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1889

Dienstag,AdenM6. März.

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Zw eites Blatt

önnten wir fast glauben, wir lebten allein für un« auf einer anderen Erde. Und da« mag noch ange Jahre so sortdauern, denn di- Verbindungen mit der Außenwelt sind schlecht und schwierig. An L-bensbedürfnisirn finden wir zwar das Nö- lhigste in der V^nda (Kaufladen), doch ist Aller, ausgenommen, was wir selbst ziehen, unverhält» wßmäßig theuer, besonders was Kleidungsstücke und Stoffe anbelangt. Der Transport ist unge­mein kostspielig, da bis zu dem von Dampfern befahrenen Do-qrary der Transport auf Maul­eseln geschieht und deßhalb sehr mühsam und be- chränkt ist. Und bis erst b.fl-re Verbindungen entstehen, darüber können viele Jahre vergehen, und wir werden es auch nicht mehr erleben, wenig- iens unsere jetzige Generation nicht. Trotzdem ind w'r zufrieden und froh in unfern kleinen und doch so großm, freien Reich, das erst nach so manchem wilden Kampfe den unabhängigen, grausamen Eingeborene« entriffen und vem weißen Mann zu eigen geworden ist.

Wenn ich des Abends nach mühevollem Tage­werk meinem L eblingr Plätzchen zuwandere, den kleinen Hügel hinauf, auf dem die letzte Ruhestätte unserer kleinen Welt liegt, und hinab schaue in unser herrliches Thal, dann möchte ich meine neue Heimath nicht vertauschen mit irgend einem ande­ren Fleck der Erde. Von da könnte man glauben, eine Rheinlandschaft vor sich zu haben, nur dunk­ler, üppiger, farbenreicher, des Südens lebens­froher Charakter mit dem Ernst des Nordens ver­mischt. Der .Forqueta' in der Regenzeit zum töilben, heimtückischen Vergstrom entfesselt, ist zur Sommerzeit ein ruhiger, fischreicher Fluß, an befielt Ufern sich immer eine Anzahl harmloses, fröhliche« Wild umhertummelt. Balb links, balb rechts liegen ihm zur Seite die Farmen in dunklem Grün versteckt; bis in die weite Ferne verfolgt das Auge blühende FUder und saftige Wiesen, dunkle Oran- genhaine und schattige Waldstrccken. Hier ist mein liebster Aufenthalt und meine schönste Erholung, dem Hereinbrechen der Nacht, dem geheimnißvollen nächtlichen Zauber zu lauschen. Wenn die Sonne ihre letzten Strshlen in unser Thal sendet, die Dunkelheit säst unmittelbar darauf stch herab senkt und den Urwald in eine tiefe, schweigende Ruhe hüllt, die nur zeitweise durch ein ferne« Bellen oder Heulen der nächtlichen Raubthiere unterbrochen wird, dann umgibt die Natur jener sinnberückende, märchenhafte Zauber, der nur einer südlichen Nacht eigen ist. Ob es die Tausende von Sternen find, die Heller, glühen­der als in der Heimath zu leuchten scheinen, ob es die tiefe, toderähnliche Ruhe der Urwaldes ist, die noch von keinem Menschengerafiel unterbrochen, von keinem Dampfroß durchschnitten ist, ob e« die Millionen von Glühwürmchen sind, die lautlos, täuschenden Irrlichtern gleich, uns umschwirren, und oft dar ganze Thal in ein Meer zuckender, sprühender Funken zu verwandeln scheinen, ob es die Düste sind, die athembrraubend von den dunk­len Ocangenhalnen und Jarminpflanzungen her­aussteigen, ich weiß es nicht. — Immer aber kommt mir das Sieb in den Sinn, dar ich so gerne auf den brasilianischen Kolonisten anwende:

„Vöglein singt im Walde, Singt so hell und rein, Vöglein darf im Walde Sich des Lebens freu'n.

Vöglein baut im Walde Sich ein kleines Haus, Vögleins Nest im Walde Sieht gar herrlich aus. Vöglein stirbt im Walde, Singet selbst sich ein; Vögleins Tod im Walde Muh gar selig sein "

Aus den Briefen eines deutschen Auswanderers von I. D. (Schluß.)

