. Es ist Ostersonn­tag. Bis zum vorigen Jahre konnte fie noch hinüber gehen, aber in diesem Wmter hat bte Gicht fie stark heimgesucht, ihre Füße find schwach geworden, zum ersten Male muß sie am heiligen Osterfeste daheim bleiben in ihrem Stübchen. Die alte Magd, die fie in ihrem Siechthum zu sich genommen, ist zur Kirche gegangen.

Die alte Frau ist ganz allein, nur der alte Hofhund liegt bei ihr im Zimmer. Damals, al« Willy in die Stadt zur Lehre ging, war er erst wenige Wochen alt, jetzt ist er halb blind und lahm, au» Mitleid hält ihn seine Herrin noch. Ihr Willy hat ja mit dem jungen Hunde einst

Qßfpiclt!

Dir Glocken drüben haben aufgehört zu aen, au» dem Innern der Kirche schallt feierlicher Gesang. Die alte Frau faltet wieder die Hände und fie betet, betet für ihren Sohn in der unbe- kannten Ferne. Und wenn eine Mutter betet für ihr Kind, dann schwebt ein heiliger Engel de» Herrn eupor zu dem Thron de« Allmächtigen und trägt zu ihm da» Gebet der Mutter. Und gewiß, (» wird erhört!

Die Sonnenstrahlen erglänzen hell durch da» Fenster, betend, die Hände gefaltet, ist dre arme alte Frau leise eingeschlummert.

Da öffnet sich die Thüre de» Zimmers. Em kräftiger, von der Sonne des Südens gebräunter

Die ©flttgloiktii.*)

Kein Ton mir je ins Herz so drang, Als meiner Heimath Glockenklang!

(Mtc« irische- SollsUeb.)

Sn einem kleinen reinlichen Zimmer sitzt am F.nster eine alte Frau, festtäglich gekleidet. Dichte, weiße Haare quellen au» der schwar­zen Haube hervor, durch die Brille mit den großen runden Gläsern blickt sie in ein Gebetbuch, ihre Lipp.n murmeln leise Gebete. Die Frühling»- sonne scheint durch die Fenster, einzelne Strahlen fallen auf die gegenüberliegende Wand, fie treffen ein Bild in einfachem schwarzen Rahmen, welche« einen blondgelockten Knaben barstellt.

Die alte Frau läßt die Hände mit dem Gebet­buch in den Schooß sinken. Ihre »licke waren flüchtig dem Sonnenstrahl gefolgt und hatten mit ihm einen Augenblick auf dem Bild de« Knaben verweilt. Da hatte sich da« Mutterherz, wie schon so oft seit langen Jahren krampfhaft zusammen« gezogen, und ein tiefer schwerer Seufzer entrang sich der armen gequälten Brust. Ihr armer, armer Willy! Draußen in dem kleinen Gärtchen, dessen alter Kirschbaum berüt« Knospen hat, war sein Spielplatz, wie oft hatte die Mutter von ihrem Platz am Fenster feinem Muthwillen ge­steuert ! Wie viele Höschen hatte er auf dem Kirfchbaum zerrissen, um die frischen, rotheu Früchte zu pflücken! Durch die kleine Gartenthür hatte man ihren braven Mann hinausgetragen aus den Friedhof. Er war ein fl-ißiger Mensch gewesen und hatte von früh bis spät gearbeitet

*) Nachdruck nicht gestattet..

Zweites Blatt.

Osterhymne.*)

den Herrn, den Herrn der Himmel! J1J Denn er ist mächtig in Wort und That. M.Stob noch gestern der Flocken Gewimmel, (jT Heute schon keimet die grünende Saat.

Zürnt Er, muß Alles int Froste vergehen. Doch Er sendet Sein lösendes Wort; Bor Seines lieblichen Odems Wehen Fliehet lebendig das Starrende fort.

Lobet den H-rrn! In Schönheit kleidet Heut' sich die Erde gleich einer Braut; An ihrem Duft und Glanze weidet Jegliches Äug' sich, das sie erschaut. Böglein sich wiegen, des Herzens Entzücke« Kündend in süßer Lieder Getön;

Leben erblühet, was lebt zu beglücken. In schattigen Thälern, auf luftigen Höh'n.

Lobet den Herrn mit Jubelgesängen!

Aus den Tiefen dringt es hervor;

Dem Staubeskerker entflohen, dem engen, Steigt es zum Lichte siegend empor. Zur Erde geworfen ging es verloren, Doch es gehöret der Erde nicht an; Wiedererstehend und neugeboren Wächst es zur Speise des Menschen heran.

Lobet den Herrn mit herrlichen Namen Preis Ihm, dem göttlichen Weizenkorn! Sinkend verschlang es des Todes Samen, Sterbend erschloß es des Lebens Born. Möge der Löwe sich königlich spreizen, Fürstlich sich schwingen zum Lichte der Aar, Höher denn Alles erstrahlet der Weizen Königlich, göttlich auf hehrem Altar.

Lobe den Herrn, der siegreich erstanden, Singe dem Sieger, erstandene Welt! Laßt, ihr Befreiten aus Hasses Banden, Fesseln von Lieb' euch im heiligen Zelt. Ostern! Erwachet und stärkt euch zur Reise — Tag ist, gedenket der kommenden N^cht!

Nur wer sich nähret von göttlicher Speise, Göttlich zum ewigen Leben erwacht.

L. v. Heemyede.

♦) Nachdruck nicht gestattet.