j\g 90 Donnerstag, den 18. April.
Fuldaer W Zciimig.
1889
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Erstes Blatt.
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♦ Das Centenarium der franzö- fischen Revolution.
Das heurige Jahr bringt ein merkwürdiges Jubiläum, denn am 14. Juli find es volle hundert Jahre, daß die Bastille in Paris, dar gefürchtete Staatsgefängntß der Bourbons, von dem aufgehetz- ten Pöbel erstürmt und damit jene große Revolution inaugurirt wurde, die ganz Europa in den Grund- vesten erschütterte. In diesen hundert Jahren haben fich in der Welt große Ereigniffe vollzogen, alte Ächrone wurden gestürzt, hervorragende Dynastengeschlechter erniedrigt, die Grenzen der Staaten wurden tiefeinschneidend verändert, gewaltige Kriegt verheerten die Länder, wiederholte Revolutionen brausten über sie hinweg und die alte christlich- abendländische Staats- und Sozialordnung wurde, nicht zum Heile der Völker, durchbrochen. Europa ist seit den Tagen der Revolution von 1689 beständigen Er chülterungen unterworfen und es hat fich im Innern fast aller Staaten eine bedenkliche Metamorphose vollzogen. Die Männer derRevolution haben das legitime Königthum aufs Aeußerste bekämpft, sie haben ihren König aufs Blutgerüst geschleppt, sie haben den historischen Adel auszu» rotten gesucht, sie wollten mit frevelhafte» ueoci* muth Gott selbst absetzen und da» Christenthum aus dem Herzen der Menschen reißen, sie wollten die ganze Soztalordnung auf den Kopf stellen und die produzirenden Stände zu Grunde richten, um auf den Trümmern der alten Verhältnisse eine neue Welt der sogenannten Menschenrechte und der allgemeinen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aufzubauen. Allein diefes Problem erlitt schon bet seinem ersten Versuche Fiasko, die Revolution schuf wohl ein Meer von Blut und Thränen, sie wirkte zerstörend auf Kultur und Zivilisation, aber sie hat den Völkern weder da» erträumte Glück gebracht, noch Freiheit und Brüder- lichkeit, sondern einzig und allein da» Chao«. Die Revolution ward durch sich selbst bezwungen, zuerst gebar sie einen Abenteurer vom Schlage de« Eorsen Napoleon und nachdem dieser in der Hand der Vorsehung al» Zuchtruthe für die übermüthig gewordene Menschheit gedient, al» Napoleon» Macht zusammengebrochen und die alte Ordnung der Dinge wieder hergestellt war, athmete die Welt erleichtert auf.
Die Ideen der Revolution find freilich nicht erstorben, weder am Schaffot, noch in den großen Kriegen, noch in der 30jährigen Fttebenrepoche Europa»; sie wirken fort und sie find bi» zum heutigen Tage zu verspüren. Die Form hat sich wohl geändert, aber da» Wesen ist geblieben. Der Liberalismus hat da» Erbe der großen Revolution angetreten und er herrscht heute in einer ganzm Reihe von Staaten. Da» Königthum ist geschwächt, e» nennt sich wohl noch von Gotte» Gnaden, aber e» theilt seine Gewalt rntt den Parlamenten, ja es gibt Staaten, wo die Monarchen v7n Revolutton»- gnaden sind und sich nach dem Tictum der Loge richten müssen. Der Adel hat im Laufe des ver- flossenen Jahrhunderts vielfach feine eigentliche Stellung wie feine sozialen Pflichten vergessen, er ist stellenweise zu einem bloßen Schatten seiner einstigen Größe herabgesunken und dafür ist eine neue „Adels" klasse aufgetaucht, die der Kapitalisten, die goldene Internationale mit vielfach jüdischer Provenienz. Die katholische Kirche hat in den hundert Jahren viele und schwere Anfechtungen
