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Freitag, bett 5. April
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$ Boulanger s Flucht nach Brüssel.
Boulanger hat sich nach Brüssel geflüchtet, das ist die Sensationsnachricht de» Tages. Es war vielleicht das Klügste, was der General thun konnte, die schützenden Grevzpsähle des Nachbarlandes aufzusuchen. Bet den Entschlüssen Bon- langer'« hat der Lebeviann voll das Wort neben dem Staatsmanne, dem Politiker. Jedermann wird dem General beistimmen, daß die eleganten Boulevards, die luxuriösen Hotels von Brüssel, ein angenehmerer Aufenthaltsort find, als die ungastlichen, schlicht möblirten Räume einer Zelle in Mazas, dem Staatrgefängnisse, mit der Aussicht, später eine Reise nach Reu-Caledonien auf Staatskosten als unfreiwilliger Passagier unternehmen zu dürfen. Daß ihm aber die Regierung diefe Wohnstätte zugedacht habe, darüber bestand für ihn kein Zweifel mehr. Die Absetzung Bouchez', des Generalstaatsanwalte», bewies, daß die Regierung vor nichts zurückschrecke. Der General und seine Freunde wußten ferner, daß Bouchez' Nachfolger, Quesnay de Beaurepaire, ihr Todfeind sei. Das war kein gefügiger, feister Wohldiener, der sich ämternlüstern der Regierung zu Diensten gestellt.
Beaurepaire ist ein Mann, durchglüht.von der Begeisterung für die Sache der Republik, die er in seinem Innern als die de« Rechte« erkannt zu habm glaubt, zu der er sich schon unter dem Kaiserreiche bekannte, ohne Rücksicht darauf, *■ daß er hiedurch seine Karriere gefährdete. Zu dieser Begeisterung gesellt sich eine außergewöhnliche Begabung al« Jurist und Redner. Der Prozeß gegen Louise Michel wegen der Aufreizung zur Plünderung der Bäckerladen durch die beschäftigungslosen Arbeiter, sowie der Prozeß gegen den geheimnißvollen Mörder Campi gaben hievon glänzende Beweise. Merkwürdigerweise stand in beiden Fällen dem Staatsanwalt Beaurepaire als Vertherdtger der Advokat Laguerre gegenüber, der erste Flügeladjatant Boulanger'«. Schon damals, besonder« bei dem Prozesse Campi, wurde der Kampf zwischen den beiden Männern ein sehr heftiger und streifte fast die Grenzen persönlichen Charakter«. Ahnten die beiden, daß sie sich einst noch auf einem viel bedeutenderen
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Novelle von I. Gr.
(S. Fortsetzung.)
Werner« Stirn, auf der seit einer Welle ein leichter Schallen geschwebt, glättete sich, al« er in die klaren, blauen Mädchenaugen blickte, die so »erständnißinntg zu ihm aufgeschlagen waren. Er verneigte sich dankend und sagt: „Zu dieser Er« kenntniß muß uns ja die ästhetische Betrachtung der Natur über sich hinan« emporheben: auf den Urquell ihrer Schönheft müssen wir immer Hinblicken, um für den reinsten Genuß der Natur gestimmt zu sein/
„Naturästhetik! Gott, derartige Bücher lese ich nie/ sagte Natalie mit affektirtem Gähnen. „Aber wenn Sie einmal einen Roman schreiben wollten —"
„Leider habe ich dazu kein Talent, mein gnädige« Fräulein/ versetzte Werner mit einem feinen Lächeln.
Al« der Frühstückstisch abgeräumt war, blieb der Hausherr mit feinem Gaste allein im Wohnzimmer zurück. Letzterer hatte den Blick schon öfter nach der Wano geschickt, wo zwei Oelgemälde, Waldlandschaften darstellend, hingen; nun stana er auf, um sie in der Nähe mit Kennerblicken zu betrachten.
