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JM 72.

Donnerstag, den 28. März.

1889

Fuldaer W Icituuz.

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Deutsches Reich.

Berlin. 27. März.

♦ Die Mittheilungen über den Inhalt der neuen gemeinrechtlichen Bestimmungen, welche an Stelle des Sozialistengesetzes treten sollen, so schreibt man der ,Köl. Vztg.', find geeignet, die bereit- früher ausgesprochene Vermuthung zu bestätigen, daß es fich bei dem Entwurf um eine nicht sehr ernsthaft aufzunehmende Arbeit handelt. Das Ergänzungsgesetz zum Strafgesetzbuch hat man aus den Akten des Jahns 1876 ausgegraben und mit einigen Zuthaten versehen als neuen Entwurf wie­der eingebracht. Die Ergänzung wurde damals fast einstimmig abgelehnt, well die „Aufreizung der Bevölkerungsklasien gegen einander und die Angriffs auf die Institute der Ehe, Familie und des Eigenthums" als zu dehnbare Begriffe erkannt wurden. Dazu kommen nun heute noch Bestimmungen, wonach Vereine und Versammlun­gen, von welchen derartige Vergehen erwartet wer­den können, aufgelöst oder verboten werden dürfen und wonach der Unterdrückung einer Z ilung oder der zeitweiligen Ausweisung eine richterliche Ver- urthetlung vorausgegangen sein muß. Die Bestim­mungen in Bezug auf Vereine, Versammlungen und Preffe enthalten Milderungen gegenüber dem Sozialistengesetz, stellen fich aber noch al» bedeu­tende Verschärfungen des Entwurf» dar, welcher 1876 abgelehnt worden ist. In dieser Form kann da» neue „Maulkorbgesetz", welche» der Preßfrei­heit ein Ende michen würde, auch jetzt nicht im Reichrtage auf Annahme rechnen. Der Entwurf ist heute vom Bundesrathe au den Justiz. Ausschuß verwiesen worden, und die Be« rathung soll so beschleunigt werden, daß der Bundesrath noch vor Ablauf dieser Woche

Sine Nach!wachttt,kschichte.

(Schluß.)

„Du schleichst Dich also Nacht« au» meinem Hause, treibst Dich auf den Straßen umher, Du willst wohl mein Hau» in Verruf bringen, Du schlechte» Frauenzimmer?" Sie schluchzte leise vor sich hin. „Gesteh, wa» hast Du auf der Straße gewollt?" — „Ich habe meinen Vater besucht." — „Wo ist Dein Vater?" Sie zuckt zusammen und schweigt. „Wo ist Dein Vater?" frag ich!" Da spricht fie stammelnd: „Dort — an der Ecke." — „Führe mich zu ihm." Da bricht fie wieder in Schluchzen au». „Wird» bald!" Unsanft packt er fie an der Schulter und fühlt dabei, daß fie etwa» Harte», Kantige» im Arm trägt, doch mit plötzlicher Energie reißt fie fich lo» — und im nächsten Momente ist fie in Sturm und Finsterniß verschwunden. „Morgen früh jag ich da» Frauen­zimmer von meiner Schwelle", murmelte er vor fich hin; „was fie nur unter dem Arme getragen hat? Am Ende bestiehlt fie mich noch!"

Langsam kämpft er fich durch das Unwetter bi« zu seinem Hause durch. Wa« ist da« ? Jetzt ist die Hausthür gar sperrangelweit geöffnet, und find

