1889
Mittwoch, den 20. März.
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* Die europäische Lage.
Die Fürsten Europa» erschöpfen sich in gegen, fettigen Versicherungen der Friedensliebe, die Visiür aber erschöpfen sich in Kiiegsrüstungkn. Vor einem Jahre hat das Deutsche Reich seine Waffen- macht ganz bedeutend vermehrt und die Zahl der Wehrpflichtigen in einer Weise ausgedehnt, daß eine wettere Vermehrung kaum noch möglich ist Gegenwärtig find wir daran, unsere Artillerie zu vermehren und wieder die erst kürzlich angeschaffien Gewehre durch neue und bessere zu ersetzen. In Frankreich sollen allein in diesem Jahre 1000 Millionen Franks zu Rüstungszwecken verwendet werden. Dem englischen Parlament ist soeben eine Rüstungsvorlage zugegangcn, welche 2000 Mill. Mark für Heer und Marine zu Reuanschaff- ungen fordert. Jeder Berechnung entziehen fich die russischen Rüstungen,welche in großartigstem Maßstabe g-fördert werden. Oesterreich, so arm sein Volk im Ganzen ist, kann ebenfalls fich bei diesem Wettrennen nicht aurschließen. Oester- reich hat da» System der Volksbewaffnung weiter entwickelt und kann jetzt sofort eine mobile Armee von 650 000 Mann aufstellen. Es ist aber noch nicht fertig und betreibt eine neue Wehrvorlage, welche diese Macht verstärken soll. Italien weiß nicht rasch genug den Stand seiner Marine zu erhöhen. Dabei kann es bei ausreichender Be- , sctzung der Berxpäffs und Küste eine schlagfertige Armee von 600,000 Mann in.'» Feld stellen.
DUfe gewaltigen, sich fort und fort steigernden Rüstungen nöthigen über kurz oder lang zum Kriege; „selbst reiche Völker können Heererlastcn wie die heutigen nicht lange tragen", sagte be- kanntlich General-Feldmarschall Graf M oltk e im deutschen Reichstage. Thatsächlich haben die Rüstun- gen bereit» in Frankreich und Rußland andauernd die ungünstigste Finanzlage herbeigeführt. Rußland macht neue Riesenanleihen, um die alten zu konvertiren, d. h. um den hohen Zinsfuß herabzusitzen und dann die Möglichkeit für Rüstungsanleihen durch Hebung seines erschütterten Kredits zu gewinnen. In Frankreich pflegt fast jedes Jahr ein Ministerium über die Hinder- ntsie des Budgets zu stürzen. Die französische Budget-Kommission hat zwar das Gleichgewicht im Budget hergestellt, aber nur mit Hilfe eines Buchungr-ProziffeS, der lediglich eine Selbsttäu-
s In Brasilien.
Aus den Briefen eines deutschen Auswanderers von I. D.
(6. Fortsetzung.)
Aber freilich, die Zeit lehrt so Manche« ent- behren, was zu Hause unentbehrlich schien, sie lehrt un« zufrieden sein mit so wenig, daß wir e« nie für möglich gehalten hätten. Doch der Anfang ist schwer, bitterschwer, aber wer ihn erst überstanden hat, der wird von Herzen ein echter brasilianischer Kolonist, der fich auch nie wieder in die alten Verhältniffe zurücksehnt. Und dann kommt die Elfahrung dazu, diese große Lehr- Meisterin, fie lehrt un« unser eigener Meister werden. Der brafilianische Kolonist bedarf selten fremder Hände, weil fie ihm selten zur Verfügung stehen. Die Handwerker find im Innern de« Lande- rar, Jeder sucht fich so bald al» möglich sein eigene», freie» Anwesen zu erwerben und betreibt sein etwaige» Handwerk nur in seinen freien Stunden, und die find selten. Er bebaut fein Feld, bepflanzt seine Gärten, legt selbst seine Weinberge an, macht seinen Wald urbar, verarbeitet sein Holz und baut sein Hau», zrmmert selbst seine Möbel und richtet fich ein, so gut er kann, nach Geschmack und Geschick.
DerrtscheS Reich.
Berlin, 19. März.
