81 Montag, den 8. April.
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269 Der Reichszuschuß
zur Alters- und Jnvaltditätsverstcherung ist am 5. b. vom Reichstage angenommen worden, und zwar nach dem Kommisfionsantrage mit einer von Frhrn. von Franckenstein beantragten Renderung, wonach die neben dem Reichszuschuffe zu leistenden Beiträge von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu gleichen DHeilen in jeder Kalenderwoche zu entrichten find. Alle übrigen Anträge werden abgelehnt; namentliche Abstimmung fand nur beim Antrag Rickert statt, welcher gleich dem Antrag Hitze auf die Streichung de« Reichszuschusse» hinausläust. Für den Reichszuschuß stimmten 164, dagegen 92 Stimmen. Bei dieser wichtigen Abstimmung haben demnach nahezu 140 Mitglieder durch Abwesenheit geglänzt, gewiß ein neuer Beweis dafür, daß ein großer Theil, ja höchst wahrscheinlich der größte Th eil de» Reichtage« die ganze Materie noch nicht für spruchreif hält. Interesselosigkeit für diese große Frage kann man bei den Erwählten de« Volke» doch wahrlich nicht vorau»setzen, e» gibt bethalb für die gewaltigen Lücken, die fich übrigen» ziemlich gleichmäßig aus alle Parteien erstrecken, nur eine Erklärung, nämlich die, daß sehr viele Retchstagsmitglieder mit stch selbst noch nicht einig geworden find über die gegenüber der Vorlage und ihren Einzelheitrn einzunehmende Haltung. Die Windthorst'fche Warnung vor einer Überstürzung de« eminent bedeutung«volleu Gesetzgebungswerke» hat übrigen» bi» tief in die national« liberalen und selbst in die konservativen Bolk«- kreise hinein gewirkt. In der Prefie mehren fich die Stimmen, welche für einen Aufschub der Endentscheidung eintreten. Ein große» nationalliberale« Blatt, welche« vor einigen Tagen noch die Windthorst'fche Warnung mit wohlfeilem Spott Übergoß, meint jetzt, „mit der wachsenden Srkevntniß von der Schwierigkeit der Materie steige der Widerstand gegen eine gar zu rasche Erledigung, so daß da« endgiltige Zustandekommen de« Gesetze« in dieser Session noch keinesweg» über jeden Zweifel erhaben sei." Die Frettagr-Mstimmung über den Reichrzuschuß scheint un« leider diese Annahme nicht zu bestätigen; vielmehr tritt immer mehr die Wahrscheinlichkeit hervor, daß die Vorlage nicht nur in der Kommisfion«fafiung vor den Osterferien glatt erledigt werden, sondern auch bald nach Ostern die drttte Lesung passtren und aledann durch die Zustimmung de« Bunde«-
In Stromtzaise.
Novelle von I. Gr.
(7?Fprssetzung.)
Bald darauf trat Otto herein und fragte, ob Werner ihn begleiten wolle zu einer einsamen Holzsällerhütte mitten.fax Walde; er habe eben gehört, daß dort die in der Gegend herrschende Ruhr au«gebrochen fei, und wenn seine ärztliche Hilfe auch nicht verlangt werde, so wolle er doch nicht unterlafien, bei den armen Leuten vorzu- sprechen.
Die beiden Freunde machten fich auf den Weg und gelangten nach halbstündigem Marsche auf eine Walddlöße, wo ein mtt einem braunen Stroh- dache bedeckte«, armselige« Häu«chen stand.
„Vielleicht komme ich gleich wieder, denn ich muß immer gewärtig sein, daß man mir die Thüre weist," sagte Otto, bitter lächelnd.
