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M 63 Samstag, den 16. März. 1889

Fnldacr W Jeitxig.

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Zweites Blatt.

Bier.

Bier ist ein gutes, beliebtes Getränk, je bester, je lieber, und darum hat es seinen Weg bereits über den ganzen Erdkreis gemacht. Der Neger in Kamerun verschmäht bereits ebenso sein altes Heimathsgcbräu aus vegetabilischen und animalen Stoffen, wie der Cherokese in Amerika un der europasüchtige Japanese, wie der schlitzäugige Sohn des Himmels vergesten die dampfende Theeschale, um das braune Getränk der Europäer», Bier ge­nannt, einer näheren Probe zu unterwerfen. In der That, Bier wird in aller Welt getrunken, blond in Berlin, dunkelbraun im Vaterland, bitter und stark auf der Insel Albion, süß und ver­schiedentlich duftend im Lande der Bataver. Da» Getränk ist einer der größten Handelsartikel im Lande daheim wie auch weit nach außen geworden und darum wohl werth, eine kurze Berücksichtigung in diesen Blättern zu finden. Hebet, den Ursprung diese» Wortes „Bier" ist schon mancher Streit geführt worden, was uns ja j tzt nicht gar zu sehr aufregen wird, denn cs kommt nicht darauf an, wie die Kuh heißt, wenn ste nur gute Milch gibt. Die einen leiten das Wort von dem keltischen Wort bere (Gerste) ab, die anderen vom lateini­schen bibere (trinken). Das Wort Bier findet sich in allen germanischen Sprachen. In Frankreich ist daraus biere, in Italien birra gewo den und hat diese Bezeichnung das romanische cervoise, das noch in Languedoc vor kommt, und das italienische cervogia verdrängt, welche beiden Ausdrücke, wie das spanische cerveza, aus dem lateinischen cere- visia entstanden find, womit Plinius ein Malz­getränk bezeichnet und welches dem keltischen ent­nommen sein soll. Die angelsächsische Bezeichnung war bior, die normännische ber oder hier; später mußte die ursprüngliche Bezeichnung des Biers dem Namen Ale weichen, bis sie bei Aufkommen des gehopften Biere» wieder Aufnahme fand. In Skandinavien ist öl die einzige Bezeichnung für Bier. Von der ursprünglichen Bereitung-weise de» Bier» ist man erst in den letzten Jahrzehnten ab­gekommen, und e» hat sich eine auf wissenschaft­liche Forschung begründete Bierindusiie Bahn ge­brochen, welche, wie gesagt, eine Welteroberung vollbracht hat.

Der edle Trank wird bekanntlich au« Hopfen und Malz hergestellt, weßhalb man auch von einem nichtswürdigen Menschen sagt: „An dem ist Hopfen und Malz verloren." Weitere Bestandtheile de» Bieres find Alkohol, Zucker, Gummi, Klebstoff und — viel Master. Während das englische Ale neun Prozent Alkohol enthält, kommen in unseren guten Braunbieren durchweg noch nicht einmal drei Prozent vor, und ist somit weniger der Gehalt an Alkohol, der die berauschenden Eigenschaften de« Bieres bedingt, 6r8 der Gehalt an narkotischen Stoffen der Hopfens, und die berauschende Wirk- kung tritt besonders bei den nur zu häufigen Ver­fälschungen mit Belladonna, Glycerin, Kockelr- körnern, Herbstzeitlose rc. hervor.

Da« von zahlreichen Dichtern besungene Bier verhält sich nun zum Wein wie ein behäbiger Spießbürger zum Eoelmann, während der Schnopr im Vergleich zum Biere ein nichtswürdiger Gaffsn- junge ist. Sollte c« möglich sein, durch billige Bieip:eise den Branntwein zu verdrängen, so würde das Bier eine Kulturn.isfion erfüllen, deren Werth nicht zu unterschätzen sei. Ob Braun- oder Weißbier, ob einfaches oder doppeltes Bier, Sch.nk- oder Lagerbier, Faß- oder Flaschenbier, — ganz egal, jede Sorte ist bester und der Gesundheit dienlicher, al» der feinste Schnaps. Die Bereitung

