JM 80. Samstag, den 6. April. 1889
Altar Ä Jtilii«.
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Zweites Blatt
mitzukommen. Nun wandelte W.-ui-r m-r seiner Begleiterin allein zwischen dem grauen, v.rfallenen Mauerwerk, um da» uralte Ltndenbäume ihre Mächtige», grünen Aeste spannten. Er war da
I still und menscheneinsam, von der vor der Kirche versammelten Menge drang kein Laut herüber; wie im Traume vernahm man bloß da» heimliche Rauschen de» Flusse» und da» Summen der um die Linden schwärmenden Bienen.
Ruinen nur erinnerten an die einstigen stolzen Hallen und an da» reiche Leben, da» darin geblüht, aber e» war doch, al» ob der Segen de» Gebete» noch an der geweihten Stätte hafte. „Man fühlt stch hier dem Himmel näher al» der Welt/ sagte Adele leise.
Dann machte sie ihn aufmerksam auf die überaus kunstvollen Fensterbogen de» verfallenen Kreuzganges, über den die Linden ein dichtes Schattendach wölbten. Sie erregten Werner's kunsthistorische» Interesse, aber immer wieder glitten seine Blicke davon herab auf die schlanke Frauengestalt, die da im grünen Dämmerlichte vor ihm herschwebte und den Saum rhrc» dunklen Kleide» über die Steii.ssiesen rauschen ließ. E» war ihm dabei, al« wäre ste selbst eine jener frommen Jungfrauen, die hier ihr Leben still aufgeopftrt und mit einer Art Ehrfurcht hingen seine Augen an ihr, denn er war ganz befangen von dieser Vorstellung. Aber al» ste nun wieder heraustraten in da» Helle Sonnenlicht de» Qaadrum», und die
I nicht gleich in die Hunderte geht, so sollten doch alle Sachverständigen den Zusammenstoß al« eine ernste Mahnunq betrachten, daß Mittel gegen die Nebelgefahr mit allen Kräften angestrebt werden müssen. Wie die Dinge jetzt liegen, ist da» Leben der Insassen eine» Schiffe» während de» Nebel« I auf ein Glücksspiel gestellt. Es geht dort ungefähr so zu, als wenn man auf einer Straße Leute in Filzschuhen mit verbundenen Augen laufen lassen wollte. Wenn die Schiffe ihre Nähe merken, ist es zum Ausweichen schon zu spät. Ist I es denn wirklich nicht möglich, daß ste auf etwas weitere Entfernung durch den Nebel und den | Wogenlärm sich bemerklich machen? Sind ge- nügende Proben gemacht mit starkem elektrischen I Lichte, welches eventuell feine Strahlen mit Unter- I brechungen werfen könnte, oder mit auSgefchleu- derten Leuchtkugeln? Sind alle sonstigen Hilf«.
I mittel der Elektricität, welche in empfindlichen Apparaten schon sehr schwache Ströme auffängt, hinreichend durchforscht worden? Die privaten Erfinder legen sich auf lukrative Luxus-Entdeckun- gen und scheinen die kostspieligen und schwierigen Experimente zur Schiffsstcherung zu vernachlässigen. Sollten die Marinen und die großen Sch'ffrgesell- schäften nicht etwa« mehr Geld für solche Versuche auswerfen ‘fönntn ?
Gewöhnlich dringt bei dem Zusammenstoß die Spitze des einen Schiffes in die Seitenwand de» andern, reißt dort ein riesiges Loch, welches dem Wasser den Eintritt gestattet und das Schiff, auch wenn es in wasserdichten Abheilungen gebaut ist, zum Kentern bringt. Wird der Maschinenraum getroffen, wie e» bei der „Romtiffe de Flandre" der Fall war, so kann leicht eine Explosion das Unglück auf den Gipfel bringen. Die Kriegsschiffe müssen vielleicht eine scharfe Spitze haben, um den seit der Seeschlacht von Lissa hochgekommenen Rammstoß ausführen zu können. Aber die Poflund Kauffahrteischiffe könnten doch vielleicht eine Form des Buges erhalten, welche den Stoß weniger gefährlich macht. Da» versteht nur ein Schiff-techniker zu beurtheilen. Ab.r o.-i Lite darf sich doch wohl die Frage erlauben, ob die Lch'fft- fptzs gerade so gestaltet sein muß, naß sie dem
Schiffsunglücke.
