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Ttg 91. Samstag, den 20. April.

Mitt M 3ritni.

1889

Erstes Blatt

sich doch ernstlich hüten. Angesichts der sozialistischen Propaganda können wir e» wohl verstehen, daß neben bett maßgebenden Faktoren der Regierung auch zahlreiche Volksvertreter eine möglichst schnelle Erledigung des Alters- und Jnvaltdengesetze» her­beisehnen. Möchte nur die Vorsicht und Gründ­lichkeit bei der Prüfung eine« so folgenschweren Gesetzerwerkcs nicht zu kurz kommen! Wenn ein große« Reich eine solche bisher unbetretene Bahn beschreitet, so ist eine Umkehr ohne gewaltige soziale ErschüUerungen nicht mehr zu ermöglichen. D e Feiertagsrast wird auch den Politikern Gelegenheit bieten zu ernster Sammlung und ruhiger Prüfung. Denn manche Dinge sieht man in den vier Wän­den de» Men Heim« ganz anders an, al» mitten im Getriebe der Partei-Ecregung und im Wider­streit der Meinungen.

Deutsches Reich.

Berlin, 19. April.

• Reto Tag ohne Stöckerhetze! Die ,Na- ttonalitg.', welche dem linken Flügel de» Kartells angehört und früher deutfchfreistnuiger Neigungen bezichtigt wurde, beschäftigt sich neuerdings auch mit dem streitbaren Hofprediger. Da« mit der goldenen Internationale engverbundene Blatt rech­net es nämlich Herrn Stöcker als Staatsverbrechen an, daß derselbe ohne Rücksicht gegen gewisse Uebergriffe de» Judenthums in der Reichshaupt­stadt energisch Front machte. Die .Nationalztg?

△ Eine Erinnerung aus der Straß­burger BelagernngSzeit.

(1. Fortsetzung.)

Mein Geburtsort liegt in bett Vogesen, es ist ein kleines, armseliges Gebirgsdörfchen. Ich bin nie Soldat gewesen, ich kam stet durch Protektion der ganzen Gemeinde, da ich meine Muttu er­nähren mußte, die sonst derselben zur Last ge­fallen wäre. Mein Vater war stütze gestorben, er war ein armer Holzhauer, und eine ehrliche Armuth war da» ganze Erbtheil gewesen, da» er uns hinterließ. Als ich zehn Jahre eU roar, stand ich schon aus eigenen Füßen, und wäre die Mutter nicht immer krank gewesen, wir hätten recht glück­lich zusammen gelebt, denn selbst die Armuth kann glücklich feto. Und ich habe sie nie gefühlt, ich hatte keine Bedürfnisir, und meine Mutter erst recht nicht, und das tägliche Brod fehlte un« nie. Als die alle Frau dann später da» Bett hüten mußte und nicht mehr ihrer Arbett nachgehen konn'r, wurde sie von so guten, sorgsamen Händen gepflegt, wie e» besser keine Tochter hätte thun können, und die es that, war meme Braut.

Eie war de» alten Schullehrer» einzige« Rmd, sie fand immer Zett, die beiden alten Leiste zu pflegen und die beiden Haurhaltungen zu führe«,

weit e« ihn angehe, wohl nicht veröffentliche und meint, die« geschehe au» Übeier Laune, welche über kurz oder lang noch bedenklich wachsen werde. Dieser dunklen Drohung fügt da« Blatt noch hin­zu : „Wir erfahren übrigens, daß Fürst Bismarck nicht bloß manche Handlungen Stöckers, sondern auch gewiffe Reden de» Profeffor» Wagner scharf gemißbilligt hat/ Da» stand mit etwa» anderen Worten bereits in der .Neuen Züricher Zig.'. Er ist System in der Sache, wie man ersieht. — Der konservative.Reichsbote' schreibt zu der mittel« partellichen Hetze gegen seinen Gesinnungsgenoffen: „Man dränge nur alle positiven Kraftmenschen aus dem öffentlichen Leben hinaus und überlaff- daffelbe den opportunistisch-Mittelpartei chen gekommen und wir hätten gut heirathen könne«. Aber die alte Mutter wollte nicht mchr fort; wo sie geboren und erzogen, in dem Häus­chen, wo sie gelebt, wollte sie auch sterben, und Marie wollte sie nicht verlaffe«, und das hätte ich auch nicht geduldet. Und so vergingen wieder lange Jahre, und unsere einzige Freude waren die kurzen Tage, die ich daheim verbringen durste, dann hatten wir keinen Wunsch mehr. Und dann starb auch die Mutter. Lange konnten wir uns nicht in dm Verlust finden, Marie jammerte der alten kranken Frau Monate lang nach.

