Samstag, den 6. April.
1889
jnferate: Die einspaltige Zeile oder deren Raüm "15 &■, M
Erstes Blatt
• Sprengversuche im Centrum.
Die liberale Pnsse ist ganz stcher im Jcrlhum, wenn ste heute von Differenzen und Spaltungen im Centrum spricht, die kath. Wähler Haden nach wie vor das feste Vertrauen zu ihren Abgeordneten, daß ste unentwegt am Prinzips festhalten und daß ste in allen Parteifragen eine geschloffene Phalanx bilden, und ste werden in diesem Ver» trauen auch durch die eine Abstimmung über die Altersversorgung nicht erschüttert. Trotzdem können wir nicht umhin, einige R-fl-xionen an dieselbe zu knüpfen, weil wir nicht leugnen wollen, daß die Theilung des Centrums bei einer derartigen Vor« läge doch In manchen Kreisen Befremden erregt hat. Der gegenwärtige Fall bietet uns keinen Anlaß zu Beiorgniflen, aber öfters dürfte ein der- artiges Schauspiel nicht geboten werden ohne üble Nachwirkung für die Zukunft. Die bayerischen Katholiken, schreibt das ,Fränk. Vdl.', haben mit der Politik der Opportunität und der Nachgiebig, keit gegen Wünsche der Regierung sehr ü le Er- fahmngen gemacht, ste haben insbesondere gesehen, daß diese Politik der „raufen Mäßigung" einen sehr nachtheiligen Einfluß auf die kath. Bewegung ausübte und letztere dadurch in Gefahr gerieth, zu versumpfen. Sie können daher unmöglich wünschen, baß diese Politrk auch Einkehr im Berliner Centrum halte und daß auch dort Be
strebungen maßgebend werden, die unfehlbar in chren Konsiq nenzen zur Lahmlegung der kathol. Partei führen müffen. Wenn die liberalen Blätter Recht behielten und eine gouvernementale Strömung wirklich im Centrum Oberwaffer bekäme, so wäre dies eine schwere Schädigung für die Sache und würde.mit der Zett die bisher ungebeugte Ärafi: be« Centrums in ihren Grundfesten erschüttern. Nichts ist gefährlicher für eine Partei, als wenn ihre oder einzelner tonangebender Führer Unab- hängigksit gefährdet ist und wenn von hochstehen, der Seite, wie e« jetzt der Fall zu fein scheint, Versuche gemacht werden, durch Auszeichnungen Einzelner einen Keil in die Partei zu treiben. Hler heißt es offen sprechen, nachdem solche Versuche bestehen und die Unabhängigkeit in Frage gestellt wird, die CentrumSpreffe hat jetzt die Pflicht und Aufgabe, ihre Stimme zu erheben, um mit aller Energie diesen Versuchen entgegenzutreten und gouvernementale Regungen in der Partei ganz entschieden zu bekämpfen.
der Hofgunst, ihnen unterliegen. Bereits haben stch in diesem Sinne verschiedene maßgebende Centrumsorgane ausgesprochen und jene Herren, welche vielleicht noch schwanken, ob sie bei der alten Fahne aurhalten oder in den großen Schafpferch des Kartell« stch hineinlocken lassen sollen, mögen sich wohl vor Augen halten, daß sie die überwiegende Mehrzahl der Wähler hiebei nicht an ihrer Seite haben. Diese würden im Gegentheile bei den kommenden Wahlen sehr deutlich zu erkennen geben, daß sie keine gouvernementale Kandidaten wünschen und der Mandatsverlust wäre die selbstverständliche Folge jedes derartigen Vorgehens. Allein noch ist e« nicht so weit gekommen, noch kann man ernstlich von einer Krise oder auch nur von Differenzen nicht sprechen, im Gegentheile wir hegen nach wie vor das feste Vertrauen, daß das Centrum in allen Prinzipienfragen einig und geschloffen dasteht wie bisher und daß Männer mit einer so entschieden kath. Vergangenheit wie Excrllenz v. Frankenstein und Baron v. Huene nicht wegen eines Ordens oder eines Händedruckes von hoher Seite ihre Gesinnungen ändern und die Phalarx des Centrums lockern. Wir sehen ja mit welchem Jubel die liberale Presse jedes auch noch so entfernte Anzeichen von Differenzen im Centrum begrüßt und dieser Jubel enthält für uns die dringende Mahnung zur Einigkeit und zum Festhalten an dem enschiedenen Programme der Centrums: Für Wahrheit. Freiheit und Recht.
