1889
Samstag, den 16. März.
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Erstes Blatt.
* Die „Parität" in Preußen.
Immer „paritätischer" wird e« in Preußen. Dieser Gedanke drängte sich am 13. ds. wieder jedem Katholiken im Abgcordnetenhause auf. In zwei Dingen trat diese „Parität" zu Tage. Einmal in dem Versuch, neue fiskalische (königliche) Kirchen-Patronate, bet denen die Protestanten wahrscheinlich sehr gut gefahren wären, durch eine Hinterthür wieder einzuführen, dann aber auch um die Staatszuschüffe zu den Gehältern der Geistlichen beider Konfessionen.
Was den Patronatsplan angeht, so bestimmt Art. 17 der Verfassung, daß über die Bedingungen, unter denen da« Kircherpatronat aufgehoben werden könne, ein besonderes Gesetz ergehen werde. Die Verfaffung nahm also die Abschaffung der jetzigen Patronate in Aussicht, und zwar mit Recht. Die Patronate entstanden meist zu einer Zeit, wo der Patron demselben Glau- bensbckenntniß angehörte, sie find aber eine Anomalie (Regelwidrigkeit) in der gegenwärtigen Zeit. Oder wer fände e» in Ordnung, daß ein Protestant oder Jude Patron einer katholischen Kirche sei, oder umgekehrt? Auch da« Abgeordnetenhaus beschloß, daß Staatszuschüsse für Kirchenbauten auf Grund der Patronate nur bewilligt werden könnten, wenn die Patrone vor dem 1. Januar 1873 herdatirteu. Die Absicht dabei war, der Willkür bei Patronats-Errichtungen in Zukunft einen Riegel vorzuschieben.
Run aber kennt man die Klage Stöcker'« und seinerGestnnungsgenoflen über die Kirchennoth in Berlin, obwohl gerade die reichen Protestanten der Hauptstadt ihren Bedüifniffen mit Leichtigkeit genügen könnten, und obwohl roch die vorhandenen protestantischen Kirchen vielfach leer stehen. Stöcker wünscht die Erbauung von 20 neuen protestantischen Kirchen in Berlin wenn möglich auf Staatskosten und der im Etat enthaltenen Vermerke, daß Gelder für Kirchenzwecke aus dem Kap. 124 auch für Kirchenbauten genommen werden könnten, „wenn sie im Etat bereit gestellt werden". Damit wäre aber der Bewilligung de« Kultusminister« freie Hand gegeben worden und bei dem Geschrei Stöcker'« über die Berliner Ktrchennoth wäre sicher für ihn etwas abgefallen. Ob auch in gleicher Weife kath. Patronatslasten übernommen werden würden, da« wurde von Dr. Windthorst mit Recht bezweifelt.
e In Stefilitn.
Lus den Briefen eine« deutschen Auswanderers von I. D.
(3. Fortsetzung.)
Wie Manchem aber auch hat Brasilien da» tiefste Weh gebracht, wie manch' stelze Hoffnung liegt hier begraben, und wie manch' wackeres Blut ist hier fchon untergegangen in bitterstem Elend, die Stunde vei fluchend, in welcher der Entschluß gereift, die» Land der Hoffnungen und Wünsche aufzusuchen! E« ist schon viel Wahre» und viel Unwahre» über Brasilien und seine Kolonien geschrieben worden, ich will versuchen, ein kurze», aber getreues Bild meiner eigenen Erlebniffe wiederzugeben, von der Stunde an, da ich, em armer, heimathloser Einwanderer, den Boden der neuen Heimath betrat, bt« jetzt, da ich ein gesicherte« Heim mein eigen nenne.
Müde der langen Reise und de« unordentlichen Leben«, die solch' beschwerliche Fahrt mit sich bringt, war t« unser sehnlichster Wunsch, sobald al« möglich unser Ziel zu erreichen. Aber von Homburger Berg an, nicht weit von Porto Allegre hörten die Eisenbahnverbindungen für uns auf
Daher, wie aus Verfaffung«- und grundsätzlichen Bedenken erklärte sich der Führer de« Centrum« entschieden gegen die Zulaffung neuer Patronate, erreichte jedoch nur eine Zurückweisung der Sache an die Budget-Kommission.