Dann hielten wir Hochzett. Wir hatten keine Gäste und keine Freunde in Straßburg; wir hielten kein Festeffe« und bekamen keine Gratw lationm und keine Geschetcke, meine Brant stand allein neben mir am Altar, im einfachen bunklen Wollkleibe, bar sie selbst gesponnen, unb auf ihrem lieben, engelsguten Gesicht waren längst die Spuren bet ersten Jugend verschwunden, aber trotzdem hat wohl nie ein Paar die hohm Hallm unsere« alten Münster» durchschrttten, da« glücklicher sein konnte, al» wir beide er warm. Und diesem glück­liche« Tage folgten andere, glücklichere, Wochen. Monate und Jahre. Ich hatte damal» ein Ge« halt, für da» heute kein Lohndiener mehr arbeiten würde, aber für un» war er ein Kapital, wir

etwaigm Besuch de» dmtschen Kaffer» in London aufzusaffm. . t

In Frankreich ist heute mehr dm« \t der eigentliche Herd der Beunruhigung Europa'« zu suchen. Die ganze Entwickelung der Dinge in Frankreich treibt einer Entscheidung entgegen, die politische und die soziale Revolution arbeiten ein- ander in die Hände, um die Katastrophe zu be­schleunigen. Die scheinbare Ruhe, welche in ein­zelnen Ländern die Propaganda der sozialm Revolution feit einiger Zeit beobachtet, darf un» nicht täuschm über den wachsendm Eirfluß ihrer unheilvollen Lehren. Der Same der vor 100 Jahren die große französische Revolution in ganz Europa ausgestreut har, schießt mehr denn je in die Halme. Auch in Italien gährt> und kocht es unter gleißender Oberfläche, und der Staat, der selbst durch Revolution unb Usurpation seine Einheit erzwang, muß stünblich auf ber Hut sein vor ben Gewaltstreichen derer, welche jene Lehren und jenes Beispeil nur zu wohl begriffen haben. In Oesterreich-Ungarn drückt das verhäng« nißvolle Mißgeschick, welches mit dem Kaiserhaus- ba» ganze Reich betroffen hat, noch immer schwer auf bie Gemüther, doch man barf hoffen, baß bie harte Prüfung bem Fürstenhause und dem Volke zum Helle sein und zur Wiederbelebung de» viel- fach erstarrten unb verdorrten kirchlichen Stones beitragen wird. Schon jetzt sind Anzeichen vor- handm, daß die Katastrophe von Mayerling auf die weitere Entwickelung der brennenden Schul­frage nicht ganz ohne Einfluß bleiben wird.

Deutschland steht gerade in diesem Augen­blicke unter dem Eindrücke der drängenden Lösung der sozialen Frage, und e» ist eine eigmthümliche Fügung, daß genau 100 Jahre nach dem Aus­bruche der großen Revolution in Deutschland ein Gesetzgebungswerk zur Berathung steht, welches in vielfacher Beziehung Spuren, allerdings geläuterte ©puren, von jenem Geiste trägt, der sich im Jahre 1789 gewaltsam Bahn brach, neben man- chem Unhaltbaren und Veralteten auch da» Eselfie und Helligste mit Füßm tretend. Unsere ganz- neuere Sozialpoltttt und Sozialgesetzgebung hat einen staatssozialistischen Zug, den wir zwar nicht unbedingt und mit starrer Pedanterie verwerfen wollen; aber vor bem Betreten eines Weges, ber zum nacktesten Staatssozialismus führt, sollte man von benen bie eine so arm war wie bie andere, dm» bie Schullehrerstelle war damals recht arm­selig bei uns. Die alten Leute fanden es auch ganz natürlich, daß wir zusammengehörten, wir waren ja zusammm aufgewachsen in Armuth und Arbeit und waren schon al» Kinder unzertrmnltch gewesen. E» fiel keinem -in, wie lange die» noch bauern konnte, daß an eine Hrirath bei so großer Armuth ja gar nicht zu denke« war, wir waren glücklich so und lebten sorglos Tag für Tag weiter, Jahre lang.