erleben müssen, zweimal wurden Päpste in die Gefangenschaft geschleppt, das ewige Rom von fremden Truppen occuptrt und die siegreiche Revolutton erhob fich zu Akten der Feindseligkeiten. Auch heute ist Rom dem Papste geraubt, der heilige Vater ist nicht frei und die Gegner der Kirche verüben eine Feindseligkeit nach der anderen gegen die erhabene Institution des Papstthums. E» sind das alles die Nachwirkungen der revoluttonären Ideen, denn der Haß gegen das christliche Königthum, die katholische Kirche, bett Adel und die Produkttv- stände ist geblieben, wenn er sich auch nicht mehr in so croffett Formen äußert, wie s. Z. in der Aera des Sansculottismus, und es fehlt überdies nicht an Elementen, die heule sofort bereit wären, da fortzufahren, wo Marat, Robespierre und die übrigen blutdürstigen Männer der Guillotine aufgehört haben. An revoluttonären Geistern fehlt e« in Europa fo wenig, wie an Zündstoff und an Ursachen zu sozialen Gährungen. Die Welt sah im Jahre 1871 die Greuel der Kommune in Pari«, sie hatten in mancher Beziehung Aehnlich- kett mit den Schreckenrscenen von 1789 und 1792. Und wer weiß, Europa im letzten Decennium diese« Jahrhundert« an anarchistischen Greueln zu sehen bekommt I
Die Völker waren von den Revolutionsideen zuerst wie berauscht, aber schließlich kam ein Gefühl des Katzenjammers und de« Ekel« über die durch die Revolution geschaffenen chaotischen Zu- stände; sie sahen da« Unheil und suchten Rettung au« dem Chaos, sie krhrteri zurück zur GstteÄdee und flehten um die Barmherzigkeit de« Herrn. Frankreich ist nach den furchtbaren Schlägen der Revolutton wieder ftomm geworden, aber leider nicht nachhalttg. Seither sind wiederholt Revolutionen und Staatsstreiche gekommen, e» hat die Republck da» Königthum verdrängt, da» Kaffer- reich hat mit der Republik gewechselt und es scheint, daß wir noch nicht am Ende de» Kreislaufes angelangt find. Das Centenarium der großen Revolution trifft Frankreich im Zustande der sozialen Auflösung und de» Mederganges der Republik, e» haben ihre Ideen zum zweiten Male Fiasko gemacht und die Männer der Revolution können gewiß nicht sagen, daß sie das Volk zu beglücken vermochten. Es ist ein Wahnwitz, die Beglückung des Menschengeschlechtes au« dem allgemeinen Umstürze, der Zerstörung der sozialen Verhältnisse und öem Kampfe gegen die Kirche und da« gecffenbarte Christenthum herzuleiten. Revolutionen werden öfter« mit den reinigenden Gewittern verglichen, sie entstehen dort, wo die religiösen, staatlichen und sozialen Verhältnisse bereit« von der Fäuluiß angegriffen sind und sie find der Zusammenfluß aller dösen Säfte in einem Staatswesen; ihre reinigende Wirkung besteht in der Ausscheidung dieser Säfte und in der ad absurdum Führung der revolutionären Prinzipien. Die Auflehnung gegen Gott und seine Gesetze ge- reicht den Völkern aber niemals zum Heile, sondern ste müffen immer jeden derartigen Versuch mit schweren Katastrophen büßen. E» ist begreiflich, daß auch der Liberalismus, als der Sohn und Erbe der Revolution, kein Heil für die Völker bebeutet unb daß feine Herrschaft mit bem Verluste werthvoller ideeller Güter verbunden ist. Wir sehen ja in den Staaten Europa« sehr deutlich, wie herrlich wett sie e» mit dem Liberalismus gebracht haben: da« gegenseittge Mißtrauen der Staaten, der Mlttarismu«, die hohe Steuer- last, da« bedenkliche System de« Kapitalismus, die sozialen Gährungen find die Folgen und die Wirkungen de» Liberalismus, welcher fast alle Staaten Europa» mehr oder weniger durchseucht hat.
