J\£ 57. Samstag,^den 9. März. 1889
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Zweites Blatt.
Rückblicke.*)
O Berlin, 8. März.
Sind jetzt die Herrschaften alle wieder im richtigen Geleise? Der Fastnachtstrubel im Westen soll ja, wie man hört, dieses Jahr recht gut ausgefallen sein. Hoffentlich ist auch die Asch ermitt- woch.Stimmung nicht gar zu jämmerlich gewesen. Die alten Griechen sagten, die Götter hätten vor den Ruhm den Schweiß gestellt; man könnte auch sagen, sie hätten das Bergt ügen mit Schweiß gesalbt. Denn im Grunde ist das öffentltchte Vergnügtsein eine recht saure Arbeit. Mit der Kraft, welche in einem wohlbesetzten Ballsaal in einer Nacht aufgewandt wird, könnte man Tagelang einige Fabriken treiben. Die Gelehrten sollten einmal ausrechnen, wieviel Pferdekräfte eine zarte Dame mit gutbesetzter Tanzkraft entwickelt. Von dem höflichen Jüngling, der die gewichtigen Anstandsdamen in die Runde schleppen muß, wollen wir lieber erst gar nicht reden. Wer einen schönen Fastnachtr-Zug an fich hat vorbeiziehen laffen, der sollte wenigstens hintenach daran denken, wieviel Sorgen, Mühen und Zett die Veranstalter haben aufwenden müssen; obendrein hat e« eine schwere Menge Geld gekostet und Geld ist ja Maßstab und Quittung für aufgewendete Kraft.
In Berlin ist ,u Fastnacht bekanntlich nichts weiter los, als Punsch und „Pfannkuchen." Die sog. Maskenbälle besuchen bloß einheimische Bummler und abenteuerlustige Fremde. Natürlich, wo es keine Fastenzeit gibt, da gibt es auch keine Fastnacht. Dennoch fühlt auch da» Berliner Volk das Bedürfniß, fich mal aurzutoben, und ich glaube, daß der Sylvester-Radau diesem Bedürf- niß entspringt und also mit dem Mangel an Fastnacht in Zusammenhang steht. Der Ulk artet aber sofort in Roheit au», weil ihm ersten» die Ueberlieferuug, da» würdige Beispiel der Vorfahren, und zweitens die Thellnahme der gesetzteren und gebildeteren Elemente fehlt. E» ist ein sehr gute» Zeichen für den Charakter und die Bild- ungrstufe einer Stadtbevölkerung, wenn ste einen Fastnachtstrubel ohne neimensrverthe Ausschreit- «ngen zu begehen vermag, in Berlin wäre eine
*) Nachdruck nicht gestattet.
iantt |itt.
Novelle von I. v. Dirkink.
(17. Fortsetzung.)
»Und Baptist ist Künstler mit Leib und Seele," betheuert Johanne» begeistert. „Und so ernst ist er jetzt, so brav; die Feindschaft der Tante hat ihn eigentlich innerlich gefördert. Sein Streben zur sittlichen Vollkommenheit wurde hauptsächlich durch den Gedanktn entflammt, der Tante beweisen zu wollen, daß man ein Künstler und ein Charakter sein kann. Zerfahrenheit, Leichtsinn und Dünkel find keine natürlichen Folgen künstlerischer Bestrebungen und beanlagter Naturen. E» sind die wilden Auswüchse am edlen Stamm. Wer zeitig ein aufmerksamer Gärtner in seinem eigenen Gärt- lein ist, kann den wilden Schößlingen gebieten, daß sie ihm nicht über den Kopf wachse!.."
„Jawohl," nickt der Pfarrer, „aber unbeschadet Deiner Bescheidenheit muß ich Dir den Ruhm zuspreche», den Freund erzogen, moralisch gebildet zu haben. Wer so seinen Mentor findet, den hat der Herr lieb und der wird ihn auch in Zukunft auf dem dornenvollen Pfave zur Höhe de» Ruhme» nicht verlassen." Johanne» erglüht über und über. Er will da» Gespräch ablenken, allein der
Volksbelustigung nach Kölner Muster einfach unmöglich, weil sie in Mord, und Todtschlag ausarten müßte.
