jV 65 Dienstag, den 19. März.
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1889
«nie Iftaer «eituna' erscheint täalich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abomiementspreis ohne Brmgerlohn und Bestellgeld D'e '^ld°°r ^^1°g^.ey^^beilage",Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
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□ Arbeiterfrage u. Arbeiterpresse.
Die brennendste aller Tagesfragen ist die Arbeiterfrage und nicht mit Unrecht befürchtet man durch ihr Vorhandensein den endlichen Zusammenbruch unserer sozialen Verhältnisse. Eine soziale Frage hat es immer gegeben und ste wird nicht aufhören, die Gemüther zu beuneuhigen, so lange Menschen auf der Welt leben. Daß ste aber heute einen so gefahrdrohenden Umfang besitzt, das haben wir dem Geiste de« neunzehnten Jahr- Hunderts zu verdanken. Dieser hat die Freiheit versprochen, aber das gerade Gegentheil gebracht; er hat dem Arbeiterstande Berge von Gold verheißen, und wo find ste geblieben?
Mehr denn je hat der Arbeiter Ursache, fich über das moderne Ausbeutungsspstem zu beklagen. Sonntagsarbeit, Frauen- und Kinderarbeit, Hungerlöhne in Verbindung mit unverhältnißmäßiger Ausdehnung der Arbeitszeit u. s. w. — das stnd ungefähr die Hauptübel, an denen die Gegenwart krankt.
Der Bekämpfung dieser Krebsschäden, die an dem Marke des Staatswesens zehren, steht man jedoch vielfach völlig theilnahmslos gegenüber, obwohl man sich nicht verhehlen kann, daß ihre Beseitigung das Glück der Völker begründen würde. Man hat zwar den Anfang gemacht, durch eine
L I« Krasilik«.
Aus den Briefen eines deutschen Auswanderers von I. D. (5. Fortsetzung.)
So waren wir schon wieder drei Tage unterwegs, hallen bald bestsre, bald schlechtere Wege angetroffen, als am vierten, e« mochte Nachmittags gegen 4 Uhr sein, unser Führer erklärte, in einer Stunde am Ziele zu sein. Wie hämmerte es da ungestüm unter dem grauen, schmutzigen R Mittel, wie suchten unsere Blicke in dem der Anderen die Gedanken, die Eindrücke, vor Allem aber eine Aufmunterung zu lesen I — Wir hatten schon genug gesehen auf unserer Reise, um UNS ein ungefähres Bild des zukünftigen Heimes zu machen; manche Enttäuschung war uns geworden, ein Gefühl, da« wir uns aber gegenseitig ängstlich verbargen. Und dennoch sahen wir es einander an, wenn wir auch kein Wort darüber wechselten, wir wußten ji nur zu gut, wie unsere Hoffnungen, ach, so winzig klein geworden waren. Und doch, jetzt so nahe am Ziel, überkam'« mich noch einmal wie frischer Muth. Tausend Gedanken stürmten auf mich ein: Vielleicht war dort doch noch Alle« bester, als wir es bis j tzt gesehen; waren doch die Briefe, welche ich von Europa aus
friedlichen Lösung entgegenzuführen. Freilich stnd die hierbei angewandten Mittel verschieden und oft derartig, daß ste nicht einmal immer ohne weiteres empfohlen werden können. So ist es mindestens sehr bedenklich, den Arleiterstand finanziell durch schrankenlose Zulassung der Sonntagrarbeit heben zu wollen. Bekanntlich ist der deutsche Bunderrach der Anstcht, daß die völlige Sonntagsheiligung den Ruin de« Arbeiters und der Industrie im Gefolge habe. Die Haltlosigkeit dieser einseitigen Auffassung zu beweisen, ist überflüssig und auch nicht Zweck dieser Zeilen, die nur dar- legen sollen, datz der Mangel an der Bethättgung des praktischen Christenthums Schuld ist, wenn wir bei Beseitigung der sozialen Mißstände bisher so wenig erzielt haben. Daß es so und nicht anders ist, finden wir im öffentlichen Leben täglich. Unglaube und Sittenlosigkeit finden wir in den hohen und niederen Kreisen. Vom Lehrstuhle der Hochschule herab wird der Unglaube gepredigt und wir finden ihn wieder wie in allen Schichten de» Volkes, so besonder» in der Sozialdemokratie der Arbeiterklaffe. Zahllose Schriften, Zeitungen, Broschüren und Bücher tragen die verderbliche Saat der modernen Profeflorenweisheit in da» Herz de» Volke», wo sie, genährt durch ungünstige Verhältniffe, nur allzurasch aufgeht und Früchte zeitigt, gegen die sich „Pulver und Blei" unserer Millionen Soldaten völlig machtlos zeigen werden. Dem Ausnahmegesetze im Deutschen Reiche ist e» wohl scheinbar gelungen, die sozialistische Preffe zu unterdrücken, ob aber damit ein wirklicher Vortheilerzielt ist, ist eine andere Frage. Man hat noch nicht gehört, daß die Sozialdemokratie etwa geringer geworden wäre. Das Gegentheil ist der Fall, denn die versuchte gewaltsame Unterdrückung bot ein wirksames, weil geschickt angewandtes Agitationsmittel. Die Arbeiterpreffe ist für die Behandlung der sozialen Frage von unberechenbarer Wichtigkeit. Damtt soll aber nicht etwa gesagt sein, daß wir gerade einer sozialistischen Arbeiterpreffe das Wort reden. Es ist der Versuch gemacht worden, den sozialistischen Arbeiterblättern ein christliches Arbeiterorgan gegenüberzustellen und dieser Versuch darf als gelungen angesehen werden, nachdem selbst Se. Heiligkeit Papst Leo XIII., eine große Anzahl hoher Kirchenfürsten wie her» vorragende katholische Politiker, ihre Genugthuung über das Unternehmen ausgedrückt haben. Der itt
konnte, schlug er die Zweige zurück, und ich sah jetzt drunten im Thale, auf dem bereit« leichte Abendschatten lagerten, meine neue Hrimath vor mir liegen. Während ich noch wortlos hinunterblickte, betrat meine Frau die Laube, sie sprach nicht», ihre roihgewemten Augen sagten genug. Einen Blick nur warf sie hinunter in'» Thal, dann lehnte sie sich leise an meine Brust und weinte bitterlich. Ich ließ sie aurweinen. Was sollte ich ihr auch sagen? Lange genug hatte ste fich tapfer gehalten, all' die Strapazen und Mühen ohne Klagen und Murren ertragen, jetzt durfte ste ja rod» nm, jetzt, da wir am Ziele waren.
