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ohne Bringerlohn und Bestellgeld

1889

Donnerstag, den 18. April.

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Während die Menschheit am Ostermorgen das Auge hoffnung-sicher und froh zum Himmel empor- hebt, schlägt sie er am Charfreitag im Gefühle der Schuld und der Scham demüthig und trau­ernd zu Boden. Die Frucht des Erlösungswerke« ist Erhebung und Triumph; aber das blutige Opfer, welche« das G-Heimniß de» Charfreitag« bildet, enthält den tiefsten Abgrund der mensch­lichen Nichtswürdigkeit. Wer den Tag des Leidens und Tode» de» Herrn in festlich gehobener Stim­mung zu begehen vermag, dessen religiöse» Gefühl muß überwuchert sein von einer Selbstsucht, die nur sür den eigenen Vortheil, nicht für da» Miß- verhältniß zwischen Gnade und Verdienst Em» I pfindung hak. m ,, ,

Unsere und des ganzen Menschengeschlechtes Jämmerlichkeit predigt der christliche Glaube in der Charwoche, und seine Lehre wird bestätigt durch einen Blick der Selbsterkenntniß in unser eigenes Denken und Handeln, sowie durch einen Blick in die Geschichte der Menschheit. Was wir Weltgeschichte nennen, ist ein wirre» Gemisch von Schlechtigkeit und Tugend, von Thorheit und Ver­nunft, in welchem leider die bösen und häßlichen Elemente da» große Uebergewicht behaupten. Bei- ! nahe zwei Jahrtausende find jetzt verflossen, seit dem Aufgange der Sonne de» Christenthum«, aber hat die Menschheit ihr Auge dem Licht, ihr Her, der Wärme erschlossen?

Zweitausend Jahre schon — und der größte aller Srdtheile, in welchem die Wiege de» Menschen­geschlecht» und da« Kreuz der Erlösung gestanden hat, Asien liegt bi» auf geringe Ausnahmen noch in den Tiefen heidnischer oder mohammedanischer Unkultur. Die kühnen Anstrengungen der Kreuz­fahrer, das großartige Apostolat des hl. Franz Xaver sind gescheitert. In Hinterasten allein sitzen in ze» schlossener Schaar zweimal so viel Heiden, al» e» Katholiken auf der ganzen Welt gibt.

Zweitausend Jahre fast ist die Botschaft der Golterktndschaft und der Nächstenliebe der Mensq- beit verkündet worden — und heute noch stehen wir in den ersten Anfängen de» Versuche«, die Masse der afrikanisch en Bevölkerung au» dem Abgrund de» Kannibalismus und der Menschen- jägeret zu retten. Hunderte von Millionen stehen noch jetzt, im gepriesenen 19. Jahrhundert, unter dem Fluche der Sklaverei, welche da» vorchristliche Heidenthum ausgebildet hatte. Und der Handel mit Menschenfieisch greift sogar noch über di« südöstliche Grenze in denjenigen Erdtheil hinein, welcher sich den christlichen und den civilisttten zu

nennen beliebt. ,, I

Europa hat den Segen des Christenthums im reichsten Maße empfangen, aber wie haben die Völker der Gaben sich bedient, die ihnen Vorzugs- weife zugefloflen? An die Schattenseiten der modernen Entwicklung haben wir uns so gewöhnt, daß wir erst unsere Gedanken loilösen und emen höheren, freien Standpunkt gewinnen müssen, um zu erkennen, daß die politische und soziale Lage in Europa noch immer ein Hohn ist auf dre Ideale, welche da» Christenthum dem Menschen­geschlecht gesetzt hat. Da» Evangelium des Frie­dens und der Liebe wird seit tausend 3ahren den Europäern Tag sür Tag gepredigt, und der Geist der Feindseligkeit und de» Kriege» herrscht noch immer zwischen den Nationen und Staaten. Am Ende de» neunzehnten Jahrhundert» hat man noch immer kein andere» Mittel zur Sicherung des Be­sitzstände» gefunden, al» die Rüstung unter dem Aufgebot aller Kräfte; kein andere« Mittel zur