Bon den fernen Samoa-Inseln und au« dem nahen Aermel-Kanal kommen zu gleicher Zeit Nachrichten von schweren Unglückrfällm zur See. Bei Apia hat ein Orkan, im Kanal ein Nebel da« Unheil angerichtet. Der Sturm warf die Schiffe auf die Korallenriffe oder den Strand, der Nebel ließ zwei Pvstdampfer auf einander laufen.
Sturm und Nebel sind die schlimmsten Feinde der Schifffahrt. Daß der Mensch und sein Werk der Riesenmackt eine« Sturme« erliegt, erscheint nicht so auffällig, wie die Ohnmacht der mensch- lichen Klugheit und Kunst gegenüber dem so barm- los ausschauenden Nebelschleier. Da« Opfer, welche« soeben der Nebel im Kanal gefordert hat, erregt geringere« Aufsehen al« c« verdient, weil gleichzeitig die schwerere Katastrophe au« Samoa gemeldet wirb und weil man noch den furchtbaren V.rlust an Menschenleben beim Untergang der „Cimbria" im Gedächtniß hat. Die „Cim- I bria", ein Hamburger Auswandererschiff, wurde bekanntlich am 19. Januar 1883 während eine« Nsbel« in der Nordsee von dem englischen Schiffe „Sultan" angerannt und sank mit 439 Personen in da» Meer. Damals entstand eine lebhafte Er- örterung über die Sicherheitsmaßregeln bei Nebel °uf der See; es wurde auf die Unzulänglichkeit der Warnungssignale durch die Dampfpfeife, die Nebelhörner hingewiesen, die Wirksamkeit von starken Lichte ffekten, insbesondere von elektrischem Licht, angepriesen und in Zweifel gezogen. Die Diskussion in der O ff ntlichk.it schlief bald ein, es blieb im Wesentlichen bei dm bisherigen G.hörfignalen und bei den gewöhnlichen Schiffrlichrern uns — I wie das Unglück im Kanal roieoer zeigt — auch I bei den hergebrachten Zusammenstößen.
Wenn man auf der kurzen Ueberfahrt von Bel- gien nach England nicht mal seiner Leben» sicher ist, nxr darf sich bann noch einem Seeschiffe anvertrauen, ohne ein sein Testament gemacht zu I haben! Wenn auch die Zabl der Todtcn diesmal
I» Stroahifr.
Novelle von I. Gr.
(6. Fortsetzung.)
Nun tauchten auch die Kirchlhürme von Frauenhagen auf, einer einst berühmten Benediktinernon- nen-Abtei, die schon längst säkularifirt war. Nur Trümmer waren noch übrig von dm ehemals so stattlichen Gebäuden, die sich dicht am Flusse hin- gezogen hätten; das alte Gotteshaus aber war durch öftere Restaurationen erhalten worden und diente den umliegenden Walddörfern al« gemeinsame Pfarrkirche.
Die Boote legten an und man stieg au«. Die Kirchgänger strömten herbei, ste versammelten sich bi« zum Beginne de« Hochawte« im kühlen Lm- denschattm, in ihrer kleidsamen Landestracht malerische Gruppen bildend.
„Es währt noch eine halbe Stunde," sagte der Forstmeister, auf seine Uhr sehend, und er schlug Marien vor, m.t ihm der kranken Schwester de« Pfarrers eist einen Besuch abzustatten. „Otto I und Adele können unterdess n Herrn Doktor Werner die interessanten Bautrummer zeigen, die noch «nen Mächtigen romanische Stil erkennen lassen," sügte er bei.