Und das Blutvergießen braucht man wahrlich in der Residenzstadt nicht noch zu befördern! Ein ungesühnter Raubmord spottet noch der Spürkunst der Polizei, und neuerding» beschäftigt uns das blutige Räthsel einer abgehauenen Hand, die von einem spielenden Knaben im Schnee am Spreeufer gefunden ist. Jetzt hat man mit ziemlicher Sicherheit heraus, welchem Menschen die Hand gehört hat. Der Mann, welcher an schweren Krankheiten litt, hat fich mit der schriftlich kund gegebenen Absicht de» Selbstmordes von Hause entfernt. Er hat sich auch unterwegs ein Küchenbeil gekauft. Wie kam er dazu fich die linke Hand abzuhauen, ehe er in die Spree sprang? An der Stelle, wo die Hand lag, fanden fich auch aurgeriffene Haare und ein abgerissener Knopf vor. Solche Dinge scheinen auf einen Kampf zu deute». Aber dem steht wieder entgegen, daß die Verstümmelung mit dem Beile geschehen ist, welches der Unglückliche selbst erworben und mitgebracht hatte. Er ist auch an fich unwahrscheinlich, daß bei einem Kampfe die linke Hand eines Gegners vollständig abgetrennt wird; wenn man annehmen wollte, daß der Mann über das Ufer geworfen sei, fich festgeklammert habe und durch Beilschläge zum Loslaffen gezwungen worden sei, so würde eher die Zerstückelung der Fmger an der Handfläche, al» die Durchhauung der Handwurzel zu erwarten sein. Die Wahrscheinlichkeit spricht also für Selbstverstümmelung vor dem Selbstmorde. Auch ein Beitrag zu der Frage, welche da» schreckliche Ereig- niß von M e i e r l i v g angeregt hat. Hätte der Man« fich ohne Weiteres selbst getödtet. so würde man einfach einen Selbstmord au» Aerger und Verzweiflung über seine körperliche Leiden angenommen haben? Da» Gehirn de» Manne» wäre, selbst wenn die Leiche gefunden worden, nicht zur Untersuchung gelangt; an der fittlichen Verantwortlichkeit de» Selbstmörder» hätte man nicht gezweifelt, da er zu Lebzeiten keine Symptome einer Geistesstörung gezeigt hatte. Run hat er sich aber erst die linke Hand abgehackt und dadurch bekommt die That ein ganz anders Gesicht. Diese Selbstverstümmelung kann nur ein Wahnsinniger vornehmen. Jetzt wird denn auch darauf hingewiesen, daß der Mann an einem sehr stark entwickelten
Pfarrer hält da» Thema fest. „Du warst in Eurem Junggesellen-Hautstand wohl Koch, Küchenjunge, Scheuerfrau und Alle» in Allem. Da« muß plaifirlich anzusehen gewesen sein, wenn Du mit Besen und Waschlappen hanttrtest, während Baptist zur Abwechselung den Kochlöffel regierte. Vielleicht sang er dabei, indeß Du die Predigt hieltest. Ist e« Dir nun wirklich ernst mit der Äerufrwahl? Hast Du e» wohl erwogen, weich' schwerer, verantwortlicher Stand der eine» Geistlichen ist? Al» Arzt hättest Du doch auch viel Gute» wirken können!"
„O, gewiß, Herr Pfarrer," nickt Johanne». „Aber Aerzte gibt e» im lleberfluß jetzt und an Theologen herrscht Mangel. Da mich nun meine Neigung an dm Altar zieht und ich in unserem Stillleben, indem ich an Bapttst Mutterstelle vertrat, da» Amt eine» Seelsorger» und Erziehers recht lieb gewonnm habe, so betrachte ich es al« eine Fügung von Obm, die mir so den rechten Weg zu meinem wahren Berufe wie«. Seiner inne- ren Urberzeugung soll man nicht widerstreben; ste ist die Stimme Gotte» in unserer Brust und seitdem meine Wahl feststrht, fühle ich mich selig wie ein Engel de» Himmels."
Der Pfarrer fährt mit der Hand über die Augen.