Einen Seelsorger Haden wir hier nicht; die Pfarrei, zu der wir hier gehören, umspannt 3 solcher Kolonien und ist 5 Stunden weit entfernt, weßhalb nur die Wenigsten am Sonntag dem Gottesdienst beiwohnen können. Einmal im Monat kommt der Pfarrer zu un«, und dann dient eine Kapelle als Gotteshaus, und dort werden auch Trauungen, Taufen u. s. w. vollzogen. Bei Be- gräbnissen von Erwachsenen muß der Pfarrer eigens dazu abgeholt w-rden, und bei Kindern vertritt der Lehrer seine Stelle. Er werden dann Boten zu Pferd nach allen Seiten hin geschickt, um die Trauerkunde weiter zu tragen und zur Begräbnrßfeier zu bitten. Aber ein Leichenbegängniß hat hier ein ganz eigenes G.präge. Hoch zu Pferd, sowohl Pfarrer als die ganze Gemeinde, bewegt sich der Zug in unruhigem Tempo zu dem oft weit entfernten Kirchhose. Alle« kleidet sich in dunkle Stoffe, die Männer tragen Trauerflor, und die Frauen legen ihren Pferden schwarze Dccken auf den Sattel, womit sie sonst großen Staat zu machen pflegen. Nach dem B-gräbniß versammelt man sich im Hause der Leidtragenden, woselbst Alle bewlrthet werden.

Der größte Stolz unserer Frauen ist ihr Pferd, aus dessen kräftiges, gesundes Aussehen sie großen Werth legen; Die größte Mühe verwenden sie auf die Satteldecken, die oft sehr kostbar sind, immer aber mit schönen Stickereien verziert werden. Es ist stets ein überaus anrnuthiger Anblick, an einem Sonntagmorgen eine Kavalkade jugendlicher frischer Brasilianerinnen zu sehen, wie sie sicher und kcäf- tig auf ihren hübschen Pferden angesprengt kom- men, mit den bunt bestickten Deck-.n und den rosigen Sommerkleidern. Auch auf die innere Haus-Einrichtung legen unsere Landsmänninnen auf den neuen Kolonien viel größere Sorgfalt, als auf den alten, man findet hier wenig Hütten; die meisten Farmer haben schon recht ansehnliche Häuser mit echt deutscher Einrichtung. Die Wege sind breit und gut unterhalten, die Gärten auf'« Beste angelegt. In der Woche freilich und bei der Arbeit steht man wenig davon, dann bleibt die gute Stube geschlossen, ein weiter, leichter Arbeits­kittel bildet die ganze B.kleidung, und es ist etwa» ganz Alltägliches, den reichsten Bauern oder die stolzeste Bäuerin zu sehen, wie fie barfuß, einen großen Strohhut auf dem Kopfe, die Straße fürbaß zieht, in der Hand einen kräftigen Knoten- stack, um den Hunden zu wehren, die einem manch­mal recht unsanft auf der Ferse sind.

Auch die Schulkinder find auf dem Schulwege stet« mit einem Stocke bewaffnet, es ist dies über­haupt Gewohnheit hier, da man nie weiß, wie man ihn unterwegs gebrauchen muß. Schulunterricht wird nur des Morgens abgehalten, die übrige Tageszeit wirb zur Feldarbeit verwandt. Jeder Bauer bezahlt fein Schulgeld selbst an den Lehrer, was ungefähr 2 Mark monatlich pro Kind aus­macht. Außerdem gehört zur freien Wohnung des Lehrers meist noch so viel Land, als er nur be­bauen will und kann, denn das Land hat hier keinen großen Werth.

So leben wir frei und ungebunden, und Nie­mand stört den tiefen Frieden unseres Urwaldes. Die Nachrichten, welche uns Zeitungen und Briefe von draußen bringen, klingen uns fast wie aus einer andern Welt, und wenn nicht noch tausend Fäden der verwandtschaftlichen und Freundschafts­bande uns an das alte liebe Vaterland zögen, so

» ,Md.« BHW

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Psg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Aber welch hartnäckiger Kampf kostet es, bett alten Menschen zu bezwingen, der mit allen Fasern seines Herzens an der alten Heimath hängt mit ihren Gebräuchen und ihren Menschen, und es meist erst bann einsteht, wenn er sie verloren hat. Und wie Mancher erliegt in dem Kampfe; denn nicht Jeder kann stch aussöhnen mit dem einfache n, j ereignißlosen Einerlei des Landlebens, nicht Jedem ist es gegeben, in dem innigen Zusammenleben der Familie, den harmlosen Freuoen der Natur Ersatz zu stnden für all die großen und kleinen Inter-fim und Vergnügungen, die eine Heimath in der civilifirten Welt uns bietet. Darum möchte J ich einen gutgemeinten, aufrichtigen Rath in die alte Heimath senden: es ist der Rath eines beut» scheu Lanbsmannes, der Gutes und Schlimme« in Brastlien erlebt und der die Erfahrungen ge- macht hat, die keinem Auswanderer erspart bleiben.