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Da« Christenthum fendet Ströme de« befruch­tenden, heilenden, labenden Wasser« in die Welt; aber die Menschheit wirft da« Gift ihrer Bosheit, den Schmutz ihrer Thorheit in die heil. Fluthen. Was in den viertausend Jahren der vorchristlichen Barbarei geirrt und gefehlt ist, mag an Menge noch so groß sein, e« fällt zu Ungunsten der Menschheit bei Weitem nicht so schwer ins Gewichts al» die Frevel gegen Tugend und Vernunft, durch welche sich die Menschheit noch geständet hat und sich fort und fort noch schändet, nachdem ihr die erhabene Lehre de» Christenthums zu Theil ge- worden, deren Schönheit und Größe selbst die- jenigen anstaunen müssen, die nicht an das Ge- heimniß der Erlösung glauben wollen.

Am Charfreitag sollte sich die Welt wenigstens bewußt werden, wie Große» sie mißachte^ wie Herrliches sie unbenutzt läßt, wie jämmerlich sich der Menschengeist in der Verwerthung der Heils- botschaft bewährt hat. Was uns die Passtons, geschichte erzählt, ist ein großes Wunder der gött­lichen Gnade. Man möchte e» fast für ein noch größeres Wunder der göttlichen Langmuth er­achten, daß der Himmel noch immer geduldig den Verirrungen des Menschengeschlechtes zusteht, ob­schon bereits neunzehn Jahrhunderte seit der Be­gründung der Heile» verflossen stnd, — daß nicht schon da» vernichtende Strafgericht über die Erde wieder hereingebrochrn ist, welche» die Mitwelt

Entscheidung von Streitigkeiten al» den organi- sirten Massenmord, die Messung der beiderseitigen vernichtenden Kräfte und Künste im Kriege. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! heißt die herrliche Lehre, die wir Alle von Kindesbemen an fortwährend gehört haben, und gegenüber diesem | Soll zeigt uns die traurige Wirklichkett die drin­gende Gefahr einer fozialen Katastrophe, eine« blutigen Zusammenstoßes unversöhnter Interessen, einer Empörung der Masse«, die sich bedrückt glauben, gegen die Minderzahl derjenigen, welchen der Besitz zugefallen ist. In diesem Sommer wer­den es hundert Jahr, seit die Welt eine Revo- lution sah, deren Orgien an die Abscheulichkeit der ärgsten vorchristlichen Katastrophen heranreichten. Man kann e« noch heute kaum fassen, rote eine Nation, die als die älteste Tochter der christlichen Kirche galt, in ein solcher Delirium rasfinirter Bestialität verfallen konnte; aber in die Centenar- Erinnerungen mischt sich die ernste Furcht, daß die nächsten Dinge schlimmer sein könnten als die

Schirmeck. , , .. . .

So drehte sich denn auch einer Abend« das Gespräch um eine etwaige neue Belagerung Straß­burgs. - Hei, wie da einige junge Brauseköpfe in die Hitze geriethen! Eine Belagerung Straß- bürg« sei ja gar nicht mehr möglich; unser deut- scher Heer, dar sei ja unbezwingbar l Daß Straß­burg nochmals könnte belagert werden, nein, das fei nicht denkbar, da« sei einfach lächerlich: Unsere Forts, untere unübertrefflichen Festungen, unsere besetzte Grenze! O, wenn'« doch nur wieder Krieg würde, sie wollten den Franzmännern schon zeigen, wie's jenseits der Grenz« ausstsht! Es würde ihnen gerade so gehen und noch schlimmer rote anno 1870!

Wie anno 1870 — Wie anno 1870! — Wir blickten uns erschreckt um; die Worte waren i so ruhig, so einfach, aber auch so unerwartet wiederholt von einem Kollegen, der sich nie tit die Kriegigespräche mischte, der nie eine Meinung darüber zu vertreten hatte, und von dem man höchstens ein einsilbiges Ja, oder ein stilles, freund­liches Kopfnicken al» Antwort erhielt.

