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Donnerstag, den 21. März.
1889
Filldier W 3eitixg.
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MU- KkstrIImM *3MS auf die „Fuldaer Zeitung" für das am 1. April beginnende II. Quartal 1889
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* Die europäische Lage.
(Schluß.)
Noch schlimmer ist es, daß die ewigen Rüstungen die Tripelallianz, d. h. das deutsch-österreichisch-italienische Bündniß gefährden. In Oesterreich fügt man stch in die Verhältnisse, aber man erträgt fie als Last. Erst jüngst sagte ein Redner im österreichischen Abgeordnetenhaus: „Die Delegationen erklären jedes Jahr ihre hohe Befriedigung, ja manchmal ihre Begeisterung über das deutsch-österreichisch-italienische Bündniß. Und in der That muß man ja gestehen, daß dies die einzig mögliche Kombination ist, in welcher bei den unseren österreichischen Interessen zuwiderlaufen- den Jnteri ff en Rußlands und bei der Unberechenbarkeit des jedem abenteuerndenUsurpator zufallenden Frankreich eine imponirende Machtentfaltung vereint werden kann. Diese vereinte Machtentfaltung — so wird mit jedem Jahre mit großem Pathos uns erklärt — wird einzig und allein zur Erhaltung des Friedens verwendet. Das ist sehr schön, aber leider wird dieser Zweck nur auf dem Wege stets wachsender Rüstungen erreicht, so daß schließ- lich das anfängliche Verhütungsmittel ebenso verderblich ist, wie das zu verhütende Nebel. In Ungarn tobt die Wehrgesetzdebatte nun schon über zwei Monate, und noch ist kein Ende abzusehen. Es droht die ganze Regierungsmaschine
L In Krisilik«.
Aus den Briefen eines deutschen Auswanderers von I. D.
(7. Fortsetzung.)
Doch ein Freund war uns geblieben, es war jener junge Priester, der dem ungefähr eine Stunde entfernten Kloster angrhörte und die Seelsorge in der ausgebreiteten Kolonie überrommen hatte. Er besuchte uns oft, so oft er konnte, und obwohl der Empfang auch manchmal nicht sehr einladend war, und wir seine Ermahnungen und Rathschläge murrend zurückwiesen, kam er doch wieder. So sah er auch unfern Rückgang, den er übrigens längst voraus gesagt hatte.
Eines Tages suchte er mich auf meinem Acker auf; fein Besuch war mir nicht angenehm, ich hatte seine Ermahnungen satt und begrüßte ihn eben nicht sehr freundlich.
„So kann es mit Euch nicht fortgehen," bc- gann er ohne Weiteres, „an diesem Acker, an welchem Sie schon so lange arbeiten, werden Sie nicht mal die Hälfte ernten, was er zu ertragen fähig ist; es muß durchaus Rath geschafft werden."
„Daß es nicht mehr lang so forlgehen kann, weiß ich schon lang," gab ich mürrisch zur Ant
dort ins Stocken zu gerathen. In Italien geht man dem deutsch-italienischen Bündniß ohne Weiteres zu Leibe. N-ue Steuern will die Kammer, die vor den Neuwahlen steht und die Verantwortung vor den Wählern scheut, keinesfalls bewilligen. Die ganze Rechte und ein Theil der republikanischen Linken verwirft die gegenwärtige äußere Politik Italiens. „Soll stch", ruft die ,Tribuna' aus, „Italien verbluten, um die deutsche Heg entonie über Europa oder Oesterreichs Einfluß auf der Balkanhalbinsel zu begründen?"
Es ist anzunehmen, daß den greisen Kanzler diese schwierige Lage mit Besorgniß erfülle. Das Nämliche ist für uns der Fall in Folge der Vorgänge auf derBalkau-Halbiusel. Dort liegt das Pulverfaß Europas, das den Weltbrand entzünden wird; Rußland und Oesterreich ringen um die Macht auf der Balkanhalbinfel, und je nachdem der Sieg fällt, wird Deutschland in Gefahr gerathen oder befreit bleiben. Siegt Rußland, so ist der Zusammenschluß der slavischen Welt alsbald fertig und diese steht dann geschloffen der germanischen gegenüber; letztere ist dann eingeengt zwischen den romanischen und slavi- schen Völkern, einem Kampfe ausges.tzt, den ste auf die Dauer schwer bestehen wird. Die jüngsten Vorgänge auf der Balkanhalbinfel bedeuten Erfolge Rußlands. In Serbien dankte der österreich- freundliche König Milan ab, der Rußenfreund Ristitsch und die Ruffenpartei kamen ans Ruder. In Bulgarien kämpft Fürst Ferdinand um seine Existenz gegen den immer stärker sich geltend machenden russischen Einfluß. Ministerpräsident Stambulow scheint im Geheimen wieder an der Wiederherstellung der Beziehungen zwischen Bulgarien und Rußland zu arbeiten. Stambulow hat dem Fürsten Ferdinand ein Memorandum übergeben, worin er zum zeitweiligen Verlaßen des Landes, zur Neuwahl der großen Skupschtina und zur Legalisirung seiner Wahl durch dieselbe aufgefordert wird, wogegen die Verfaffer des Memorandums stch verpflichten, eine Versöhnung mit Rußland herbeizuführen. Dann wären für Rußland Thür und Thor geöffnet. Aus Rumänien kommen fortgesetzt Nachrichten über die offene Befehdung des deutschen Königs Karl. „Nieder mit dem uns der Abstammung und Religion nach fremden König", rufen rumänische Blätter aus und fordern ein Bündniß mit Rußland.
