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M 57 Samstag, den 9. März. 1889

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Erstes Blatt.

—* Mottke's 70-jähriges Dienst- jubiläum.

Generalfeldmarschall Graf Moltke beging gestern in der Reichshauptstadt sein stebenzigjähriges Militärdienstjubiläum. Seinem bescheidenen Sinne entsprechend entzog sich der greise Schlachtendenker nach Möglichkeit unmittelbaren Ovationen; wie aber hätte er sich den Kundgebungen der Aner­kennung seiner hohen Verdienste ganz entziehen sollen!

Der Kaiser sandte dem greifen Feldherrn mit einer ungemein anerkennenden Ordre seine von R. Bega» modellirte Bronzebüste, die den Herrscher in der Uniform der Gardehusaren mit über­geworfenem Attila darstellt. Die Kaiserin Augusta widmete dem Jubilar die Statuette ihres hoch­seligen Gemahls, des Kaisers Wilhelm I. In dem beigefügten Handschreiben sprach die Kaiserin mit ehrenden Worten Dankbarkeit und herzlichste Glückwünsche aus. Von der Kaiserin Friedrich traf aus Kiel ein Glückwunschtelegramm ein. Auch Prinz und Prinzessin Heinrich gratulirten tele­graphisch. Der Großherzoz von Baden verlieh dem Jubilar den Orden der Treue in Brillanten. Der König von Sachsen, der Prinzregent von Bayern, der König von Württemberg, der Groß­herzog von Oldenburg und der Herzog von Sachsen- Altenburg sandten huldvolle Handschreiben, der Kaiser von Oesterreich, der Prinzregent von Braun- «»«schweig, der Großherzog von Weimar, der Fürst zu Schaumburg-Lippe und der Für st Heinrich XXII. von Reuß ä. L. drückten telegraphisch ihre Glück­wünsche aus. Auch Herzog Elimar von Olden­burg und Landgras Alexis von Hessen übermittel­ten in herzlichen Handschreiben dem Jubilar Ge- fühle inniger Hochachtung, während vom Erkpririzen und der Erbprinzesfin von Meiningen, vom Erb- großherzog von Baden, von der Herzogin Wera von Württemberg, vom Statthalter Fürsten zu Hohenlohe und vom Prinzen Reuß aus Wien längere Telegramme einliefe«. Die Offiziere des Generalstabs verehrten dem Jubilar eine kostbare Truhe mit ihren Bildern. Unter den ungemein zahlreich eingegangenen Adressen fei an erster Stelle die der Stadt Berlin erwähnt. Auch die Geburtsstadt Parchim gedachte des Tages. Ueberaus kunstvoll ausgestattet war die Adresse der Stadt Schweidnitz. Die Stadt Köln übersandte eine prachtvolle Blumentafel mit dem Spruch: „Erst wägen, dann wagen." Weitere Adressen gingen aus Leipzig, Lübeck, Worms, Gladbach und Stargard ein. Auch der bayerische General­stab und alle Korpskommandeure der Armee ge­dachten de» Tage», ebenso der österreichische Gene­ralstab, der ein Glückwunschtelegramm übermittelte. Da» rusfische Rjasansche Regiment entbot seinem Chef nicht minder herzlichen Glückwunsch, selbst au» Port Said von der Kreuzerfregatte „Moltke" lief ein Telegramm ein. Den Kriegervereinen, welche die Gelegenheit ergriffen, dem Jubilar Hul­digungen darzubringen, hatte sich auch der Verein Leu.scher Soldaten in Odessa angeschloffen. Dar 9. Regiment widmete dem Jubilar da» Manuskript der neuen Regimentsgeschichte, gleichzeitig erfolgte die Uebersendung eines neu komponirten Armee­marsches, der de» Jubilars Ramen tragen soll. Die Akademie der Wissenschaft ließ ihrem Ehren- mitgliede eine kostbare Adr.fle übermitteln. Auch von privater Seite ehrte man den Jubilar; so sandte u. A. Ottomar Anschütz eine interissante Folge von Momentaufnahmen.