Er war überhaupt ein sonderbarer Mann, der alte Bureaukrat. Da» schneeweiße Haar und die Furchen, Falten und Fältchen in seinem Gesicht, die unverkennbar von einem tiefen, innern Gram erzählten, ließen ihn sehr alt erscheinen. Aber die klaren, ruhigen Augen, die noch kraftvolle Haltung und die nimmer müde Hand bestritten c». Man wurde auch noch nie recht klug aus ihm und wußte nur soviel, daß er früher verheirathet, und daß feine Frau gestorben sei, und daß er I kinderlos, nun eine sehr zurückgezogene Jungge­

bevorstehenden Krieges beschäftigten, da wurden auch alle Erinnerungen mit einem Male wieder wach, es gährte in allen Köpfen, und deutlicher denn je standen die Schreckenstage de« letzten Krie­ges wieder vor den Augen Derer, die ihn mitge­macht hatten. Und e« lohnte sich wohl der Mühe, des Abends zu lauschen in den verschiedenen Fa- milienkreisen, wo in den Dämmerstunden die Er­innerung an die Schreckenstage von 1870 wieder zurückgerufen und die einzelnen Momente derselben wieder aufgefrischt wurden. Er waren interessante, traurige, vielfach schaurige Erinnerungen. Aber von Allem, was ich da erzählen hörte, hat mich eine Erzählung am tiefsten ergriffen, von allen Erinnerungen aus diesen Tagen ist es diese eine,

। welche mir unvergeßlich bleiben wird.

Es war zwischen Tag und Dunkel an einem trüben Tage, die Lichter waren noch nicht ange­zündet, und auf den Büreaus und Komptoirs, wo selbst um diese Zeit die Feder rastlos über das Papier flog und der fleißige Schreiber kaum Zeit hatte zum Ausschauen, machte man damals eine Pause. Es gährte ja, wie gesagt, überall, in allen I Kreisen und in allen Winkeln, und Jeden drängte er, seine Meinung über Dieß und Jene« auszu­tauschen. So war e» auch bei un», und die Dämmerstunde bot da die beste Gelegenheit, sich unter den Kollegen im vertrauten Kreise offen I auszusprechen, und die Chef» drückten ein Auge zu und sprachen selber und hörten zu. Ja, da gab'» immer wa» Neue», bald näher, bald ferner erklang die Kriegsposaune; da drangen die Ber- muthungen, die Meinungen bis an die Grenze der Unmöglichkeit hinan, da gab es politische und unpolitische Debatten, die manchmal recht hitzig werden konnten, oder irgend ein aufgetauchtes Gerücht gab Veranlassung zu den kriegerischsten Erwartungen, dann riefen die Barracken an der französischen Grenze, und das Gerücht von den Melinit-Bomben die größte Entrüstung hervor, . ja einmal kam sogar zur allgemeinen Heiterwt

. die Schreckenskunde, die Franzosen seien bereits in

Noe's traf!

Die Menschheit brüstet sich gern hochmüthig, wenn sie in irgend einem Punkte ein Schrittchen I weiter gekommen zu sein glaubt, al» die Vorwelt. Heute ist er vor Allem Zeit, sich auf die Haupt­sache zu besinnen, den Gesammtwerth der gepriesenen „Kultursortschritte" zu ermessen an dem Maßstabe dessen, wa« un» da» Christenthum al- erreichbare» Ziel vorgezeichnet hat. Und das Ec- gebniß der ehrlichen Prüfung kann nur zu dem Seufzer führen: Gott sei der armseligen Mensch­heit gnädig! Die Erde ist ein Jammerthal, und das jämmerlichste darin ist die Menschheit, welche die erlösende Hand nicht zu fassen und zu halten vermag._______________

A Eine Erinnerung aus der Straß­burger Belagerungszeit.

(Nachdruck »erboten.)

Als im Frühjahre de« eben oelfloffenen Jahres ganz Elsaß w.ederhallte von dem erst lei», dann bestimmter und schärfer auftretenden Kriegsgeschrei, als sich alle Unterhaltungen, alle Tagesgespräche I nur mit dem öffentlichen Geheimniß eine» uns nähr

Zweites Blatt.

Charfreitag.

Die .Fuldaer Zeitung- eycyemi^--»»‘--g— 7 in zülda und auswärts 1 Mark 50 Ps-i m“ bs"„ WL°S-° ®«