seine Entscheidung treffen kann. Es ist nicht un­wahrscheinlich, daß der Entwurf einige Aenderun» gen im Bundesrathe erfährt, aber man bezweifelt, daß die Aenderungen so weit gehen werden, den kautschukartigen Charakter der Vorlage zu besei­tigen. Man bezweifelt den ernsten Willen dazu, erblickt vielmehr gerade im Kautschuk das Rück­grat der Vorlage. Einstwellen wenigstens erhält fich die Vermuthung, daß das vorausfichtliche Schicksal de« Entwurfes im Reichrtage lediglich als Druckmittel benutzt werden soll, um die Nationalliberalen für die dauernde Bewilligung des in dieser Weise abgeschwächten Sozialistenge­setze« zu gewinnen. Insofern kann man mit dem jetzigen Entwurf bereü« heute rechnen, als man darin einen Fingerzeig erblickt, zu welchen Zuge- ständn'ffen bei Abänderungen des Sozialistengesetze» die Regierung fich Herbellaffen dürfte. Aber auch diese Zugeständnifle, soweit fie bi» jetzt erkennbar in die Nähe gerückt find, erscheinen noch gering­fügig genug. Die ganze Frage wird nun entgegen aller Erwartung noch in dieser Tagung erledigt werden. Damit ist indeß noch keineswegs gesagt, daß die Neuwahlen bereits im nächsten Herbst vorgenommsn werden, vielmehr dürften Diejenigen Recht behalten, welche glauben, daß die Regierung die bestehende Kartell-Mehrheit bis zum letzten Tage, dem 20. Februar 1890, ausnutzen wird, um noch möglichst viel herauszuschlagen.

* Die Vermählung des Prinzen Friedrich Leopold mit der Prinzesstn Luise zu Schleswig- Holstein, Schwester der Kaiserin, findet im Juli, die PrÄkuration» - Vermählung der Prinzesstn Sophie, Schwester des Kaisers, mit dem Kron­prinzen von Griechenland, im September statt.

* Die Vertreter der Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika aus der bevorstehenden Samoa-Konferenz, John Kaflon, William Phelps und George Bäte«, treten am 13. April ihre Reise nach Deutschland an.

* Ein offiziöses Telegramm aus Sanstbar be­stätigt, daß Saadani am Sonnabend von den Deutschen bombardirt wurde.

* Der Transportdampfer „Martha", welcher für die Wißmann'scbe Expedition gemiethet ist, hat heute unter großer Theilnahw e des Publi­kums Hamburg verlaffen.

* Auch heute hielten beide Häuser des preußi­schen Landtags Sitzungen ab. Präfident Herzog von Ratibor machte dem Herrenhause Mit-

das nicht Stimmen, die aus dem Flur ertönen? Leise schleicht er bi« an die Thür, duckt stch in die Ecke und lauscht. „Vater, um Gotteswillen, wach auf", tönt e« in hastigen abgebrochenen Worte« au» der Finsterniß. „Hörst Du, er geht draußm herum. Mich hat er schon getroffen — ich werd' morgen fortgejagt I Vater 1" „Wa—a— ?" „Vater, versuch, daß Du hinauskommst, schnell. Er muß gleich da sein! Du versteckst Dich dann in der Laube nebenan — schnell! Vater, um Gotteswillen, schüttle den Rausch ab, sonst sind wir verloren." „Ich — bin — schon — ganz nüchtern!" tönte de« alten Jokel heisere Stimme aus dem Winkel, „aber weggehen thu ich nicht! — Laß ihn nur kommen!" — „Vrter, erbarm Dich!" — „Nu gerab nich! Ein Ende haben muß »er Spaß ja doch. Ich muß ihm aber vorerst mal gründlich die Wahrheft sagen. Hab' dreißig Jahre rein Amt in Ehren geführt, da kommt plötzlich der neue Herr Bürgermeister und sagt: „Der alte Kerl muß weg, der taugt nicht» mehr." Siehste, o was thut weh, wenn man fein Lebtag treu gedient hat. Und dann die Angst — jeden Tag !annst Du gejagt werden, und da trinkst Du einen Schnaps, da wird Dir schon bester, und den andern

