1889
Mtmiz.
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□ Eine denkwürdige Ordensverleihung.
Die demonstrative Auszeichnung de» Centrumsabgeordneten Freiherrn von Huene durch den Kaiser hat in allen politischen Kreisen große» Aufsehen erregt. Schon die Theilnahme de» Kaiser» an dem parlamentarischen Diner beim Fürsten Bitmark war ein politische» Ereigniß, denn unter Kaiser WUHelm I. hätte ein solche» Hinabstetgen de» Monarchen von dem Piedestal seiner souveränen Unnahbarkeit zu den Utopien gehört. Der junge Kaiser hat dem von ihm vollzogenen Bruche mit ftüheren Traditionen auch durch Worte Ausdruck gegeben. ®r sprach zuverlässigen Nachrichten zufolge von einer beginnenden „neuen Aera", der sein Großvater noch fremd gegenüber gestanden habe, und nannte sich selbst „ein Kind der neuen Zeit". Man wird fich erinnern, daß in dem viel erörterten Tagebuch de» Kronprinzen und späteren Kaiser« Friedrich an einer Stelle auch davon die Rede ist, Kaiser Wilhelm habe sich in die neuen Verhältnisse, worunter vor allem die etwa« demokratisch angehauchte Reichsverfassung mit der eigen» thümlichen Abgrenzung der kaiserlichen Würde und Machtvollkommenheit zu verstehen war, nicht recht hineinfinden können und sich deßhalb an seinen Sohn al« den Repräsentanten der Zukunft gewandt. Nunmehr bekennt sich der kaiserliche Enkel bei einem öffentlichen Anlaffe nachdrücklich zu dieser freieren, den Zeitgeist und den politischen Fort- schritt berückstchtigenden Auffaffung, er will, wie er sagt, mit den Volksvertretern verkehren und ihre Anfichten kennen lernen. Dieser Vorgang ist an fich sehr ersteulich; ist er doch geeignet (vielleicht auch bestimmt gewesen), mit manchen Vorstellungen und Befürchtungen zu brechen, al« ob der junge Kaiser im Gegensatz zu seinem freifinnig denkenden Vater und mehr noch al« sein Großvater zu feudal-absolutistischen Tendenzen neige. Fürst Bismarck hätte aber heute schon gut daran gethan, die ganze Volksvertretung, also alle Parteien in ihren Haupipräsentanttn an diesem denkwürdigen parlamentarischen Kaiser-Diner theil-
In Strailaife.
Novelle von I. Gr.
(1. Fortsetzung.)
Bald daraus schritten beide auf dem jetzt ununterbrochen abwärt» gehenden Wege dahin, und der Fremde, der von seinem Begleiter mächtig überragt wurde, lauschte mit Interesse den zwanglosen, schlichten R.den desselben, die um Wald und Wild sich drehten.
Endlich hatten fie den Au»gang de« Walde« erreicht. Eine enge Thalschlucht öffnete fich, durch welche majestätisch ein breiter Strom fich wälzte. Jenseits desselben stieg eine Bergreihe auf, die in schön geschwungenen Formen das Bild abschloß. Ueppiger Hochwald bekleidete Re, der fich fast bi» zu den niedrigen Flußufern herab erstreckte und nur durch eine schmale Wiesrnfläche davon getrennt war.
Inmitten de» Thales zeigte stch ein Komplex elender, von feuchten Aeckern und nassen Wiesen umgebener Hütten. In einiger Entfernung davon, dicht am Flusse und näher an den diesseitigen Wald gerückt, ragte ein hohes Stetngebäude in da« Dämmerungsdunkel auf.