Trotz seiner 89 Jahre steht der Gefeierte heute, wenn auch von der Last der Jahre etwa» gebückt, doch noch in voller Frische und Rüstigkeit de» Geiste»

wie de» Körper» da. Am 8. März 1819 trat Hellmuth v. Moltke als 19jähriger Jüngling in dem damals dänischen sRendsburg in fremden Dienst, den er jedoch bald, im Jahre 1822, mit dem preußischen vertauschte, in welchem stch seiner großen Begabung ein viel weiteres Feld eröffnete. Die zwanziger Jahre sahen ihn auf der Berliner Kriegsschule und bei der Landesvermessung. Am 30. März 1832 erfolgte seine Berufung in den Großen Generalstab, dem er somit 57 Jahre an­gehört, während er mehr als 3 Dezennien an der Spitze desselben steht. Als Chef des General- flabe» hat der Gefeierte, nach vorhergegangenen Reifen in Kleinasien und Italien, die preußische Armee bi» zu der Schlagfertigkeit ausgebildet, von der sie in den Kriegen gegen Dänemark, Oester­reich und Frankreich so glänzende Proben abgelegt hat. Rach Napoleon I. hat die Welt keinen größeren Strategen gehabt. Bis auf's Eingehendste waren seine Pläne durchdacht, unter voller Aus­nutzung der modernen Verkehrsmittel wurden sie nach dem Grundsätze: „Getrennt marschiren, aber vereint schlagen" durchgeführt und überall folgte ihnen Sieg auf Sieg. Bei dem Jubilar paarte sich die Bedachtsamkeit mit der Kühnheit, Berech- nuttg mit dem Wagmuth, und mit Recht konnte Kaiser Wilhelm I. seinem Generalstabs - Chef zu dessen 60jährigem Dienst-Jubiläum schreiben: „Es gibt keine Anerkennung großer Thaten und mili­tärischen Verdienste», auf welche Sie nicht einen gerechten Anspruch hätten." Auch in zahlreichen Schriften hat der Jubilar Beweise seine» Scharf­sinne» niedergelegt. Al» Mensch nimmt er durch die Milde seine» Wesen», dem jede Polemik fern liegt, ein. Al» zweifellos gilt, daß der große Stratege ebenso pflichteifrige und tüchtige Schüler herangebildet hat, die, im Falle der Roth, des Vaterlandes Schutz fein werden.

Deutsches Reich.

Berlin, 8. März.

* Das Abgeordnetehaus nahm heute in dritter Lesung die Gesetzentwürfe betr. die Heran­ziehung von Fabriken zu den Wegebaukosten in Schlesien, die Errichtung eine» Amtsgericht» in Herne, die Dienstvergehen nichtrichterlicher Beamter, die Abveräußerung einzelner Grundstücksthelle in Hannover und die Ergänzung de» Gesetze» über die Erleichterung der Volksschullasten an. Eine längere Debatte entwickelte sich nur zu dem letzteren Entwurf. Derselbe war in zweiter Lesung be­kanntlich in einer Fassung angenommen worden, welche die Regierung für unannehmbar erklärt hatte. Abg. Hobrecht ex Härte Namen» der Nationalliberalen, daß dieselben, um da» Gesetz nicht zu Falle zu bringen, was fie nicht verant­worten wollten, nunmehr für die Regierungsvor­lage stimmen werden. Finanzminister von Scholz wiederholte die Erklärung, daß die Regierung den Beschlüssen der zweiten Lesung nicht zustimmen könne. Abg. Bachem (Centr.) erklärte die Regier­ungsvorlage für unannehmbar, schon weil dieselbe die Lehrerinnen nicht berücksichtige. Abg. v. Zedlitz- Neukirch (freit) erklärte, daß e» gelungen fei, zwischen den beiden konservativen und der national­liberalen Partei eine Uebereinptmmung herbeizu­führen. Gegen die Regierungsvorlage sprach Dr. Windthorst sowohl aus Verfassungsbedenken wie auch aus materiellen Gründen, well die Vorlage den Osten vor dem Westen, das platte Land vor den Städten bevorzuge und deßhalb die ausgletchende Gerech­tigkeit vermissen lasse. Besonders wies Redner auf den Umfall der Nationalliberalen hin, welche heute einstimmig verneint hätten, was sie 8 Tage zuvor mit „Ja" beantwortet hatten. Schließlich wurde der entscheidende Paragraph mit 239 gegen 114

Stimmen in der Fassung der Regierung «vorlag und das ganze Gesetz mit großer Mehrheit ange nommen. Für die Kommsssionsbeschlüsse stimmten Centrum, Freisinn und die nationalliberalen Abgg. Schmelzer und Plinke. Darauf wurde die Be­ratung des Kultus etat» beim Elementarschulwesen fortgesetzt. — Weüerberathung Montag.