Da starb ber alte Schulmeister, unb Marie zog zu uns to unser Häuschen. Heirathen konnten wir nicht, aber wir sahen auch ein, daß es so nicht »eiter gehen konnte, und ich «ahm Abschied und kam hier nach Straßburg, mich um eine einträg­lichere Beschäftigung umzusehen. Der alte Lehrer hatte sich viel Mühe mit mir gegeben und mir bei meiner Holzarbeit noch vieles Andere beige- bracht, so daß ich mehr gelernt hatte, al« ich eigentlich selbst wußte. Die« kam mir sehr zu Statten und ich sand bald eine gute Stelle to einem großen Holzgeschäfte, besten Besitzer ich baheim bei Ankauf von Holz lernten gelernt, und ich hatte mich balb so wett eingelernt, daß ich ihm unentbehrlich wurde. Jetzt hatten die daheim auch gute Tage, so viel Geld war nie to da« Häu«-

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AM- Der hohe« Osterfeiertage wegen wird die «ächste Nummer d. Bl. erst am Dienstag erscheinen.

Politische Ostergedauken.

* Wenn die Osterfreude nur in äußerlichen Er­eignissen und V-rhältnisten ihren Grund haben könnte, dann feierten wir in diesem Jahre kein aar-fröhliches Auferstehungsfest. Zwar hat man aerade in den letzten Tagen von den verschieden­sten Seiten versichern hören, daß das Jahr 1889 ein besonder» ausgezeichnete» „Friede nsjahr" sein werde, daß für die roch kommenden zwei Drittel de» Jahre» der Friede gesichert erscheine. Aber gerade au» diesen oftmals wiederkehrenden Friedensversicherungen, welche nachgerade für bie rubiae Entwicklung von Handel und Industrie ein nothwendige» Bedürfniß, eine unentbehrliche Vor- aussetzung geworden sind, läßt sich indirekt der Schluß ziehen, wie wenig stabil und dauerhaft die Verhältnisse unb Umstänbe finb, von betten bie Friebenrerhaltung abhängt. Für länger als acht bis zehn Monate will kein polttffcher Prophet bie Garantie für die sichere Fortdauer de» Stieben«- zustanbe« übernehmen. Was da» bebautet, kann man erst ermessen, wenn man bebenkt, daß wir in Deutschland uns nun schon seit fast zwü Jahr­zehnten des thalf Schlichen Frieden« erfreuen, daß aber namentlich in dem letzten Jahrzehnt kaum ein halbes Jahr verflossen ist, ohne daß zeitweilig der politische Horizont mit gefahrbrohen- ben Wolken überzogen war.

Den gegenwärtigen Friebentgesängen ber Offi­ziösen scheint bie Aussicht auf einige Monarchen- Beaeanungen im kommenben Frühjahr unb Sommer zur Unterlage zu bienen. Ob matt den von einer Seite mit Bestimmtheit angelünbigten Besuch be« russischen Kaisers in Paris gelegentlich ber Weltaus­stellung auch als ein Friedens-Symptom auslegen will, entzieht sich unserer Kenntniß. Un« vermag diese ostentativ- Annäherung Rußland« an Frankreich, in Verbindung mit mehreren anderen Umständen, nicht sond-rlich zu befriedigen. Man wird leicht versucht sein, den Czarenbesuch in Pari«, wenn er sich bewahrheiten sollte, al« Gegenzug gegen den