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j\g 82 Dienstag, den 9. April. 188-

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Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 60 Pfennig.

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Zur Urheberschaft der Sozial­politik in Deutschland. g In der neulichen Rede des Reichskanzlers im Reichstage bei Berathung der Jnvaliditätsgesetze« war besonders die Erklärung von Interesse, daß „er sich die ersteUrhsberschaft der gan­zen sozialen Politik vindiziren dürfe." Diese Aeußerung unterzieht nun die Berliner,Vos- fische Zeitung' einer näheren Beleuchtung, auf welche unsere katholische Presse nachdmcksam hin­zuweisen allen Grund hat. Dort wird zunächst festgestellt, daß sich schon in einer au» de» Sieb- zigerjrhren stammenden Denkschrift, welche der be­kannte Geheime Rath Hermann Wagener ansge- arbeitet und zur Begutachtung an dm Sozial- politiker Rodbertu« gesandt hatte, eine ganze Reihe von Schritten aufgezählt finden, zu deren Aus­führung fich Bismarck nach langem Widerstreben und Ecwägm mtfchloffen habe. Hermann Wage- ner und Rudolf Meyer wirktm bekanntlich schon vor zwei Jahrzehnten in Deutschland in gleicher Weise, wie in Oesterreich der damalige Handels­minister Schäffle für die Idee, da« staatssoziali­stische Banner hüben wie drübm zu entfalten, „um der Krone neue« Glanz zu geben." Be- kamt ist auch Herm Wagener'» Thätigkeit auf dem Katheder-Sozialistenkongreß in Eisenach 1872 und sein Zusammenwirken mit Lothar Bucher, mit dem er so viel und so lange in unmittel­barster Berührung mit dem Reichskanzler gestanden hat. Dieser selbst freilich stand damals der Idee dieser Sozialpolittk noch ebensowenig sympathisch gegenüber, wie dem System de« Schutzzölle«. Aber allmälig wurde der Bodm dazu vorbereitet. Jene in Rodbertu»' Nachlaß gefundene Denkschrift gibt dm interessanten Fingerzeig, nach welchem Grund­gedanken dabei vorgegangm wurde. „Wa« die Form de« Vorgehen« betrifft, so mußte dasselbe in einer Weise beginnen, welche, indem st« bett Eindruck eine» ersten und wohlüberlegten Ent- schluffe» der Regierung macht, zugleich da« Ver­trauen der arbeitenden Klaffen erweckte. Die be- abfichtigten Reformen und deren Grundtendenz müssen daher in einem Staat«akte au»drücklich verkündigt werden, z. B. in einer Thronrede. .... E» ist da« deshalb von Bedeutung, weil, sobald ein erstes Vorgehen beabstchttgt wird, es nur vonVortheil sein kann, wenn da« König- thum als Schöpfer und Führer der

Im

Novelle von I. Gr.

(8. Fortsetzung.)

„Grüß Gott, Otto!" rief er in gutgelauntem Tone. „Es freut mich, mein Junge, daß Du Dich einmal hier oben sehen läßt. Willkommen auf Schloß Thüren, mein Herr!" Und mit treu­herziger Biederkeit streckte er den Eingetretenen eine welke, von der Gicht zusammengezogene Hand hin. „Ja, mich hat die Gicht, mein alter Feind, ganz besiegt," sagte er melancholisch.

Otto begrüßte den alten Herm sehr herzlich, dann sagte er, sein Freund wünsche gern einmal die berühmte, alte Burg zu scheu.

„Eme herabgekommene Herrlichkeit, verfallen Und ruinenhaft wie ich selber bin," lächelte der Alte trübe. „Aber setzt Euch, Ihr Herren," un­terbrach er fich rasch in dem früheren, jovialen Tone, „und Irmgard, bring' uns die Pokale, krst wollen wir einen Trunk thun, dann kannst Du ihnen Alles zeigen."