Die vielgepriesenen „Errungenschaften" der
großen Revolution liegen heute für Jedermann offenbar, der sehen will und fich nicht gewaltsam die Augen zuhält. Wer hat den größten Gewinn au» der Revolutton gezogen? Bltcken wir um uns und wir sehen, daß die Plutokratte heute im Besitze der Reichthümer der Erde ist und eine wichtige Rolle spielt. Mess Macht Übt in fast allen Staaten durch da» Kapital und durch die ihren Interessen dienende liberale Presse einen großen Einfluß auf die Geschicke der christlichen Völker au». Diese haben fich bethören lassen, haben sich gegen da« Königthum und die alte christliche Sozialordnung aufgelehnt und sie hab-n dafür eine harte Zinsknechtschaft eingetauscht. Sie glaubten die Freiheit zu erringen und wurden der Spielball verderblicher fremder Gewalten, von Abenteurern und von Geldmaklern. Europa hat in den hundert Jahren böse Enttäuschungen mit dem Liberalismus erlebt, dessen äußerlich glänzende Früchte sich al» eitles Rauschgold erwiesen; man sollte meinen, die Völker, aber auch die Fürsten und Staatsmänner wären durch diese Erfahrungen gewitzigt und für immerdar von allen liberalen Allüren geheilt. Ja wohl, die Völker beginnen auch mehr und mehr die Verderblichkeiten desselben einzusehen und sie wenden fich instinktiv von dem Liberalismus ab, aber in den sogenannten „oberen Zehntausend", in manchen Ministerien, ja selbst in Königrpalästen fitzt er leider noch fest und übt seine Macht aus. Wenn diese Kreise doch um ein Jahrhundert znrückdenken und in der Geschichte buttern würden! Ober wollen fie noch neue böse Erfahrungen machen, so.1 bet Liberalismus noch mehr Unheil anrichten und bie besten Volksgüter vernichten, bi» auch nach oben hin bie Erkenntniß reicht? Möchten Völker, aber auch ihre Fürsten unb Staatsmänner bie Zeichen ber Zeit verstehen unb au« ber Geschichte lernen, btt« Centenarium der Revolutton enthält in lapidaren Zügen die Geschickte unserer Zeit.
Deutsches Reich
Berlin, 17. April.
* Eine Zusendung au« Süddeutschland in der ,Köl. Ztg.' führt bittere Klage darüber, daß die deutsche Reichsregierung in Sachen der Kolonialpolitik ständig zurückweiche und das in einer für da» Nationalgefühl fast kränkenden Weife. Man dürfe bei Erwerbung und Erhaltung von Kolonien Streitigkeiten mit anberen Kolonialmächten nicht allzu vorfichtig au» bem Wege gehen, sonst bekomme man nicht» ober verliere was man habe. Die Ansicht, bie hier vertreten wirb, hat allerdings eine theilwttfe Berechtigung. Aber e» ist eben für bae beutfche Reich eine anbere Haltung, al» bie jetzige, in Kolonialsachen kaum möglich, ohne unsere europäische Machtstellung unter Umstänben in einer Weise zu de- brohen, gegen welche alle Kolonialinteressen ber Welt zurücktreten müssen. Dank ber Uneinigkeit ber religiösen Zerklüftung, den Bürger kriegen M.ro., mit benen man da» alte Reich systematisch geschwächt und zerstört hat, find wir nun einmal bei ber früheren Bertheilunz ber Erbe in bett vorigen Jahrhunderten zu spät gekommen und bei ber jetzigen Vertheilung müssen wir dringend nach Ost und West in Europa selbst ausschauen, um vor allem hier ben Frieden zu wahren. Hat d-och die ,Köl. Ztg.' vor nicht langer Zett selbst, wenn auch in üdertriebener Weise, von einem „Wettkriechen" gesprochen, da» Deutschland und Frankreich gemeinsam um Rußland» Gunst anffahren. Da» ist unangenehm unb nachtheilig, aber wer fich nicht burch schöne Bllber täuschen läßt, wirb die Haltung de» Fürsten Bismarck auch in ber Kolonialpoltttk begreiflich finben.