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1889

Montag, den 11. März.

JV 58

Jeiiiniz.

Fiildier

mittleren Manne» im Zusammenhänge mit dem zweiten Gedanken de» Centrum» - Antrages entsteht. Gerade Frhr. v. Huene hat in seiner vorigjährigen und diesjährigen Etat»r,de klar her« vorgehoben, baß die Entlastung de» kleinen Man» ne» an der Tagesordnung sei, hat z. B. auch be­züglich Beseitigung der Zuschläge zur Gewerbe- steuer — auch dieser Gedanke wird verfolgt w-rden, der Regierung Vorschläge gemacht, und die jetzige Steuer»Aktion de» Centn»«» wird kei­nen dieser Gedanken schädigen, dafür wird bei der Ausführung gesorgt werden!" Eine Berliner Cen- tmrnS-Korresponbenz hebt de»halb scharf hervor, daß in der „Unterstützung" de» Anträge» durch zahlreiche Mitglieder de» Centrum» durchau» nicht eine Aneignung der sämmtlichen Einzelheiten liegt und liegen soll, am wenigsten de» § 5. Mögen die strengen Kritiker also gütigst adwarten, wie diese Anregung der Steuer-Reform im großen Sttl fich weiter entwickelt, anstatt über da« schreckliche @nbe zu jammern, während wir noch am Anfang stehen.

• Kaiser Franz Joseph von Oesterreich hat an den Feldmarschall Grafen Moltke gestern folgmde» Telegramm gerichtet: „Ich beglückwünsche Sie in Meinem sowie im Namen Meiner ge- sammtm bewaffneten Macht, welche Sie al» Muster aller militärischen Tugenden ehrt und hoch» hält, aufrichtigst zu der seltenen Feier der Vollen­dung Ihre» 70. Dienstjahre». Möge die göttliche Vorsehung, welche e» Ihnen vergönnte, Ihre Dienste ftinf Monarchen au» dem Hause Hohen- zollern mit gleicher Hingebung und gleich Gänzen» dm Erfolgm zu weihen, Sie noch lange zur Freude Ihre» Erlauchten Kaiser», Meine» thmrm Freunde» und treuen Bundesgenossen, und zum

I Wohle de» Deutschen Reiche» erhaltm.

• Der Besuch de» Czar en in Deutschland er­folgt erst nach Eröffnung der Schifffahrt, da der Czor sich destnitiv für den Wasserweg mtschieden hat. Da» Verzeichniß der Kriegsschiffe, die den Czaren nach Kiel begleiten sollen, ist bereits sest- gestellt; der Plan, den Landweg zu nchmen und über Warschau zurückzufahren, wurde bereit» vor drei Wochen aufgegeben.

• Von Gifhorn-Celle liegt jetzt da« amt­liche Ergebniß der Reichrtag«- Ersatzwahl vor. Abgegeben wurden 22,202 Stimmen, davon er­hielten: Hofbesitzer Otto in Winsen a. Aller (nat.-lib.) 9554, Landschaftsrath v. d. Decken in

r«lk litt.

Novelle von I. v. Dirkink.

(1». Fortsetzung.)

Während sie vor Zorn hätte laut schreien mögm, schlugen Laute an »hr Ohr, die einen anderen Gedankengang in ihr anregten. Messia« — fromm sein — fing sie in Bruchstücken auf und nun glaubte sie fich auf dem Weg zu irgmd welcher Abendandacht. Getröstet, um Viele« gleichmüthiger ließ sie sich weiterschieben. Sie hatte ihre liebe Roth, an der Seite bt» Geistlichen zu bleiben. Jetzt betraten fie da» hohe Hau«, dann ging e» eine breite Stiege hinauf. Einige der Andächtigen begaben fich seitwärts in ein Gemach. Plötzlich sand sich Röre vor einem Küster im Frack mit weißer Binde. Der Pfarrer zeigte ihm Karten. Röre fand den Eingang zu dieser Art Tempel höchst umständlich und sonderbar. Aber da» rechte Wunder kam erst mit ihrem Eintritt in die wahre Kapelle. Vom Lichtglanz wie geblendet, betrat fie einen gewaltigm Raum, wie eine Kirche groß. Sie wagte kaum aufzusehen und ihr Herz schlug heftig, fast hörbar gegen die Brust. Halb Zagm, halb Neugierde hielt fie in fieberhafter Spannung.