des Bieres war schon in den ältesten Zeiten be­kannt, denn Heredot und Xenophon erzählen davon, und wir dürfen kühn annehmen, daß die egyptischen Baumeister, welche die Pyramiden aufführten, ihren Durst mit Bier löschten. Die Egppter kannten bereits ein von den Griechen aus gemalzer Gerste bereitetes Getränk, welches „Zythor" hieß; ebenso war es bei den alten Iberern in Spanien ein allgemein verbreitetes Genußmittel, und die im alten Thrazien, Illyrien und Panonien wohnen­den Völker waren Liebhaber eines aus Gerste be­reiteten Trankes. In den unteren Klaffen der Kelten war es Volksgetränk; die Griechen hatten ein Gersten- und ein Weizenbier, und das National­getränk der alten Deutschen war schon zu den Zetten de» Tacitu» da» Gerstenbier, da« ste au« Ochsen­hörnern tranken, wenn sie an beiden Ufern de» Rheines auf Bärenhäuten lagen. Im 9. Jahr­hundert begann man bereit« den Hopfen zu ver­wenden, doch war dies anfangs strenge untersagt, bis der Gebrauch im 15. Jahrhundert ein allge­meiner wurde. Die besten Biere lieferten im Mittel- alter die Klöster, die auch zuerst zwischen einfachem uud Doppelbier unterschieden. Dem Bier verdanken Millionen ihre Existenz und ihren Lebensunterhalt, denn Bierhäuser, Bierfäffer, Bierflaschen und Gläser wollen gemacht sein, zum Trinken will man effen und rauchen und — ohne Bier gäbe es nicht ein­mal Bierwirths. Der edle Trank gehört zu den­jenigen Dingen im Leben, welche uns für Geld wenigstens etwas Reelles abwerfen; man gibt so viel Geld aus für Sachen, von denen man eigent­lich nichts hat, — aber das Bier, das man tcinkt, das hat man doch im Leibe. — Von der Zu­bereitung des Bieres, dem Brauen, Kochen, Gähren rc. will ich nicht« sagen, denn da» giht die Fachleute an und sind „Geschäftsgeheimnisse"; dagegen möchte ich mich über die Person, welche mit dem Brauerei-Gewerbe fälschlich identifizirt wird, und die in unzähligen Aushängeschildern üb.r den Bierschenken, mit dem schäumenden Glase Bier in ber Hand prangt, über den angeblichen Gambrinu» etwas näher verbreiten.

Im Laufe der Zeit haben sich an diesen Namen die tollsten Vermuthungen geknüpft und der Braun­schweiger Profeffor O. behauptet sogar, Gambri« nu» habe 1200 vor Christus gelebt; er ist aber vorsichtig genug, nicht zu verrathen, in welcher Stadt und Gegend. Andere [offen ihn, wohl durch den ähnlich klingenden Namen verleitet, in Cam- bray das Licht der Wrlt erblrcksn; wieder andere begnügen sich damit, ihn schlechtweg ein sagenhaf­ten König von Flandern und Brabant zu nennen, was unverkennbar nur eine Folge der Widmung ist, welche sich gewöhnlich unter seinen Abbildungen vorfindet, nämlich:

„Gambrinus bin ich genannt, König von Flandern und Brabant, Hab' aus Gersten Malz gemacht Und das Bierbrauen erdacht."

Daß derselbe mit Flandern und Brabant ver­wachsen war, ist eine feststehende Thatsache, jedoch war er nicht, wie die Widmung besagt, König von Brabant, sondern nur Herzog, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil Flandern und Bra­bant bis da hin niemals Könige, sondern H rzoze hatte. Ebenso hat derselbe nie in direkter B zieh- ung zum Brauereigewerbe gestanden, am allcr- wenigsten ist derselbe, wie es in der angeführten Widmung weiter heißt, der Elfinder des Bieres gewesen, indem diese» schon 2000 Jahre vor des­sen Geburt, bei den Egyptern und allen Kultur­völkern de» Alterthumr wehr oder minder bekannt war. — Der unter dem Namen „Gambrinus" vielfach bekannte Bierkönig ist nämlich — wie uns dieses Coremans bi» zur Evidenz bewiesen­

hat — kein anderer, al« der im Jahre 1251 in Flandern geborene Sohn de« Herzog» Heinrich III. von Brabant, nämlich Johann I., den wir da» ganze Mittelalter hindurch, wo die lateinische Sprache vorherrschend die Schriftsprache war, al» Jan primus, Herzog von Brabant, kennen lernen.

