J\5 74 Samstag, den 30. März. 1889
Die »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich» Sonn- und Feiertage ausgenommen. Bierteljährlicher AbonnementSpreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 60 Pfennig.
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg.» bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
...................—
Zweites Blatt.
Die Menageschüffel.
Der Rekrut Pirnhofer hielt da« letzte Zwiegespräch vor dem Einrücken in die Kaserne mit seiner um ein Erkleckliche« älteren Schwester, welche Köchin war in dem Hause eint« Bankdirektor», der ziemlich nahe bei der Kaserne wohnte. Ihm war e» himmelangst ob der kommenden Schreck- mffe der Dressur, ste aber tröstete ihn mit dem Hinweise auf eine solide leinene Schnur, die vor einem Fenster in den Hof de» Hause» de» Bankdirektor« herabhing.
„Da also, wenn D' dreimal zieg'n thust", belehrte ste ihn, „und so zieg ich Deine Menage- schüflel, die Du dran bindest, hinauf, und nachher, wenn ste wieder 'runterkimmt, so findest wa« drin für Dich ,xtra."
Ta« war ein namhafter Trost von Seiten der wohlbeleibten Köchin-Schwester für den jungen Bruder, und verstärkt wurde ter Trost durch die Bemerkung, die ste weiter anfügte: „Und ich warte jeden Abend auf Dich, daß Du nach dem Ein- rücken kommst und Deine Portion holst. Und wenn ich nicht da bin, so will ich'« Küchenmadel schon drauf einstudiren. Also bifit Di Golt, Loirl."
„Ja, aber —," wandte dieser plötzlich ein, „wenn aber ein anderer an der Schnur zieg'n thät?"
Marianka lachte hell auf. „Bist doch'n Schlau- kcps", sagte ste, „aber da» gibt« nicht. Ich mache in Deine Menageschüffel mit dem Messer ein Zeichen hinein, dann kenne ich sie, und probirt« ein anderer, mich an der Ras' herumzuführen, dann will ich ihm schon kommen."
Jetzt war der Rekrut Pirnhofer getröstet und ging heim. Und die Sache mit der Schnur ging ihren „geweiften" Weg. Pirnhofer wandelte allabendlich in den Hof, zog an der Schnur dreimal, diese hob sich sammt der daran gebundenen Pirnhofer'schen Menageschüffel in die Höhe und kam bald beschert mit köstlichem Inhalte wieder herab. Eine« Tage« war Visitation im Mannschaftszimmer durch den gestrengen Zimmerkomman- danten, Korporal Zwirner. Pirnhofer hatte kurz vorher seinen Gang in den Hof de« Bankdireklor«
I« Strom|eift.
Novelle von I. Gr.
(Nachdruck verboten.)
Mitten im Walde, da wo die Wege sich kreuzen, hielt der Postwagen an. Der einzige Paffa- gier, der darin gefiffen hatte, stieg au». „ao — hier also beginnt meine Fußwanderung. Welchen Weg habe ich einzuschlagen nach Buchenhagen?"
„Jenen, Herr," verfitzte der Postillon, mit der Peitsche die Richtung bezeichnend.
„Und ist e« noch weit?"
„Wenn Sie tüchtig marschiren, kommen Sie noch vor der Dunkelheit hin."
Der Herr hatte ein Ränzchen und einen Plaid au» dem Wagen genommen und warf Beide« leicht über die Schulter. „Ade, Schwager," sagte er dann freundlich und reichte diesem ein Trinkgeld hin.
Der Postillon strich e» schmunzelnd ein: „Adjr, Herr. Ich bedanke mich auch vielmals. Meiner S'x, ich hält' Sie gern bis an Ihr Reiseziel gebracht, aber ich muß den Kasten nach Neudorf bringen — und wenn er auch gleich leer ist. Die Vorschrift, Herr, verlangt'» nun einmal so, und wir leben in einer verkehrten Welt. Doch nicht- für ungut, lieber Herr."