Nasenpolypen gelitten, der auf das Gesicht einge- wirkt haben kann. Es ergibt sich au» diesem Fall abermals die Lehre, daß man über Selbstmörder nicht leichtferttg aburtheilen, die Möglichkeit einer Geisterstörung nicht ohne Weiteres leugnen soll.
Von Geistesstörung zur Nervenzerrüttung fist der Utbergang leicht gefunden. Damit kommen wir auf den politischen C arn eval in Serbien. Milan der Geschiedene fühlt sich regierungsunfähig, er hat abgedankt zu Gunsten seines Sohne» und dem alten unberechenbaren Ristitsch nebst zwei Beisitzern die Regentschaft übertragen. Im vorigen Jahre sahen die Dinge in Serbien verzweifelt tragisch aus, jetzt ist eine Komödie daraus geworden. Erst stürzt fich Mllan mit einer wahren Berserkerwuth in das Scheidungsabenteuer, angeblich um zu verhindern, daß er abgesetzt und sein Sohn zum König gemacht werde. Al« er nun mit einem Gewaltstreiche den gordischen Knoten der Ehe gelöst hat, wirst er sich mit einem ähnlichen wilden Eifer in da« Abenteuer der Ber- faffunas-Ungestaltung. Nachdem auch die neue Verfassung fertig ist, wirst er plötzlich die Krone weg und leistet seinem Sohne den Unterthanen- Eid. Der Exkönig hat augenscheinlich kranke Nerven. Wenn er seinen Rücktrttt mit Gesundheitsrücksichten begründet, so scheint da» in der That keine leere Phrase zu sein. „Emgeweihte" behaupten, daß die Nerven Mllan's schon in seiner Jugend ihre Kraft verloren hätten, weil die Intriganten ihn damal« absichtlich zu übermäßigen Genüssen verlockt hätten. Jedenfalls zeigt sich auch hier wieder, daß es sehr schwer ist, Kronenträger oder Kronenkandidat zu sein. Es gehören sehr starke Nerven zu dem hohen Beruf. Alexander von Battenberg, ber mit Milsn sich auf dem Schlachtfelds gemessen, hat viel bessere Nerven, als sein einstiger Gegner. Und doch ist auch Alexander allem Anschein nach nervö« geworden, nämlich auf der zwettägigen Bummelfahrt auf den russischen Eisenbahnen. AI» ihn nach seiner Errettung au» der Hand der Verschwörer die Freudenkunde traf, daß sein Volk sich zu seinen Gunsten erhoben hat, da schrieb er mit zitternder Hand jene» demüthig-frichliche Telegramm an den Zaren, worauf die Antwort in echt russischem Stile erfolgte. Die Folge davon war der Rück- tritt Alexander» nach einem großartigen Triumph- zuge. Ob Alexander von Anfang an diesen Ver-
„O Gott," dentt er, „welch' ein Jdealfinn, welch' ein Opfermuth in dieser jungen Seele. Möge er ihm erhalten bleiben in unserer nur auf das Irdische, nur auf den Genuß gestellten Welt."
Baptist stand im Begriff, zur Probe zu gehen, al» der Pfarrer und Johannes bei ihm eintraten. Das Auae de» Jüngling» strahlte. Ein feine» Roch stahl fich über seine hageren Wangen. „Sie kommen gerade recht, Hochwürden," rief er, „geben Sie mir Ihren Segen! Ich fürchte mich doch ein wenig bei meinem ersten Auftreten in dieser Stadt," kam e» zftternd über seine Lippen. „Kommen Sie allein?" fragte er zaghaft, während er auf seine Glanzstiefel niedersah, al» schäme er sich, daß er auf Röreu'« Ankunft noch irgend welche Hoffnungen baue. Der Pfarrer neigte stumm da» Haupt. Baptist wandte fich ab.
E» wurde Zeit für ihn zur Probe im Rath- haursaal, wo heute Abend da» Cäcilien-Concert unter der vorzüglichen Leitung de» Altmeister» Grimm stattfinden sollte. Ganz Münster war auf den Beinen, denn ausnahmsweise gab es heute gute«, trockener Wetter, wie man es seit Jahreu zu dem Feste nicht gewohnt war. Die Zeitung hatte noch in letzter Stunde offenkundig gemacht, daß der neue Tenorist ein junger, erst ausgebil-