wort. „Das braucht mir Niemand zu sagen, lieber kurz oder lang gehen wir eben zu Grunde, wie Viele vor uns und nach uns in diesem elenden Lande, wohin kein ehrlicher Mensch den Fuß setzen sollte 1"
„Ja, wenn's mit Klagen geihan wäre", meinte der Geistliche mit mildern Spott, „müßten Sie längst Ihr Glück gemacht haben, aber damit geht's eben hier wie überall nicht. Und wer hier erst den Kopf hängen läßt, der ist verloren. Sie find kein Bauer und werden es hier unter diesen Ver- hältniffeu erst recht nicht, Sie müßen eine andere Beschäftigung ergreifen, sonst gehen Sie zu Grunde und Ihre Familie mit."
Und nun erklärte er mir ohne Umschweife, daß er schon so weit Über mich verfügt habe.
Meinem zornigen Aufbrausen über solch' eigenmächtige Handlung, wozu ihn Niemand, ich aber am allerwenigsten berechtigt habe, stellte er einen sehr kühlen Gleichmuth entgegen, und ohne auch nur meine Amßerungen einer Antwort würdig zu halten, erzählte er ruhig weiter, daß eine Tagereise von hier eine Lehrerstelle frei geworden fei, und er mich dafür bestimmt habe, daß ich daselbst mit meiner Familie in dem Hause eines reichen
Hinter allen diesen unerquicklichen Verhältnißen steht drohend die russisch-französische Freundschaft. Der bewoffnete Friede, welcher in Europa herrscht, die versteckte Mobilmachung, tragen so alle Keime der Katastrophe in sich auf wirthschaft« lichem, finanziellem und politischem Gebiete. Immer näher kommt die Zeit heran, wo die Saat aufgehen wird am Lebensabend des Fürsten Bismarck.
Wer aber möchte die Verantwortung übernehmen, abzurüsten und Deutschland jetzt wehr- und waffenlos hinzustellen? Schon die geographische Lage unseres Vaterlandes zwingt uns zur Rüstung. Frankreich wartet nur auf einen starken Bundesgenoßen, um über uns herzufallen und die Rheinlande, die es uns schon einmal geraubt, zum zweiten Male zu holen. Rußland bereitet stch vor, dieser BundeSgenvße zu werden, England ist in Folge seines übertriebenen Parlamentarismus und der dort miteinander ringenden sozialen Gegensätze durchaus unzuverläsfig und so bleibt uns zu unserer eigenen Sicherheit btos unser tapferes Heer und das einst so viel geschmähte und verachtete Oesterreich I Die Macht der Verhältniße, der Drang der gemeinsamen Noch hat unsere Politik wieder zu diesem einzigen natürlichen Bundesgenoffen hingeführt und wir haben alle Ursache, seine innerliche Erstarkung als die eines großen Völkerbundes zu wünschen und zu begünstigen. Zerfällt Oesterreich in Folge einseitiger deutscher ober slavischer Nationalitäts-Bestrebungen, so wird das deutsche Reich am schwersten dadurch getroffen, denn dann gravitiren die flavffchen Stämme nach Osten und wenn auch die Deutschösterreicher zum deutschen Reich fallen, so werden wir doch eingeengt zwischen Romanen und den vielen Millionen von Slaven und können auf die Dauer zwischen diesen zwei Mühlsteinen kaum unsere Selbstständigkeit als besonderen Staatskörper erhalten.
Deutsche- Reich.
Berlin, 20. März.
• Der Friedhof der Märzgefallenen von 1848 wurde an dem gestrigen Gedenktage und am Sonntage von starken Arbeitertrupps besucht. Zahlreiche Polizisten regelten den Verkehr derart, daß die Besucher den kleinen Friedhof nach einmaligen Rundgang verlaßen mußten. Eine Menge von Kränzen wurden niedergelegt. Da solche mit rothen Schleifen von der Polizei in den letzten Farmers unentgeltliche Unterkunft fände, wogegen meine Frau die Usberficht über Haus, Hof und Kinder zu übernehmen habe, da kürzlich die Frau des Hanfes gestorben und der Mann in größter Verlegenheit fei. Und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte stch der Seelforger kurz um und ging ruhig ohne Gruß von bannen.
Verblüfft fah ich ihm nach, mir wirbelte es im Kopfe. Noch war der Berger über den eigenmächtigen Eingriff in meine Hausvaterrechte nicht verflogen, aber dazwischen mischte sich ein ahnungsvolles Gefühl und eine tiefe Beschämung daß der einzige Freund, den wir hier so in unverdienter Weise gefunden, es doch so gut in seiner herben Herzlichkeit mit uns meinte. Und heller Jubel erfüllte meine Brust, als ich bedachte, diese verhaßte Umgebung, diese schwere Arbeit verlaßen zu dürfen. Ich warf die Hacke zur Seite unb eilte, so rasch als möglich diese Nachricht meiner Frau heimzubringen, und jetzt erst sah ich, wie sehr diese gelitten hatte. Sie flog jauchzend an meinen Hals, lachte und meinte zugleich, stellte tausend Fragen und machte alle möglichen Zu- kunftrpläne, jetzt, da sie wieder in eine geordnete Häuslichkeit, unter andere Menschen kommen sollte.