Freitag, den 29. März.
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Älter
derselben ist, sich nicht in die Wirren de« Festlandes zu mischen, aber fie zu begünstigen; Europa soll stet» in zwei Lager geschieden sein, damit bte Oberherrschaft Britannien» zur See möglichst lange gewahrt bleibe.
Nur Gladstone hatte eine« Lage« den Plan, mit dem selbstsüchtigen System zu brechen. Ec wollte fich mit Rußland zur Thellung vereinen, um Indien auf diese Weise feinem Lande zu erhalten. Die Torie» bekreuzen fich vor einer solchen Polttst. Lord Salisbury bietet alle Findigkeit seine» Gerste« auf, um Deutschland an fich zu ziehen und e« mit Rußland zu entzweien. Fürst Bismarck hat da« listige Spiel längst durchschaut. Ec denkt über England« Machtstellung gering. Ec betrachtet e» al« eine Art Venedig, für welche« unrettbar die Tage früherer Herrlichkeit verloren find. Sc hat die Kiämerpolitik London« gehaßt und bekämpft. Wenn er fich nun plötzlich England nähert, so geschieht e« al» Demonstration gegen Rußland, dar fich von ihm entfernt. Wenn die Annahme richtig wäre, ständen wir vor einem politischen Ereignisse ersten Range«. E« wäre die öffentliche Befiegelung de« direkten Bruche« (?) zwischen Berlin und St. Petersburg. England wünscht nichts sehnlicher, al« Deutschland mit Rußland entzweit zu sehen, ein deutfch-rusfi- sche» Bündniß wäre der Untergang der onenta- lischen Politik de« Kabinett von St. Jame«. Trotz de« Haffe« gegen Rußland wird England die Freiheit seiner Aktion nicht opfern. E« ist bi« zum lieber» maß wiederholt worden, daß zwifchen London und Berlin, London und Wien, London und Rom Em- zel-Berträge abgeschloffm seien, und daß die Fäden de« Ganzen im Auswärtigen Amte zu Berlin zu» sammenliefen. E» ist möglich, aber die Tripel» Allianz hätte nicht gesäumt, aller W.lt von diesem Ereigniffe frohbewegte Botschaft zu geben. Man spricht immer von moralisch er Unterstützung, moralischer Aktion, diplomatische Phrasen von mehr al« fragwürdigem Werthe.
England wird,stch ängstlich hüten, Stellung zwischen den beiden Gruppen der Mächte de« Fest» lande« zu nehmen. @« wagte die« nicht mehr seit seinem Kampfe mit Napoleon I. und e« hütet sich, den Gefahren eine« solchen Abenteuer« fich au«zu- setzen, da e« zu sehr die rächenden Folgen fürchtet.
Graf Herbert Bismarck scheint zunächst die Mis» fion zu haben, gewiffe Schwierigketten in der Kolonialpolitik zu beheben. Ist dies gelun- gen, dann kann eine Annäherung an England stattfinden, welche, ohne ein direktes Eingreifen de« Jnselreiche» in die kontinentalen Verhältniffe, doch die alte Torypolttik, die durch die serbischen Ereigniffe bedrohte Machtsphäre Oesterreich-Ungarn« int Orient zu schützen, aufleben läßt. War nicht neben Lord Beaconsfield gerade Lord Salisbury ein energischer Vertreter der Ausdehnung der österreichischen Machtsphäce durch die Okkupation Bosniens? Und Ristic, der Großserbe, hat stets offen und versteckt nach der Annexion Bosniens an Serbien gestrebt. Fürst Bismarck liebt Eng- land nicht, aber er ist der Letzte, welcher seinen Gefühlen E.nfluß auf seine Politik gestattet, und O-sterreich'Ungarn ist ein zu werthvoller Bun» desgenosse sür Deutschland, um nicht in seinem Interesse einige koloniale ZukunstSmufik zu opfern und greifbare Vortheile einzuheimsen.
Deutsches Reich.
Berlin, 28. März.
• Staatssekretär Graf Bismarck kehrt am Samstag oder Sonntag von England nach Berlin zurück. . m ... .