Der Fremde lächelte und schlug den ihm bt»
gemacht und war beladen heimgekommen; da er aber sich den Genuß de« Erbeuteten erst später pönnen wollte, so hatte er die Schüssel sammt Inhalt auf da« Brodbrett gestellt. Die Schüssel stand äußerlich blank geputzt, so harmlos auf dem zwischen Himmel und Erde vorschriftsmäßig angebrachten Brodbrette, als ob ihre fleckenlose Unschuld niemals den Deckmantel eine« düsteren Geheimnifles abgegeben hätte. Und doch war dem so, Korporal Zwirner brachte alle« an die Sonne. Der Herr Korporal wünschte nämlich auch Einblick in die innere Reinheit der äußerlich so blendend gescheuerten Menageschüffel zu nehmen. Der R-krut Pirnhofer verfärbte stch und überhörte die Aufforderung seine« Borgest tzten. Aber Korporal Zwirner war nicht der Mann, der stch irre führen ließ. Mrt raschem Griff faßte er nach der Menageschale und holte sie von dem Brotbrett herab. Die gedruckte Zimmerordnung an der Innenseite wurde kreidebleich, und ein Gemurmel der Entrüstung ging durch die Reihen der Soldaten, die stramm vor den Bitten standen. Es war aber auch unerhört! Die Menageschale barg in ihrem Innern ein safligbraune» Stuck — gespickten Hasenrücken» 1 Hat man jemals einen Menagk zettel gesehen, der Hasenbraten aufweist? Niemals. Selbst hie ausschweifendste Phantasie eine« Lukullus in Uniform versteigt stch nicht höher al» zu einem „Exlra- gollafch". Hasenbraten in einer Menageschale: da» konnte nicht mit richtigen Dingen zuqehen. Man wird begreifen, daß der Dust de« gespickten Hasen- rückens wie eine Weihrauchwolke durch das Zimmer schwebte, daß sämmtliche Inwohner mit hochgehobenen Nasen in der Lust herumschnüffelten, und daß Korporal Zwirner dem duftigen Bratenstücke mit vorgeneigtem Kopfe spähend gegenüber stand, al» wäre er höchstselbst zu einem Vorstehhunde geworden, der unerwartet einen feisten Hasen im Lager überrascht. Der Rekrut Pirnhofer aber stand da, verwirrt und saffungilos; da« Gcständniß einer tragischen Schuld stand ihm auf dem Gesichte geschrieben. Korporal Zwirner hob die Menageschüffel an die Nase empor und sog den Braten- dust ein.
„Pirnhofer, das ist au» einer Herrichastskuchel I" sprach er mit Kennermiene. Aber Pirnhofer ver- rieth seine Schwester nicht. Der Korporal gab schließlich da» Verhör auf und sagte kalt: „Ist
zeichneten Weg ein, während der Schwager seine Gäule wieder antrieb, die mit der schwerfälligen alten Postkutsche langsam auf dem sandigen Waldwege weiter trabten. Bald waren sie hinter dem dichten Laube de» Unterholzes ganz verschwunden. Nur die Klänge des Posthorn« — wohl noch ein Adschiedsgruß des treuherzigen Burschen — tönten langgezogen zu dem Wanderer herüber, mehr und mehr in der stillen Waldeinsamkeit verhallend.
Der aber schritt leicht und elastisch weiter durch den prächtigen Buchenwald. Die rasche Bewegung röthete sein blaffe« Gesicht, und mit tiefen, durstigen Zügen sog er die würzige Luft ein. Ein wonniges Gefühl überkam ihn, die grüne Waldwelt athmete eine so lebenströmende Frische und zugleich eine Poste, deren Zauber ein sinnige« Gemüth immer köstlich anmuthet.