Werner war mit dem Geschwisterpaare um die Kirche herumgeschritten, da kam em Mann au« etnem nahen Dorfe und bat den jungen Arzt schleunigst zu seinem bedenklich erkrankten Kinde * 1
goldenen Lichttöne ihre graziöse Gestalt und den feingeformle» Kopf mit den blonden Flechten warm überhauchten, da athmete er doch tief und wie befreit auf. Die Nonnen lagen hier unter ben eingesunkenen Leichensteinen, über die gleichfalls der lachende Sonnenschein sich ergoß, Adele aber gehörte dem Leben an, und sie war durch kein Gelübde an diese träumerische Einsamkeit gebunden. Und er empfand eine eigene Freude bei diesem Bewußtsein, er wußte selbst nicht recht, warum, da er doch sonst mit bewundernder Ehrfurcht auf solche erhabenen, weltverachtenden Seelen blickte.
„Hier liegt die berühmteste Aebtissin de« Kloster» Frauenhagen, Irmgard von Thüren," sagte Adele, mit der schmalen Hand ein uralte« Epitaphium berührend. „Eine Frau von hohem Geiste und ungewöhnlicher Tharkraft, die von ihren Zsitge- noflm auch al» eine große Heilkundige gefeiert wurde und, wie die Klosterchronik sagt, Schmerz und Krankheit mit linder Hand zu heilen wußte."
„Thüren?" wiederholte Werne,; „war da» nicht auch der Name, den Ihr Herr Baler mit so großer Erbitterung aurspcach, der Name jener Schloßbewohner?"
„Ja, der B ter hat einen furchtbaren Groll," seufzte Adele und ein Schatten fuhr über ihr Ant- Utz- „Em unglücklicher Prozeß, den der Staat eine« Walde» wegen mit der Familie führt, ist )ie Ursache und har alle Freundschaft, dis uns früher veiknüpfte, gewaltsam zerrissen."
begegnenden Schiffe ohne Weiteres in die geräth. Läßt sich der Stoß nicht auf r tere Fläche vertheilen? Ist nicht ein Vorbau möglich, der beim Zusammenstoß abbrechen und dadurch die Wucht de» Stoßes schwächen könnt«? Oder ein hoher Schiffsschnabel mit einer glatten, schiefen Ebene, so daß beim Zusammenstoß die Spitze des einen Schiffs» über den Bord dc« andern stch schieben und die j tzl wagerecht wir« kendvStoßkraft zum größten Tbeile eine senkrechte Richtung erhalten würde? E» wäre freilich die Frage, wieweit dabei die Gefahr de» Kentern« für größere, de» Ueberfahrenwerden« für kleinere Fahrzeuge einträte; aber man sollte denken, daß etwa» Schlimmere«, al» der j.tzige Rammstoß, schw.'klich erfunden werden könnte. Kurz: e» muß unbedingt mehr Fleiß und Eifer zur Ueberroin- dung der Nebelgefahr aufgewendet werden, denn im Grunde ist e« eine Schande für da» neunzehnte Jahihundert, daß wir da« Bischen Nebelschleier noch nicht auf einige hundert Meter zu durchdringen verstehen.
Allerdings können auch Schiffszusammenstöße bei ganz klarem Wetter vorkommen, wie der Unter» gang des „Großen Kurfürsten" uns so grausam gezeigt hat. In Fo.ge eines unvorsichtigen Grif- fes im St.uerrade rennt der „Prinz Wilhelm" dem „Großen Kurfürsten" in die Breitseite, obschon beide Schffe sich ganz genau sehen konnten und keinerlei äußerliche Schwierigkeiten, al» bloß ein ganz einfaches Ausweich-Manöver, ihre Fahrt belasteten. Gegen einen derartigen Unfall wird ich weiter keine Vorbeugung tri ff en lassen, al« durch die möglichst gute Schulung der Steuerleiter auf den schwer beweglichen Riefenschiffen. —
Die Stürme, insbesondere die Orkane in den Tropen, haben unserer jungen Marine schon schwere 2pser abgesordert. Da» Settenstück zu dem schreck- lichen Untergange de» „Großen Kurfürsten" mit 267 Mann bildet da« spurlose Verschwinden der Korvette „Augusts" mit 233 Mann, welcher aller Wahescheinltchkeit na 6 einem Wirbelsturm int Golf von Aden zu Anfang Juni 1885 zum Opfer gefallen ist. Im Jabre 1860 ging der Kriegr- ichooner „Fcauenwo" bei Jüprn in einem Taifum
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