Seit Jahren bildet es eine ständige Aufgabe in der liberalen Presse, von Spaltungen und Zerbröckelung des Centrum« zu sprechen und den baldigen Zerfall dieser bestgehaßten Partei in Sicht zu stellen, aber diese Unkenrufe aus gegnerischem Lager waren stets ebenso vergeblich, wie sich ihre Prophezeiungen als trügerische erwiesen. Das Centrum ist allen gegenseitigen Gerüchten zum Trotze der feste Tyurm geblieben und es ergab stch in prinzipiellen Fragen niemals eine Differenz. Mochten die Feinde auch noch so einstürmen, mochte die Regierung es auch abwechselnd mit Zuckecbrod oder Peitsche versuchen, das Centrum herumzu- bekommen, mochten die verschiedensten Versucher an dasselbe herantreten, die Vertreter de« kath. Volkes im Parlamente blieben fest und ließen sich durch nichts von der energischen und ionftquenten Verfolgung ihres Programms abbringen. Man sollte nun glauben, daß die liberale Presse end- lich doch zur Einsicht gelangt wäre, daß es mit der Zerdrück-lung des Centrums nichts sei, allein in allerjüngster Zeit wurde diese« Thema neuer- lich aufs Tapet gebracht und zwar mit einer Bestimmtheit sondergleichen, al« ob es sich um ein Faktum handeln würde. Die Auszeichnung, welche dem Adg. v. Huene vom Kaiser in so auffälliger Weise zu Theii wurde, in Verbindung mit der gesellter. Abstimmung des Centrums über den S 1 des Altersversicherungsgesetzes im Reichstage, bot der gegnerischen Presse Anlaß zu weitgehenden Kombinationen und erblickte darin, daß ein Bruch- theil des Centrums unter Führung Franckensteins und Hu.nes gegen das Gros der Partei und für die Regierungrfaflung bet diesem Paragraphen stimmte, bereits den Keim einer Spaltung, ja man ging sogar so weit, die Bildung einer gouverne» mentalen Gruppe im Centrum zu avificen. Es handelt sich hier aber zunächst nur um liberale Phantasien, denn das Altersversorgungsgesetz ist ja em neutrales Gebiet, bei dem jedes Centrums- Mitglied nach seiner freien Ueberzeugung stimmen konnte, ts handelte sich hier um keine Parteifrage und demzufolge kann mau auch aus dieser Abstimmung auf keine prinzipiellen Differenzen schließen.
Deutsches Reich.
Berlin, 5. April.
* Der Kaiser stattete heute der Kaiserin Friedrich einen Besuch ab. — Bezüglich der Vermächtnisse, welche der Kaiserin Friedrich letztwilltg durch die Herzogin von Galltera zuge- raendet worden sind, erfährt die ,Rat.-Ztg.', daß da« Legat von 6 Millionen Frank«, welche« sich nach Abzug von Steuern und Lasten auf ungefähr ünf ein halb Millionen stellt, bereit« an die Ban- kierS der Kaiserin Friedrich in London und Frankfurt ausbezahlt ist. Die der Kaiserin Friedrich weiter vermachten Schmuckgegenstände, die außer- ordentlich zahlreich sind — e« b-finden sich u. A. nicht weniger al« 80 große Perlenschnüre darunter — werden auf ungefähr 8 Millionen Franken geschätzt und sind gleichfalls den Bevollmächtigten der Kaiserin Friedrich bereit« überwiesen.
* Der Minister für öffentliche Arbeiten von Maybach hat, wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, anläßlich der vom Staatssekretär Dr. v. Stephan im Herrenhause an der Eisenbahnver- waltun i geübten Kritik Vorttag beim Kaiser erstattet.