• Die jetzt in Kraft getretene deutsche Wehrordnung vom 22. November 1888 hat in Bezug auf die Wehrpflicht der Theologen keine Aenderung herbeigeführt. Das Reichs-Militär« gesctz vom 2. Mai 1874 hob die Befreiung der Theologen von der Militärpflicht auf, und durch das Reichsgesetz vom 11. Februar 1888 ist nur die Möglichkeit eingeräumt worden, dieselben durch die Ersatzbehörden dritter Instanz zur Ersatz- Reserve zu überweisen, womit aber auch die aktwe Militärpflicht verbunden ist. Selbst diese Er- leichtcrung ist für die jungen Priester bisher nicht oder in nennenswerthem Umfange wenigstens nicht zur Thatfache geworden. Nur die wegen Schwäche zur Ecfatz-Rcferve überwiesenen Geistlichen sollen nach dem zuletzt erwähnten Reichs- gesitz später zu Uebungen nicht herangezogen werden. Die gänzliche Befreiung der jungen Geistlichen vom Militärdienst wird jetzt um so nothwendigcr, weil au» allen Diözesen Klagen laut werden über den großen M a n g e l an jungen Priestern. Durch den Kulturkampf find überall Lücken eingetreten, und viele Gemeinden haben keinen eigenen Geistlichen mehr. In manchen Pfarreien bedürfen die alten Pfarrer dringend der Hülfe, und alle derfallfigen Bemühungen konnten keinen Erfolg haben, weil es allgemein an jungen Geistlichen fehlt.
♦ An Stelle der verbotenen .Volkszeitung erschien heute ein Annoncenblatt unter dem Titel Arbeit."
• Der Reichstagsabgeordnete Munckel und der Rechtsanwalt Caffel haben im Auftrage der Aktien- gesellschaft „Volkszeitung" die Beschwerdeschrist wegen der Unterdrückung der Berliner Volkrztg.' bei der auf Grund des Sozialisten- aesttzes eingesetzten ReichStagrkommisston eingereicht. Der Angabe, daß die Deutschfreistnnigen die Unterdrückung der .Volkrztg.' zum Gegenstände einer Interpellation machen wollten, wird widersprochen.
• E» wird angenommen, daß Kriegs mmister Bronsart von Schellendorf nach Abschluß des Nachtragsetats zurücktritt. Al» Ria Nachfolger wird der Gouverneur von Straßburg Generat Verdy du Vernoi« genannt.
♦ Ein Stelegramm au» Washington erlärt es gestehen, daß gerade die Lebensweise der alt etn- gewanderten Kolonisten viel einfacher und anfpruchs« loser ist, als bei den neu zugewanderten. Die Ursache kann man darin suchen, daß jene bereits vor 20—30 Jahren au»wanderten, tn einer Zeit, da auch bei uns in Europa der Bauernstand viel einfacher lebte und nicht die großen Ansprüche aufzuweifen hatte, wie fie jetzt selbst der kleinste Bauer mit herüber bringt. Und da de. hiesige Kolonist nur auf fich selbst angewiesen ist und mit der Außenwelt selten in Berührung kommt, erhalten fich die Sitten und Gewohnheiten meist in alther- gebrachter Weise ohne anderen Emfiuß, und deß- halb macht fich auch zwischen «rlten und neuen Kolonien dieser große Unterschied bemerkbar.
