1889
Zeitmig
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Deutsche- Reich.
Berlin, 13. März.
• Der Kaiser wird sich im Herbst nach Griechenland begeben und nach der Verheirathung der Prinzessin Sophie von Athen au» zum Besuch de» Sultans nach Konstantinopel reisen. — Nach vorläufigen Dispositionen findet die Reise des Kaisers nach England noch vor dem Besuche des Czaren in Deutschland statt.
* Die Steuerfrage wollte bekanntlich gar nicht in Fluß kommen, obschon die Thronrede ein Einkommensteuer-Gesetz (mit Selbsteinschätzuvg) zur Erleichterung der ärmeren Steuerzahler angekündigt hatte. Nun hat Frhr. v. Huene, unterstützt von Centrumsmitgliedern, die Steuerfrage an einem anderen Ende angeschnitten. Sein bereit- mehrfach besprochener, bekannter Antrag fordert die Ueberweisung der Grund- und Gebäudesteuer, vorläufig zur Hälfte, an die Gemeinden im Westen und die Kreise im Osten; mit der Ueberweisnng dieser 36 Millionen an die Kommunen sollen dann die 23 Millionen, welche bisher au» der lex Huene (über bis Zölle) denselben zufi-len, in Wegfall kommen. Dieser Vorschlag findet vielfach Anklang. Nun hat Herr v. Huene aber noch die Bestimmung hinzugefügt, daß die Zuschläge auf die Grund- und Gebäudesteuer, welche die Kommunen erheben, fortan in W e g f a l l kommen sollen. Da» findet lebhaften Widerspruch. Die Rechnung stellt sich im Rohen so: E» würden dm Gemeinden bezw. Kretsm zufließen 36 Milltonm; davon haben sie schon bisher 23 Millionen erhaltm, also der neue Zufluß in die Gemeindekafsen betrüge 13 Millionen. Demgegenüber würden nun den Kommunm entzogen die 44Millionen, welche sie bisher durch Zuschläge zur Grund- und Gebäudesteuer beziehen. Es blieben also 31 Millionen zu decken, und zwar bietet sich bisher kein andere» Deckungsmittel, als weitere Zuschläge zur Klassen- und Einkommensteuer. Letztere würden um 100 bi« 150 Prozent wachsen müssen. Daran« ergibt sich, daß dieser Theil de» Huene'schen Antrag« erst dann ausführbar ist, wenn die ganze Kommunalsteuer sowie die staatliche Personalsteuer von Grund au» umgestrltet ist. Man muß also die Sache so auffaffen, daß die Antragsteller
L I« Kresilie».
Au« den Briefen eine« deutschen Auswanderers von I. D.
(1. Fortsetzung.)
Unser Schiff war ein französische» Kauffahrteischiff, da» sich auch damit befaßte, Auswanderer mitzunehmen. Wenn ich aber je gewünscht, meinen deutschen Landsleuten einen guten Rath zu geben, so wäre e» der, daß etwaige Auswanderer nicht meinem Beispiel folgten, sondern deutsche Schiffe wähltm. Auf französischen Schiffen scheint man nur zwei Klaffen von Menschen zu kennen, die Reichen und Vornehmen und das arme Volk, für das sie keine Rücksicht kennm, und dazu scheinen sie auch die Auswanderer zu zählen; ein anständiger Mittelstand muß ihnen wohl fremd fein.
Zwei Tage dauerte das schöne Wetter, als wir in den Hafen von Lissabon einfuhren, wo es wie- der trübe und stürmisch war. Es mochte Abends gegen 10 Uhr fein, al» ein Seeoffizier mit der- gälischem Feuer ein Zeichen gab und bald darauf ein Boot sichtbar wurde, da» sich durch Wind und Wellen hindurcharbeitete, um unser Schiff zu erreichen, wa» ihm auch nach vieler Mühe gelang. Ein alter, verwitterter Seemann kletterte an einem Seile an Bord, um die Nacht über bei un» zu bleiben, während die übrige Mannschaft zurück-
keinen abgeschloffenen, für sich allein durchführbaren Gesetzentwurf vorlegen, sondern die Frage der Steuerreform im Allgemeinen und der Erleichterung der Grund- und Gebäudelasten im Besonderen endlich in Fluß bringen wollten. Daß unsere Abgeordneten zu einer Mehrbelastung der kleinen und mittleren Einkommen nicht die Hand bieten wollen, versteht sich nach dem Centrums- programm von selbst.