Wir sprachen wmig, als wir in Begleitung de» jungen Priester», der es fich nicht nehmen ließ, uns in unser Heim zu geleiten, den Berg hinabwanderten, der Hrimath zu. Sie lag schön, die neue Heimath, in einem lang gestreckten, wohl bebauten Thale, von zwei Seiten umgeben von mächtigem Urwald, während die dritte den offenen, mit Weinreben bepflanzten Hügel bildete, auf dem wir hinunter gingen. Aber je weiter wir kamen, je enger ward'« mir um die Brust, mich schmerzten die Augen säst von dem angestrengten Ausschauen nach — einer Hütte, die deffer und größer hätte sein müffen, als die anderen, nach
soziale Gesetzgebung dem größten Elend zu steuern, aber damit ist noch wenig geholfen. Erst eine ausreichende Arbeiterschutzgesetzgebung, die in das Völkerrecht übergeht, kann den G flbaum entwurzeln, der seine Aeste über die ganze Erde streckt und in dessen Hauche die Nationen zu Grunde gehen müffen!
Freilich, zu einer solchen gehört mehr al« einige Gesetze und ein paar Millionen. Der gesetzliche Arbeiterschutz erfordert außer dem guten Willen auch eine gewisse Selbstverleugnung, die bewirken muß, daß das eigene Interesse nicht über das des Nebenmsnschen gestellt werde. Solch' edler Denk- ungswetse ist freilich der vom Atheismus groß- gezogene Materialismus unserer Tage nicht fähig; er kennt nicht das hehre Gebot der Liebe, welches versöhnend zwischen die Standesunterschtede tritt. Welch' andere Macht als das Christenthum zählt auch „die Bedrückung der Armen, Wittwen und Waisen" unter die Verbrechen? Ohne Christenthum gibt es schon aus Gründen der Glei lberech« tigung Aller keine Autorität, der hierzu die Gewalt innewohnte, denn ihr würde sofort das berechnende: „Jeder ist fich selbst der Nächste" entgegengestellt werden.
Man schafft aus purer Menschlichkeit Schutzgesetze für vernunftlose Wesen; man kehre zum Christenthume zurück und schütze auch den Arbeiter!
Der Arbeiterstand ist der wichtigste eines Volkes; er ist ziffermäßig der weitaus stärkste und folglich derjenige, der im Verhältniß die meisten Steuern zahlt. Der Arbeiterstand liefert die gewaltigen Heere und er ist es, auf den fich die achtunggebietende Stellung unserer Industrie, der Weltruf unsere« Handels gründet. Der Arbeiterstand hat ein Recht, sdnen Schutz zu fordern, denn auf ihm beruht das gesammts Staatsleben und wohl dem Gebäude, dessen Grundpfeiler man sichert und schützt gegen verderbenbringende Ein* fUifc!
Die Arbeiterfrage ist in erster Linie eine prak- tische Frage, zu deren Lösung praktische Mittel erforderlich stnd. Salbungsvolle Reden und hoch» studirte Zeitungsarttkel, so gut ste gemeint sein mögen, helfen wenig, wenn fie nicht in die Thal überß tzt werden.
Als eines der wenigen erfreulichen Merkmale unserer Zeit kann da» allseittge Bestreben ange- sehen werden, die Arbeiterfrage einer glücklichen, mit einem der Kolonisten gewechselt, recht gut geschrieben für einen Landmann, dann sanden wir noch alte Bekannte vielleicht waren die Verhältnisse besser, die Kolonie entwickelter, vielleicht stellten wir UNS Alle» schlimmer vor — vielleicht, ja vielleicht! —
Eben wollte ich meinen Gedanken fröhlichen Ausdruck geben, da fi-l ein hdßer Tropfen auf meine Hand, ich sah, wie meine Frau fich verstohlen mit der Hand über die Augen fuhr, und ich schwieg. Langsam und träge verging jetzt die Stunde, ich war dem Wagen um eine Strecke voraus geeilt, um den kleinen Hügel zu erreichen, von dem man einen Theil der Kolonie überblicken konnte. Athem- los kletterte ich hinauf. Droben stand eine Gruppe freundlicher Obstbäume, die eine natürliche Laube bildeten, und eine fleißige Hand hatte im Schatten derselben eine kleine Bank gezimmert und einige Blumengewächse in finniger Weise davor geordnet. Dieser Anblick that mir wohl. Eben wollte ich das dichte Blättergehäuse auseinander biegen, als mich eine tiefe melodische Stimme aufschreckte: „Willkommen, Herr Nachbar, in der neuen Hei- math!" erklang es hinter mir, und eine große Gestalt in dunklem Ocdensgewande bot mir freund- lich die Hand, und noch ehe ich etwas erwidern