Irmgard ging hinaus und erschien bald wieder mit seltsam geformten, alterthümlichen Trinkge- fißen. Al« sie dann mit ficheren, harmonischen

Reform erscheint . . . ." Im November 1881 erfolgte die kaiserliche Thronrede über die Sozialpolitik. Da« Tabaksmonopol, das damals bereits als Annexum der Sozialpolttik, auch in der Thonrede, verkündet wurde und an da» heute manche Freunde der Sozialpolitik in förderalistischen und Centrums-Kreisen nicht mehr als in Ausficht stehend zu denken scheinen, war auch in Wagener« Vorschlägen mthaltm und dazu noch — die Ver­staatlichung der Eismbahue«! — Die .Vosstsche Zeitung" weist nun noch des Ferneren darauf hin, wie in dem allgemein dem Geheimrath Hahn zugeschriebenm Buch „Bismarck nach dem Kriege" die Thätigkeit Wagmers und fein Einfluß auf sozialpolitischem Gebiete geschildert wurde. Vor­auszuschicken ist hiebei der intereffante Vermerk, daß Wagener schon vor dem großen Kriege Bis­marck dazu zu bestimmen versucht habe, Ket- teler zum Erzbischof von Köln zu machen, in der doppetten Abficht, einmal um den hervorragen­den Kirchenfürsten zum Fürst-Primas der katho­lischen Kirche Deutschland« zu erheben und eine Zusammenfassung der deutschen Katholiken zu größerer Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von Rom (!) zu ermöglichen — also etwa in der Weise, wie e« von Döllinger nach Bluntschli'« Denkwürdigkeiten geplant «ar! — dann aber auch, um mit Hilfe der auf sozialem Gebiete so hervorragenden Kirchenfürsten eine konservativ- soziale Reformpolitik zu inauguriren. Der Kultur­kampf brachte diese nächsten Pläne in dieser Form zum Scheiter«. J-tzt aber wurde die soziale Polittk dahin formulirt: „Der Kampf zwischen Deutschland und Rom muß auch auf da« Sozialgebiet übertragen werden; spielt man aufch«r einen Seite den Sozialpapst au«, so wird man finden, daß der Sozialkaiser wuchttger ist, denn sein Reich ist von dieser Welt; er kann den Arbettern zeit­gemäße Zugeständnisse machen und wird ihnen da­bei den Weg de» Hell« nicht verlegen, da er ja selbst ein gotttssürchtiger Herr ist." — Die „katho­lische Geistlichkett," wird weiter wörtlich gesagt, „nährt da« Volk mit sozialistischen Ideen, einfach deshalb, well dieselben in der Thal geeignet find, und allein geeignet, Einfluß auf die Masse zu gewinnen und dauernd zu üben. Stünden Kaiser und Papst freundlicher mit ein­ander, so hätte diese Agllation keine Gefahren. Es ist aber das Gegentheil der Fall und e« gilt,

Bewegungen den Gästen den feurigen Wein kre­denzte, da erinnerte fie in ihrer frischen, kräftigen Schönheit so recht an ein Burgfräulein vergangener Jahrhunderte.

„Was macht der Site, Otto? Der weiß wohl nicht« davon, daß D« un» heute einen Besuch ab­stattest," lachte der Baron; „sollte sonst wohl wettern und toben! Nun, laff' ihn, wir bleiben doch gute Freunde, was kannst Du zu dem Pro­zeß!" Und er stieß fröhlich mit Otto au.

Werner war an'« Bogenfenster getreten und blickte hinab auf die weiten, grünen Waldungen.

„Ja, das war Alles, Alles einst unser, so weit das Auge blickt-" sagte Herr von Thüngen leb­haft. „Mein Ahnherr, der mit dem Sachsenherzog Wtttekmb gegen Karl den Großen kämpfte, besaß schon diesen Boden al» freier Herr. Im Mittel- alter waren wir dann Schirmvözte der mächtigen gefürsteten Benediktiner-Abtei und mit vielen geist­lichen Besitzungen läng» be» Fluffe» belehnt. Ja, auch ba» Stromhau« gehörte zu unserem Befitze, ein Bruber meine» Vater« hat noch dort gewohnt unb ist auch darin gestorben, ein gewaltiger Nim­rod wie alle Thüren, sonst aber ein etwa» wun­derlicher Geselle. Es kam zuerst pfandweise an