* DerAbg. Dr.Windthorst hat zum Kapitel 124 Titel 1 de» Unterrichts-Etat« einen wichtigen Antrag eingebracht. Der Etat wirft nämlich in dem Titel 1 1,830,000 Mark aus zum Neubau oder zur Unterhaltung von Kirchen landesherrlichen Patronat», Pfarr- und Schulgebäuden, soweit dieselben auf rechtlichen Verpflichtungen beruhen. Bestimmt ist aber ausdrücklich, daß zu Bauten von kirchlichen Gebäuden landesherrlichen Patronat» hieraus nur Verwendungen gemacht werden dürfen, wenn das Patronat über die betreffende Kirche vor dem 1. Januar 1873 begründet worden ist. Das ist eine klare, jede Willkür ausschließende Bestimmung. Nun aber wird der Willkür durch ein Hinterpförtchen Eingang verschafft, nämlich in dem Zusatz, daß für kirchliche Gebäude doch Gelder au» diesem Titel verwendet werden können, wenn nach dem 1. Januar 1873 Mittel „durch den Staatshaushalts-Etat bereit gestellt find." Der Etat erlaubte also theilweise lieber« nähme der Patronatslasten. Die Kommission beschloß aber die Verwendung nur zuzulaffen, sofern alle Mittel zu solchen Patronaren im Etat bereit gestellt find. Dr. Windthorst beantragt nun so- wohl den Vermerk int Etat wie den Beschluß der Kommission zu streichen und so die willkürliche Uebernahme von kirchlichen Patronatslasten vollständig auszuschließen. Da wir bei der Regierung keine besonder» große Geneigtheit zur Uebernahme katholischer Patronatslasten voraussetzen können, ist der Ausschluß jeder Willkür, etwa zu Gunsten Protestant. Kirchen, ein Gebot der Nothwendigkeit.
* Die .Soziale Ron/ beklagt das Mißtrauen der unteren Klassen gegen die feinen, hochgebildeten Leute und die Sozialreform überhaupt. Da« Mißtrauen wegen der Gebildeten ist, wie das Blatt selbst zugidt, in vielen Fällen berechtigt so bei Beamten, welche glauben, das Volk fei ihretwegen da, und bei Unterbeamten wie den
ruderte. Am folgenden Morgen, e« war ein Sonntag, sahen wir bei aufsteigender Sonne Lissabon vor uns liegen. Teraffensörmig um einen Berg gebaut, blinkten, wie fast überall im Süden, die großen Bauten blendend weiß zu uns herüber, doch ist ihr Anblick einförmig, weil er nirgend« durch ein wohlthuendes Grün unterbrochen wird.