„War für zwei feingestimmte Kabinetstücke haben
Kampfboden al« auf dem Parquet de« Gerichtssaales treffen würden? Beaurepaire widmet seine Mußestunden der schönen Literatur. Er veröffentlichte unter dem Namen Jule« Glouvet drei reizende Bauerngeschichten „Der Forstmann", „Ter Förge", „Der Schäfer." An sie reihen sich das „Ideal", „Geschichten au« alter Zett" und „Marte Fougire". Beaurepaire ist eine« der Häupter der neuen idealistischen Schule, welche Zola und seinen Nachahmern tödtliche Fehde schwört. Im französischen Leben berühren sich mehr wie irgendwo die Kontraste. Derselbe Mann, dessen Energie die Regierung zu Hilfe ruft, damit er mit Hilfe de» Gesetzbuches das Schrcckensgespenst des Boulangismus verscheuche, zeichnete sein Buch „Marie Fougere" schüchtern mit einem Mädchennamen „Lucie Herpin."
Beaurepaire entstammt einem alten Geschlechte der Normandie und hat die starre Entschlossenheit der Männer dieses Landes in vollem Maaße geerbt. Bon einem solchen Charakter durfte Boulanger keine Schonung erwarten. Beaurepaire ve- trachtete ihn vom Standpunkte de« Staatsanwalt« und nicht de« Politiker«, für ihn war der General ein gemeinschädliches Individuum, das möglichst schnell in Sicherheit gebracht werden müsse.
Wenige Stunden mehr und Boulanger wäre verhaftet worden. Daß der General flüchten konnte, verdankt er Bouchez. Bouchez'« Vergangenheit zeigt bereite den Flecken seiner Wilson erwiesenen Begünstigung, die Affairs der verschwundenen Briefe. Seine Weigerung, Boulanger verhaften zu lassen, verschaffte ihm ffür den Augenblick den Anschein eine« Märtyrer» de« Recht»; die letzten Vorkommnisse haben ihn al» Mitverschworenen Boulanger« entpuppt. Er warnte den General, er drang in ihn, sich zu flüchten, indem er ihm an der Hand de» Strafgesetze» nachwies, welche gefährlichen Anklagen die Regierung gegen ihn erheben würde. Der General gehorchte Rochefort, immer bereit da» Hasenpanier zu ergreifen, fungirte al« Reisemarschall und eilte nach Mons voraus. Boulanger selbst dampfte vom Nord« bahnhafe ab, ein Geheimpolizist bemerkte den Abreisenden, der sich in Gesellschaft einerDame befand. Er ist b^eichnend für den sittlichen Ver« fall Frankreichs, daß mitten zwischen den politischen
Sie hier, Herr Forstmeister 1 Welchem Meister verdanken Sie dieselben?" fragte er bewundernd.
„Der Meister ist meine Tochter Adele, deren ausgesprochenes Talent ich auf der Malerakademie ausbllden ließ," entgegnete der Forstmeister, indem ein wohlgefälliger Ausdruck von berechtiatem Vaterstolz seine strengen Züge überflog. „Nicht wahr, das ist gut gemalt?"
Werner war sehr überrascht von dieser Mit- theilung und lobte mit warmer, freudiger Anerkennung die Bilder, die mit so viel poetischem Verständnisse aufgefaßt waren.
Al« Adele später eintrat, bat er fast schüchtern, ob sie ihm erlauben wolle, noch andere Malereien zu sehen.
„®eni, denn ich hoffe von Ihnen ein rückhaltlose« Unheil zu hören/ sagte sie unbefangen, und sie hotte eine große Mappe herbei, deren Inhalt sie vor ihm ausbreitete.
Werner vertiefte sich in die reizenden Aquarelle, deren Mottos alle der umgebenden Natur entnommen zu fein schienen und mit liebevoller Treue roiebergegelen waren. Es waren stolze Baumschlaggruppen, waldbekrönte Berge, duftige Waldwiesen, welche ihn mit ihrer Frische wahrhaft an- hauchten, und Über jedem Blatte schwebte ein eigener Stimmungsduft, — mochte er nun der Landschaft in friedvoller Sonntagsstille, oder in
Persönlichketten, selbst bet den ernstesten Vorgängen sich da« Hetärenthum herumtreibt.