• Die letzten Nachrichten von der Weichsel
und der Warthe lauten recht trübe. Die Eisstopfung de» Weichfelarm«, der Nogat, bei Jona«» dorf, welche befürchtet wurde, ist heute früh ein» getreten, infolge dessen Marienburg theilweise üb-i schwemmt wurde. Die Stopfung «ar indeß nur von verhältnißmäßig kurzer Dauer. Der starke Eisgang der Nogat und der Danziger Weichsel ist unsehindert, es ist aber der höchste W-fferstand erreicht. Die Pickler Niederung ist ge» fährdet. Bei Dirschau ist der Mühlengraben durch» krochen und das Waffer ergicßt stch in den Danziger Werder. Posen ist in seinen niedrigen Stadtheilen durch die Watthe überfluthet. Bei Gonsorowo hat ein Dammbruch große Verheerungen angerichtet; infolge deffelben fiel zwar die Warthe, ist aber jetzt wieder im Steigen.
• Auch heute hielten beide Häuser de« Landtag- Sitzungen ab. Im H e r r e n h a u s e beantwortete der Pcästd.nt Herzog von Ratibor eine Anfrage de« Grafen.Stolberg-Wernigerode dahin, daß der Staat«hau«haltS»Etat au« dem Abgeordnetenhause erst am Dienstag herübergekommen sei, e» trotz der fleißigen arbeit der Etat« - Kommission nicht möglich sein werde, denselben vor Montag auf die Tagesordnung zu setzen. Dann wurde die Denk- schrift über die Ausführung des Anfiedlungsgesetzes in Verbindung mit dem Anträge des Grafen Fran» kenberg auf Ausdehnung der auf Rentengüter bezüglichen Bestimmungen de» Gesetzes auf die ganze Monarchie verhandelt. Nach längerer Debatte wurde die Denkschrift durch Kenntnißnahyre erledigt und der Antrag Frankenberg angenommen. Morgen : Eisenbahnvorlage. — Da»Abgeordneten- hau« ncchm da« Lehrer-Reltttengesetz in dritter Lesung debattelo« an unb erteilte ebenso bezüglich be» Berichte« über bie Verwaltung der Staatsschulden für das Etatsjahr 1887/88 der Hauptverwaltung der Staatsschulden Decharge. Die Ergänzung de» Gesetze«, betreffend die Beseitigung der durch die vorjährige« Frühjahr» - Hochfluthen herbeigeführten Verheerungen wurde in zweiter Lefung mit der Erweiterung angenommen, daß von de« bewilligte« Mitteln auch Flußregulirun» gen vorgenommen werden dürfen. Die Gesitzent- würfe, betreff, den Erlaß oder die Ermäßigung der Grundsteuer in Folge von Ueberschwemmungen und betreff, die Bewilligung von Staatsmitteln zur Hebung der wirthfchaftlichen Lage in den noth» leidenden Theilen be» Reg.-Bezicks Oppeln wurden nach den Kommisfions-Beschlüffen unverändert angenommen. Morgen: Stempelsteuergesetz, Wahl- prüfunge«, Petitionen.
* Zur zweiten Lesung be» Polizeikosten« Gesetze» beantragt ein freikonservativer Abgeordneter die jährlichen Beiträge der Städte tn folgender Weise festzusetzen: a. die Stadtgemeinde Berlin je 1,50 M., b. die Stadtgemeinden von mehr al» 75,000 Einwohner je 0,70 Mk., c. bie Stadtgemeinden von weniger al» 75.000 Em« wobnern je 0,40 M. sür den Kops ber Bevo. erung.
* Offenburg (Baben), ben28.März. Der Mörber be» Herrn Dekan« Förberer, -lnchard Aba, wurde heute vom Schwurgericht zum Tode verurtheilt. Der Verurthellle nahm den Spruch der Geschworenen ohne besondere Zeichen der Erregung auf.
Ausland.
• Diejenigen Paragraphen be« neuen Wehrge- setze«, welche bei ber ungarischen Opposition ben Hauptanstoß erregten find vom ungarischen Abge- ordnetenhause jetzt angenommen. Immerhin wird e« noch zu einigen lebhaften Erörterungen kommen.