„Dort ist das Slromhan«, wo der Forstmeister
nehmen zu lassen und auch innerhalb der zuge- lass-nen Parteien eine Auswahl zu treffen, welche jede tendenziöse Deutung ausgeschlossen hätte. Wir find überzeugt, der Kaiser würde fich gerade durch den persönlichen Verkehr mit Männern der sogen. Opposttion, mit Parlamentariern, welche von der Regierung abweichende Anfichten vertreten, über Manche« informiren können, und zwar besser und zuverläsfiger, al« durch Quellen, welche oftmals stark getrübt sein mögen. Wir zweifeln nicht daran, daß der Kaiser nach diesem ersten Versuche alsbald noch einen Schritt weiter gehen und selbst den Reichskanzler ersuchen wird, ihn auch noch mit einigen anderen Parlamentariern, al» die am Dienstag versammelten, bekannt zu machen. Die Popularität' welche der junge Kaiser fich durch ein solche« freimütige« Auftreten sichert, wird auch den Interessen und dem Wohle de« Volke« zu Statten kommen.
In Centrumskreifen hat die hohe Auszeichnung, welche einem der hervorragendsten Mitglieder der Fraktion im Reichstage und Landtage zu Theil geworden ist, selbstredend einen guten Eindruck gemacht. Gewiß kann man über eine Ordensauszeichnung als ausdrückliche Anerkennung für parlamentarische Verdienste in bestimmter Richtung und im Sinne der Regierung sehr verschiedener Ansicht sein, und wir möchten in der That nicht wünschen, daß diese Art von Auszeichnungen in Zukunft usuell werde. Denn, man mag die Sache nehmen wie man will, die eigentliche Aufgabe des Volksvertreters al« solcher ist mit einer offiziellen Regierungsbelobigung nicht recht verträglich. Aber wir tonnen auch gar nicht glauben, daß der Kaiser, als er dem Freiherrn von Huene den hohen Orden an die Brust heftete und dabei dessen warme« Interesse für die militärischen Vorlagen de« Reichstage« hervorhob, irgendwelche Nebenabsichten gehabt hätte, wie ihm da« von einigen liberalen Blättern imputht wird.
Da ist wieder die Rede von einer bevorstehenden Spaltung im Eentrum, welche durch die ostentative Bevorzugung de« Herrn v. Huene und durch die auszeichnende Behandlung der aristokratischen C-ntrumsvertreter, wie namentlich auch de« Freiherr« zu Franckenstein, durch Se. Majestät den Kaffer ihrem Ziele näher gebracht worden fei. Wie oft schon hat die liberale Presse von dieser angeblichen „Spaltung" gefaselt, und
wohnt," sagte der Jäger, stehen bleibend. „Hier der Weg führt schnurstracks hm. Adieu!"
„Leben Sie wohl," verfitzte der Fremde, in die gebräunte Hand einsä tagend. „Und da ich längere Zeit hier bleibe, so hoffe ich, sehen wir un« noch.
„Auf der Jagd aber wohl schwerlich," klang e« in dem alten humoristischen Tone zurück.
„Vielleicht auch da," verletzte der Andere ebenso. „Und wäre e« auch nur, um vor Ihnen meine Ehre zu retten und dm Beweis zu geben, daß auch ich die Gefahr nicht fürchte."
„Spielen Sie nicht mit der Gefahr; wer weiß, wo btefelbe auf fie lauert: nicht allein auf der Jagd, auch in einem töchterreichen Hause kann man eine Toderwunde davon tragen I Komm, Nimrod!"
Nach diesen Worten pfiff er seinem Hunde und wandte fich rasch, mit starken Schritten nach der Dorfstraße einlenkend.