Wurde die Regierung durch die Flucht überrascht oder ließ sie den General absichtlich entkommen? Dünkt er ihr al» Flüchtling in Brüssel minder gefährlich, denn al» Gefangener in Maza«? Diese Frage konnte sie sich wohl selbst nicht be- antworlen.
Viel zu früh jubelt die autiboulangistische Presse über den „Feigling". Da» sind dieselben Leute, welche genau zu berechnen wußten, um wie viele Stimmen er in Pari» gegen den republikanischen Kandidaten Jaques zurückbleiben würde. Sie haben so ost das Halali über das angeblich erlegte Wild geblasen, daß Niemand mehr ihrem Siegesgeschmetter glaubt. Seine Presse verkündet, daß der Kampf unerbittlich weiter geführt werde.
Bereite hat der General eine Proklamation von Brüssel aus erlassen. Mag e« die Nähe de» bonaparttstischen Prätendenten Prinzen Viktor sein, welche ihn veraittaßte, gleich Napoleon mit dem Worte „Franzosen!" zu beginnen? Was sich daran reiht, klingt sehr unhöflich und respekt- widrig für die Regierung; es ist ein flammender Protest gegen die Vergewaltigung seiner Persönlichkeit durch Ausnahmegesetze und Ausnahmegerichte, sowie die Berufung an die ordnungsgemäße Rechtspflege. Zum Schlüße empfängt Frankreich das deglückenvs Versprechen, daß Bau- langer nach den Wahlen wieder zurückkehren werde.
Deutsches Reich.
Berlin, 4. April.
• Für heute war ein Termin anberaumt, in welchem die beiden al» Zeugen vorgeladenen Redakteure der .Volkszeitung' sich entscheiden sollten, ob sie den Verfasser der angeklagten Artikel nennen oder wegen Verweigerung de« Zeugnisse» in« Gefängniß wandern wollten. Dieser Termin ist vorläufig aufgehoben roorben und auf die Beschwerde, welche die beiden Redakteure gegen die wegen Verweigerung de» Zeugnisse« bereit« erkannte Geldstrafe eingelegt haben, ist verfügt worden, daß die Strafe vorläufig nicht vollstreckt werde. Der Grund dieser Verfügungen ist, daß wegen de» Artikels vom 9. März noch immer fein Straf-
thaukühler Morgenfrische, oder m banger Gewitterschwüle seinen Ausdruck geben: immer war er da und immer übte er seinen Zauber auf den Kenner, der sein treffende« Urtheil nicht zurückhielt.
„Wa« ist die« für eine Ansicht?" fragte er' jetzt, ein Blatt hinhaltend; dasselbe zeigte ein von zwei Eckthürmen flankirte« Schloß, da« auf waldiger Bergeskuppe über dem Strome aufragte und sich mit seinen schwerfälligen Linien vorn Goldgründe de« Abendhimmel« dunkel abhob.
„EmeBurg hier Inder Nähe: SchloßThüren", entgegnete Adele mit gedämpfter Stimme, und eft war, als ob sie dabei einen scheuen Blick nach ihrem Vater richtete, der, in der Sopha-Ecke fitzend, seine Pfeife rauchte und die mit der Post angefomirene Zeitung la«.
Werner wollte noch eine Frage nach der Burg thun, aber Adele hotte ihm schon ein andere« Blatt zugeschoben. Es stellte grasende Rehe am Saume äner Lichtung dar.
„Weich' ein köstliche« Stück Waldeinsamkeit!" entfuhr ei dem Betrachter: „Mit welcher finnigen Femheit ist da Alle« individualistrt: nicht nur jede« der Thiere, nein, auch j.ber Baum steht lebendig in seiner ganzen Eigenart vor un«. Wer hat Sie nur gelehrt, so t>ie leisesten Herzschläge der Natur zu belauschen?" Und staunend hob er