Werner fitzte fich auf einen gefällten Baumstamm und blickte ihm nach, bi« er in der bau- fälligen Hütte verschwand. „Er ist immer so sehr verdüstert," dachte er kopfschüttelnd. „Diese un- günstigen Verhältmfle scheinen ihn mit schwerem Drucke zu belasten."
rathe« Gesetzeskraft erlangen wird. Wir halten den Schritt, welchen Regierung und Reichstagsmehrheit zu thun im Begriffe find, für sehr bedenklich, und zwar wegen de» ausgesprochen staatt- sozialistischen, geradezu sozialdemokratischen Charakter«, den das Gesetz durch den weiten Krei» der in die Verficherung einbezogenen Personen, sowie durch die Gewährung de« Reich«zuschuffe« gewinnt. Wie die Abgg. Windthorst und Dr. Ortetet vom Centtum, sowie der Elsässer Winteret, so warnte auch der Centrum«»Abgeordnete Dr. Rintelen eindringlichst vor dem sozialdemokrattschen Charakter de« Gesetze«, welche» die Grundlagen de» Staate» erschüttere und ganz neue ungewohnte Normen in da» Staatrsystem einführe. E» kann ja nicht fehlen, daß nächsten« auch au» anderen Berufsständen Anforderungen an den Staat gestellt werden, ganz oder thetlweise au« Reich«- ober Staatsmitteln ihren Lebensunterhalt im Alter oder bei eintreten» der Invalidität sicher zu stellen, fie zu ganzen oder halben Etaattpenfionären zu machen. Wie sehr der Sparstnn in der Bevölkerung unter der Herrschaft eine» solchen neuen System» abnehmen muß, wird Jeder zu beurtheilen wiffen, der den ohnehin so leichten und sorglosen Sinn großer Volk«klc.ffen kennt, die sozusagen von der Hand in den Mund leben und jedem neuen Tage die Sorge für fich selbst überlaffen. Möchten unsere Befürchtungen stch al» übertrieben erweisen! E« muß übrigen» wiederholt betont werden, daß Diejenigen, für welche die Vorlage in der Kommisfion»faffung un« annehmbar ist, sich deshalb keinesweg» außerhalb de» Rahmen« der kaiserlichen Botschaft begebe«. Da« gilt namentlich für bU große Mehrheit bet Centrrrnttftaktion. Denn sowohl bie vorläufige Beschränkung bet Verficherung auf bie Fabrikarbeiter (Antrag Hitze-Hertling), welche bekanntlich mit 157 gegen 72 Stimmen abgelehnt würbe, al» auch bie Streichung be«Reich«zuschuffe» steht nicht im Müdesten im Widerspruch zur kaiserlichen Botschaft. Wa» den ersten Punkt anbelangt, so be« haupten wir sogar, daß der Autor der kaiserlichen Botschaft ursprünglich nur an die Alter»- und Jnvalidenverstcherung der Fabrikarbeiter gedacht hat.
Deutsche- Reich.
Berlin, 6. April.
* Dr. Windthorst erläßt in der ,Westfäl. Volkszeitung' folgende Erklärung:
Al» fich die niedere Hau«thür endlich wieder öffnete, trat Otto nicht allein heran»; vor ihm her schritt die stattlich hohe Mädchengestalt, die Werner berett« in der Kirche von Frauenhagen aufgefallen war. Sie richtete den Blick fest auf den Wartenden, al« fie, mtt dem jungen Arzte lebhaft sprechend, näher kam.
Otto, deffen Züge einen Anflug von Erregtheit zeigten, stellte den Freund vor.
„E« war wieder die alte Geschichte von kaum verhehlter Abneigung gegen mich," sagte er. „Die Leute sehen nun einmal nur den Sohn ihre» erklärten Feinde« in mir, und da trauen fie mir natürlich keine guten Abfichten zu. Daß man mich dort in der Hütte überhaupt angehört, verdanke ich nur Fräulein von Thüren, die mir so oft schon eine gütige Fürsprecherin war," schloß er mit einem warmen Blicke auf diese.
„Man erwirbt nicht leicht da« Vertrauen unsere« Volke«," versetzte die Dame mit einer tiefen, klangvollen Stimme. „Und wenn auch nicht jene« Vorurtheil gegen Sie wäre, e» würde Ihnen doch schwer halten, denn da« Volk will von Frem- ben keine Wohlthaten aufgezwungen Haden."