Eme Menge kleiner Segler eilten an unser Schiff, um ihre Ladung, meistens aus Wein bestehend, der für Bahia ober Pernambuco bestimmt war, auf unserem Dampfer unterzubringen. Da« Gedränge war so stark, daß der Kapitän einschreiten mußte, um die einzelnen Segler in geordneten Reihen anfahren zu taffen. Die Portugiesen, welche diese kleinen Segler lenkten, sind wirklich abstoßende Menschen, mit gelbem Teint, dunklen, stechenden Augen, tiefschwarzem, wirren Haar und mit höchst verwilderten Gefichl«zügen. Sie trugen alle unmäßig lange Zipfelmützen, und diese, im Verein mit den schmutzigen Kleidern, trugen nicht wenig dazu bei, ihren Anblick geradezu unheimlich zu machen. Es waren ihrer wenigstens fünfzig an Bord bei dem Verladen beschäftigt, und wo man hinsah, erblickte man diese lauernden Gesichter, diese unheimlichen Gestalten, vor denen man von der ganzen Mannschaft gewarnt wurde, da sie unglaublich geschickt im Stehlen seien. Wo
Werkmeistern, welche von den Fabrikanten nicht in die gebührenden Schranken gewiesen werden. Letzteres aber dürfte die Vorbedingung des Vertrauen» fein. Was aber die Sozialreform und im Speziellen die Altersversorgung betrifft, wie sollen die Arbeiter Vertrauen zu den verbündeten Regierungen faffen, wenn diese so allgemein von den Arbeiterständen wie von dem Reich«tage vertretene Forderungen de« Arbeiterschutzes, wie die Sonntagsruhe, das Verbot der Kinder- und die Beschränkung der Frauenarbeit, kurzer Hand ablehnen? Gerade in diesen Arbeiterschutzbestrebungen sieht die Arbeiter- weit einen Probirstein für den guten Willen der Regierung, während man in den anderen sozialen Reformen Spekulationsmittel zur Beruhigung der Arbeiter erblickt. Gerade bei der Arbeiterschutzgesetzgebung heißt e« für die Regierung: „hio Rhodus, hie salta“. Vor der Erledigung der Arbetterschutzgesetzgebung darf man auf ein Vertrauen der Arbeiter nicht rechnen. Weil diese« Vertrauen und die Befriedigung der Arbeiterwelt aber da» Ziel sein muß, so sollte man endlich die Opposition gegen den Arbeiterschutz fahren taffen.
* Während der letzten Wochen ist wenig Neue» von der ostafrikanischen Blokade in die Zeitungen gekommen. Obwohl die Ueberwachung der Küsten verschärft und nun auch auf Sanfibar und Pemba ausgedehnt worden ist, verlautet nichts davon, daß bei Nacht noch ebenso wie früher beträchtliche Versendungen von Sllaven fiattsänden. Aber die jleberwachung der Schiffe der Eingeborenen erregt große Unzufriedenheit bei dcn Franzosen in Ost« afrika. Die Mißstimmung der Eingeborenen soll zufolge der Blokade und de» Bombardements der Küstenp'ätze immer ärger werden. Eine Menge Araber au» Markat und au« nördlichen Küsten» Plätze» ist nach dem aufständischen Gebiete gereist und hat fich Buschiri angeschloffen. Bon der Bildung einer deutschen Negertruppe soll man fich allgemein nicht« versprechen. Dagegen sollen die al« Beauftragte der Ostafrikanischen Gesellschaft in Sansibar weilenden deutschen Offiziere da« Verlangen hegen, daß ein vollständige« Expeditionskorps deutscher Soldaten von etwa 20,000 Mann ausgerüstet werde, um den Aufruhr niederzuwerfen. Dazu sollen in Zukunft noch etwa 4000 dir 5000 Mann Besatzung an der Küste Klaffen werden. Auch von Hauptmann Miß mann erwarten die sie etwa» Eßbarc» erreichen konnten, fielen sie darüber her wie hungrige Wölfe. Und diese» Verladen dauerte zwei volle Tage und Nächte, und erst am Dienstag früh setzte fich unser Schiff wieder in Bewegung.
Wa« wir aber während dieser Zeit auszustehen hatten, davon kann man fich einen kleinen Begriff machen, wenn man bedenkt, daß derselbe Raum, welcher unsere Schlasstätte gewesen, auch derjenige war, in welchem alle diese Maaren aufgespeichert würben. So weilten während der ganzen Zeit diese unheimlichen Portugiesen in unserer nächsten Nähe. An ein Schlafengehen war natürlich gar nicht zu denken, und erst, als wir uns am zweiten Tage über eine solche Behandlung beschwerten, bequemte man sich, uns abgeschloffene Zellen zu geben.
Und nun kamen wieder einförmige, endlos lange Tage auf hoher See. Nichts macht uns gleichgültiger, stumpft un» mehr ad gegen die gewöhnlichen Sorgen de» täglichen Lebens, als eine lange Reife auf dem Meere. Die ersten Tage bringen de« Neuen, des Niegesehenen so viel, man schaut, bewundert und staunt, aber da« täglich Wiederkeh- rende desselben macht uns auch schließlich gleichgültig gegen die eisten Emdrücke. Begierig forscht man nach Neuem, nicht Gesehenem, hascht nach