* Ueber einen neuen Zwischenfall in Ost­afrika berichtet ein Londoner Telegramm von gestern: Nach einer Nachricht aus Sansibar vom heutigen Tage langte gestern eine Araber-Dhau von Maskat im Timcoranga an. Sie meldete, daß fie von einem deutschen Boote angehalten wurde, aber einen Paß erhielt. Sie wurde indeß zum zweiten Male angehalten, wobei die Deutschen auf fie feuerten, so daß der Kapitän getödtet wurde. Gestern Abend herrschte in Sanfibar große Aufregung. Zahlreiche Schaareu von Alhasuri- Arabern versammelten fich vor dem Palaste, Rache fordernd. Der Sultan verwies die Araber an den deutschen Konsul.

* Der Reichskommissar für Ostafrika Hauptmann Wißmann trifft, wie aus Kairo gemeldet wird, in nächster Woche die Weiterreise an. Es dürste demfeloen bis dahin gelungen fein, ungefähr 300 schwarze Rekruten anzuwerben.

* In mehreren Blättern ist von der Einsetzung eines Schiedsgerichts in der Samoafrage die Rede. Ein solcher Vorschlag ist indeß von keiner der drei beseitigten Mächte gemacht worden; die Entscheidung bleibt der in Bälde zu erwartenden Samoakonferenz überlassen.

* In englischen Blättern war wiederholt be­hauptet worden, der abgesetzte König von S a m o a Malietoa fei von den Deutschen schlecht behandelt worden und die englische Regierung sei deshalb bei der deutschen Regierung vorstellig geworden. Im englischen Unterhause erwiderte nun der Unter­staatssekretär Jergusson auf eine Interpellation betreffs Samoa, seines wissens nach fei Malietoa von den Deutschen stets gut behandelt worden. Die englische Regierung habe den Deutschen nie diesbezüglich Vorschläge gemacht, besitze auch kein Recht dazu.

* Von Renrburg au» find heute 100 Pioniere nach dem bedrohten Elbegebiet abgegangen.

* Das Befinden des Bischofs von Passau, der bereits die hl. Sterbesakramente genommen hatte, hat sich wieder gebessert.

Ausland.

* In Belgien bereiten mehrere konservative Abgeordnete einen Antrag auf Erhöhung des Effek­tivbestandes der Armee auf 175,000 Mann vor.

• Europa's kleinste königliche Residenz ist Belgrad, der Konak Milan'» ein unscheinbarer Palast, seine Krone die jüngste; noch find keine 7 Jahre ver­strichen, daß stch der Fürstenhut von Serbien in den königlichen Reif verwandelte. Dissen ungeachtet beobachtet Europa die Vorgänge und Krisen in dem kleinen Duodez-Königreiche mit einer viel ängstlicheren Aufmerksamkeit, als wenn Frankreich mit seinen 39 Millionen Einwohnern sich das kin­dische Ränkespiel einer Ministerkrifis gestattet. Seit Monaten jagen fich in Serbien die Ereignisse in bunter Folge; die Tragödie begann mit dem Skan­dale de» ehelichen Zwistes des Königspaares, dem widerlichen Schauspiele de» Scheidungs-Pro­zesses. Es fehlte, wie bet einer echt französischen Komödie, nicht an rührenden und ergreifenden Momenten, z. B. die Entführung des Kronprinzen aus den Armen feiner Mutter zu Wiesbaden durch den damaligen Kriegsminister, nunmehrigen Re­genten Protic. Den zweiten Akt bildete die Ver- fasfungs-Revifion, den pompösen Schluß­akt sollte die Krönung im Kloster Jjltza bilden