theilung von einem Danttelegramm de« Prinzen Heinrich auf die Glückwünsche de« Hause« zur Geburt eine« Prinzen. „Da« Leben de« jungen Prinzen", heißt er darin, „gehört dem Könige und dem Vaterlande." Dann nahm da« Herren- Hau« den Gesetzentwurf betr. Abänderung von Amtrgerichtsbezirken mit den von der Kommistion vorgeschlagenen Modifikationen — statt der gefor­derte« vier «»erden nur zwei Abänderungen be­willigt — an. Die Errichtung eine« Amtsgericht« in Kontopp wurde genehmigt. Dann wurden Petitionen erledigt. Eine längere Debatte veran­laßten Eingaben der Gemeinden Fraulautern, Roden und Saarlouis um Anerkennung des Recht« auf Wahl ihrer Elementarlehrer. Dieselben wur­den schließlich der Regierung zur Berückfichtigung überwiesen. Da« Abgeordnetenhaus berieth den bekannten Steuerantrag des Abg. v. Huene. Der Antragsteller motivirt denselben mit der Noth- wendigkell einer Entlastung der Kommunen und einer Reform der direkten Steuern überhaupt. Eine ablehnende Stellung zu dem Anträge nahm Abg. v. Meyer-Arnrwald ein, der an der Grund- und Gebäudesteuer nicht gerüttelt sehen will, weil er in derselben die ficherste Grundlage der Staats­finanzen erblickt. Abgg. v. Zedlitz-Neukirch (frei- kons.), Knöcher, Graf Kanitz (kons.) und Dr. Ennec- ceru» (nl.) erklärten sich zwar mit dem Grund- gedanken de» Antrag», Ueberweisung von Grund« und Gebäudesteuer an die Kommunen, einverstanden, nicht aber mit dem vorgeschlagenen Wege, gegen den fie ernste finanzielle Bedenken hegten. Dr. Ennecceru» erblickte den Stein de» Anstöße» na­mentlich in dem S 5, wonach die Gemeinden nach erfolgter Ueberwetsung von Grund- und Gebäude­steuer keine Zuschläge zu denselben mehr sollen erheben dürfen. Die Abgg. Human« und v. Schorlemer (Centr.) traten für den Antrag ihrer Fraktionsgenoffen ein, während fich Abg. Rickert (frs.) dagegen wendete. Finanzminister v. Scholz sprach fich in ähnlichem Sinne zu dem Antrag« au« und vertheidtgte fich gegen einen Vorwurf Richter'«, wonach er „elende Plusmacherei" treibe. Der Antrag wurde schließlich an eine 28 er Kommistion verwiesen. Donnerstag: Lshrer-Reliktengesetz, Hochwasterschäden-Vorlage.

* Prinz Alexander von Battenberg läßt die Behauptung de« Pariser.Figaro, er habe zur Er­langung der Civiltrauung illegale Mittel ange­wandt, entschieden dementiren. »

spendet der Wirth, den trinkste au« Anstand — und den dritten trinkste, um Dir zu Nacht die alten Knochen zu wärmen, und den vierten trinkste au« Aerger, daß Du schon drei vorher getrunken hast, und den können die alten Knochen nicht mehr vertragen, und so wirst Du ein versoffener Lump, ohne daß Du e« merkst."

„Vater, sei gut — geh!" — „Siehst Du Kind, ich weiß ja, Du meinst e« gut mit mir! Du thust nun schon seit vier Wochen allnächtlich den Dienst für mich und machst am Tage Deine schwere Arbeft und wirst blaß und krank dabei. Da« muß ein Ende haben. Und an den Tag kommen thut e» doch über kurz oder lang, denn — he, he, he — Du kannst ja gar nicht ordent­lich blasen. Hast gar nicht die Kraft dazu. Halloh, wo hast Du mein Horn? Gib her!" — „Hier Vater — aber komm." — „So, alter Kamerad, nun wollen wir mal schlaft«. Gut Nacht, Evchen! — Grüß — Deine« — Herrn — Bürgermeister", und gleich darauf tönte lautes Schnarchen aus dem finsteren Flurwtnkel hervor. „Vater — wach auf!" rief fie mit un­säglicher Angst, „ich glaub, er kommt, wir — find verloren!" Der Alte schnarchte friedlich