„Bon Fremden?" wiederholte Otto. „Bin ich
Der Leitartikel in Nr. 74 der »Wests. Volksztg.' mit der Ueberschrift „Merlei Schmerzen" beschäftigt sich mit den Verhältnissen der Centrums - Fraktion und gibt von derselben eine Darstellung, die in keiner Wesse zutreffend ist. Die EentrumS-Fraktion steht lediglich auf ihrem allgemein bekannten Programm, auf welches allein fie gewählt ist. Dieses Programm erhält fie in voller Unabhängigkeit und Selbstständigkeit; fie ist weder eine Opposition!?- noch eine Regierungspartei. Ihre Einigkeit beruht in der gemeinsamen christlich-konservativen Auffassung aller politischen Verhältnisse. Es ist durchaus fehlsam, die Leitung der Fraktion irgend einem einzelnen Mitglied« zuzuschreiben; alle Mitglieder haben eine volle Gleichberechtigung. Jeder, der es mit der Fraktion gut meint, muß sorgfältig jedes Wort vermeiden, welches Mißtrauen gegen Theile der Fraktion oder gar gegen einzelne Persönlichkeiten Hervorrufen könnte. Berlin, den 3. April 1888.
Die Zufchrift bezieht fich auf einen Artikel genannten Blatte«, worin bie bekannten Spekulationen bet Gegner auf „bevorstehende Spaltung" de« Gentrum« in gut gemeinter, aber etwa« ungeschickter Weise besprochen wurden.
* Wie bereit« gemeldet, hat der Minister v. Maybach die Krittk be« Staatssekretär» be» Reichs-Postamte», v. Stephan, welche ber Letztere jüngst im Herrenhause an ber Eisenbahn- Verwaltung Übte, zum Gegenstand einer Beschwerbe beim Kaiser gemacht. E» war in ber That, schreibt man ber ,Köl. Vztg.' au» Berlin, ein ganz ungewöhnlicher Vorgang, daß ein Staatssekretär im Reich seine Eigenschaft al» Herren- Haut-Mitglied benutzte, um einem „Kollegen" unb dazu noch einem im Rang höher stehenden preußischen Mnister verschiedene Vorschriften Über seine Verwaltung zu machen; denn Hr. v. Stephan ist der Untergebene de» Reichskanzler», während Hr. v. Maybach der Minister-Kollege be« Fürsten BisnuSck ist. Alsbalb nach jenem Vorgang entstauben allerlei Gerüchte, welche von einer Erschütterung ber Stellung be« Eisenbahnminister« sprachen, ba man stch nicht benlen konnte, daß Hr. v. Stephan sonst einen so auffallenden Angriff gemacht haben würde. E« wurde u. a. erzählt, baß ber Kaiser bei feinen wiederholten Eisenbahnfahrten in letzter Zett Erfahrungen gemacht habe, welche ihm ben Beweis geliefert hätten, baß in bent Betriebe ber dem Hm. v. Maybach unterteilten Verwaltung nicht alle« klappe. Von diesen Vorkommnissen habe auch Hr. v. Stephan gehört unb nunmehr ben Hebel ansetzen wollen, um seinen alten Lieblingsplan roieber ein Mal in Erinnerung zu bringen, nämlich bie Post- unb Eisenbahn-Verwaltung in einer Hand zu vernicht hier geboren unb ist meine Familie nicht schon fett breißig Jahren im Stromhau« ? Nein," fuhr er mit melancholischem Kopffchütteln fort, „es ist nur, weil ich ber Sohn be« Forstmeister« bin, benn Sie selbst, Fräulein Jrmgarb, werbe« boch mtt Ihren Wohlthaten nicht adgewieftn; Sie treten ungerufen in jede Hütte ein, unb überall begrüßt Sie ein freubige« Wort be» Willkommen«, unb ein herzliche« Wort be» Danke» gibt Ihnen ba« Geleite."
Da« Fräulein war stehen geblieben. „Da» ist etwa» anbere«: ich bin ein Kind desselben Stamme». Richt fett dreißig Jahren find wir hier anfäsfig, ber Boden, auf dem wir leben, gehört meiner Familie feit vielen, vielen Jahrhunderten, unb alle, bie bamit zusammen hängen, find mtt uralten Banden an un« geknüpft. Da liegt nicht« an Geburt unb Standes unterschieb, benn mich erkennt ba« Volk al« von seiner Art."
Sie hatte ernsthaft gesprochen, unb von bem kräftigen Gesichte leuchtete ein stolze« Gefühl, ba« ben charakteristischen Reiz desselben noch erhöhte. Run aber blickten ihre großen, blauen Augen gutherzig ben niedergeschlagene« Arzt an, unb freundlich, wie wenn fie chn trösten wollte, fuhr fie fort: