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J\3 55 Donnerstag, den 7. März. 1889

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♦ Der Parnell-Prozeß in England.

Parnell ist gegenwärtig der wärmste [unb ge­schickteste Vertreter des armen, seit Jahrhunderten um schnöden Geldgewinne» willen geknechteten iri­schen Volke»; er ist Protestant, aber sein Ge­rechtigkeitsgefühl duldet e» nicht, daß sich faulen» zende englische Lords mit dem sauren Schweiße des irischen Volke» bereichern, und die« nur auf Grund einer verrotteten, unsäglich ungerechten Gesetzgebung au« der englischen Reformationszeit, die im 19. Jahrhundert ein um so größerer Skan­dal für die Menschheit ist, al» England gerade sich seiner staatlichen Freiheiten zu rühmen pflegt. Das Bestreben Parnell'« geht darauf, für Irland eine selbstständige freie Verwaltung — homo rule — einzuführen; die Irländer sollen ihr eigene« Parlament, ihre eigenen Beamten haben, dann werden die Verhältniffe de» Volke« schon von selbst fich bessern. Damit würde freilich der Herrlichkeit der Landlord» (Grundherren) ein schnelles Ende bereitet, und John Bull ist nicht gesonnen, sich ohne Kampf die Butter vom Brode nehmen zu lassen: lieber möchte er sie, wie bisher, den armen Irländern nehmen und da» Brod wo­möglich dazu. Wer jemals etwas von Pächter- Austreibungen gehört hat, der weiß, mit welch' unerhörter Grausamkeit im freien England gegen die armen Leute verfahren wird, die nicht einmal das tägliche Brod, sondern höchsten» Kar­toffeln zur Nahrung haben, während ihr Peiniger fich auf Fuchsjagden und Wettrennen amüstrt und bei Portwein und Pasteten fich gütlich thut.

Die erbitterte Gegenwehr der Landlords konnte indeffen die irische Bewegung nicht aufhalten, son­dern ste stärkte dieselbe nur; leider ließen fich viele Irländer zu Gewaltthätigkeiten und Mordthaten hinreißen, welche dem Fortschritt ihrer Sache mehr schaden al» nützev. Parnell mißbilligt diese Ge­waltakte. Da» wiffen seine Gegner recht wohl; aber fie benutzen jede Gelegenheit, um ihn für die Verbrechen der geheimen Gesellschaften verantwort­lich zu machen.

Vor etwa zwei Jahren brachte nun da» eng­lische Weltdlatt ,Ttme«' eine getreue Nachbildung von Briefen, die angeblich von Parnell her- stammen und seine Theilnahme an dem sogen. Phönixpark-Morde beweisen sollten; die ^Times^ war ihrer Sache so ficher, daß sie die Reihe von Artikeln, in denen die Briefe verwer-

tok gört.

Novelle von I. v. Dirkink.

(15. Fortsetzung.)

„Liebe Tante Nöre!" liest fie und lacht. „Ich muß Dich dringend in Deinem eigenen Jntereffe bitten, daß Du am 20. November hier in Münster erscheinen mögest. E« handelt fich um — darf ich den Namen nennen? — um Baptist. Das Weitere mündlich. Gott füge e», daß Du meine Zeilen liesest und ste zu Herzen nehmest. Seinem Schutze empfehle ich Dich, herzliebe, treue Tante Nöre, und verbleibe in steter Dankbarkeit Dein Dich liebender N-ffe Johannes."

Das war kurz und bündig und doch genug, Nöre in ihrem Vorurtheile zu erschüttern. Allein ste hatte fich zu sehr in ihrem Irrwahn testgerannt, um noch ruhig urthellen und überlegen zu können. Eie la» in ihrer Stimmung Alle» zwischen den Zeilen, wa« ihre verstörte, zu neuer Feindseligkeit eni flammte Natur hineindichtete.

Nur zum Zweck, ste fich selber untreu zu machen, damit sie den elenden Hungerleider von Mustkanten in Gnaden aufnehme, war diese Einladung vom Zaune gebrochen. Komödie, nicht» al» Komödie

thet wurden, gleich mit der geschmackvollen lieber» schrift „Parnellismu» und Verbrechen" versah. Die Briefe erregten ungeheuere» Aufsehen und enthielten in der That sehr viel belastende« Material gegen die irische Agitation. Obwohl Parnell die Briefe für gefälscht erklärte, hielten doch Viele, die nicht direkt zu seinen Gegnern ge­hörten, dieselben für echt, da die Handschrift Par­nell'« auffallend getreu wiedergegeben war. Die englische Regierung griff begierig nach dieser Waffe gegen die unbequemen Angriffe der irischen und englischen Oppofition — auch diese steht jetzt auf der Seite de« irischen Volke« — und die Redner der Regierungsparteien sprachen schlankweg von „Parnelli«mus und Verbrechen" al« einem unzer­trennbaren Begriff.

Da« Gerede wurde Parnell endlich zu stark. Er verklagte die .Time«' wegen Verleumdung auf eine Entschädigung von 50,000 Pfund Sterling (1 Million Mark) bei einem schottischen Gerichts­höfe, da er von einem englischen Richter keine Gerechtigkeit erwartete. Aber auch der schottische Gerichtshof hatte nicht den Muth seiner Ueberzeu- Q und erklärte fich für inkompetent. Nun te Parnell die Angelegenheit vor'S Parlament; er verlangte die Einsetzung einer Untersuchungs- Kommission, welche die Briefe der.Time»' auf ihre Echtheit prüfen sollte. Nach allerlei fau­len Ausreden mußte sich die Regierungs-Majorität dazu herbeilaffen, eine Kommisston von außerhalb des Parlament« stehenden Richtern einzusetzen, welche im Auftrage der Parlament« die Sache untersuchen sollten; eine Bestrafung der .Times' lag nicht in ihrer Gewalt, es sollte vielmehr nur untersucht werden, ob die Behauptungen der ,Times' begründet seien ober nicht.

Die Untersuchung dieser Kommisston zog fich monatelang hin; e« wurden Zeugen über Zeugen vernommen, und es war Jedermann klar, daß die Regierung fich auf den Prozeß nicht aus Gerechtig­keitsgefühl eingelaffen hatte, sonder nur, um durch die Zeugenaussagen Beweismaterial gegen die irische Bewegung zu gewinnen und der unbe­quemen Agitation soviel Steine, wie nur möglich, in den Weg zu werfen. Der Prozeß wurde schließ­lich langweilig, und man glaubte, e» werde gar kein Resultat dabei heraurkommen. Ein solcher Aurgang wäre nun freilich der Regierung sehr erwünscht gewesen; aber es sollte anders kommen.

Der Hauptbelastungszeuge genenPar-

war Me», selbst die Drohung mit dem Pranger, den Gerichtsschranken — o, fie durchschaut plötz­lich Alle«, Alle«!

So jagen fich die Gedanken in ihrem Kopfe. Und wieder ist Nöre die Alte, der Schreck ist vor­über; die Flamme de« Zorne» ist erlöscht. Am Nachmittage, al« der Schlachter erscheint, um ein Stück Vieh zu verhandeln, läßt fie fich ganz gegen ihre Gewohnheit mit ihm in ein Gespräch ein. Sie fitzen am Herde und der Mann, dem der Handel am Herzen liegt, und der die „kroffe Juffer" kennt, sucht fie fich günstig zu stimmen. Er ist voll von dem neuen Skandalproz-ß, der eben erst in Munster vor ben Geschworenen zur Verhandlung kommt, und läumt nicht, Nöre mit allen Einzelheiten der Sache bekannt zu machen. Sie ist ganz Ohr. Unb al« Antrin sich einmal mit einer naiven Bemerkung einmischt, fährt ste barsch empor: „Geh', dumme Gan«, kümmere Dich um Dein Werk, davon verstehst Du nicht«, hörst Du!"

„Unb e« kann fein", schließt bet Schlachter wichtig unb unter Kopfnicken sein rechtes Knie reibenb, „baß bie Frau bennoch unschuldig ist. aber da« ist dann einerlei und bie Schande wäscht

nell war jener Richarb Pigott, welcher fich vor einigen Tagen in Mabrib im Augenblicke seiner Verhaftung burch einen Revolverschuß ent­leibte. Dieser Pigott hatte bet .Timer' bie Btiefe verkauft, unb ihm lag es ob, bie Echtheit dersel­ben nachzuweisen. Im Zeugenverhör sagte er bie gruselichsten Sachen aus: er wollte die Briefe von vermummten „Monbscheinlern" unter der Beding­ung erhalten haben, daß er Über die Auflieferer schweigen werde, wie das Grab; andernfalls werde man ihn ohne Aufsehen ermorden. Ueber die Organisation der geheimen Verbindungen wußte Pigott ebenfalls alLs mögliche und er entledigte sich seiner Aufgabe als Belastungszeuge ganz leid­lich. Nun kam Parmll« Vertheioiger, der Advo­kat Ruffel, nnd unterzog den Pigott einem Kreuz­verhör; Ruffell stellte eine Menge solcher heikler Fragen, daß Pigott fich immer tiefer in Wider­sprüche verwickelte. Schließlich brachte Ruffell ein Schreiben Pigotts an den Erzbischof Dr. Wash von Dublin zum Vorschein, aus welchem hervorging, daß die wundervollen Parnellbriefe gefälscht waten! Zum Ueberfluß rotes Russell noch nach, daß der Fälschet Niemand anders war, als derHauptzeuge Pigott selbst. Ruffell ließ den Zeugen Pigott eine Reihe von Worten niederschreiben, die alle aus den in der .Times' veröffentlichten Briefen entnommen waren und bestimmte orthographische Fehlet enthielten: Pi­gott machte in den ausgeschriebenen Worten ganz dieselben Fehlet! Und damit nicht genug: Pigott stand nach dem Verhör da als ein außergewöhn­licher Lump, als ein Mensch, der für Geld alles thut. Diesem Menschen hatte die .Times' leichtfinniger Weise Glauben geschenkt, aus das Zeugniß eines Lumpen hatte man einen hochangesehenenPolitiker, einenEhren« mann, dem man bis jetzt nichts nach­sagen durfte, in Verbindung mit ge­meinen Verbrechen gebracht.

Dieser Pigott! Früher wat er irischer Journa­list und stand mit den Feniern in Verbindung; als er mit feinem Blatte nicht vorwärts kam, bot er es Parnell zum Kaufe an; der Kauf kam nicht zu Stande, und Pigott schlug fich auf die Seite der Engländer, um seine Kenntnisse irischer Ver­hältniffe in Geld umzusetzen. Aber das Treiben des dunkeln Ehrenmannes wurde selbst den Eng­ländern zu anrüchig; man gab ihm Geld, damit er nach Amerika verduften sollte. Pigott steckte

ihr den Schein nicht ab, daß ste 'mal am Schand­pfahl gestanden hat und angeklagt war. Ja, unb fie werden phokogrophirt jetzt unb WachSge- sichrer daraus gemacht für die Anstalten, um für Geld gezeigt zu werben; Verse macht man darauf unb daher stammen die Mordgeschichten auf den Jahrmärtten, mit dem da» Orgeldrehervolk her­umzieht Land auf unb Laub ab."

Nöre lauscht unb lauscht unb heiße unb kalte Schauer überrieseln abwechselnb ihren Leib. Wie merkwürdig, daß ihr der Mann da» Alle» zu wiffen thun muß, heute, da fie schon ohnehin tn geheimer innerer Furcht schwebt. Sie bedenkt in ihrer Aufregung nicht, daß ste selber den Mann zum Reden veranlaßt hat, unb baß e» dieser Art von Leuten einen besonderen Genuß gewährt, Schaubergeschichten auskramen zu können. Der Handel hätte fich fast an Nöten'» Geistesabwesen­heit zerschlagen, wenn fich jetzt nicht Antrin, trotz der herben Abweisung eingemischt hätte. Aber plötzlich entsann fich Nöterichtig, bie Kuh mußte versilbert werben, benn wenn ste nach Münster machte, mußte ste baare Kronthaler im Sack haben. Immerhin wurde die Möglichkeit dieser ihr aufgezwungenen Reise in Betracht gezogen.