Bewundernd sah der Fremde der imponirenden Erscheinung nach. „Wahrhaftig, da» UrbilD eine» Germanenrecken!" emfuhre» ihm halblaut. „Der pißt zu seinen stolzen Waldbäumen, und man kann seiner derbfrischen Art nicht« Übel nehmen. Wie er lachte, al« ich von der Jagd redete, und wie geringschätzig er auf meine feinen Schreibst«»
stets noch ist fie von den Ereignissen Lügen? gestraft worden. Früher war e« immer der Freiherr von Schorlemer-Alst, der nach dem Herzenswünsche der Kartellbrüder der Keil werden sollte, durch den der feste Thurm gesprengt würde. Jetzt werden andere Namen hervorgezogm, nachdem man fich mit Schorlemer-Alst gründlich lächerlich gemacht hat. Glaubt man denn, das Centrum würde um einiger politischer Meinungsverschiedenheiten willen, — wie fie schon mehr al« einmal hervorgetreten find, und welche unseres Erachtens nur einen Beweis liefern für die im Centrum herrschende Achtung vor der persönlichen Hebet» zeugung des Einzelnen — die starke Waffe zerbrechen, die nur seine in necessariiB unitas, seine Einigkeit im Nothwendigen, ihm verliehen hat? Und glaubt man ferner, da» katholische Volk, die katholische Wählerschaft würde auf etroaige Spaltung«» gelüste im Centrum fein Siegel drücken? Der Gedanke ist absurd. Da« Centrum wird und muß einig bleiben in der Organisation und Disziplin, einig auch in allen Prinzipienfragen, welche da» kirchliche und sittliche Gebiet berühren, dabei aber in allen indifferenten und zweifelhaften Fragen seinen Mitgliedern vollste Meinung«» und Aktionsfreiheit wahren.
E« ist auch mehr ein gewisser verhaltener Netzet, eine gewisse Verlegenheit, welche einen Theil der Presse angesichts der kaiserlichen Auszeichnung de» Freiherrn von Huene zu solchm hämischen Aussällm gegen da« Centrum veranlaßt. In nationaBiberalen Kreisen ist man sichtlich keineswegs angenehm berührt rooroen durch tiefen sensationellen Vorfall, welcher so recht lebhaft den Wechsel der Zeiten, die veränderte Strömung feit der Aeta de« hochgehenden Kulturkämpfe« illustrirt. Wer hätte im Jahre 1873 daran gedacht, daß ein deutscher Kaiser nach 16 Jahren einem ftram» men Centrumsmanne in den Gemächern Bismarck'« einen Orden an die Brust heften werde. Wir nannten von Huene einen „strammen" Centrums- mann. Und da« ist er I An feiner korrekten, entschiedenen ® {Innung kann Niemand zweifeln, wenn er auch in Einzelfragen anderer Ansicht fein mag. Sollen wir vielleicht besonder« daran erinnern, daß gerade Freiherr v. Huene der eigentliche Wortführer der Opposition gegen da« Septen« at gewesen ist, daß er nicht nur in der
ger blickte l Aber wa« er nur mit feinen letzten Worten wollte? Da« klang ja'ganz ernst und beinahe wie eine Warnung. Sollte ihm selbst eine der aristokratische« Dame« in dem Hause dort unten gefährlich geworden sein? — Da« wäre freilich für einen niederen Forstbediensteten, der e« wohl fei« mag, eine verhängnißvolle Sache."
* • * *
So mit fich redend, war der Wanderer dem alten Herrenhause immer näher gekommen und er sah jetzt, daß dasselbe, wenn auch ohne besonderen architektonische« Schmuck, doch ein bedeutsamer charakteristischer Bau war.
Um die Frontseite zog stch ein breiter, wasserloser Graben, welcher theilweife angtfüöt war — statt der ehemaligen Zugbrücke führte fitzt eine aufgemauerte Steinbrüdte hinüber — während die Rückseite mit ihren außerordentlich starken Mauer« in ven Strom zu treten schien. Der ganzen Anlage nach war ras Gebäude mit seinen Zackengiebeln ein alte-Mffrrkastell, da« wohl einst kriegerischen Angriffen fest und sicher Trotz geboten hatte. Ein paar mächtige Ulmen breiteten ihre dichtbelaubten Aeste daneben au«, und die grüne Blätterfülle stimmte malerisch zu dem grauen Slernton.