Wer so viel Vermögen befitzt in Deutschland, daß er davon leben kann bis an’« Ende, der bleibe dort; wer ein Amt bekleidet, das ihn ehrlich und gut ernährt bis in's Alter, der wandere nicht aus, H sonst kommt Verdruß und Heimweh. Wer aber gedrückt von Sorgen um'» tägliche Brod und gar keine Hoffnung mehr hat, für sich und seine Kin­der ein Fortkommen zu finden, der mag kommen, aber er lasse nur ja nicht sein Herz in Europa! | Hier findet er bann wohl nach einigen mühseligen, breißig angewandten Jahren eine friedliche, ange­nehme Heimath. Jedoch Welt ist es auch hier, und der Himmel nur droben. Und Mancher wäre zufrieden auf dem Erberfl. ckchen, wohin ihn der liebe Gott gestellt, wenn er beherzigte, daß

„Die Welt fchön ist überall,

Wo der Menfch nicht hinkommt mit seiner Qual."

Literarisches.

* sKilians-Festchronik.j Wie wir vernehmen, haben sich verschiedene Kräfte ans dem geistlichen und Laienstande dahin geeinigt, zur Feier des im Juli d. I. ; statlfindenden 1200jährigen St. Kilian-Jubiläums eine illustrirte Festchronik herauszugeben. Dieselbe wird im Verlage von Leo Woerl in Würzburg in 6 bis 8 Num­mern ä 24 Seiten, Lexikonformat und reich illustrirt er­scheinen. Mitarbeiter an der Festchronik sind unter An­deren die Herren: Generaloikar Kühles, Reichsarchiv­rath Dr. Schäffler, Unio.-Profeffor Dr. Henner, Domkapitular Schork, Dr. Ziegler re. Unter der Gesammtredaktionsleitung des Herrn Bibliothekars Dr. Stammin ger werden sie gewiß ein hervorragende» Inte- reffe für die geplante Festchronjk erwecken. Vielleicht dürfte auch der eine oder andere Leser in der Sage fein, der Red aktion für diese Festchronik entsprechende Notizen zur Verfügung zu stellen. Ein besonderes Augenmerk wäre hiebei zu richten auf die verschiedenen St. Kilians- kirchen, St. Kiliansreliquien, die bestehenden St. Kilians­bruderschaften, einzelne St. Kilianssagen, St. Kilianslieder und St. Kiliansbücher, besondere Feste, Andachten und Stiftungen zu seiner Ehre, St. Kiliansbilder sowohl ir Werken der Malerei, des Holzschnitte« und Metallstiches als der Skulptur aus alter, wie neuer Zeit. Solche Bei träze, die an Herrn Universitätsbibliothekar Dr. ©tanr minger in Würzburg gerichtet werden mögen, wird del Hochwürdige Klerus der Würzburger und anderer DM zeseir am besten zu liefern tm Stande sein. Jeder, auch der kleinste Beitrag wird mit Dank ausgenommen werdens

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Die katholische Familie. Gedanken und Rathschläge. Von C. Schlesinger. Trier, Paulinus-Druckereili 256 Seiten. Preis 1,60 Mark. -i

Vorliegende Schrift ist ein treffliche» Seitenstü! zu den in vielen Tausenden Exemplaren verbreitete«! beiden Schriften: „Das häusliche Glück" und „Wegweise1 zum häuslichen Glück". Sie schildert nämlich das ech katholische Familienleben, welches gerade die Quelle de häuslichen Glückes ist. Im ersten Theile wird da Familienleben in einem wahrhaft katholischen Hause bi; in's Einzelne dargestellt, im zweiten, wichtigeren Thei! auf den inneren Geist hingewiesen, welcher das katholisch Familienleben beseelen soll. Die Sprache ist edel un volksthümlich, die Ausstattung einfach und geschmackvol der Preis entsprech end billig. So ist sie zur Maffenve, Breitung höchst geeignet und namentlich als Brautgab und Hochzeitsgeschen k zu empfehlen. Auch die christliche Mültervereine seien besonders auf diese belehrende, sesselnd und zum Herzen sprechende Schrift aufmerksam gemach