Roch greller trat da«, was die Kartellbrüder unter „Parität" verstehen, zu Tage bet den Be- schlöffen über die Zuschüsse zum Gehalte der Geistlichen. Es wurde von der Regierung gefordert, daß 5,500,000 Mark an Zuschüssen für Gehälter der Geistlichen geleistet werden sollten. Die Zuschüsse sollten das Gehalt der Protestant. Prediger auf 2400 Mk. erhöhen, für katholrsche Geistliche auf 1800 Mk. Neu sollte dadurch ge- leistet werden, daß die protestantischen Prediger von 2400 Mk. ab alle 5 Jahre um 300 Mark steigen bt« 3600 Mk., die katholischen Pfarrer sollten aber erst nach 15 Jahren von 1800 Mk. ab alle 5 Jahre um 200 Mk. steigen bt« zum Maximum von 2400 Mk. Da« Endgehalt de» katholischen Pfarrers sollte also gleich sein dem Anfangs-Gehalte des protestantischen Predigers, obwohl Letztere viel eher ein Pfarramt erhalten wie kathol. Geistliche. Der Centrumsantrag v. Huene dagegen wollte den protestantischen Predigern dafür sie Geforderte auch bewilligen. Dagegen sollten auch die katholischen Pfarrer von der niedrigen Summe 1800 Mk. anfangend ebenfalls alle fünf Jahre um 300 M. steigen bi« zu 2700M.
Diese Forderung war um so gemäßigter, al« ja grundsätzlich-ckein Unterschied in der Besoldung der in Ehelosigkeit lebenden Priester und der ver- heiratheten Pastoren zugelaffen werden kann, denn der Staat zahlt ja dasselbe Gehalt den verhei- ratheten wie den nicht verheiratheten Beamten. Aber der Antrag Huene begnügte sich trotzoem mit ntedrigerenZuschüflen für katholische Geistliche, nur um die schreiend ungerechte Forderung der Kartellparteien zu vermeiden.
Jeder hätte nun erwarten müssen, daß die Regierung wie die protestantische Mehrheit auf den genügsamen Antrag Huene eingehen würden. Doch das Gegentheil geschah. Sowohl der Kultusminister wie die Kartellparteien nahmen den Antrag der Budgetkommisfion an, wonach katholische Geistliche mit 1800 M. beginnend alle fünf Jahre bloß um 150 M. steigen bis zum Maximum von 2400 M. Solch einen Beschluß muß man Schwarz auf Weiß vor sich haben, um ihn für möglich zu halten. Die Mehrheit im Abgeordnetenhause ist leider nicht im Stande, sich zu der unbefangenen
und ein ungemein mühsamer Weg lag nun vor, uns. Da wir der dortigen allgemeinen Reiseart, dc» Reiten» nämlich, unkundig waren, so nahm diese Entfernung, die bet uns unter Umständen höchsten« einen Tag erfordert hätte, volle 14 Tage in Anspruch. Freilich kamen auch noch andere Zwischenfälle dazu, er regnete in Strömen, und die Wege waren fast unfahrbar. Ein Versuch, wenigsten« einen Theil der Strecke zu Pferde zurückzulegen, mißlang bei unserer gänzlichen Un- geübtheit vollständig, und wir sahen uns bald gezwungen, mit Pferd und Wagen die Gastfreundschaft einer deutsch-brasilianischen Familie in Anspruch zu nehmen. Uno in wie Hohem Maße diese Gastfreundschaft dorr geübt wird, hatte ich damals Gelegenheit, zum ersten Male zu erfahren, al» mir der Wirth beim Abschied auf meine Frage nach der Rechnung herzlich die Hand drückte und lustig dazu sang: „Hier lebt man zu Land, wie der Vogel im Wald, der überall vergrßt, was schuldig er ist." Und auch unserm Dank wehrte er freundlich ab mit den Worten; „Warten Sie nur und seien Sie erst ein Weilchen bei un» im Urwald, und dann rechnen Sie die Gastfreund-