* Der Bundesrath hat gestern die Novelle zum Straf- und Preßgefitz noch nicht berathen. Von einigen Regierungen sind Abändernngs. An- ttäze eingegangen, wozu die übrigen Bevollmächtigten zum Bundesrath sich erst Instruktionen einholen müffen.
* Das Abgeordnetenhaus überwies den Gesetzentwurf, betr.ffenb die Unterhaltung der nicht sch'ff-iaren Flüsse in der Provinz Schlesien an eine Kommission zur Vorberathnng. Aba. v. H-yde- brand u. d. Lasa äußerte B.denken hinsichtlich einer Ueberlastung der Kreise, ebenso Abg. Rttter, der bte technische Oberleitung einer zu schaffenden Provmzialbehöroe Übertragen wiffen wollte. Mini- ster Dr. v. Lucius sagte in besonderen Fällen Bei- bttfen seitens der Regierung zu, lehnte aber die Aufnahme bindender V.rpflchlungen in da« Gesetz ab. Ada. Dr. Eberty (freif.) erklärte Slaatshilfe für unabweisbar. Frhr. v. Huene sprach für die Vorlage, Dr. Sattler im Sinne Rtter's für eine
Das Centrum ist keine Hof- und keine Regierungspartei, es ist hervorgegangen aus dem katho- tlschen Volke als Opposition gegen Unrecht und B-drückung. Es hat Jahre lang gekämpft und gestritten für da« Recht der Kirche, es hat durch ferne Ausdauer, feine geschickte Führung unter ungünstigen Verhältnissen große Erfolge errungen und ist inmitten aller Anfeindungen und Verfolg- ungen zur ausschlaggebenden Partei im Palammte empoigewachsen. Die Stärke de« Centrums liegt 'N dem treuen Festhalten feiner Wähler am kath. Programme und in dem Vertrauen derselben zu ihren Führern, wie oft wurde nicht der Versuch gemacht, das Centrum zu zermalmen und es hinwegzufegen, aber alle diese Versuche scheiterten an der Ueberzeugungstreue und Gesinnungstüchtigkeit der kath. Wähler. Das Centrum ging aus jeder Wahlkampagne siegreich hervor und während im Septennatsiummel alle ander, n oppositionellen Parteien stark reduzirt wurden, behauptete sich allein das Centrum in seiner vollen Stärke und zeigte bannt aufs N-ue sich als ein unerschütterlicher Thurm, ben selbst ein Fürst Bismarck nicht zu erschüttern vermag. Ader das Centrum ist nur so lange stark, als es nicht seine enge Verbindung mit den Wählern löst und seinem Programme treu bleibt, denn bte Wurzeln seiner Kraft liegen nicht in den Regierungsregionen, sondern einzig und allein im kath. Volke. „Gott und da« kaih. Volk", das war die Devise, unter der der selige Mallir crodt, dieser gottbegeisterte Streiter für die Rechte der Kirche, wie ein zweiter Gottfried von Bouillon das kath. Volk sammelte und jene großen moralischen Triumphe erföchte, die dem Centrum den Ruf der Unüberwindlichkeit brachten. So wenig e« damals dem vereinigten Liberalismus und der Regierung gelang, bas Zentrum zu Falle zu bringen, so wenig würde es möglich fein, em Centrum ohne kath. Volk einzig getragen von der Gunst der Regierung zu schaffen. Wenn die Männer des Centrums jemals die Traditionen oergtffen könnten, durch welche es gewachsen ist bann wäre es zu Ende mit all' der Kraft und bas Centrum würde dahinsiechen, weil ferne natürlichen Existenzbedingungen fehlen und weil nichts verd-rblicher ist, als der Regier» ungSgunst nachzujagen, um dafür bas Vertrauen der Wähler einzubüßen.
Wrr fühlen un« gedrungen, die« zu sagen, weil eben gouvernementale Versuchungen an bas Centrum j-tzt heranzutreten scheinen und weil immerhin die Möglichkeit gegeben ist, daß einzelne Mitglieder der Partei, geblendet vom Glanze