Unsere Kolonie war schon vor 30 Jahren gc gründet, wir paßten nicht mehr in du en Rahmen und fühlten uns namenlos unglücklich in dem neuen Verhältniß. Wir beachteten in einer Art giofi nicht das derbe, aber gut gemeinte Entgegenkommen unserer Nachbarn, wir schloffen un» vielmehr ganz ab von dem Kreise der übrigen Krno- nisten, da wir Alle«, war fie un» Gute« thatm, wie grobe, ungehobelte Zudringlichkeit ansahen. Da war t« denn ganz natürlich, daß wir dato hilf- und freundlor dastanden, ftemder al» wir ge
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schung ist. Oesterreich muß seine sonstigen Slaat»au»gaben auf alle mögliche Weise beschränken, um Geldmittel für Kriegszwecke aufzubringen. Das Land ist mit Steuern überlastet und kann stärker nicht mehr herangezogen werden. Da« österreichische Budget laborirt jede« Jahr am Defizit, in diesem Jahre ist zum ersten Male ein Keiner Ueberschuß vorhanden, aber Freude erregt derselbe nicht, denn die Heeres« »«gaben laffen eine solche nicht auskommen. Hier ist die offene Wunde, aus welcher da» mit Mühe und Roth den Steuer- zahlern abgezapfte Blut unausgesetzt hervorströmt. Geradezu trostlos steht es in Italien aus. Jta- lien hat soeben eine heftige Ministerkrist» durch- gemacht, die ihren wesentlichen Grund in den B> dürfniffen für Militärzwecke hat. Von 1862 bis 1870 wirthschaftete Italien mit einem vurchschnitt- lichen jährlichen Defizit von 334 Millionen. Von 1871—1875 wurde da« Defizit durch alle möglichen Finanzkünste so weit herabgemindert, daß von 1876-1881 regelmäßige Scheinüberschüsse verzeichnet wurden. Bon da ab ging e» wieder rapide abwärts. Die Steuern stiegen von 1877 bis 1887 um 270 Millionen, die Ausgaben um 415 Mill., d. h, um fast 36 pCt. der Gefammt- ziffer des italienischen Budgets. Dieser Nothstand ist wesentlich verursacht durch die erhöhten Kriegs- ^-dürfniffe. Erst vor Kurzem haben die Kammern
oer 150 Millionen für militärische Zwecke bc- willigt. Um fich zu helfen, hatte der italienische Finanzminister Perozzi zunächst die Auflösung der Penstonskestr und die Ueberweisung des 240 Mil- lionen betragenden Kapitals derselben an den Staatsschatz verlangt. Dann sollten die jüngst bewilligten militärischen Ausgaben durch Verschiebung einiger Maßregeln um 20 Millionen vermindert und weitere Ersparungen im Budget um 12 Millionen herbeigeführt werden. Dennoch blieben 53 Millionen Defizit übrig. Neben der Zwangsanleihe beim Pensionrfonds sollte der Salzprei« von 35 auf 40 Centefimi erhöht und ein sogen. Kriegr- zehntel zur Grundsteuer wieder eingeführt werden. Dabei liegt der wichtige Handel mit Frankreich schwer darnieder, der Ackerbau befindet sich in einer trostlosen Sage. Wir sehen also hier bereits das Bild eine» mit verschleiertem Bankerott arbei- tengen Staatswesen,. Da» Wort Moltke's ist hier schon Thatsache.
(Schluß folgt.)
Am besten und schnellsten gewöhnt fich hier der Auswanderer, der, ein kleine» Kapital in der Hand, mit wenig Ansprüchen und vielen eigenen Händen ankommt, d. h. eine gute Kinderschaar mitbiingt. Die Kinder gewöhnen fich hier ungemein rasch ein; früh an die Arbeit gewöhnt, greifen sie fleißig an, und mit eigenen Kräften arbeitend, steht fich der Hausvater meist schon nach wenig Jahren von einem ansehnlichen Wohlstand umgeben. An Esten und Trinken fehlt e» ja nie, hier deckt die Natur immer vollen, reichen Tlfch Jedem, wer da kommt und ißt.
Aber das Alles sahen wir bei unserer Ankunft nicht. In guten Verhältnissen daheim erzogen, von Kindheit an umgeben von ziemlichem Reichthum und Luxus, der jetzt auch selbst auf dem Lande in sehr bedenklicher Weise um fich gegriffen hat, entbehrten wir nun doppelt und dreisach all die hundert Kleinigkeiten, die uns meist im Leden so unentbehrlich find und hier geradezu al« Luxus gelten. Uns schien das reiche schöne Land eine Wüste, unsere Hütte ein Gefängmß, die Leute lauter Barbaren. Wir konnten nicht begreifen, wie Menschen, ans Europa stammend, in diesen Zuständen leben, wie fie sich glücklich fühlen, wie fie zufrieden sein konnten. Ich muß nun auch wirklich