Anficht zu erheben, daß e« den paritätischen Staat gar nicht« ang-ht, ob die eine Konfession ihren Priestern die Ehelosigkeit vorschretbt oder die Berheirathung gestattet, und daß e« daher vollständig unstatthaft ist, den im Cölibate lebenden katholischen Priestern weniger Zuschuß au« dem von allen Bürgern ohne Untersqied de« Bekenntnisse« zu füllenden Steuersäckel zu gewähren, al« den verheiratheten mit Kmdern gesegneten protestantischen Geistlichen. Der Staat macht ja, wie gesagt, auch keinen Unterschied bei den im freiwilligen Cölibate lebenden und den verheiratheten Beamten! Ein Unterschied in der Bezahlung bedeutet klipp und klar, eine Prämie auf die Ehe! So unverfroren wie noch nie, begründete da« nationMberale Licht, Professor Ennecceru», die Ungleichheit in der Bezahlung mit der Rothwendig- keit der protestantische,t Pastoren, ihre Söhne und Töchter stande»gemäß erziehen zu können und der Kultusminister versagte ganz peremtorisch einer Abänderung der Vorlage die Zustimmung der Regierung, obwohl da« Mehr für die Predigertöchter und -Söhne auch au« den Taschen de« katholischen Volke« fließen muß. Wir wollen darauf Verzicht leisten, de« schon oft gelieferten Nachweis zu führen, daß der im Cölibat lebende katholische Priester ganz in seiner Gemeinde, seiner Familie, aufgeht und daß an seinen Geldbeutel höhere Ansprüche an Opfern christlicher und praktischer Nächstenliebe gestellt zu werden pflegen, al» an den verheiratheten protestantischen Prediger! Wir wollen auch auf die Untersuchung verzichten, wer mehr positive Arbeit in der Seelsorge leistet, der täglich von Morgens bis Abeud« spät im Kirchendienst stehende katholische Priester oder der wöchentlich seine Predigt studirenoe protestantische Pastor l Wir wollen auch nicht prüfen, ob der paritätische Staat dnrch einen den katholischen Geistlichen bewilligten Zuschuß nur seine Pflicht erfüllt, al« Leistung für die konfiszirten Kirchengüter, während er den Kultusdienern der evangelischen Landeskirche gegenüber keine moralische und rechtliche Verpflichtung hat. Dieser wurden bekanntlich in PreugeN noch keine Güter konfiszirt — oder sagen wir etwa« höflicher, säkularifirt! Wir überlassen die« Alle« btm Nachdenken katholischer Leser. Ste werden bann bei ben nächsten Wahlen mit bent Stimmzettel bie richtige Antwort schon geben. Dem kath. Volke müssen ja bie Augen aufgehen, wenn er in dieser Weise die protestantischen Prediger auf Kosten auch seiner Tasche vor den katholischen Priestern bevorzugt sieht.
schäft nicht mehr so hoch an. Sie rst nicht so uneigennützig, w:e Sie meinen, sie ersetzt bei uns die Zeuung und ist selbstverständlich wie die tägliche Arbeit, die ja gar nicht darunter leidet."
Und die Erfahrung lehrte mich, daß er Recht hatte, denn nie wird hier einem Fremden das Gastrecht versagt, aber e» werden auch die Gewohnheiten de« täglichen Leben« nicht unterbrochen dabei. Jeder geht seinen Geschäften nach, und erst die Feierstunden am Abend versammeln den kleinen Krei« de« Hause«, und Alle« lauscht dann andächtig den unwichtigsten Erzählungen de« Gaste». Unvermeidlich sind dann die Fragen und Antworten über dr» Leben und Treiben der großen Welt da draußen, von der so wenig in die strlle Abgeschiedenheit der Urwälder dringt.
Unvergeßlich, wie meist bei einer ernsten Lebenswendung jede« kleinste Ereigniß seinen Platz in der Erinnerung findet, bleibt mir stet« diese erste R ise durch den geheimnißvollen Urwald Brastlien«.
Roch war die Sonne nicht aufgegangen und lag die Welt in unsicherem Dämmerlicht, al« wir, vor den herzlichsten Segenswünschen unferer Wirthe begleitet, den einsamen Weg nach Westen zu ein-