Es flirrte ihr vor den Augen, ein Summen wie von Bienenfchwärmen umfing fie. Vom Pfarrer in's Schlepptau genommen, steuerten fie auf einen bestimmten Platz zu, wo fie sich niederließen.

Allmählig schaute Röre umher. Geputzte Menschen ringsum. In Nörm's Kopfe begann es zu tagen. Ein schrecklicher Argwohn fuhr ihr jäh wie der Blitz durch die Seele. Man hat fie in ein Komödienhaus gelockt. Lieber Himmel! war denn der Pfarrer rein toll? War er vielleicht gar mit dem leibhaftigen Höllenfürsten im Bunde? Oder war diese« Alle« nur ein Blendwerk de» Bösen? Ein Traum — und nachher war Alle» nicht wahr? Nöre fühlte an ihrm Kopf; fie rieb ihre Hände aneinander und fie mußte fich gestehm, e« war Wirklichkeit — pure Wirklichkeit und der Schreck lähmte ihre Zunge. Dort kam noch ein Geistlicher auf ihren Pfarrer zugesegelt und jetzt sprachm fie miteinander. Nöre lauschte unter Angst und Bangen. „Waren Sie schon eher hier tat Concertsaal, Konfrater?" fragte der lange Nör^nicht.^AMn^°üb«Äe, sollte fie nicht I NörenVWesen, vor ein paar Minuteni noch eisige stehenden Fuße» da» Lokal verlassen? Die Furcht, Abwehr und verhaltene Wuth, läßt jetzt nicht« al« durch ihren Aufbruch Aufsehen und Gespött zu 1 fieberhafte Spannung gewahren. Sie hält den

Di. ,Fuldaer SO Ps-nmg?

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veranlassen, hielt sie noch wie mit Schrauben an ihrem Platz fest. Aber der Ingrimm funkelte au« ihren stahlgrauen Augen, die drohmd zum Pfarrer hinüberblitzten, al« er eine artige Frage an sie richtete. Röre gab ihm eine barsche Antwort. Seufzend lehnt sich der Geistliche in seinen Stuhl zurück. Nöre ver­harrt wie gelähmt auf ihrem Platze, aber plötzlich fährt fie wie durch einen elektrifchen Strom zu­sammen — ttl« eine Stimme erllingt, eine Stimme, die ihr alle« Blut zum Herzm zurücktreibt. Sie lauscht und lauscht mit angehaltenem Äthern und fie versteht ganz dmtlich jede« Wort: „Tröstet Zion, spricht euer Gott. Gehet, ihr Frieden«» boten, nach Jerusalem und predigt ihr, daß üjre Prüfung ein Ende hat, daß ihre Missethat »er­geben ist......" Nöre hat den Kopf auf die

Brust gesmkt, ihr Herz schlägt in wildem Takt, ihre Lippen pressen fich fest aufeinander. Aber ein verrätherischr« Zucken spielt um ihre Mundwinkel und fie faltet die Hände, die knorrigen Hände wie zum Gebet. Der Pfarrer bemerkt e« mit einem verstohlenen Seitenblick und lächelt geheimnißvoll.

druck" mit ausschließlicher Beziehung auf die I ünszigprozentige Ueberroeifung sachlich da« Rich» ige treffen und erblickt in der Forderung de« $ 5 die Grund» und Gebäude-Steuer darf fortan