durch einen staatlichen Sozialismus den Einfluß der katholischen Kirche auf die Arbeiter zu brechen. Geht der Sozia­lismus der Letzteren mit dem Marx'ichen Hand in Hand (??), so ist es Sache des Staates, fich der nationalen und monarchisch (?!) gebliebenen Lassalle'schen Richtung zu bemächttgen." — Das waren also die Motive und Zwecke de» Sozial­politikers Wagener und de« von ihm berathenen Staatsmannes. So gewinnt freilich das „prak­tische Christenthum", da» diese Sozialgesetzgebung al» Parole aurgegeben, ein etwa» andere» Aus­sehen und da» „soziale Königthum" eine eigen­artige Beleuchtung, und man versteht e» nun erst recht, warum auch au» Anlaß der letzten Vorlage, der berühmten „Krönung" be» sozialen Gebäube», von offizieller Seite so sehr ber Gedanke i« den Vordergrund gedrängt wurde, „e» solle dem Volke immer wieder ncche gelegt werden, wie e» die höchste Stelle im Reiche wäre, welche den Anstoß zum Eintreten in die Sozial­reform gegeben hat." Eine solche Sozialreform freilich, wie fie jetzt geplant wird, mit diesem mechanisch-bureaukratischen Apparat auf der Bast» de» nacktesten Staat»soziali«mu» Millionen von Existenzen einfach der Allmacht de» Staate« über­antwortend, die ist e», zu welcher der Reichskanz­ler die Jnittative gegeben hat unb die wir jetzt zu unserem Leidwesen auch von Kreisen accepttrt sehen, die früher auf durchaus anderem Bode« standen. Es wäre wahrlich am Platze gewesen, bei solcher Lage der Sache sich die ernste Angelegenheit noch­mals genauer zu besehen und eingehender zu prüfen, wie es in letzter Stunde noch Dr. Windt- horst unter dem rauschenden Beifall eines großen Theile», unter der innerlichen Zustimmung viel­leicht de« weitaus größten Theile» de» Reich»tages ebenso warm al« überzeugend angerathen hat.

Deutsche- Reich.

Berlin, 8. April.

* Wieder tritt ein Gründungrfieber auf, vor dem nicht dringend genug gewarnt werden kann. Man geht förmlich auf die Suche nach industriellen Anlagen behus« ihrer Umwandelung in Aktiengesellschaft en. Da« neue Aktien- gesetz hat die Wunder, die man von ihm er­wartete, nicht gethan. Nun fordern die, Offiziösen unter Umständen die Ausschließung neuer Aktie«

den Staat und dann wurde e« Eigenthum dcffel- ben, wie leider fast alle Besitzungen der einst so großen, reichen Herrschaft."

Ec hatte erregt gesprochen, nun leerte er mit gewaltigem Schluck seinen Pokal, nm ihn dann von feiner Tocher von Neuem füllen zu laffen.

„Ja, unserem alten Geschlecht, da» einst so viel selbstständige Macht besiffen hat, will man nun auch noch den letzten Rest davon entziehen," hob er nach einer Pause wieder an mit geröthetem Gesichte. „Aber wir laffen un» nichts mehr neh­men von dem, was noch unser ist. Bei meiner ritterlichen Ehr'," rief er mit blitzenden Augen, „den Klosterwald will ich verfechten dis zu meinem letzten Athemzuge trotz allen Rechtsverdrehern."

Der alte Herr war immer hitziger geworden unb hatte babei eifrig bem Weine zugesprochen.

Otto suchte ihn zu beruhigen. „Vielleicht nimmt ber Prozeß doch noch eine günstige Wendung für Sie, Herr Baron, wenn sich da» von Ihnen ver­mißte Dokument noch fände."

„Ja, wenn das sich fände! Unser Herrgott allein weiß, wo er üeckt; Wittekind und Irmgard haben schon alle Oct: vergeben« darnach durch­stöbert. Und ich weiß doch, daß e» früher da