Manchmal schweifte er vom Weg« ab — das geschah, wenn seine brillen«! ewaffaeten Augen irgend eine botanische Merkwürdigkeit auf dem Waldboden entdeckt hatten. Mit freudiger lieber» raschung auf den gedankenernsten Zügen bückte er sich dann nach dem grünen Fund und verwahrte denselben sorgfältig in seinem Ränzchen. Manchmal auch blieb er stehen vor einem der gewaltigen BaumeSriesen, wie um der mojestätischen Vollkraft deflelben erst seine staunende Bewunderung zu zollen.
schon gut. Da muß ich auf die Kümmelwurzel kommen, da« seh ich schon. Stellen S' den Braten auf meinem Tische Hintern Vorhang, da« muß untersucht werden. Wegen Schmutzflecken in der Menageschale werden S' drei Tage Zimmertour halten, daß S' e« wissen, Sie — Rekrut 1*
Gesenkten Haupte« trug Pirnhofer den duftenden Hasenbraten hinter die Leinenblende, welche da» Heiligthum, da« Bett de« Zimmerkomman- danten, umschloß. Er gab sich nickt der Hoffnung hin, diesem sanstgebräunten, mit Speck und rührender Sorgfalt zubereiteten Hasenrücken im Leben wieder jemals zu begegnen. Aber er war zufrieden, er leistete schweigend seine dreitägige Straftour al» Zimmerordonnanz ab, wenn nur da« Geheimniß seiner Menagesckale gewahrt blieb. Ader darin täuschte er stch, wenn er meinte, der Herr Korporal werde die Sache nun auf sich beruhen lassen. Die eingehende „Untersuchung" de» Hasenbraten» hinter' der Leinenblende ergab nämlich mit unumstößlicher Gewißheit, daß dieser Braten nur von einer Meisterhand und au» einer reich dotirten Küche stammen konnte, und der Gedanke ließ den Korporal Zwirner nicht ruhen, daß dieser schlottrige Rekrut in Beziehungen zu einer solchen geradezu fürstlichen N'hrungeqmlle stand, während er, der stramme Unteroffizier, noch immer an dem Kochfleisch der Kantine vagen mußte. Unauffällig beobachtete er die geheimnißvolle Menageschale de« Rekruten Pirnhofer, die wieder so blankgescheuert wie zuvor auf dem Brotbrette stand. Und richtig, bald war er dahinter gekommen, daß diese Schale in den Dämmerstunden de» Abend« mit sammt ihrem Bifitzer zu verschwinden pflegte. Wohin?
„Da muß ich auf die Kümmetwurzel kommen," Und eine« Abends trat der Herr Korporal dem Rekruten Pirnhofer gerade in dem Augenblicke entgegen, als dieser hastig über den Kasernengang huschte.
„Wohin denn, Freunder!?" Der Rekrut stand da, bleich und erschrocken.
„Herr Korporal, — ich wollt nur a bisl Lust schöpfen."
„Mit der Menageschale, — he?" Und der Korporal Zwirner tippte höhnisch an den Buckel, der sich ganz unvorschristsmößig unter dem Aermel« leibe! des Rekruten aufbaute. Pirnhofer verstummte. Vergeblich zog der Unteroffizier aberma!»
Lange, lange war er schon so geschritten, e» zog bereit» ein abendlicher Hauck durch den Wald, aber noch immer schien dieser keinen Ausweg zu nehmen, roch immer keine Spur von Menschennähe.
Der Weg begann zu steigen. Mit sichtbarer Ermüdung stützte stch der junge Mann auf den Knotenstock, und langsamer schritten seine Füße au». Da schlug plötzlich feite« H mdeaebell an sein Ohr und zugleich sah er ein röche« Ziegeldach au» den Baumwipfela auftauchen; i u« vtflügelte er feine Schritte und hatte bald die Höhe erstiegen.
Einige Meter von der Straße zurück lag ein kleine» Hau». Ein grüne» Schild hob stch von dem verwitterten Kalkanstrich desselben, worauf mit dicker Farbe eine etwa» problematische Figur aufgekleckst war.
„Gastwirthschaft zur Waldschnecke," entzifferte bet Wanderer, und über f-in Gesicht glu ein flüchtige» Lächeln, weil die Naivetät de« WirthcS für seine Schenke ein Zeichen von so ungünstiger symbolischer Bedeutung gewählt hatte.
Dann trat er in die niedrige, rauchgeschwärzte Stube ein. Em großer, g> fl-ckter Jagdhund sprang von den Dielen auf und stellte sich ihm mit drohendem Knurren entgegen.
„Ruhig, Nimrod — hierher!" ertönte gebieterisch eine tiefe Baßstimme au» dem Hintergründe