Herzog Johann, oder Jan primus war in sei­nem Lande ebenso geliebt, wie durch seine Ritter­lichkeit und seinen persönlichen Muth allgemein berühmt und gefürchtet. Er war Sieger in 70 Touren, und diesen in Lied und Wort gefeierten ritterlichen Fürsten, den Helden de» Tage», bat die Brauergilde zu Brüffel im Jahre 1290, da» Protektorat über die Gewerbe zu übernehmen. Der Herzog wie» die» Gesuch nicht zurück und darauf ließ die Gilde sein Bild mit dem schäumenden Glase Bier in der Hand, al» ein Zeichen de» über­nommenen Protektorate», jedoch mit dem Schwerte umgürtet, der Krone auf dem Haupte und der Unterschrift Jan primus (Johann der Erste) in ihrem Zunftsaale aushängen. Allmählich betrach­teten die Brauergilden der übrigen belgischen Städte diese» Protektorat al» ein gemeinsame», und so finden wir denn auch in den einzelnen Städten verschiedene Darstellungen. Bald begeg­nen wir dem Jan primus im Harnisch, bald im Reitkoller, bald im mittelalterlichen Gala-Kostüme, jedoch immer mit dem Schwerte umgürtet, die Krone auf dem Haupte und da» schäumende Gla» Bier in der Hand.

Al» nun im Laufe der Zeit da» Lateinische mehr in den Hintergrund gedrängt wurde und da» Verständniß dafür im Volke mehr oder minder verloren ging, entstand allmählig au» Jan primus der sehr nahe liegende Namen Gambrinu« — der nichts weiter als eine Verstümmelung ist. Wir haben es aber nicht mit einem halb betrunkenen Bierbacchus, sondern mit einem hoch geachteten und in der Geschichte hervorragendem Krieger und Fürsten zu thun, und er dürfte sich empfehlen, daß die Schildermaler und Gypsfiguren-Fabrikan- ten hierauf gebührende Rücksicht nahmen.

Vermischtes.

* Stewart oder Stuart? Aus London wird geschrieben: „Anläßlich der jüngst an dieser Stelle be­sprochenen Ausstellung von Stuart-Reliquien taucht wiederum die Frage über die richtige Schreibweise des Namens auf. Vielleicht ist es nicht allgemein bekannt, daß bis zur Zeit Maria Stuart's der Name stets Stewart buchstabirt wurde. Der Name ist nämlich von dem Posten eines High Steward von Schottland genommen. Die un­glückliche Königin aber hatte am französischen Hofe die Gewohnheit adoptirt, Stewart zu französtren und schrieb deßhalb Stuart. Ein Jahrhundert später nach der Revo­lution des Jahres 1688 hatten die Nachkommen des schot­tischen Königshauses so lange in Frankreich gelebt, daß ste sämmtlich die französische Schreibweise annahmen, welche denn auch seitdem üblich geworden sind. (Stewart be­deutet im englischen einen Verwalter. Auf Schiffen heißt der Proviantmeister und Restaurateur so. Die Vorfahren der Königsfamilie Stuart waren somit ehemals schottische Hofbeamte, welche die Vermögensverwaltung oder Küche und Keller unter sich hatten.)

Literarisches.

Die „Geschichtslügen". Eine Widerlegung landläufiger Entstellungen auf dem Gebiete der Geschichte, mit beson­derer Berücksichtigung der Kirchengeschichte (Paderborn, Ferdinand Schöningh, 636 Seiten, Preis 4 M. 50 Pf.) erscheinen hiermit in achter Auflage (1884 erschien die erste), ein Beweis für den großen Beifall, welchen sie bis jetzt gefunden haben. Wollten wir ihre Vorzüge hier darlegen, so hieße das Eulen nach Athen tragen, da sie wohl Vielen genugsam bekannt sind und nicht nur als interessante und nützliche Lektüre, sondern auch alS sehr brauchbares Nachschlagebuch benutzt werden. Das Buch ist für jeden gebildeten Katholiken zur Befestigung im Glauben und zur Belehrung über die Unhaltbarkeit der erhobenen Jrrthümer dringend zu empfehlen und dasselbe sei allen denen, welche es noch nicht ihrer Bib­liothek einverleibt haben, hiermit in Erinnerung gebracht. Kein anderes Buch verdient eine größere Verbreitung wie Geschichtslügen".