mit Kommunal-Steuer-Zuschlägen nicht belastet werben) nur eine „Potenzirung" de« „Hauptpla- ne«", „nicht da« Prinzip de« lleritalen Antrag«." In der nächsten Spalte dagegen erklärt ein Ber­liner Mitarbeiter: „Die Ueberweisung der halben Grund- und Gebäude-Cteuer an die Kommunen, eine Maßregel, die oft genug besprochen und im Prinzip von fast allen Parteien gebil­ligt ist, bildet durchaus nicht den Kernpunkt diese« Anträge«; dieser liegt vielmehr in der Bestim­mung, daß alle bisherigen und auch etwaige zu» künfttge Zuschläge zur Grund- und Gebäude-Steuer für Rechnung der Gemeinde und der Kreise unter­bleiben sollen." Ein Widerspruch, dessen Lösung nicht eben leicht werden dürfte. Wenn die ,Frkf. Ztg.' weiter in dem Antrag einen neuen Beweis findet, „daß die unabhängig benlenben Elemente im Centrum bereit« so gut wie majoristrt find durch diejenigen mit starken gouvernementalen und agrarischm Neigungen", so roirb mittlerweile ein Blick in verschiedene Gentrumeblätter fie eine« andern belehrt haben. In wesentlicher Uebereta- stimmung mit den bezüglichen Ausführungen der .Köln. Bolksztg.' schreibt die .Germania': „Der erste und Grundgedanke des Centtums-An« trage« ist die Ueberweisung. Der zweite Gedanke, nach der Ueberweisung die Zuschläge zur Grund» und Gebändesteuer fallen zu lassen, steht tat Zu­sammenhänge mit der sonstigen Reform der Kommunalsteuer-Verhältniffe. Die Thronrede hat ganz bestimmt ein Gesetz über die Reform der staatlichen Klassen- und Einkommen­steuer angekündtgt. Da die Regierungsvorlage aber noch immer aursteht, will der Centrums-An« trag wenigsten« den allgemein anerkannten Ge­danken der Ueberweisung vor dem Schicksale be­wußten, auch in diesem Iahte wieder unter den Tisch zu fallen. Kommt nun zu dem Centrum«. Anträge auch noch die Regietung«-Votlage, dann wird Überhaupt ja die gefammte Unterlage für die Kommunal-Zufchläge geordnet. Kommt die Regierungs-Vorlage nicht, dann wirb — Fotmulitungen bet Art finb schon geprüft und haben un« vorgelegen — auch auf andere Weife dafür gesorgt werden, daß nicht irgend welche höhere Belastung des kleineren und

Deutsches Reich.

Berlin, 9. März.

• Der bereite mehrfach erwähnteCentrum«. an trag betreffend Ueberweisung vonGmnd»und Gebändesteuer an die Kommunalvetbände lautet wörtlich:

8 1. Bon der Grund- und Gebäudesteuer werden fünfzig Prozent an die Kommunalverbände überwies«,. Die Ueberweisung fernerer Beträge bi« zur Srreichung des GesammtbetrageS der Grund- und Gebäudesteuer bleibt weiterer gesetzlicher Bestimmung Vorbehalten.

8 2. Die Ueberweisung erfolgt in den Provinzen Ost. und Westpreußen, Pommern, Brandenburg, Schlesien, Posen an die Kreise, in den übrigen Provinzen an die Gemeinden. . , ,

8 3. Die Ueberweisungsbeträge werden berechnet nach den in den betreffenden Kommunalvrrbänden aufkommen­den Grund- und Gebäudesteuerbeträgen.

8 4. Insofern Kreise eine Unterverthrilung der über­wiesenen Beträge an die Gemeinden beschließe«, so ist da- ftk die Bestimmung des S 3 maßgebend.

8 5. Die Grund- und Gebäudesteuer darf fortan mit Kommunalsteuer-Zuschlägen nicht belastet »erden.

8 6. Dieses Gesetz tritt mit dem 1. April 1889 m «rast. Gleichzeitig treten außer Kraft die Gesetze vom 16. Juli 1880 (Ges. Samml. 6. 287) und vom 14. *>ai 1885 (Ges. Samml. S. 128) sowie alle sonstigen gesetz- kichen Bestimmungen, welch« mit dem § 5 in Widerspruch stehen.

§ 7. Der Finanzminister wird mit der Ausführung dieses Gesetze« beauftragt.

Freiherr v. Huene.

Unterstützt durch das Centrum und die polnische Fraktion.

Da« Organ Richter'«, bie ,Freis. Ztg.', welche bittere Klage über ben rohen Ton ber Kartellpresse zu sühten pflegt, nannte ben vorstehenden Antrag eine „agrarische Unverschämtheit." Schon ber Name be« Antragssteller«, ben doch auch da« ge­nannte Blatt und seine Hintermänner im Allge­meinen für einen Ehrenmann und nicht für einen „Junker" im gehässigen Sinne be« Worte« halten dürften, hätte zu größerer Vorficht und Anständig­keit in der Wahl be« Ausdruck« veranlassen kön­nen. Hoffentlich ist auch seitdem von Hrn. Richter ober von sonst Jemand ein Wink nach ber stili­stischen Seite gegeben und beherzigt worben. E« war auch Zeit. Wohlweislich hat bie .Franks. |tg.' vor solchen „Exc-.ssen in ber Form" gewarnt, dabei allerdings gemeint: „In der Sache trifft jener unparlamentarische Ausdruck gewiß das Rich­tige." Wenn man jedoch bie betreffenbe Nummer weiter verfolgt, so muß man zweifeln, ob ihr „bie Sache" schon ganz klar geworben ist. An leiten- ber Stelle läßt sie ben „unparlamentarischen Aus­