* In Galizien hat die Sau zahlreiche Ortschaften unter Waffer gesetzt. Ein große« Dorf, Gardarzo, fall vollständig in den Fluthen unter.
1889) werden die verehrlichen Abonnenten gebeten, ihr Abonnement bei den kgl. Post- anstalten rechtzeitig zu erneuern, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Auf die nach dem 1. April erfolgenden Zeitungs-Bestellungen berechnen die Postanstalten eine um 10 Pfg. höhere Gckmhr.
L Graf Herbert Bismarck i« London.
Die Welt steht vor einer jener Ueberraschungen, wie ste Fürst Bi«marck seit dem Tage beliebt, da er in Wien die Tripel-Alltanz gründete. Graf Herbert ist nach London gereist. Früher voll- zogen fich solche Steifen im strengsten Gcheimniß und Jncognita. Man suchte den Schauplatz ber Verhandlungen zu verbergen. Heutzutage hat bie Diplomatie demokratische Gewohnheiten angenommen. Sie verbirgt ben Schauplatz der Unterhandlungen nicht mehr, fie hüllt fich nicht mehr in Dunkelheit.
Die politische Lage ist so unsicher, daß die deutsche Polittt da» Bedürfniß fühlt, von Zeit zu Zeit die Gemüther in eine freudige oder furchtsame Stimmung zu versetze«. Ma« wird vielleicht eine» Tage» die Periode von 1878—90 die Zett der politischen Besuche und Staatsvifiten nennen, so ansehnlich ist berett» ihre Zahl.
Diese Zustände sind ein bedeutsame» Kennzeichen der Ungewißheit und Unstcherhett, in welcher da» arme Europa dahinstecht. Kaum hatte Graf Bismarck die Ufer der Spree verlaffen, al« die Journale verkündeten, daß er in London die englifch- deutsche Allianz abschließ-n werde. Man erinnerte stch, daß soeben Lord Charles Beresford in Varzin und Berlin verweilte. Sollte zwischen diesen beiden Reisen kein Zusammenhang bestehen? Hatte Lord Salisbury bereite da« Vertrauen auf die eigenen Kräfte verloren? Man war sehr geneigt, auf die Reise de« britischen Lord« der Admiralität den geistreichen Witz eine« hervorragenden Diplomaten der Jetztzeit anzuwenden, der da sagte: „Wenn jtzt in Europa ein Staatsmann den Kopf verliert, dann eilt er, die Sphynx in Varzin zu befragen." Es ist auffällig, daß der Ausflug Bismarck'« fich so schnell an die Abdankung König Milan'« anschloß. Wenn man die dürftigen Ecgedniffe gew.ffer diplomatischer Reisen betrachtet, ist man geneigt, in denselben den Ausdruck besonderer Verlegenheiten zu erblicke«; so könnte man auch diese Fahrt al« einen Versuch betrachte«, die öffentliche Meinung über den schlimmen Eindruck Hinwegzuleiten, den die Ereigniffe von Belgrad hervorbrachte«; die Freunde sollen beruhigt, die Gegner erschreckt werden. Da die Tripel-Allianz da ist, bedarf fir eigentlich nicht ber weiteren Unterstützung durch ein neue« deutsch-englische« Bündniß. E» gibt Diplomaten, welche glauben, in der Beherrschung der öffnt» lichen Meinung läge die Häifte de«Erfolge«; zum Mindesten würden hierdurch gefährliche Entscheidungen hinausgeschoben. Da» System der künstlichen Aufregungen, die Polttik der Enthüllungen nützt fich jedoch riefig ab, wenn ste zu oft wiederholt wird.
Lord Salisbury war stet», ein aufrichtiger, warmer Freund be» österreichisch-deutschen Bündnisse». Von biefcr Freundschaft bi» zum direkten Anschluß an die Trippel-Allianz ist e» aber noch ein großer Schritt. England hat eine überlieferte Politik, welche e» stark macht. Da» Geheimniß